Osttirol: Im Plumpsklo zurück in der Zukunft

22.02.2013 | 18:44 |  von Helmut Luther (Die Presse)

Das für österreichische Verhältnisse ziemlich entlegene Osttiroler Villgratental ist bei Skitourengehern, Wander- und Almromantikern beliebt – vor allem, weil vieles anmutet wie anno dazumal.

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Innervillgraten. Rhythmisch schaben die Tourenbretter über den vereisten Hang. Rechts plätschert der von weißen Polstern gesäumte Stallerbach talwärts, links ragen die schroffen Ostflanken der Pfannspitze empor. Im Aufwind vor dem glitzernden Berg segelt ein Bussard. Ab und zu hört man seine gedehnten Schreie, sonst ist es still. Im Gänsemarsch folgt die Gruppe dem Guide Oswald Fürhapter.

Es geht hinein ins Arntal, vorbei an der Unterstalleralm, wo sich das Hochtal zu einem weiten Kessel öffnet. Auf den steilen Wiesen ringsum thronen windschiefe Heuschober. Hinter manchen Gebäuden wurden zur Bergseite keilförmige Steinmauern errichtet. „Die Mauern sollen Lawinen wie der Bug eines Eisbrechers teilen“, erklärt Fürhapter. Dann passiert die Gruppe einen schütteren Lärchenwald. Hinter einer Wegbiegung, die von einem geschnitzten Herrgott bewacht wird, taucht eine Ansammlung sonnengeschwärzter Holzhütten auf, die Oberstalleralm. Überragt wird das Ensemble von einem Kircherl mit spitzem, schindelholzgedeckten Turm.

Bisher herrschte Schatten, seit etwa einer Stunde sind wir unterwegs. Die Alm liegt in der Sonne, von den Dächern tropft Schmelzwasser, wir genießen auf einer Holzbank die Wärme und trinken Tee aus der Thermoskanne. Bis vor 40 Jahren, erzählt Fürhapter, hätten hier während der Sommermonate ein Dutzend Bauernfamilien mitsamt dem Vieh gelebt. Jetzt würden die Hütten an Touristen vermietet. „Den Städtern gefällt das Urige“, sagt Oswald Fürhapter, der als Sekretär in der Gemeinde von Innervillgraten arbeitet und manchmal mit Gästen eine Skiwanderung unternimmt.

 

Weiler wie Schwalbennester

Das etwa 1000 Einwohner zählende Osttiroler Villgratental zeichnet sich durch eine wohltuende Reduziertheit aus. Es gibt keine Skilifte. Keine Bettenburgen, keinen Partylärm, keine Animationsprogramme. Stattdessen Stille, einsame Weiler mit uralten Gehöften, die wie Schwalbennester an den steilen Hängen kleben. Und ringsum eine grandiose Natur. 2008 zeichnete der Österreichische Alpenverein 17 „Bergsteigerdörfer“ aus, darunter auch das Villgratental. Sie alle verschreiben sich der Nachhaltigkeit, umweltverträglichem Wirtschaften, dem sanften Tourismus. In Jahrhunderten gewachsene Kulturräume zu erhalten, ist das Ziel der „Bergsteigerdörfer“. Man setzt auf das, was anderswo verloren ging. Und das wird von Gästen zunehmend geschätzt. „An schönen Wintertagen versammeln sich auf einem bekannten Skiberg hundert Tourengeher“, sagt Oswald Fürhapter.

Heute ist das nicht der Fall. Auf dem Weg zum 2946 Meter hohen Großen Degenhorn bleibt die Gruppe allein. Es geht aufwärts durch das sonnige Arntal in Richtung Gipfel. Bauchige Steinmauern markieren im Sommer genutzte Weideflächen, wie ein dunkles Adergeflecht überziehen sie die verschneiten Wiesen. Die Waldgrenze liegt unter uns, als Fürhapter nach links abzweigt, in langen Schleifen einen sanft ansteigenden Hang quert. Es folgt eine steile Passage, schließlich eine schattige Rinne, wo die zu Klumpen gepressten Reste eines Schneebrettes zu umgehen sind. Die Gespräche sind allmählich verstummt, der Blick heftet sich auf die hin- und herpendelnde Halteschlaufe am Rucksack des Vordermannes. Monoton ruckeln die Skier vorwärts, die Gedanken schweifen.

