Athen: Schmuddelkind bei Tag, Prinzessin in der Nacht

28.12.2012 | 18:53 |  von Nicole Quint (Die Presse)

Athens Aussichten: Fenster wirken wie Lupen. Sie zoomen den kleinen Ausschnitt zwischen den Rahmen heran und verdichten den Eindruck, den man vom Leben in Griechenlands Hauptstadt gewinnt.

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Im Liegen ist die Aussicht erträglich: Der Himmel über Athen ist so milchigtrüb wie ein Glas Ouzo, in dem das Eis schmilzt. Als graublauer Schleier hängt er zwischen den Kunststoffrahmen des Fensters. Richte ich mich auf, fällt der Blick auf das Haus gegenüber, und ich weiß wieder, warum der Rezeptionist schon bei der Ankunft um Vorauszahlung gebeten hat.

Drüben blättert der Putz von der Fassade. Rost frisst sich durch die Balkongitter, auf dem Vordach streiten sich Krähen und Katzen um den Müll. Auf dem Gehsteig unten warten seit dem frühen Vormittag Frauen in grellbunten T-Shirts und Röhrenjeans, die Münder scharlachrot, die nackten Füße in Gummisandalen. Manchmal bleibt einer bei ihnen stehen. Kurze Unterhaltung. Er nickt, sie deutet mit dem Kopf in Richtung Tür, dann verschwinden beide im dunklen Hauseingang.

 

Schmerz und Wehmut

Trete ich näher ans Fenster, schieben sich die dicht gedrängten Reihen der siebenstöckigen Mehrfamilienhäuser ins Blickfeld. Ihre Dächer sind wie Nadelkissen mit Antennen gespickt. Jeder der rund vier Millionen Athener besitzt wenigstens zwei eigene Antennen. So voll wie auf den Dächern ist es auch in den Wohnungen. Auf handtuchschmalen Balkonen lagert deshalb alles, was drinnen keinen Platz hat.

Nasse Socken tropfen auf alte Kommoden, Trimm-dich-Räder, Bügelbretter, Drehstühle, Plastikhocker und auf Blumen in rostigen Blechkanistern. Zwischen all dem winden sich grauweiße Lüftungsrohre wie Schlangen die Fassaden entlang. Ruß und Staub der Abgase kleben in schmutziggelben Schichten an den Mauern. Ganz Athen trägt diesen schwindsüchtigen Teint, die Farbe von Zahnstein und schimmligem Käse. Das Hotelfenster lässt sich schwer öffnen. Wenn ich mich weit genug nach draußen lehne, sehe ich ein Stück der Akropolis. Eine kleine Wolke setzt dem Parthenon das i-Tüpfelchen auf. Ein irreales Bild, in den Himmel gezeichnet. Da oben das griechische Symbol der Sehnsucht nach der Vergangenheit, darunter die schmutzigen Häuser einer verbrauchten Stadt, die schon alles erlebt hat und um die verlorene Zeit trauert. Schmerz und Wehmut können nicht gehen, wenn Tag für Tag die Ruinen der Antike an eine große Kultur erinnern. Mit ihrem Untergang sind auch Macht und Reichtum verschwunden.

 

„Bring down the system!“

Bliebe der Stolz auf über 5000 Jahre Geschichte. Doch zwischen Plastiksäcken mit madigem Müll am Straßenrand, zerbröckelnden Mauern, Nachtclubs und Spielhallen, zwischen Ein-Euro-Läden, illegalen Flüchtlingsunterkünften und Marktständen voller Hardcore-Pornos auf dem Omonia-Platz bleibt nicht viel Raum für Stolz.

Vom Leben, das zu wahr ist, um schön zu sein, erzählen auch die Graffiti an Athens Fassaden. „Bring down the system“ und „Kill the rich“ fordern sie und wünschen zum Jahreswechsel „Merry crisis and a happy new fear“.

