Selbstversorger? Aber ja, natürlich!

21.12.2012 | 16:03 |  von Martin Amanshauser (DiePresse.com)

Urlaub in der Hütte, sagt der Trend. Meist handelt es sich freilich um Hüttendörfer mit allem Komfort. Aber nein, danke, nicht mit uns: Unser privater Winter ist ein ziemlich urtümlicher Familienversuch.

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Urlaub in der eigenen Hütte, ein Trend. Meist in Hüttendörfern: voll ausgestattete kanadische Blockhütten, möglichst nah an der Skipiste. Gerne mit Sauna und Infrarotkabine. Umweltschonender Zentralheizung. Den Kachelofen kann man für Aufpreis anheizen.

Sehr komfortabel und sympathisch, aber nicht, was ich diesmal erleben möchte. Denn Hütte, bedeutete das nicht etwas grundsätzlich anderes? Ein Ort in wildem Gelände, an dem kein Roomservice das Idyll stört und auch keine resche Semmel geliefert wird. Selbstversorgerhütte hieß das früher.

Die Selbstversorgerhütte, in der ich mit meiner kleinen Familie einziehen werde, heißt „Gschütthütte“. Sie steht am Paß Gschütt, genau zwischen Oberösterreich und Salzburg. Die Landesgrenze verläuft mitten durch die Hütte, sodass der gemütliche Ecktisch noch in Salzburg steht, während sich der Holzofen bereits in Oberösterreich befindet. Oder ist es umgekehrt?
Gschütthütte? Zwei Erwachsene, ein Zweijähriger. Draußen ein halber Meter Neuschnee. Das Häuschen ist ganz nach unserem Geschmack. Zwei mächtige Eiszapfen schwellen aus den Dachrinnen. Tisch, Bett, Ofen, alles okay. Kein E-Herd, aber immerhin Strom. Volle Aufmerksamkeit fordert der Holzofen. Ständig muss jemand Holzscheite von draußen hereinbringen. Jim, ein zweijähriges Großstadtkind mit dem altersgemäßen Hang zu Dreiwortsätzen, formuliert diesen Vorgang so: „Papa – Steine – tragen“.

Etwas fehlt: das Fließwasser. Ist das auf Dauer nicht „zu wenig“? Ein 20-Liter-Kanister mit Trinkwasser steht bereit. Doch Leute aus der Stadt brauchen mehr. Auf der Ofenfläche beginne ich enthusiastisch mit dem Projekt Schneewasser-Schmelze. Der Topf zischt, langsam wärmt sich der Schnee, tropft. Das Resultat ist zum Haareraufen: Ein Riesentopf Schnee produziert höchstens einen Viertelliter Wasser, und der ist total verdreckt.

Plumpsende Geschäfte


Wie soll ein Erwachsener schreiben, wenn ein Zweijähriger plappert? Ich habe die Eiszapfen erwähnt, Jim wiederholt „Eispappe, Eispappe“. Ich nenne ihn „Papagei“. Er pariert mit „Packa-bei, Packa-bei“. Ich starre in sein lachendes Gesicht: In der Nähe dieses Menschen würde ernsthaftes Arbeiten schwierig sein.
Der erste Tag geht zu Ende, der Inhalt des Wasserkanisters nicht, denn statt des Duschens kochen wir Spaghetti. Auf der Herdfläche hätten 20 Töpfe Platz, man könnte eine Skihütte verköstigen. In der ersten Nacht erlischt der Ofen drei Mal, ich entfache das Feuer immer wieder.

Und dann das Plumpsklo. Vorteil: Es ist indoor, erreichbar durch quietschende Türen. Nachteil: Es ist ungeheizt. Das große stürzt ebenso wie das kleine Geschäft zwei Meter ins Loch. An der Holzwand hängt ein Gerät namens Frostwächter, das wir nie in Betrieb nehmen. Neben der Kloöffnung steht ein Fläschchen mit einer Ammoniaklösung („verursacht Verätzungen“), eventuell für die Zersetzung der Exkremente? Ich verzichte auf diesbezügliche Versuche.

Als Jim beim Frühstück bilanziert „Ütte – O-nung! Ütte – O-nung!“, also „Hütte – Wohnung“, spüre ich, dass wir uns fürs Erste angepasst haben. Morgensonne, Zähneputzen, Skifahrer. Was für ein Wetterglück – die verschneiten Bäume stehen majestätisch in der Sonne, die Eiszapfen glitzern um die Wette. Vor unserer Haustür herrscht reger Verkehr: Wir befinden uns in der Aufstiegs- und Abfahrtsschneise. Die Tourengehermassen haben aus ihrem geliebten Tiefschnee eine Piste gemacht. Gleich den Tropfen des Eiszapfens in der Sonne tröpfeln sie an unserer Hütte vorbei. Manche schwitzen, manche winken, andere starren konzentriert zu Boden, als könnten sie im Schnee die Antwort auf ihre Fragen finden.

