Der Tango-Gott und das Nationalheiligtum La Catedral

Sein Kern ist die Umarmung und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Ein Wunder, dass gerade viele Wiener monatelang in Buenos Aires leben und Tango lernen?

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(c) EPA (LEO LA VALLE)

Der Broadway von Buenos Aires ist die Avenida Corrientes. Bevor die Stadtregierung beschloss, alle vier Häuserblocks eine breite Avenida anzulegen, war die Corrientes eine Calle, eine enge Straße mit vielen Geschäften, Bars und Restaurants. „Ich bin ein Bürger der Calle Corrientes, und meine Heimat ist der Tango,“ sagte Carlos Gardel, seines Zeichens Tango-Gott. Aus ärmsten Verhältnissen stieg Gardel, Sohn einer alleinerziehenden, mittellosen Immigrantin, zum Filmstar und zur größten Tango-Ikone aller Zeiten auf. „Mi Buenos Aires querido“ – Mein geliebtes Buenos Aires –, schmettert Gardel, da bleibt kein Auge trocken. Nahe der Calle Corrientes hat Gardel für seine Mutter ein Haus gekauft, heute ist die Casa Carlos Gardel ein Museum und erlaubt einen tiefen Einblick in das Wirken des Tango-Gottes und in das Leben im Buenos Aires der 1930er-Jahre.

Der Tango blüht im Viertel San Telmo, wo gern auch dem Gay-Tango gefrönt wird. San Telmo ist die Heimat des Hotels Axel, eines Boutiquehotels mit Zielgruppe „Gay mit heterophiler Philosophie“. Das Hotel ist offen für alle, gay oder nicht gay, Tango oder nicht Tango. In San Telmo spielt es sich jeden Sonntag auf den Straßen heftig ab. Beim großen Open-Air-Markt rund um die Plaza Dorriego wird auch auf der Straße Tango vorgetanzt. Empfehlenswert ist jedoch der Besuch einer der zahlreichen Tangoshows, schön ist die Esquina de Homero Manzi an der Straßenecke von San Juan und Boedo. Auf der Bühne des 1927 erbauten Speiselokals treten professionelle Tangotänzer und -sänger auf. Informeller und nicht weniger attraktiv sind die Auftritte des Orquesta Típica Fernández Fierro, das eine schräge Tango-Musik-Performance gibt.

 

Tango-Österreicher

Der Tango erlebt gerade wieder eine weltweite Renaissance. In Europa haben sich Tangolehrer aus Argentinien angesiedelt, Tangopaare touren und spannen ein Netz von Tangoverbindungen quer über den Atlantik. Besucht man im Februar eine der schicken Milongas von Buenos Aires, im Salon Canning oder in La Viruta, so tauchen bis zu zehn wohlbekannte Wiener Gesichter auf. Wenn sich Wien von seiner grauen Seite zeigt, zieht es die Sonnensüchtigen nach Buenos Aires. Wer es irgendwie einrichten kann, bleibt einen Monat, manche gar zwei Monate. Jeden Abend stehen mindestens zehn Milongas, so heißen die Tango-Tanzabende, zur Auswahl.

Österreich brauche mehr Tango, predigen die Tangolehrer, die ihre Künste am Rio de la Plata vertiefen, Rosa und Caros, Nicolás und Andrea oder María Casán und Pablo Ávila, die in Wien unterrichten. María Casán: „Tango Argentino ist der Ausdruck einer Kultur und einer Lebenseinstellung, die in vielen Punkten konträr zur österreichischen Kultur ist, daher wirkt sie als Ergänzung. Kernstücke des Tangos sind die Umarmung und die Voraussetzung, sich dem Unbekannten zu öffnen.“

María und Pablo belegten 2012 den sensationellen sechsten Platz bei der Tango-Europameisterschaft. Viele, die in Buenos Aires ihren Tango weiterentwickeln wollen, wohnen gleich im Haus ihrer Lehrer – zum Beispiel bei Claudio González und Cristina Capece, die in ihrem Tangostudio Stunden geben und im Stock darüber Zimmer vermieten. Stolz ist Buenos Aires seit der Wahl Bergoglios darauf, dass auch der Papst ein Tango-Fan ist, ein echter Porteño eben! Porteño ist die Bezeichnung für die Einwohner von Buenos Aires, Hafenmenschen, verbunden durch ein gemeinsames Lebensgefühl. Die Lieblingstangos aus der Jugendzeit des Papstes sind die großen Tangos von Carlos Gardel, jene von Tita Merello und von Ada Falcón, einer Tangosängerin, die mit vierzig Jahren beschloss, Nonne zu werden und in ein Franziskanerkloster eintrat. Franziskus, alias Jorge Mario, ging früher auf Milongas zum Tanzen und wurde als Kleriker zum Bewunderer von Astor Piazzolla. Unlängst meldete sich die erste Liebe des Papstes in der argentinischen Zeitung Clarín zu Wort. „Wir waren beide zwölf Jahre alt,“ erinnert sich Amalia und erzählt von einer Karte, die ihr der spätere Papst einst geschickt hat. Darauf ein Haus und der Text: „Das ist das Haus, das ich kaufen möchte, wenn wir verheiratet sind.“

 

La Catedral

24 Uhr: Buenos Aires Hora Cero heißt eine legendäre Tangonummer von Astor Piazzolla. Um Mitternacht geht es los in einer „der“ Tango-Locations der Stadt, „La Catedral“. Ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist, heißt es. Putztrupps wurden vor vielen Jahren zum letzten Mal hier gesehen. Alles ist Patina in La Catedral. Ängstliche Gäste fürchten sich, ein Glas Wein zu bestellen, weil nicht klar ist, was im mikrobiologischen Bereich mitgeliefert wird. Also rauf auf die Tanzfläche im alten Getreidespeicher, der so unglaublich hoch ist wie eine Kathedrale, geweiht dem Tango. Carlos Gardel, der argentinische Nationalheilige, lächelt beruhigend über den Tänzern, in Schwarz-Weiß, göttlich elegant mit Borsalino und Schal. Junge Paare tanzen im Kreis der Milonga auf dem einfachen Bretterboden. Die Musik ist hervorragend, die Stimmung heiter und angeregt.

Tango – lernen, hören und sehen

Tango-Orchester
Orquesta Típica Fernández Fierro, tritt auf im Club Caff, Sanchez Bustamante 764. www.caff.com.ar/

Musiktipp
Piazzolla plays Piazzolla, Enkel Pipi spielt mit seiner Band Escalandrum die Kompositionen von Großvater Astor, auf seine Weise. www.mundosgiras.com

Österreichische Tangolehrer mit Buenos-Aires-Background
María y Pablo www.2x4tango.at
Carlos und Rosa www.tangopasional.com
Nicolás Bertucci
www.nicolastango.com

Milongas sind Tanzveranstaltungen, Milonga ist aber auch eine rioplatensische Musikrichtung.

Salon Canning – Montag, Dienstag und Freitag, La Viruta – Sonntag, La Catedral – Dienstag
www.buenosairesmilongas.com


Tangoschuhe
Neotango, Sarmiento 1938

Täglicher Kurs für den „Dólar Blue“: www.dolarblue.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)

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