Die schwarzweiße Welt von Afrikas letzten Königen

06.04.2013 | 18:16 |  von Norbert Rief (Die Presse)

Seit zwei Jahren reist der Klimt-Experte und stellvertretende Direktor des Kunstmuseums Belvedere, Alfred Weidinger, nach Afrika, um einem ganz speziellen Projekt nachzugehen: Der Hobbyfotograf porträtiert die letzten Könige Afrikas.

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Normalerweise sind Museen seine Welt – die National Gallery in London, das Museum of Art in Toyota in Japan, das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh in den USA –, und Gustav Klimt ist das Objekt, dem er in diesen Museen auf der Spur ist. Alfred Weidinger, stellvertretender Direktor des Kunstmuseums Belvedere in Wien, ist einer der anerkanntesten Klimt-Experten der Welt. Ein paar Mal im Jahr aber tauscht er den Anzug gegen Jeans und macht sich in abgelegenen Regionen auf die Suche nach ganz anderen Objekten: nach den letzten Königen Afrikas.

„Es ist ein Projekt, das ich mit großer Leidenschaft verfolge“, sagt der 51-Jährige. Seit zwei Jahren bereist der Hobbyfotograf Weidinger mit zwei Leica-Kameras im Gepäck Afrika, um mächtige und weniger mächtige Herrscher zu porträtieren. Einmal ist es ein König mit 500 Angestellten, einmal einer, der in einer schlichten Lehmhütte lebt.


König der Lehmhütten. Etwa 250 Könige gibt es in Afrika, wobei der Begriff „König“ breit gefasst ist. Eine absolute Monarchie gibt es nur noch in Swasiland, wo König Mswati III. seit 1986 regiert. Der 44-Jährige ist für seinen extravaganten Lebensstil bekannt. Seinen 40. Geburtstag feierte er beispielsweise mit 10.000 Freunden und schenkte sich selbst eine neue Mercedes-Flotte. Seine Ehefrauen, die Angaben schwanken zwischen zwölf und 15, sind mit einheitlichen BMW ausgestattet.

Obwohl Mswati III. 2005 eine demokratische Verfassung unterzeichnet hat, werden sowohl der Premierminister als auch alle Minister von ihm ernannt, politische Parteien sind in dem Staat mit 1,4 Millionen Einwohnern verboten. Die kleine Monarchie, die flächenmäßig etwa so groß ist wie Niederösterreich, hält zwei Rekorde: Sie hat die höchste Aids-Rate und die geringste Lebenserwartung der Welt: Die Einwohner werden im Durchschnitt 34 Jahre alt.

Die größte und bekannteste Monarchie ist jene in Marokko. König Mohammed VI. ernennt dort zwar den Ministerpräsidenten, der Kandidat wird ihm aber von der stärksten Partei vorgeschlagen. Die Minister müssen vom König bestätigt werden, der auch die theoretische Macht hat, das Parlament aufzulösen und den Ausnahmezustand zu verhängen. Und dann gibt es noch Lesotho, die Enklave in Südafrika. Sie ist eine parlamentarische Monarchie, in der König Letsie III. nur rein repräsentative Aufgaben übernimmt. Jegliche politische Einmischung ist ihm per Verfassung verboten. Selbst bei der Erbfolge ist seine Macht eingeschränkt: Zwar geht die Krone üblicherweise auf den erstgeborenen Sohn über, aber ein Ältestenrat von Stammeshäuptlingen kann auch jemand völlig anderen zum neuen König von Lesotho ernennen.

Wirklich interessant, und das sind die Lieblingsobjekte von Alfred Weidinger, wird es aber bei den Dutzenden Königen, deren Königreiche oft nur ein paar Lehmhütten in einer weit abgelegenen Berg- oder Dschungelregion umfassen. Zu einer „Monarchie“ wurden die Gebiete im Zuge der Kolonialisierung, als sich die früheren Stammesführer zu Königen machten. In Nigeria gibt es noch immer die meisten Königreiche Afrikas, etwa 70 bis 80. Im Tschad sind es zwölf, in Ghana, dem sagenumwobenen Land, sind es viele Dutzend (einer hat sogar eine Website: www.sk4.org).

Die meisten von ihnen sind heute rein spirituelle Führer, formelle politische oder judizielle Macht haben sie nicht. Ihr Einfluss in ihrem Königreichen ist aber so groß, dass sie von den Zentralregierungen der Staaten äußerst pfleglich behandelt werden. Ihnen werden alle zeremonielle Ehren eines Monarchen zuteil, teilweise werden sie von den Zentralregierungen finanziell unterstützt. Uganda setzte die Könige 1993 sogar wieder mit allen Rechten ein, das Königreich Buganda genießt heute teilweise Unabhängigkeit vom Staat. Wie hoch ihre Macht eingeschätzt wird kann man auch daran erahnen, dass sich Libyens Ex-Führer Muammar al-Gaddafi bei einem Treffen von 200 Königen und Stammesführern im August 2008 in Bengasi zum „König der Könige“ wählen ließ (wofür er sich bei den Teilnehmer mit Geld und Geschenken bedankte).

