Toskana/Maremma: Im Zeichen des Wassermanns

03.05.2013 | 18:14 |  von Irene Rauch (Die Presse)

Eine Reise in Italiens vielleicht beste aller Zeiten: zu den Etruskern, in eine tausendjährige Ära von geistigem Wachstum und Prosperität.

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Marsiliana, ein verschlafenes Nest zu Füßen eines mittelalterlichen Schlosses auf einem mit Korkeichen, Steineichen, Olivenbäumen, Zypressen und Pinien bewachsenen Hügel. Der Oleander blüht pink, der Duft des Jasmins öffnet das Herz und die Feigen fallen von den Ästen.

Eine junge, dunkelhaarige Frau trinkt Kaffee im Schatten einer Eiche und bedauert: „Nein, die etruskischen Gräber in Marsiliana sind nicht zu besichtigen. Sie sind der Macchia anheimgefallen. Die Behörden haben kein Interesse an ihrem Erhalt.“ Dieses Schicksal teilen viele Monumente in der Maremma, die der Wissenschaft wertvolle Hinweise auf die Kultur der Etrusker liefern könnten.

Die Maremma liegt nördlich von Rom zwischen dem tyrrhenischen Meer und dem Vulkan Monte Amiata. Etruskische Nekropolen neben malerischen mittelalterlichen Städtchen, naturbelassene Strände und die Therme von Saturnia locken in dieses Gebiet, in dem die Schickimickiszene aus Rom und Florenz ihre Sommervillen hat, aber auch Prominenz aus Übersee, etwa Sting.

Ein schöner Ausgangspunkt ist Talamone, wegen der Lage auf dem Zipfel einer Bucht und des weiten Ausblicks über den toskanischen Archipel, den Argentario, Giglio, Monte Christo und Elba. Es lebt vom Tourismus und seinem Jachthafen. In der Bucht des Talamonaccio, eines Hügels, auf dem sich ein etruskischer Aphrodite-Tempel befindet, blähen sich die bunten Schirme der Kitesurfer. In einer Stunde erreicht man landeinwärts Sovana, Pitigliano und Saturnia – eine etruskische Runde, die im Zeichen der Fische steht. Die Etrusker bauten nach einer heiligen Geografie, „Wie oben, so unten“, entsprechend den Planeten und Sternkreiszeichen. Templer, Hexen und andere Häretiker bevorzugten dieselben Plätze, etwa den 2000-jährigen Olivo delle Streghe, den Olivenbaum der Hexen in Magliano.

 

Geflügelte Sirene

In Sovana ist das Grab der Sirene zu besichtigen. Im Wald versteckt liegt dieses steinerne Zeugnis einer anderen Zeit. Die geflügelte Sirene symbolisiert den Menschen, der aus dem Wasser kommt und das Fliegen lernt, aus dem Uterus zu geistiger Entwicklung gelangt. Ein weiteres berühmtes Grab ist die Tomba Hildebranda, ein in den Stein gehauener Tempel mit Grabkammer, Zeugnis einer Kultur, die ihre Tempel in den Tuffstein gehauen hat, nach einer genau berechneten Ausrichtung, sodass der Sonnenstand auf den Säulen die Zeit anzeigte.

Zugänglich ist in Sovana auch der Cavone, ein für rituelle Prozessionen in den Stein gehauener Hohlweg, bis zu 20 Meter tief, mit moosbehangenen Wänden. Die Wurzeln der Sträucher und Bäume im Erdreich sind sichtbar wie in den Stein geschlagene Kreuze mittelalterlicher Einsiedler. Gegenüber auf dem Hügel von Sovana befindet sich der Dom aus dem zwölften Jahrhundert. Die Langobarden errichteten hier viele Kirchen auf alten Kultplätzen, und neben Säulenreliefs von Adam und Eva figuriert die geflügelte Sirene, der Stier, der Ritter, die Rose und andere wenig christliche Ikonografen. In den Festen und Feiern im Jahreskreis finden sich heute noch alte Rituale wie die Feiern zu Ehren St. Josefs, des Patrons der Handwerker, die die alten Prozessionen zu Ehren Minervas, Göttin der Künste und der handwerklichen Berufe, ersetzt haben.