Wut in scharlachroten Buchstaben. Schuldenrückkauf, Schuldenschnitt, Reformen, Rettungspakete, Generalstreiks und am Ende vielleicht doch die Staatspleite? „Ti na kánume?“ – Was soll man schon machen? Das ist das Credo der resignierenden Mehrheit. Vielleicht tröstet der Gedanke, dass die Namensgeberin der Stadt, Pallas Athene, zwar nicht Zeus schönste Tochter war, aber seine klügste. Und vielleicht wissen das auch die alten Männer, die an den klebrigen Blechtischen ihres kleinen Kafenions ihren griechischen Kaffee in winzig kleinen Schlucken trinken und die Kugeln ihrer Kombolois durch die Finger klackern lassen. Wenn sie es wissen, dann sind sie die perfekten Akteure einer Tragödie ganz im aristotelischen Sinne. Sie haben die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkannt und fügen sich ihrem vorherbestimmten Schicksal. Ti na kánume? Das ist klug.

Meine Reaktion als Zuschauer am Fenster entspricht indes nicht ganz der Vorstellung des Aristoteles. Ich empfinde Mitleid – vor allem für die, die nicht an das Unabänderliche glauben und ihrem Schicksal entrinnen wollen, Nord- und Schwarzafrikaner zumeist, Flüchtlinge und Illegale, die als Souvenir- und Sonnenbrillen-Verkäufer gut im Geschäft waren. Die dunklen Gläser lassen Farben leuchtender erscheinen und zaubern Kontraste herbei, die in dem graugelben Einerlei gar nicht vorhanden sind: Eine aufsetzbare Illusion, sie macht die Stadt erträglicher. Athen, ein Ort der Sonnenbebrillten, des Schmutzes und des stumpfen Wartens auf Veränderung. Und die kam dann ja auch. Heimtückisch wie chronische Vergiftungen, die erst schädigen, nachdem der Schadstoff über lange Zeit in kleinen Dosen aufgenommen wurde, brachen die Krankheitssymptome schließlich hervor. Die Geschwüre und Nekrosen, das Fieber, die Schmerzen der Wirtschaftskrise. Und jetzt beginnt die Hatz auf alle, die irgendwie illegal aussehen. Monate, Jahre lebten die Flüchtlinge in Griechenland, aber die Zeit, sie in Gewahrsam zu nehmen, kam erst, als die Renten gekürzt, Beamte entlassen, Steuern eingetrieben, Sparbeschlüsse gefasst wurden. „Besen-Aktion“ nennen die Athener die Polizeipatrouillen, nach denen alle Ausländer von den Straßen gefegt sind.

 

Geisterhaft schönes Athen

Auch vor meinem Fenster wird kontrolliert, und wenn alle Afrikaner gestellt und die Prostituierten vom Haus gegenüber in den Einsatzwagen sitzen, muss noch der Kioskverkäufer mit der olivfarbenen Haut und den blauschwarzen Haaren seine Papiere vorweisen. Immer wieder. Dann verlässt er sein Períptero, sein „Tempelchen“, wie die Minicontainer heißen, reicht den Beamten seine Dokumente, wartet auf ein Nicken, das manchmal sehr schnell, manchmal erst nach Minuten, aber immer wortlos erfolgt, und kehrt dann in sein Tempelchen zurück. Vollgestopft mit Schnürsenkeln, Getränken, Eis, Batterien, Gürteln, Zeitungen, Rasierschaum, Schirmen und Zigaretten bleibt für ihn darin kaum Platz. Wie aus dem 24. Fensterchen eines Adventkalenders lugt er durch ein winziges Loch nach draußen. Hockt, kauert und lümmelt bis in die Nacht hinein und schaut durch sein Fensterchen auf das Schauspiel, das seine Stadt ihm bietet.

Er dort unten, ich hier oben. Wenn ich lange genug vor meinem Fenster ausharre, erlebe ich noch die nächtliche Verwandlung: Deckend wie Make-up legt sich Dunkelheit über die Dürftigkeit. Ampelrot erglüht auf dem Beton. Im Haus gegenüber glimmt in einem der Räume eine Zigarette auf. Die Scheren der Autoscheinwerfer schneiden die Vergeblichkeit, die Trostlosigkeit und das Warten des Tages aus. Der hell erleuchtete Parthenon funkelt mich an. So wie Motten, die sich im Schein der Straßenlaternen in strahlende Glühwürmchen verwandeln, so schminken tausende Lichter das schmuddelige Stiefkind für die Ballnacht zur Prinzessin. Wenn dann noch milchweißes Mondlicht die Dächer der Stadt flutet, dann ist Athen geisterhaft schön.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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