Steiermark: Bauernroulette, Baumstammnageln, Wurzelfleisch, Beuschelsuppe

28.12.2012 | 18:53 |  KLAUDIA BLASL (Die Presse)

Bauernschmäh, Bratlrein und viel Zeitersparnis: Beim "Bauernsilvester" wird der Jahreswechsel schon am 30. Dezember begangen.

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Hinterwäldlerisch ist das Volk hinterm Semmering schon lange nicht mehr. Des Öfteren ist die grüne Mark ihrer Zeit sogar voraus. Vor allem, wenn's ums Feiern geht. Denn hier – und nur hier – wird das alte Jahr bereits am 30. Dezember verabschiedet. Ohne Feuerwerk und Böllerknallen, dafür mit einem hochkalorischen Aufgebot, viel frischer Luft und traditionellem Brauchtum.

Der Trend zum Bauernsilvester mit Lederhose und Lebkuchenherz statt Abendrobe und Champagnerglas hat mittlerweile sogar die großen Städte erfasst. Doch ursprünglich kommt er draußen vom Walde her, wenngleich nicht von den Bauern. Im oststeirischen Joglland herrscht zur Winterszeit noch über allen Gipfel Ruh'. Außer man begibt sich auf den verschneiten Weg Richtung Bratlalm.

Dort, auf nahezu 900 Metern, wird man mit himmlischen Aussichten auf die Landschaft zwischen Stuhleck, Hochwechsel und dem landesweit höchsten Weingarten ebenso belohnt wie mit erwärmenden Einsichten in den Holzbackofen, wo das obligatorische Schweinsbratl seiner abendlichen Bestimmung entgegenbrutzelt. Beim bodenständigen wie bodenstämmigen – immerhin wurden hier an die 140 Kubikmeter Tannenholz aus der Region verbaut – Almheurigen jedenfalls gilt: Nomen est omen. Auch musikalisch gesehen. Und am 30. Dezember sowieso.

„A ehrliche Musi, a guats Bratl, steirisches Wurzelfleisch mit Beischlsuppen, 15 Laib Brot und ein paar Runden Bauernroulette“, fasst der Hüttenwirt Bertl Deichert das Silvesterprogramm zusammen. Dabei wird in Gruppen zwischen Mostschank, Schnapsbudl, Bierfass und Weinkeller rotiert. Damit die Berührungsängste sinken und der Promillegrad steigt. Vor sechs Jahren hat Deichert diesen „Brauch“ aus St. Georgen bei Judenburg mitgebracht, doch der Ältere von beiden ist vermutlich der Wirt.

Dennoch bauernsilvestert es in der gesamten Steiermark mittlerweile nahezu flächendeckend. Als gelungener Gegenentwurf zu eleganten Ballnächten hat das urige Treiben in Tracht mit Volksfestcharakter und Kirchtagsflair durchaus Potenzial. Selbst das renommierte Hotel Weitzer in Graz belebt heuer erstmals diese vermeintlich „echt steirische“ Tradition. Mit Flecksuppe, gekochter Braunschweiger, Rindszunge, Ente am offenen Feuer und einer Showküche wird der Kulinarik gehuldigt, während man in alter Manier Baumstämme nagelt, frischluftkegelt oder den Watschenmann malträtiert. Wobei das Event weniger von Neujahrswünschen geprägt ist denn von „Unterhaltung, Herzlichkeit, Ausgelassenheit und Liebesgeständnissen“, so das Hotel. Hauptsache, die Stimmung stimmt. Nach diesem Motto geht es auch in Leoben, Neumarkt, Judenburg, Mürzzuschlag, Weißkirchen oder Obdach bereits am 30.Dezember drinnen wie draußen rund. Die einen berufen sich auf die bäuerlichen Dienstboten, die sich am 31. Dezember auf die Walz begeben mussten, die anderen ziehen eine eher märchenhafte Variante vor, in der ein einsamer Wicht und ein verirrter Wanderer aus Strallegg aufeinandertreffen und gemeinsam den vorverlegten Jahreswechsel begehen, aber in Wahrheit ist beides falsch.

 

Tradition mit Luftwurzeln

Bauernsilvester am 30. sei weder in der steirischen Tradition noch bei den Bauern verwurzelt, sondern ein „neues Konstrukt aus rustikal-urig-traditionellen Elementen“, amüsiert sich Roswitha Orač-Stipperger, Chefkuratorin der volkskundlichen Sammlung in Graz, über diese Veranstaltung im Retrodesign. Die Bauern hätten kaum Silvester gefeiert, der Dienstbotenwechsel vor Neujahr sei zudem nur im Murtal verbürgt. Die Wurzeln dieses Events liegen vielmehr zwischen Obdach und Mürzzuschlag. Und fußen eher auf marktwirtschaftlichen Überlegungen denn auf historischen Traditionen. Statt „back to the roots“ beschloss man „weg mit dem food“ und haute fortan kulinarisch noch einmal richtig auf den Tisch, aber nicht bürgerlich feingeistig, sondern bäuerlich grobstofflich, mit heimischen Produkten und nach alten Rezepten. Was zumindest für die heutigen Landwirte dann doch ein Grund zum Feiern ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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