Salzkammergut: Wasserschauspiele, Wiesen und Kuhgeburten

16.11.2012 | 18:33 |  Von Christina Höfferer (Die Presse)

Martina Gedeck, Hauptdarstellerin im Film „Die Wand“, lernte am Gosausee, wie man mit der Sense mäht, Butter und Rahm macht und wie sich die Wahrnehmung in der Natur verändern kann.

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In den österreichischen Bergen, vor allem in und um Altaussee, habe ich mit meinem Lebensgefährten, Ulrich Wildgruber, oft die Sommerferien verbracht. Die Gegend ist mir sehr teuer, lieb und vertraut. Als sich herausstellte, dass wir in unmittelbarer Nähe drehen werden, war ich überglücklich.“ Eine ganz zarte Landschaft sei das Salzkammergut, meint Martina Gedeck, die die hinter einer unsichtbaren Wand in den Bergen gefangene Frau aus dem Kultroman verkörpert.

Siebzig Drehtage verbrachte die Schauspielerin in der Gosau-Gegend, wo die Gedankenwelt der österreichischen Autorin Marlen Haushofer zum Film wurde. „Diese Frau verbindet sich mit der Landschaft“, sagt Martina Gedeck, „sie ist irgendwann Teil dieser Landschaft, fühlt sich mehr und mehr dort zu Hause, und auch die Landschaft zeigt unterschiedlichste Gesichter.“

Bei den Dreharbeiten hatte das Team viel mit den Einheimischen zu tun. Es seien heitere, zufriedene und ausgeglichene Menschen mit einem starken Selbstbewusstsein, findet Martina Gedeck, die vom Bauern Karl und seiner Frau jene Arbeiten lernte, die sie im Film verrichten muss. „Auf den Wiesen vom Karl durfte ich mähen! Mit der Sense die Wiesen abmähen, das ist ja etwas Besonderes, einen Städter auf die Wiese zu lassen.“ Die Himmelbauerin, die am Berg lebt, zeigte der Schauspielerin, wie sie Butter und Rahm macht.

 

Im Hochgebirgswald

Elisabeth Grill vom Tourismusbüro Gosau über den Film: „Ich bin begeistert, was man aus so einer Handlung, die nur von einer Person getragen wird, machen kann. Die landschaftlichen Aufnahmen waren für mich die Krönung.“ Drehorte waren der Gosausee und die Gosaulacke. „Die Wand“ entstand am vorderen Gosausee, am Spazierweg auf der linken Uferseite mit Blick auf den Gosaukamm, dessen Zacken die Grenze zwischen Oberösterreich und Salzburg bilden. „Ich hatte als Kind eine große Liebe zur Natur“, sagt Martina Gedeck, die in Bayern geboren ist. „Ich habe meine Hütten gebaut, kleine Bäumchen gerettet und Tiere begraben, das Leben und Sterben in der Natur hat mich immer beschäftigt, auf eine sehr positive Weise.“ Ganz anders als die Figur im Film, die zuerst als Fremde, voller Unbeholfenheit, Abscheu und Angst im schneeweißen Kleid auf schicken Schuhen durch die Natur stöckelt.

„Die Gosaulacke liegt im Naturschutzgebiet“, sagt der Revierleiter der Bundesforste, Gerhard Renner, „hier findet keine Waldwirtschaft mehr statt. Nur Käferbäume werden gefällt und entrindet und Katastrophenholz nach Lawinen wird entfernt, damit der Borkenkäfer nicht überhandnimmt.“ Der Hochgebirgswald an der Gosaulacke ist dank der schonenden Behandlung auf dem besten Weg in Richtung Urwald. Seine Fichten, Tannen und Ahorne gehören zu Renners Forstrevier, ebenso das Jägerhaus und das Jagdhaus Gosaulacke.

