Kulturhauptstadtflucht auf den Kulturwanderweg

26.04.2013 | 18:29 |  HOMOLKA (Die Presse)

Alles redet von Marseille. Dabei wurde das Prädikat „europäische Kulturhauptstadt 2013“ nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Region zuteil.

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Alles redet von Marseille. Dabei wurde das Prädikat „europäische Kulturhauptstadt 2013“ nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Region zuteil. MP2013 lautet das Kürzel, der zweite Buchstabe steht für die Provence, und das ist gut so und sollte man nicht vergessen. Klar, Marseille kann mit einem atemberaubenden Programm aufwarten, praktisch im Wochenrhythmus eröffnet irgendwo eine Ausstellung, ein Event oder gar ein ganz neues Museum, soeben erst fertig gebaut, oft noch inmitten der Baustelle für die umliegende Infrastruktur.

Das Kulturhauptstadtjahr ist aber nur ein Bruchteil der Aktivitäten rund um die Aufwertung Marseilles, die mit der Initiative „Euromediterraneé 2000“ 1995 gestartet und auf 25 Jahre angelegt wurde. Die Stadt befindet sich im letzten Drittel dieses Wandels, doch während das kulturelle Upgrading im Lauf des Jahres fast abgeschlossen sein wird, darf der Besucher allenthalben miterleben, wie die Infrastruktur der Großstadt Tag für Tag ein Stückchen weiter ihrer Fertigstellung 2020 entgegenwächst.

Genau das macht den Besuch auch so atemberaubend. Manch ein Museum sieht man zwar schon aus der Ferne, doch der Weg dorthin zwischen all den Baustellen und -gruben und der Eingang, die wollen erst einmal gefunden werden. Zudem vergrößert die Einbeziehung des alten Hafengeländes das Gelände um so manchen Quadratkilometer – und, mal ganz ehrlich: Wer enträtselt schon gern den Netzplan der Buslinien, wenn man eine 2600 Jahre alte Stadt zu Fuß entdecken will?

Nein, dass man nach ein paar schlauchenden Kulturtagen im Großstadtdschungel zur Entspannung ins Umland flüchtet, dieser Effekt war von den Veranstaltern wohl nicht eingeplant. Als naheliegendstes Ziel bietet sich das romantische Fischerdörfchen L'Estaque an, in das es die Städter schon Anfang des letzten Jahrhunderts gezogen hat, wenn sie Lust auf frische Luft hatten. Und frische Seeigel. Die gelten als Delikatesse, sind allerdings selbst recht wählerisch und wollen nur in sauberem Wasser leben. Daher findet sich auf den Speisekarten der Restaurants neben dem Eintrag „Oursins“ meist der Hinweis, man möge sich mit der Frage nach der Verfügbarkeit an das Personal wenden.

Neben den empfindlichen Meerestieren fanden auch sensible Künstler an der Gegend Gefallen. Von Cezanne über Renoir bis Braque war hier die Maler-Créme-de-la-Créme gern zu Gast und hat mit Impressionismus, Fauvismus und Kubismus epochale Stilrichtungen auf den Weg geschickt.

Auf diesen möchten auch die Schöpfer des GR2013 ihre Gäste bringen: Das Kürzel steht nicht für das diesjährige hellenische Sparpaket, sondern für Grande Randonnée, das große Wandern. Nun mag es kurios erscheinen, einen Wanderweg zum Kulturgut zu zählen, doch dieser führt auf seinen 360 Kilometern Gesamtlänge nach Routenvorschlägen von Künstlern zu durchaus interessanten Orten, vom wenig bekannten Vorort über aufgelassene Bahnlinien bis zu Installationen.

 

Lionel Feuchtwanger, Max Ernst

Von Aix ist es nicht weit zu einer der eindrucksvollsten Stationen des Wanderweges durch die kulturelle Provence: zum „Camp des Milles“. In dem Areal einer alten Ziegelfabrik errichtete Frankreichs Regierung ab 1939 ein Lager für Flüchtlinge aus Österreich und Deutschland, auch viele spanischen Freiheitskämpfer landeten hier. Die Namensliste des Camp des Milles liest sich wie eine Besetzungsliste: Neben Lionel Feuchtwanger und Max Ernst zählte auch der spätere Medizinnobelpreisträger Otto Meyerhof zu den Internierten. Als letztes erhaltenes Lager in Frankreich wurde es unter der Ägide von Kulturminister Jaques Lang unter Denkmalschutz gestellt und auf Initiative von Alain Chourauqi und dessen Vater André, der in der Resistance aktiv gewesen war, zur Gedenkstätte umgestaltet. Das Bauwerk gibt eindrucksvoll Einblick in den Lageralltag, den sich die Insassen mit Theatervorstellungen und Musikdarbietungen erträglich machten. „Abendkasse“ und „Kabarett“ heißen Aufschriften an den Wänden, die auch mit Kulissenmalereien verziert sind. Geschlafen wurde zu Hunderten auf dem Boden der riesigen, wiewohl niedrigen Brennöfen.