Wald und Schnee bergen Rätsel


Zum Beispiel die enorme große Pfotenspur eines Tieres. Eines Morgens entdecke ich sie. Eine Katze kann das nicht sein, ein Hund auch nicht – sie ist viel größer. Ein Schneeleopard? Ich verwische die Spur und setze nachts keinen Fuß mehr vor die Hütte. Am nächsten Morgen sind neue Pfotenabdrücke im Schnee. Ein Tier aus dem Wald?
Auch wenn man behutsam mit 20 Litern Wasser umgeht, irgendwann sind sie aus. Zum Glück hat der Nachbar einen Brunnen mit freiem Zugang – das größte Problem ist gelöst! Er sieht nett aus, wenn auch etwas einsam. Er lacht, als ich ihm vom Schneeleoparden erzähle. An seinem Haus ist ein Schild angebracht: „Passhöhe 971 Meter. Gastwirtschaft“. Auf der anderen Seite steht der Name der Gastwirtin: Agathe Grünwald. Der Nachbar erzählt, dass es sich um die älteste Lokalbesitzerin der Umgegend gehandelt hat. Sie hätte erst in den Achtzigern, im hohen Alter von 96 Jahren, zugesperrt.
Meine Freundin fährt zum öffentlichen Schwimmbad von Gosau, um das Kind und sich grundlegend zu reinigen. Ich bleibe am Paß Gschütt und heize vor mich hin. Meine Heiztechnik verbessert sich. Das Feuer bleibt im Gang.

Unser privater Winter


Stille, der Geruch nach frischem Schnee. So mögen Menschen vor Jahrhunderten in den Alpen gehaust haben. So ungefähr. Man muss sich nur noch den Mazda wegdenken, der da unten steht, die Bankomatkarte und die E-Card. Was der Mensch braucht, ist Wärme. Und Wasser – sie hatten damals bessere Methoden der Wassergewinnung. Was uns mit der Vergangenheit verbindet, ist der Blick auf die zarten Farben der Berge am Morgen, auf die Krusten, die der Schnee bildet, die vereisten Stellen dort, wo ich vor der Hütte das Geschirr abwasche.

Die täglichen Beschäftigungen kosten in unserem privaten Winter ebenso wenig oder viel Mühe wie daheim. Ich wasche mich wie ein Profi. Über Nacht bleibt die Stube warm. Und Jim sagt längst nicht mehr „Stein“ zum Brennholz, sondern „Holz Scheite, Holz Scheite!“ Leider sechzig Mal pro Stunde, neben dem Klassiker „Beuer Nee!“ (Feuer/Schnee), den Urelementen, die uns umgeben. Die Zeitungen, die ich anfänglich verheizen wollte, sind unberührt. Auch die an der Wäscheleine hängende Ausgabe der „Schwabmünchner Allgemeinen“ vom 13. Dezember 2002. Sie berichtet, dass die Fußball-Europameisterschaft an Österreich und die Schweiz vergeben wurde.

Selbstversorgung, wird mir klar, ist kein Mangel, sondern ein Luxus, allerdings nur, wenn man in sein altes Leben zurückkehren darf. Das Fremde ist erträglich, wenn es sich nicht schlagartig als Realität präsentiert. Nach Mitternacht am Plumpsklo überkommt mich ein Schauer. Ich muss an das Tier dort oben im Wald denken, an das Tier mit den riesigen Pfoten.

Die Hütte, die Forste
Gschütt: Durch das kleine Rußbach am Paß Gschütt (784 Einwohner) führt die Pass-Gschütt-Straße über den Paß Gschütt nach Gosau. Am Pass befindet sich unter anderem die Gschütthütte. Zur Namensgebung: Einen „Ort“ namens Rußbach gibt es genau genommen nicht. In der Gemeinde Rußbach am Paß Gschütt heißt die einzige Katastralgemeinde Rußbach, der dort befindliche Hauptort Rußbachsaag. Die heikle Frage des ß/ss, ein Eiertanz der neuen oberösterreichisch-salzburgischen Rechtschreibung (NOÖSR), wurde in diesem Absatz übrigens mehrfach überprüft.

Hüttendörfer: Wer es bequemer, moderner und weniger selbstversuchsartig haben will, kann u. a. Hütten und Chalets am Fuß des Hochkönigs im Hüttendorf Maria Alm beziehen, in Kärnten bei Bad Kleinkirchheim (St. Oswald) locken die Feriendörfer Kirchleitn. www.huettendorf.com www.kirchleitn.com

Literatur: Adalbert Stifter „Bergkristall“, 1853. Der Autor soll sich in der Gosauer Gegend zu diesem Text inspirieren haben lassen. Er handelt von Bruder und Schwester, die sich während eines Schneesturms auf den Gletscher verirren und in einer Höhle übernachten. Souverän wirft Stifter die große Chance weg, seine kindlichen Protagonisten sterben zu lassen und die Leser damit tief zu erschüttern. Einer muss schon sehr stark an seine Geschichte glauben, um so zu verfahren – oder einfach katholische Interessen vertreten? Adalbert Stifters Happy End ist beinahe unerträglich undramaturgisch.

Wald und Forste: Das „Jahr des Waldes“ 2011 nahmen die Österreichischen Bundesforste, die etwa zehn Prozent der Fläche Österreichs verwalten, zum Anlass, die viermal jährlich erscheinende Zeitschrift „Wald – das Magazin für draußen“ herauszugeben, gestaltet vom Team des Fleisch-Verlags. www.waldmagazin.at; www.bundesforste.at Der Autor besuchte die Gschütthütte auf Einladung von „Wald“ und den Bundesforsten. Letztere vermieten u. a. Almhütten unter www.almliesl.com

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