Dass man sich der Wachstumsideologie verweigern und trotzdem Erfolg haben kann, war auch im Villgratental nicht abzusehen. Noch immer sind hier nicht alle von diesem Sonderweg überzeugt. Man sei es leid, in den Medien als Hinterwäldler dargestellt zu werden, meinten die jungen Männer im Gasthaus neben der Dorfkirche von Innervillgraten.

 

Selbst angesetzter Enzianschnaps

„Wir haben zu Hause Computer und Fernseher, fahren mit dem Auto zur Arbeit“, pflichtete ihnen die hinter dem Tresen hantierende Wirtin bei. Oswald Fürhapter berichtet von den Schwierigkeiten, über die Grundstücke der Bauern eine Langlaufloipe anzulegen. „Als wir vor dreißig Jahren anfingen, die Parzellen zu vermessen, glaubten manche, wir vergiften die Böden.“

Inzwischen ist aber vielen klar, dass es Vorteile bringt, einige fragwürdige Entwicklungen versäumt zu haben. Zum Beispiel Anton und Annemarie Gutwenger, die am sonnenexponierten Hochberg Ferienwohnungen vermieten. Das Bauernhaus mit seinen weit vorkragenden Balkonen und Dachgaupen eignet sich gut als Basislager für Touren ins Arntal. Zurück vom Berg, verkosten wir in der getäfelten Stube unterm Herrgottswinkel Annemaries selbst angesetzten Enzianschnaps. Später, nachdem seine fünf Kühe gemolken sind, setzt sich auch Anton an den Tisch. Er erzählt, dass seine Bienenvölker in guten Jahren 2000 Kilo Honig sammeln. „Am aromatischsten ist der Berghonig von der Oberstalleralm, die Kräuterwiesen sind garantiert nie mit Kunstdünger in Berührung gekommen.“ Tags darauf wandern wir noch einmal hinauf, eine der Hütten gehört den Gutwengers. Wir haben einen Schlüssel dabei und öffnen die aus klobigen Brettern gezimmerte Tür. In der niedrigen Rauchküche steht ein gusseiserner Herd, man riecht noch den kalten Ruß in den geschwärzten Deckenbalken. Im Sommer vermietet die Bauernfamilie die Almhütte. Die Gäste müssen hier allerdings auf jeden Komfort verzichten: Gekocht wird auf der uralten Feuerstelle, Lichtquellen sind Kerzen oder Petroleumlampen, waschen kann man sich draußen an einem hölzernen Brunnentrog. Hinten an die Hütte angebaut ist das Plumpsklo. Das Echte, Bodenständige, hat Anton Gutwenger beobachtet, werde immer seltener – und immer gefragter. Manche seiner Gäste wohnen zuerst in einem Ferienappartement unten auf dem Bauernhof. Nachdem sie aber die Hütte auf der Oberstalleralm kennengelernt hätten, reservierten sie diese bei der Abreise für das nächste Jahr. „Ein Stammgast droht uns jedes Mal, dass er nicht wiederkommt, falls das Plumpsklo verschwindet.“

Almen und Bauernhöfe

Unterkunft: Gannerhof, Innervillgraten 93, 04843/52 40 www.gannerhof.at
Bauernhof Gutwenger, Hochberg 23, Innervillgraten, 04843/51 62, Vermietung@Gutwenger.at

Tourismusauskunft: Europaplatz 1, Lienz, Tel.: 0043/502 123 10; www.osttirol.com;www.hochpustertal.com

Touren:www.bergschule-aah.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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