Regen-, Sonnen- und Schneeaufnahmen waren notwendig für den Vier-Jahreszeiten-Film. „Die Abstimmung zwischen den Wünschen des Filmteams und der Natur sind schwierig und anstrengend, aber es zahlt sich aus, wenn so ein Ergebnis herauskommt“, sagt Gerhard Renner. „Das Besondere an der Gosaulacke ist, dass sie ein Almgebiet ist“, schwärmt der Förster. „Nach einem langen Regen wird die Alm komplett überschwemmt, die Wiese steht einen Meter unter Wasser, die Blumen blühen unter dem Wasser weiter.“

 

Wasserspiele der Gosaulacke

Im Dialog mit der Natur entwickelte Martina Gedeck die Rolle der Wand-Betasterin, die sich in der Natur auf ihre eigenen Kräfte besinnt: „Marlen Haushofers Wand steht ja für einen großen existenziellen Zusammenbruch, eine Katastrophe, die über die Frau hereinbricht.“ Die Gestalt hat etwas Steifes, Unerlöstes, sie trägt zwei Eheringe, ist verwitwet, die Kinder sind aus dem Haus, sie kommt als Depressive, Traumatisierte an. „Durch die Wand wird ein innerer Zustand in einen äußeren gesetzt, eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Ein Mensch ist in der Mitte des Lebens nicht dort angekommen, wo er hinwollte.“

Genau da kommt der „Glücksplatz“ Gosaulacke ins Spiel. Salzkammergut-Tourismus hat in seinem Zuständigkeitsgebiet einige Glücksplätze identifiziert, einer davon liegt direkt hinter dem Jagdhaus, wo „Die Wand“ gedreht wurde. Im Frühjahr beginnt das Wasser der Gosaulacke zu sprudeln, die Lacke geht über und fließt in den Gosausee. „Diese Wasserspiele machen diesen Ort zu einem echten Glücksplatz“, sagt Grill.

„Hier fühlt man sich wohl, die Vegetation ist prachtvoll, mit Kräutern, Alpenblumen und Moosen.“ Bänke und Beschreibungen weisen auf den Glücksplatz hin, doch jeder muss sein Glück finden, jeder sieht andere Besonderheiten, abgeschirmt im Gosau-Gebirgskessel. „Mich fasziniert das Wasserschauspiel ganz besonders, es ist jeden Tag anders, es lebt und bewegt sich“, sagt Elisabeth Grill und rät, auch das Löckermoos und den Löckersee aufzusuchen. Dort ist unweit von der Gosaulacke ein weiterer Glücksplatz. „Bei Sonnenaufgang ist der winzig kleine Hochmoorsee auf 1400 Metern voller Libellen.“

„Während der Dreharbeiten haben die Tiere und die Natur ihren eigenen Rhythmus vorgegeben“, erzählt Martina Gedeck, „wenn man sich diesem Rhythmus anvertraut, kommt man auch in einen Rhythmus, der nicht immer Aktivismus heißt.“ Normalerweise arbeitet das Filmteam jedes Detail durch, plant und arbeitet minutiös. Doch die „Wand“-Dreharbeiten waren anders: „Wir wollten im Frühjahr beginnen, dann regnete es, alle warteten und mussten wieder abreisen. Wir warteten, bis die trächtige Kuh ihr Junges bekam.“ Drei Kuhgeburten gingen ins Land, bis die Geburtsszene für den Film im Kasten war. Von Tag zu Tag wurde entschieden, wie die Drehs ablaufen würden, es wurde mit der Natur gearbeitet. „Das ist sehr angenehm“, sagt Martina Gedeck, „die ganze Verantwortung liegt ja immer auf den Schultern der Leute.“ Die Dreharbeiten an der Gosaulacke zeigten, dass es etwas gibt, das man nicht in den Griff kriegen kann, „eine heilsame, natürliche Erfahrung. Es ist ruhig, es gibt keine Funkverbindung, keine Handys, plötzlich wird deutlich, wie sehr sich die Natur verändert. Augen und Ohren verändern ihre Wahrnehmung.“

Martina Gedeck musste aufs Knochenmark der Schauspielkunst zurückgreifen, im Film gibt es ja keine Dialoge, alles, was auf der Bewusstseinsebene läuft, muss körperlich, mimisch ausgedrückt werden. Die Schauspielerin hat ihr Instrumentarium vertieft und verfeinert. „Ich habe die Landschaft mitgenommen und die Liebe, die in dem Film drinnen ist, die Liebe zwischen Mensch und Tier, da ist sehr viel Verständnis und eine humane Art der Zusammenarbeit, selten und kostbar.“

Touren ins Glück

Wandertouren: „Wandern ins Glück – Die 20 schönsten Glücksplätze im Salzkammergut“, Hrsg. Dachsteintourismus, http://dachstein.salzkammergut.at
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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