Sachsen: Kulissen für die Warner Brothers

22.02.2013 | 18:45 |  PIA VOLK (Die Presse)

Hollywood hat im äußersten Osten Deutschlands eine Stadt entdeckt, die selbst tolle Geschichten erzählen kann: Görlitz.

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Nach Görlitz zu fahren ist wie eine Zeitreise. Das haben auch Quentin Tarantino, Jackie Chan und Kate Winslet entdeckt. Sie alle standen zwischen den wunderschönen Bauten auf dem Untermarkt, wo die alten Bürgerhäuser mit den verschnörkelten Fassaden und den geschwungenen Giebeln neben den rustikalen Kaufmannshäusern stehen. Die Hollywood-Stars kamen nach Görlitz und stellten sich vor, sie seien woanders. Chan war im alten Paris, Winslet im Heidelberg vor dem Zweiten Weltkrieg, Tarantino spielte Kriegsszenen nach. Dieser Tage treiben sich Bill Murray und Tilda Swinton in der Stadt rum – für welche historische Stätte Görlitz stellvertretend steht, das ist noch geheim.

In Görlitz fällt es leicht zu vergessen, dass man sich im 21. Jahrhundert befindet. Die Stadt hat kaum Kriegsschäden erlitten und fast alle historischen Bauten der Altstadt sind wiederhergestellt. Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands. Sie entstand im Mittelalter an der Stelle, wo die Neiße die Via Regia, die alte Handelsstraße von Kiew nach Santiago de Compostela, kreuzte. Die Händler brauchten Platz für ihre Wagen und Güter. So entstanden rund um den Untermarkt Hallenhäuser, Gebäude mit riesigen Erdgeschoßen als Lager.

Das Restaurant „St.Jonathan“ am Untermarkt ist ein solches Haus. Schreitet man durch die Gewölbe, deren Wände und Decken mit floralen Mustern bemalt sind, wird einem bewusst, wie bedeutend diese kleine Stadt einst gewesen sein muss. Wie viele Menschen sind hier wohl reich geworden? Wie viele haben wohl die Sage von dem wunderschönen Mädchen erzählt? Heute ist es Hollywood, das mit seinen Geschichten das Publikum verzaubert.

 

Das Mädchen und der Mönch

Dabei hat Görlitz selbst einige filmreife Geschichten zu erzählen. In der Fleischerstraße gibt es ein Haus, an dem das in Stein gehauene Bild einer Frau hängt, die aus dem Fenster nach jemandem Ausschau hält. Sie wartet auf ihre Tochter, die nach der Messe nicht nach Hause gekommen ist. Vielleicht ist die Frau die Straße zum Obermarkt hinaufgelaufen, dem Platz, der heute als Parkplatz dient und von kleinen Geschäften gesäumt ist. Und hat dort die Leute gefragt: „Habt ihr meine Tochter gesehen?“ Vielleicht ist sie hinuntergelaufen, zum Klosterplatz, wo die Kirche steht, hat an der Tür gerüttelt, doch sie war verschlossen. Die halbe Nacht hat sie nach ihrem schönen Kind gesucht, ist am Fenster gesessen und hat gewartet.

Am nächsten Morgen erfährt sie Näheres von einem Handwerksburschen, der in der Messe war. Von weit weg kam er. Vielleicht wiesen ihm die gotischen Türme der Peterskirche den Weg, hell leuchten sie gegen den Himmel. Vielleicht kam er über den Fluss, an dessen anderem Ufer Zgorzelec liegt, einst ein Stadtteil von Görlitz, heute zu Polen gehörend. Er ging den Hügel hinauf, Richtung Marktplatz, ihm taten die Füße weh, er wollte sich ausruhen. Doch die vielen kleinen Cafés gab es damals noch nicht. So lief er am Rathaus vorbei Richtung Obermarkt, als er die Glocken der Dreifaltigkeitskirche läuten hört. Er tritt ein, schläft aber vor Erschöpfung ein.

Als er erwacht, ist es düster, nur auf dem Altar brennt noch ein Licht. Die Kirche ist verschlossen, der Küster muss ihn übersehen haben. Ein Geräusch hat ihn geweckt. Das dumpfe Klappern von Holzschuhen, die hier auch Klötzelpantoffel genannt werden, auf dem Steinboden, begleitet von einem schleifenden Geräusch. Eilig versteckt er sich in den gotischen Gebetsstühlen. Ein Mönch kommt durch die Tür, hinter sich her zieht er ein Mädchen, bewusstlos. Er schleift sie über den nackten Boden. Vor dem Altar öffnet er eine Steinplatte im Boden und wirft das schöne Mädchen in ein Verlies.

So erzählt es der Bursche. Man kann sich vorstellen, wie die Stadt beginnt, den Mönch zu suchen. Wie sie über das Kopfsteinpflaster stolpern, wie ihre Schritte in den Torbögen hallen. Wie jemand ruft: „Ich habe ihn, den Schuft.“ Wie er versucht zu türmen, in ein Haus rennt, durch die Hintertür hinaus, durch den kleinen Garten, über die rote Mauer aus Sandstein und hinein in das Labyrinth der Gassen. Er rennt vorbei an den Häusern, auf die Görlitz so stolz ist: der alten Börse mit dem mächtigen Portal, vorbei an der Rathausapotheke mit ihren zwei Sonnenuhren. Er rennt vorbei an dem Haus „Alte Waage“, einem hellen Gebäude, dessen Erdgeschoß von dunklen, ionischen Säulen getragen wird.

Die Meute ist ihm auf den Fersen, doch dann verschwindet er spurlos. Kennt er vielleicht die Pforten zu den Gängen, die es unter der Stadt geben soll? Am Ende umstellt man das Franziskanerkloster, das es seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr gibt – ob der Klötzelmönch daran mit Schuld trägt, ist nicht überliefert. Der Mönch wird gefasst, er gesteht. Das Mädchen findet man im Verlies und nach guter Hollywood-Manier verliebt es sich in seinen Retter und alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Alle, außer dem Kötzelmönch. Der wurde bei lebendigem Leibe eingemauert und seine Seele geistert seitdem durch die Gebäude rund um die Dreifaltigkeitskirche.

Aber wer weiß, vielleicht wird der Geist bald auch eine Filmrolle bekommen?

Görlitz – statt Paris oder Heidelberg

Essen: im Restaurant „St. Jonathan“ im historischen Ambiente, Peterstr. 16, Tel.: +49/3581/42 10 82. www.goerlitz-restaurant.de/

Im Hotel und Gasthof „Dreibeiniger Hund“, Büttnerstraße 12/13, +49/3581/ 42 39 80, http://dreibeinigerhund.de/ kann man nicht nur übernachten (ÜF/DZ 73 bis 95 Euro), sondern auch die schlesische Küche genießen.

Schlafen: Die ältesten Häuser sind das Hotel Börse (Untermarkt 16, www.aufnachgoerlitz.de ÜF/DZ 113–133 Euro) und das Hotel Tuchmacher (Peterstraße 8, www.tuchmacher.de DZ/Frühstück 132–177 Euro)

Pension Goldene Feder, Handwerk 12, ÜF/DZ 33–65 Euro, www.pension-goerlitz.de

Anreise: Flug nach Dresden (siehe Flüge der Woche Seite R4), weiter per Zug oder Mietwagen.
Infos:
+49/3581/42 13 62
www.goerlitz-tourismus.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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