Lech/Zürs: Die App sagt "stop" oder "go", absolut sicher ist aber nichts

28.12.2012 | 18:53 |  Von Dietlind Castor (Die Presse)

Skispaß im Gelände erfordert Recherche, perfekte Planung und Ausrüstung, hieß es bei der ersten "Snow & Safety Conference"

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Pünktlich zur Eröffnung der Wintersaison erhielten alle Skigebiete jede Menge Schnee. Auch Zürs und Lech, wo Anfang Dezember die erste „Snow & Safety Conference“ über die Bühne ging. In Theorie und Praxis wurden die Teilnehmer über die wichtigsten Aspekte der Sicherheit im Off-Pisten-Gelände aufgeklärt. In Zukunft solle das Treffen zu einem festen Bestandteil im Kalender der Sport- und Touristikwelt werden, erklärte Herrmann Fercher, Geschäftsführer der Lech-Zürs-Touristik.

Freeriden wird immer beliebter. Früher Tourenski genannt, sei diese Skivariante aber nichts anderes als das, was Pioniere wie Hannes Schneider schon in den 1920er-Jahren forcierten, klärte Stefan Häusl auf. Der Österreicher und Freerider-Profi mit Gold- und Bronzemedaille präsentierte Fotos und Filme der Vorreiter, ihre Lederschuhe und langen, schmalen Bretter. Sowohl die Old School, die noch gar keine Pisten kannte, wie auch die New School beherrschte der Drang nach Freiheit.

Die Ausrüstung habe sich zwar erheblich verbessert, dennoch warnt Häusl: „Die größte Gefahr ist der Powder-Rausch.“ Jede Fahrt müsse der Sicherheit untergeordnet bleiben. Grundvoraussetzung für sicheres Fahren im freien Gelände seien aktuelle Informationen über die lokalen Verhältnisse, die Lawinengefahrenstufe, der Wetterbericht, die Windverhältnisse, Temperaturen und Schneemengen. „Lawinenunfälle sind nicht völlig vermeidbar“, erklärte Rudi Mair, Meteorologe und Glaziologe in Innsbruck, früher Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol. „Aber das Restrisiko kann minimiert werden.“

Vorarlberg hatte als erstes Bundesland einen Lawinenwarndienst eingerichtet, derzeitiger Leiter ist Adreas Pecl. „Aus täglichen Messungen und Meldungen von 25 automatischen Stationen und sieben Beobachtungsstationen in den Skigebieten erstellen wir die Lawinenwarnstufe“, sagte Pecl. Die Warnstufe hat eine Skala von eins bis fünf. Die meisten Lawinenunglücke passieren bei Gefahrenstufe drei, bei vier und fünf bleibt man besser zu Hause.

Lawinenverbauungen, künstliche Auslösung von Lawinen und Hinweistafeln können dazu beitragen, das Schlimmste zu vermeiden. Trotzdem sei Eigenverantwortung und Risikobewusstsein gefragt, erklärten Mair und Pecl unisono, denn das Schild mit der Hand, auf der Achtung steht, sei kein Verbotsschild im eigentlichen Sinn.

Technische Hilfsmittel können das Risiko ebenfalls verringern. So wurden die Teilnehmer der Konferenz mit den Lawinenpiepsern vertraut gemacht. Bevor man sie anlegt, sollten sie getestet werden. Skilehrer Gernot erklärt die Funktion des kleinen handlichen Gerätes, hilft beim Anlegen und präsentiert den Inhalt des Rucksacks, den wir für die Abfahrt bekommen: Er enthält eine Schaufel und eine Sonde, die noch zusammengefaltet ist, aber durch Ziehen an einer Schnur zur langen Stange wird.

 

„Wir sind Bergkameraden“

„Wir kennen uns erst wenige Minuten und schon sind wir Bergkameraden“, sagt Gernot, „die sich gegenseitig helfen.“ Doch technische Geräte nutzen wenig, wenn man sie nicht aus dem Effeff beherrscht. So werden zur Übung im tief verschneiten Gelände mehrere Rucksäcke versteckt.

Mit den Piepsern sind sie bald geortet, mit der Sonde markiert und ausgegraben. Im Notfall kommt es auf jede Sekunde an. Daher sollte man im Gelände immer im Team unterwegs, sein, wenigstens zu zweit, und sich immer im Auge behalten.

Wind ist der Baumeister der Lawinen schlechthin. Bereits geringe Neuschneemengen können bei starkem Wind Lawinen produzieren. Rinnen, Mulden und Wannen sollte man meiden – hier sammelt sich Treibschnee an. Gefährlich sind auch Leebereiche hinter Kämmen und Graten und abbruchgefährdete Wechten. Sollte sich trotz aller Vorsicht eine Lawine lösen, können ABS-Rucksäcke Leben retten. Skilehrerin Julia führte diese Lebensretter in einem Workshop vor. „Oberste Maxime ist, die Verschüttung zu verhindern“, sagt sie. „Wegen des Restrisikos sollte man Helm und Rückenprotektor tragen. Entscheidend aber ist, wo ich mich in der Lawine befinde.“ Ausgelöste Airbags können den Skifahrer an der Oberfläche der Lawine halten.

Am Beginn der Entwicklung der Airbags stand ein österreichischer Jäger, der in den 1970er-Jahren mit einem Tier auf dem Rücken in einer Lawine an der Oberfläche geblieben war und daraufhin Versuche mit ersten Airbags anstellte. Die Erfahrung zeigt, dass 97Prozent der Verunglückten mit Airbag überleben. Das Gerät ist nach dem Gebrauch mit neuer Patrone wieder verwendbar, billig ist es allerdings nicht.

Ein Instrument zur Reduzierung von Lawinenunfällen entwickelte Software-Spezialist Gerrit Müller: „White Scout Risiko Management“. Sein Ziel ist, das Verhältnis von derzeit einem Lawinentoten pro 50.000 Abfahrten mindestens zu halbieren. „Absolute Sicherheit in der Natur gibt es nicht, aber der Verzicht in extrem riskanten Situationen rettet Leben“, sagte Müller. Für die Routenplanung entwickelte der Liechtensteiner eine App für Smartphones, deren technische Basis auf Google Maps Elevation API und GPS oder aGPS beruht. Sie wertet die Lawinengefahrenstufe, das lokale Wetter, Schneedecke, die maximale Hangneigung, Hangexposition und -verspurung im Tourenbereich aus. Das Ergebnis kommt nach wenigen Klicks. Dann heißt es entweder „stop“ oder „go“. Aber auch bei „go“ bleibt die Eigenverantwortung bestehen.

In den Bergen lauern Gefahren – Infos

Europäische Lawinenwarndienste: www.lawinen.org
Lawinenlagebericht auf dem Smartphone: www.snowsafe.at
ORTOVOX BERGTOUREN-APP bietet zahlreiche Tourenziele. www.ortovox.de
SCIETREX Scientific Software AG: White Scout für Freerider, App mit Risikoanalyse, www.scietrex.com Erhältlich bei Apple iTunes und Google Play (Preis 2,99 Euro) Bücher: „Sicherheit im Bergland“, Jahrbuch 12 des Österr. Kuratoriums für alpine Sicherheit; www.alpinesicherheit.at
„Lawine – Die 10 entscheidenden Gefahrenmerkmale erkennen“, Praxishandbuch von Rudi Mair und Patrick Nairz, Tyrolia;
„Lawinenkunde“, Praxiswissen für Einsteiger und Profis, Harvey, Rhyner, Schweizer; Bruckmann Vlg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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