Tirol: Glasbläser, Weisenbläser, Weingläser

30.11.2012 | 18:31 |  MADELEINE NAPETSCHNIG (Die Presse)

Mildes Licht senkt sich über das mittelalterliche Rattenberg. Und vor der Haustür wird aus zwei kleinen Skigebieten ein großes.

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Der Stromverbrauch von Rattenberg geht im Advent deutlich zurück. Das fällt bei einer Stadt mit der sagenhaften Einwohnerzahl von 405 Menschen vielleicht nicht so stark ins Gewicht, zudem sind die Einwohner ein wenig Dunkelheit gewohnt, da doch ein Teil der Stadt drei Monate im Jahr im Schatten liegt. Wenn aber an Adventsamstagen tausende Besucher durch die mittelalterlichen Gassen marschieren, um Weisenbläser und Stubenmusik zu hören, der Herbergssuche zuzusehen, Glühwein zu trinken, Lebkuchen zu essen und eigene Weihnachtsglaskugeln zu blasen, dann wirkt sich der Verzicht auf das übliche Weihnachtsgeblinke und -gefunkel ein bisschen stärker auf die Energiebilanz aus. Überall illuminieren Kerzen, Fackeln und offene Feuerstellen die dick in Skianoraks gepackten Menschen wie auf einem Gemälde von Georges de la Tour. Heuer (nach einem Relaunch) kommen Lichtinstallationen auf den Fassaden und ein schwebender Adventkranz hinzu. Noch immer nostalgisch, fehlt bloß, dass es schneit.

 

Glas und Grotte

Dezent erleuchtet und dekoriert sind die Portale und Auslagen der Geschäfte. Tief in den Felsen bohren sich auf der Burgbergseite der Stadt die Glaswerkstätten, für die Rattenberg so bekannt ist, Kunsthandwerk (auch Kitsch) füllt die verwinkelten Räume und sogar eine Grotte. Die Glasherstellung brachte der Mikrostadt am Inn einigen Reichtum, auch die strategische Lage war ausgezeichnet, um bei Durchreisenden zu kassieren. Man konnte es sich leisten, mächtige Häuser zu bauen, mehrere Etagen hoch, erkerbewehrt, mit kleinen Fenstern und großen Gebäudetiefen. Oben steht die Burg aus dem zehnten Jahrhundert, zum Fluss hin wie ein Bollwerk das Augustinerkloster und sein Museum, in dem Schätze von der Gotik aufwärts lagern. Adventwanderungen starten bei Rattenbergs Uraltbauten, den Nagelschmiedhäusern aus dem 12. Jahrhundert.

 

Ein Gipfel, keine Lücke

Konsequenterweise ist die Adventszenerie auch akustisch frei von Störgeräuschen, die Musik, die hinter mancher Ecke das Ohr streift, nervt nicht, sondern erzeugt gemütliche Weihnachtsstimmung, mit der selbst der Resistente leben kann. Naheliegend, dass auch der eigene Rattenberger Adventwein keine pickiges Zeug ist, man riskiert mit ihm kein Kopfweh. Es lohnt der Ausflug also für den Urlauber, der im nahen Skigebiet Quartier bezieht – Rattenberg liegt am Ausgang des Alpbachtales. Ein kleines Idyll, das baulich ähnlich authentisch beziehungsweise konserviert geblieben ist.

In dem almreichen Hochtal stehen schöne, alte Bauernhäuser, die etliche Jahrhunderte auf dem Dachträger haben. Bislang war alles ruhig, beschaulich und traditionell hier, in Zukunft könnte es aber mehr Bewegung geben: Nach elf Jahren wurde dem Projekt stattgegeben, die Skigebiete Alpbachtal und Wildschönau zusammenzuhängen. Eine Umlaufgondelbahn führt nun auf den Schatzberg hinauf, eine zwei Kilometer lange Piste von diesem hinunter nach Inneralpbach.

Nicht alle Skigebietszusammenschlüsse in den Alpen erscheinen notwendig, viele stoßen nicht von ungefähr auf Widerstand. In diesem Fall erscheint der Lückenschluss fast naheliegend, denn die beiden Nachbartäler hat nicht viel getrennt, sondern viel verbunden – auch die Sorge um den Winterurlauber, der die Entscheidung für ein Ziel eher von den Pistenkilometern als von der der landschaftlichen Intaktheit abhängig macht. Hier hat er beides: Das Idyll und die Kilometer – 145 in Summe.

Wenn der Schnee kommt

Flanieren: durchs mittelalterliche Rattenberg, nicht nur im Advent www.rattenberg.at; Ski fahren: Skigebiete Alpbachtal und Wildschönau sind nun verbunden.
www. skijuwel.com, www.alpbachtal.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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