Am Eingang des Doms von Sovana werden Bücher über die Etrusker angeboten. Sie lebten hier zwischen ca. 1000 v. Chr. und 100 n. Chr. und waren Meister der Metallverarbeitung, der Töpfer- und Webkunst, der Schifffahrt und der Wasserbautechnik. Sie versorgten ihr Volk durch unterirdische Kanäle mit Trinkwasser und bewässerten die Felder, die dank einer hoch entwickelten Agrikultur beste Erträge abwarfen.

Ihre Metall- und Tonerzeugnisse wurden bei Kelten, Phöniziern und Karthagern gefunden. Einmal im Jahr traf sich die Föderation der zwölf etruskischen Völker zur Wahl des Lukumonen beim Tempel der Veltumna, am nahegelegenen Bolsenasee – zu Schauspielen, Pferderennen, Musik, Gelagen und Ritualen zu Ehren ihrer Götter. Statt sich an den Grenzen zu bekämpfen, hielten sie dort gemeinsame Rituale ab. So hielten sie Frieden, lebten in Einklang mit der Natur, ihre Gesellschaft prosperierte; Wissenschaft und Kunst florierten wie die etruskische Disziplin, die den Römern und Griechen so wenig geheure Magie der Etrusker, deren Schriften allesamt verloren sind, in Provinzbibliotheken verstauben und im Privatbesitz ruhen. „Die Geschichtsbücher müssten umgeschrieben werden“, schrieb Werner Keller 1970, „Rom wurde nicht von dem legendären Brüderpaar Romulus und Remus gegründet, sondern von etruskischen Priesterkönigen.“ Bis heute gibt es kein gesondertes Kapitel in den Geschichtsbüchern, doch die Etrusker waren keine Randerscheinung der Römer, sondern deren Lehrmeister.

Über Felder und Weiden immer tiefer in die vulkanisch geformte, gewässerreiche Tuffsteinregion vordringend, erreicht man Pitigliano. Der Ort wird das kleine Jerusalem genannt, weil die jüdische Gemeinde immer gut integriert war. Er beherbergt großartige Weinhandlungen, die als Logo meist ein Bild des Dionysos führen, als wäre der Kult des Weingottes noch präsent. Der berühmte Bianco di Pitigliano stammt von hier. Von Santa Maria la Scala, einer kleinen Kapelle am Eingang des Ortes aus hat man einen wunderbaren Panoramablick auf dieses Zeugnis mittelalterlicher Baukunst mit dem Palazzo Orsini, Adelssitz der gleichnamigen Familie, der Kontakte zu den Templern nachgesagt werden.

Schauen und schlafen

Anreise: mit der ÖBB oder mit dem Flugzeug nach Rom und mit den Staatsbahnen Richtung Pisa, in Orbetello Mietwagen. Die Autorin war auf eigene Kosten unterwegs. Infos: www.enit.at

Schlafen: Terme di Saturnia Spa & Golf Resort, ein Leading Hotel of the World. Edelherberge in einem historischen Gebäude aus Travertin. 3Ü/F ab 1080€ pro Zimmer. www.termedisaturnia.it/de

Saturnia Terme: Seit tausenden Jahren ergießt sich Schwefelwasser mit 37 Grad als kleiner Wasserfall in ein ovales Kalkbecken. Das Bad wirkt wie ein Jungbrunnen, heißt es.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2013)

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1 Kommentare

bereise die gegend seit über 40 jahren,

selten so viel halbrichtiges und falsches gelesen, sprachlich ist der artikel sowieso eine katastrophe. zum übernachten fällt der autorin nur ein luxusresort ein? lokal überhaupt keines?

tipp: zu hause bleiben, reiseführer kaufen, abmalen. bringt mehr, spart kosten für den auftraggeber!

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