Frankreich, betont Alain Chourauqui, hat das Lager eingerichtet, als es noch ein freies Land war – die deutsche Besatzung und das Regime von Vichy konnten sich eines bereits existierenden Lagers bedienen. Zu den Insassen kamen dann noch die jüdischen hinzu, von denen über 2000 ihren letzten Weg nach Auschwitz antraten. Die Gedenkstätte ist in drei didaktisch miteinander verbundene Abschnitte unterteilt, äußerst informativ und definitiv einen Umweg wert.

Ganz anderer Natur ist der nächste Abstecher. Etwas nördlich von Aix en Provence liegt gegenüber der mittelalterlichen Burgruine Le Puy Sainte Reparde der wunderbare Kunst- und Architekturgarten des schönen Château La Coste. Hinter einer riesigen rechteckigen Wasserfläche wartet ein von Jean Nouvel extrem reduziert in Beton gegossener, großzügig verglaster Empfangs- und Degustationspavillon. Die Weinherstellung erfolgt in riesigen Aluhallen, die nicht nur wie halb versunkene Fässer aussehen, sondern tatsächlich mindestens so tief ins Erdreich wie darüber hinaus reichen. Ein „dekonstruierter“ Musikpavillon von Frank Gehry komplettiert das Ensemble. Nur im Zentrum scheint die Zeit stillzustehen, da laden altmodische Tischchen auf der Terrasse des historischen Château zum Verweilen und Verkosten ein.

Doch wird sich kaum jemand mit dem Genuss der Weine begnügen, die gibt es hier schließlich oft genug. Was das Château La Coste zum einzigartigen Erlebnis macht, ist die Leidenschaft der kunstsinnigen irischen Gastgeber, die die Landschaft ihres Weingutes zum Gesamtkunstwerk gemacht haben. So wandert man, teils auf den uralten Steinen einer wieder instand gesetzten römischen Straße, teils über Spazierwege und Brücken, die von Landschaftskünstlern angelegt wurden, durch die fantastische Sammlung der McKillans – vorbei an Franz Wests überdimensionalem gelben Kunststoffphallus hinauf zur von Tadao Ando meditativ verhüllten romanischen Kapelle. Mindestens zweieinhalb Stunden sollte man sich dafür Zeit nehmen, und mindestens zweimal täglich wird man bei einer Führung mit den Werken, ihren Schöpfern und der Philosophie ihrer Förderer bekannt gemacht, und das sogar auf Englisch! Ein Luxus in der frankofonen Welt. Die Stärkung im Restaurant verzichtet dafür auf anglikanische Strenge, in der Küche regiert der Chauvinismus, und das ist gut so!

6www.mp2013.fr; www.campdesmilles.org; www.chateau-la-coste.com

Wohnen und speisen in Marseille und in der Provence

Hotel 28 A, Aix: In einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert versteckt sich dieses luxuriöse Gästehaus mitten im Zentrum. Jede der drei Suiten und das einzige Zimmer scheinen aus einer anderen Welt zu stammen, ein Geheimtipp, den man nicht sucht, sondern findet! Zimmer ab 250€, Suiten ab 280€. 28, Rue du 4 Septembre, Aix-en-Provence. www.28aaix.com

Residence du Vieux Port: Beim Aufwachen die goldene Statue auf dem Kirchturm von Notre Dame de la Garde zwischen den Zehenspitzen zu sehen, das hat schon was! Dazu die lautstarken Lobpreisungen der Fischer für ihren Fang als Soundtrack und alle Attraktionen in Gehdistanz – ideal! DZ ab ab 115€. 18, Quai du Port, Marseille.
www.hotel-residence-marseille.com

Gastronomique Le Miramar:Christian Buffa und seine Brigade bereiten die Bouillabaisse natürlich gern comme il faut zu, erklären, wie's geht und was reinkommt. Wer mag, den führt der Meister mit einem Kurs in die hohe Kunst des langsamen Brühens ein. 2, Quai du Port, Marseille. www.bouillabaisse.com

Restaurant Lounge Bataclan: In der alten Olivenölfabrik neben den römischen Bädern taucht man tief in die Geschichte von Aix und die Geschmäcker der Provence ein. An die Regentschaft der Katalanen erinnern die Tapas, den LoungeCharakter haben schon die Römer mitgebracht. 2, Rue d'Entrecasteaux, 13100 Aix-en-Provence.
www.bataclan-aixenprovence.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2013)

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