Einem Graurind ist es egal, ob es auf österreichischem oder ungarischem Boden weidet. Die Vielfalt der Gräser ist im Seewinkel ohnedies interessanter als auf jeder anderen mitteleuropäischen Weide. So ziehen die Tiere zwischen Sandeck-Neudegg, wo die Wiesen vom Neusiedler Seewasser oft überspült werden, und Mekszikopuszta, wo der Boden schon mehr verlandet ist, herum. Auch der Besucher wird keine großen Unterschiede bemerken, wenn er nicht gerade Naturkundler ist oder sich in Begleitung eines Nationalparkführers befindet. Doch schon die Art, Größe und Höhendifferenz – es geht nur um Meter – der Fluren hat Einfluss, was wächst und wer wen frisst. Große Flächen dominierten in der Monarchie, riesige Meierhöfe produzierten fern der Dörfer Heu für Wien. Später wurden auf ungarischer Seite daraus Kolchosen, heute oft Brachen.
Auf der österreichischen Seite des Seewinkels wirkt es viel kleinteiliger – ein Streifen Weingarten, ein Streifen Gemüse, eine Hutweide, eine flache Salzlacke und so weiter. Für diese Kulturlandschaft sind die früheren Weidetiere ohnedies geeignet – ungarische Steppenrinder, weiße Esel, Przewalski-Pferde, Mangalitzaschweine (in der Koppel) oder Wasserbüffel werden wieder gezüchtet. Die Wildtiere und die seltenen Pflanzen, der eigentliche Schatz, können ihren Platz in dem Nebeneinander von Landwirtschaft und Schutzzone behaupten. Der Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel und sein Pendant Fertö-Hanság existieren schließlich an die zwei Jahrzehnte; ein Einverständnis mit 1200 Grundeigentümern, die ihr Land verpachten.
Vor allem die außergewöhnliche Artenvielfalt der Vogelwelt zieht Menschen in die Nähe von Steppen und Lacken, feuchten Wiesen, Trockenrasen und des Niedermoors im Hanság ganz in der südöstlichen Ecke – soweit es die Zonen zulassen, 50 Prozent des Nationalparks sind Naturzonen, die nicht betreten werden dürfen. Man weiß, dass Reiher, Großtrappen, Mäusebussarde oder Turmfalken da draußen sind – aber unsichtbar bleiben, wenn das wichtigste Utensil fehlt: das Fernglas. Frühe Tagwache, Geduld und dicke Kleidung schaden nie. Vielleicht wird man dafür so belohnt: mit zwei Seeadlern beim Einserkanal. Elegant sitzen sie auf einer Heutriste und ignorieren die Zweibeiner auf dem Aussichtsturm nicht einmal.
Wann für eine naturkundliche Exkursion im Nationalpark die beste Zeit ist, ist schwer zu sagen, denn thematisch gibt selbst der Spätherbst viel her: Nicht alle Vögel fliegen auf Urlaub. Es tritt zudem die Eigenheit der Landschaft noch stärker hervor, das Exotische, das unter anderem daher rührt, dass solche Salzböden meist in Asien vorkommen. Und dann diese Mauer aus Schilf. Unbedingt muss man den See umkreisen.
Hinauf zur Gloriette
Am Südufer, sofern man von Ufer sprechen kann: Mit etwas Vorstellungskraft ist ein dunklerer Fleck im Schilf erahnbar. Hier muss das Seebad der Széchenyis gelegen haben. Zwischen Balf und Fertöboz konnte man noch mit den Booten hinaus auf den See, der immer schon ein schwankendes Gemüt hatte – weniger Wasser, kein Wasser, mehr Wasser. Auch der Fischfang war noch ein Thema. Dann überwucherten die historischen Ereignisse den – neben Fertörakos – einzigen Seezugang Ungarns. Die Natur ist schnell hier. Es hätte auch so nicht lange gedauert, bis sich der Schilfgürtel das letzte Stück freien Wassers einverleibt hätte, in diesem Bereich liegt der breiteste am ganzen See. Von der Gloriette in Fertöboz ist das gut zu erkennen. Dennoch scheinen nicht viele hinaufzusteigen. Vielleicht bleibt der Platz deshalb so schön entlegen, weil der Weg unerwartbar steil für die Gegend ist (Ödenburger Gebirge) und oben auch kein Heuriger wartet.
Die Melancholie des Ortes passt zu einer spätherbstlichen Fahrt auf die ungarische Seite, die in den letzten Jahren sichtbar gelitten hat: Ein Parkplatz nahe Schloss Esterhazy in Fertöd, einer der bedeutendsten und schönsten barocken Gebäudekomplexe Pannoniens, – wurde gebaut, aber nicht in Betrieb genommen. Die Läden, in die Seeumradler früher gern hineinfielen: leer. Halb fertige Bauten, denen die gloriose Zukunft als Spielcasino oder Restaurant seit 2008 abhandengekommen ist. Doch das Dazwischen, die Natur und die kleinen Dörfer sind reizvoll – da wartet touristisches Potenzial auf eine Zeit nach der Krise.
Mit dem Kanu hinaus
Dabei könnte es von den Möglichkeiten her schon interessant sein, so wie etliche Kilometer weiter nördlich, in den Gemeinden am Fuß des Leithagebirges. Dort bilden Donnerskirchen, Purbach, Breitenbrunn, Weiden und Jois die Region eines Naturparks, in dem das Hügelland dahinter und der See vor der Haustür mit naturkundlichen Führungen, mit Wanderungen oder mit Wild- und Heilkräuterexkursionen kompetent und unterhaltsam erschlossen werden.
Und noch einmal geht es ins Wasser: Vier Leute im Kanu paddeln gemeinsam im Takt, um in der Spur des Kanals zu bleiben, Ziel der Biologin ist die Aussichtsplattform im Schilf. Dort wird sie lebhaft erklären, wer aller im Röhricht und im Wasser lebt. Nicht alle Tiere mag man. Aber aus dem Staunen kommt man nicht heraus.
Info: Der Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel feiert 2013 20-jähriges Jubiläum. Der Naturpark „Neusiedler See – Leithagebirge“ ist einer von sechs burgenländischen Naturparks.Burgenland Tourismus veranstaltet „Pannonische Natur Erlebnis Tage“.www.burgenland.info
Einkehrtipp: Podersdorfer Weinstuben (bei der „Dankbarkeit“); Presshaus in Illmitz; Braunstein „Paulis Stuben“ in Purbach.
Übernachtungstipp: Seewirt & Haus Attila in Podersdorf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)
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