Schweiz: Letztklassiges beim Apres-Dreh in Saas-Fee

21.12.2012 | 15:43 |  Von Stepahn Brünjes (DiePresse.com)

George Michaels „Last Christmas“ ist der wohl meistgespielte Weihnachtshit. Das Video dazu drehte er in Saas-Fee. Viele Einwohner erzählen noch heute gern von den verkrachten Stars und verschwundenem Schmuck.

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Hoppelnder Synthesizersound, bimmelnde Schlittenglöckchen: „Last Christmas I gave you my heart“, schmachtet eine samtene Männerstimme. Ihr Besitzer fährt im Jeep vor, steigt mit blonder, zementierter Föhnwelle und Zahnpastalächeln aus. Winke-winke hoch zu Freunden in quietschbunten, sackartigen Daunenmänteln in einer Liftgondel. So beginnt das Video zu „Last Christmas“, dem größten Hit von Wham!, des bekannten britischen Popduos mit dem Rufzeichen.

Philippe Zurbriggen schaut sich's auf dem iPhone seiner Tochter an und lächelt: „Lackschuhe trug einer von denen, er ist beim Aussteigen immer im Schnee ausgerutscht – leider haben sie's rausgeschnitten.“ Der heute 57-jährige Inhaber des Souvenirladens Woodpecker in Saas-Fee hatte damals, im November 1984, den einzigen Jeep im Ort und wurde deshalb von der Filmcrew gleich für die ganze Drehwoche gebucht, auch als Chauffeur von George Michael. „Der legte seine Füße immer aufs Armaturenbrett und rauchte merkwürdig süße Zigaretten“, sagt Zurbriggen, „wahrscheinlich hat er mich deshalb morgens beim Abholen nie erkannt.“

Rauf auf den Gletscher


Rein in die Gondel, rauf zum Berg geht's im Video für Wham! und Freunde, zu einem Chalet zwecks gemeinsamer Weihnachtsfeier. „Stimmt nicht“, sagt Charly Schmidt, damals Kabinenführer der Bergbahn, heute Chef der örtlichen Bowlingbahn: „Die Felskinn-Gondel führt auf 3000 Meter, direkt ins Gletscher-Skigebiet – Chalets gibt's da oben nicht.“ Dafür aber breite Autobahnen für Carver, steile, bucklige Abfahrten und Tiefschnee-Prärie für Offroader. Für den Weg dorthin braucht man aber Geduld: Nur alle 15 Minuten zuckelt eine der beiden Felskinn-Riesengondeln los. Von der Gipfelstation stapft man zu Fuß durch hunderte Meter lange Felstunnel zur Piste oder zur Metro, einer Standseilbahn, die durch den Berg ganz hinauf führt.
Dort laufen im Zeitlupenmodus die in Saas-Fee noch reichlich vorhandenen Schlepplifte – für Sessellifte oder Gondelbahnen können keine Stützpfeiler verankert werden, sie würden im Eis nicht halten. „Unser Ort hat viel Potenzial, aber zu wenig Potenz“, sagt Beat Anthamatten. Der Tourismuschef von Saas-Fee kann offenbar nichts so schnell verändern, wie er möchte, es gebe hier „Bremser“. Eine zusätzliche Bergbahn, wie Anfang 2011 angekündigt, ist immer noch nicht gebaut. Aber das neue Marketingkonzept steht: „Freie Ferienrepublik Saas-Fee“, jeder Gast kann sich pro forma einbürgern lassen, mit eigenem Pass und sogenannten „Bürgerrechten“: Essen im wirklich sehenswerten, höchsten Drehrestaurant der Welt, 300 Sonnentage und 42 Wochen Schnee.

Wegen dieser Frau-Holle-Garantie kamen auch Wham! nach Saas-Fee – in einer Stretch-Limousine. „Die haben wir gleich auf dem Parkplatz abgestellt, denn wir waren schon damals autofrei“, sagt Beat Anthamatten. Durch die engen Gassen mit teils wunderschönen, jahrhundertealten Holzhäusern surren bis heute nur Elektrobusse und -autos. Einzige Ausnahmen mit Knattermotor: Krankenwagen und Schneeräumer.