„Im täglichen Leben ist der König Streitschlichter und weiser Ratgeber“, erzählt Weidinger. „Stammesangehörige kommen zu ihm, wenn es Auseinandersetzungen gibt oder wenn es um wichtige Entscheidungen für das Dorf geht.“


Ausschlafen vor dem Fotoshooting. Bisher hat Alfred Weidinger 80 Könige fotografiert, unter teils skurrilen, oft mühsamen Bedingungen. „Man kann ja nicht vorher anrufen oder einen Termin per E-Mail ausmachen.“ Telefone oder Computer sind den meisten fremd. Also bleibt nur der Flug in die Hauptstadt, die Suche nach einem Fahrer und einem Führer, der die Sprache des Stammes spricht, und eine stundenlange Anreise. „Verhandelt wird immer mit den Ältesten, man kann nicht einfach zum König gehen.“ Und die haben manchmal seltsame Forderungen: „Einmal ließ man mich wissen, dass es eine Million Dollar kostet, den König zu fotografieren.“ In einem Königreich in Ghana wollte der ganze Ältestenrat bezahlt werden. Am Ende aber standen alle kostenlos Modell und begnügten sich mit Klassik-CDs und -DVDs, die Weidinger mitbringt. „Einen DVD-Spieler haben sie überall, sogar in der einfachsten Lehmhütte.“

Die Idee für das Projekt kam dem Kunstexperten 2009, als er Piraten in Somalia fotografierte. Seither verbringt er seine Urlaube auf dem Kontinent. „Oft sind es nur ein paar Tage: ein Hinflug, die Fahrt zum König, und wieder zurück nach Wien.“ In der Theorie. In der Praxis kommen beispielsweise lokale Auseinandersetzungen dazwischen, etwa in Nigeria, wo Weidinger in Militärhaft landete. Oder die Könige selbst sorgen für Verzögerungen. Etwa jener, der sich noch ausschlafen wollte, bevor er fotografiert wird.


Kein Blitz, keine Farbe. Arrangiert wird von Weidinger bei seinen Fotoshootings nichts. „Jeder König kann sich hinsetzen, wo er will; er kann anziehen, was er will; er kann sich fotografieren lassen, mit wem er will.“ Ein bis zwei Stunden dauere es üblicherweise, bis der König umgezogen ist und befindet, dass er jetzt fotografiert werden kann. Die Kommunikation findet immer über den Führer und die Ältesten statt. „Einen König kann man nicht direkt ansprechen.“

Auf Farbe oder Blitz verzichtet der Hobbyfotograf, er macht alle Porträts in Schwarz-Weiß (für fotografische Details siehe nebenstehenden Bericht). Zwei weitere Jahre will Weidinger nach Afrika reisen, 40 bis 50 Könige stehen noch auf seiner Liste. Einige großformatige Fotos wird er heuer im Herbst in Berlin ausstellen, am Ende des Projekts steht ein großer Bildband über Afrikas letzte Könige.

Etwas verbindet übrigens alle Könige, bei denen Alfred Weidinger war, egal, ob sie reich und mächtig waren oder arm und in einer bescheidenen Hütte lebten: das Nummernschild. „Ich hab es auf großen Mercedes gesehen und auf Autowracks, die irgendwo vor sich hinrosteten.“ Jeder König hat als Autokennzeichen „Majesty“.

zwei Kameras, Ein Objektiv

Alfred Weidinger reist seit zwei Jahren regelmäßig nach Afrika, um die Könige des Kontinents zu fotografieren. Für Interessierte: Der stellvertretende Direktor des Belvederes reist leicht, im Gepäck hat er meist nur zwei Leica-Kameras und ein Objektiv. Eine Leica ist aus dem Jahr 1958 (eine M 3) und mit einem Schwarz-Weiß-Film geladen, die zweite Leica ist die digitale M-Monochrome, die auf ihrem Chip nur Bilder in Schwarz-Weiß speichern kann. Er wolle nicht mit Farbe von dem Fotografierten ablenken, erklärt Weidinger. Das gilt auch für die Wahl des Objektivs: Für die Porträts verwendet er ein Noctilux 50 mm mit einer Lichtstärke von 0,95. In der Praxis bedeutet eine solche Lichtstärke, dass sich die Schärfe auf wenige Zentimeter beschränkt: Während die Augen scharf abgebildet sind, sind Nasenspitze oder Ohren schon unscharf. „Die Augen“, erklärt Weidinger, „sagen das meiste über einen Menschen aus.“ Peter M. Kubelka

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2013)

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