Ungeschminkt kein Beau


Fünf-Sterne-Luxus konnte Saas-Fee den Popstars damals schon bieten – im kurz zuvor eröffneten „Walliserhof“, dem heutigen Hotel „Ferienart“. George Michael bezog die Adlerhorst-Suite mit eigener Sauna und Whirlpool. An der Rezeption schwärmte die damals 20-jährige Sybille Meyer sofort für den smarten Beau. „Bis ich ihn ungeschminkt auf dem Gang traf“, erinnert sich die heutige Betreiberin des Hotels Elite – bräunungscremefrei war er dann doch nicht mehr ihr Traumtyp. Andrew Ridgeley, zweiter Wham!-Mann, wollte im Hotel möglichst weit von George Michael entfernt wohnen. Gemeinsame Fotos der beiden aus Saas-Fee gibt es nicht. „Die hatten sich zwei Jahre vor der Trennung zerstritten“, weiß Beat Anthamatten. Pikant, angesichts der damals zu drehenden Videohandlung: „Last Christmas“ schenkte George Michael sein Herz einer Frau, die jedoch tags darauf schon einen anderen hat (Andrew Ridgeley). Mit diesem Lover taucht sie nun, ein Jahr später, zur Gruppenweihnachtsfeier in Saas-Fee auf. Diese Geschichte garantierte im Video reichlich Schmacht- und Schmoll-Blicke, Knistern im Kamin und zwischen den toupierten Schulterpolster-Schönlingen. Gedreht wurde vor einem Chalet und im heutigen Kulturzentrum am Ortsrand. Dorthin kommt, wer auf den Spuren eines anderen Promis wandelt: Schriftsteller Carl Zuckmayer lebte seit 1957 hier und wurde nach seinem Tod 1977 mit einem Wald-Wanderweg geehrt. Für die Wham!-Crew war 1984 aber schon die Dorfstraße Herausforderung genug. Denn beim Transport vom Hotel zum Drehort verschwand die Brosche, die George Michael seiner Angebeteten „Last Christmas“ schenkte und die im Video groß zu sehen sein sollte. Stefan Zurbriggen fegte und rechte mit fünf Helfern jeden Quadratzentimeter des Weges ab: „Alle im Dorf haben uns ausgelacht, gefunden haben wir die Brosche, angeblich ein Erbstück von George Michaels Oma, nach Stunden vorm Hotel.“

Anstoßen beim Apres-Dreh


So ein Tamtam hat der heutige Inhaber eines Sportgeschäfts nie wieder erlebt, obwohl viele Promis nach Saas-Fee kommen: Tina Turner, Michael Schumacher, Michelle Hunziker, Nena oder Seal. Sie alle genießen den zwischen den Viertausendern hingegossenen Gletscher, sie kommen gern in urige Hütten wie die Gletschergrotte, wo man draußen auf ausrangierten Motorrädern mit Schaffell-Bezug sein Weißbier schlürft. Vor allem aber schätzen Promis die Abgeschiedenheit und Diskretion des Orts.
Letztere setzte Wham! rustikal durch: Philippe Zurbriggen wollte beim Apres-Dreh mit George Michael & Co. anstoßen. Das taten dann unmissverständlich zwei Bodyguards, jedoch nicht mit Gläsern, sondern mit breiten Schultern: „Zieh Leine!“, bekam Zurbriggen zu hören. Robert Anthamatten, ein anderer Helfer, hatte mehr Glück: Der damals 15-Jährige schleppte George Michael die Koffer. Dafür bekam er ein Autogramm auf seine Skiweste. Die jedoch expedierte Mutter Anthamatten später beherzt in die Altkleidersammlung.

Oben Saas-Fee, unten Saas-Grund
Übernachtung: Fünfsternehotel und Resort Ferienart, 7 Ü/HP und Sechstages-Skipass ab 1368 Euro pro Person, Tel.: 0041/27/958 19 00, www.ferienart.ch Für junge Gäste mit dünnerem Portemonnaie und coolem Anspruch: Popcorn! Hotel mit Nightclub. 7 Ü/F inkl. Gratis-Internet, Eintritt in den Club und Skibus zum Lift 473 Euro pro Person. Skipass: 6 Tage für EW ab 311 €, Euro, Kinder zwischen 10 und 15 Jahren ab 172 €, Kinder unter 10 kostenlos.
Skihütten/Restaurant: Threesixty, das höchste Drehrestaurant der Welt auf 3500 m dreht sich einmal um sich selbst in einer Stunde.
www.threesixty-saasfee.ch.

In der Gletschergrotte geht es rustikaler zu: Günthi an seiner Schneebar brutzelt Würstchen und serviert Raclette www.gletschergrotte.ch.

Attraktionen: Gorge Alpine, eine spannende Schluchtwanderung von Saas-Fee ins im Tal liegende Saas-Grund. Mit Bergführer geht's gesichert über Hängebrücken, auf Leitern und in Seilbahnen in die Tiefe. Active-Dreams-Bergführer Weissmies, 0041/78/825 82 73, www.klettersteig.ch Infos: Saas-Fee/Saastal Tourismus, Tel.: 0041/27/958 18 58, www.saas-fee.ch, info@saas-fee.ch

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