Belgrad: Popcorn, Table Dancing und Steckerlfisch

03.05.2013 | 18:15 |  PETER BUNDSCHUH (Die Presse)

Die unzähligen Straßencafeś der Fußgängerzone verführen zum Leuteanschauen und von Leuten angeschaut zu werden.

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Wenn die Jungs zu dritt dort wohnen, wird es auf Mircos siebenundzwanzig Quadratmetern etwas eng. Die beiden anderen, etwas größeren Wohnungen sind wieder einmal unter der Hand vermietet, die Geschäfte gehen leidlich gut. Meist sind es Budgetreisende, die mit dem fabrikneuen „Firmenkleinstwagen“ – Gepäck auf dem Dachträger – vom Flugplatz oder sonst wo abgeholt werden. Nach einer knappen Stunde findet sich der Fremdling dann in einer Wohnung auf Junggesellenniveau untergebracht und heißt, laut Türschild, Jovanovich. Das schafft immerhin ein gewisses Gefühl der Zugehörigkeit.

 

Dresscode, bummeln, shoppen

Lady Serbia trägt nach wie vor hauteng, kurz bis ultrakurz und hochhackig. Bei Herrn Srb verdrängt derzeit der Markentrainingsanzug die Kunstlederjacke zur leicht verbeulten Jogginghose aus dem urbanen Straßenbild. Die hiesigen Straßenschilder sind vorwiegend in kyrillischer Schrift verfasst. Macht aber nix, ihre Namen ändern sich ja sowieso laufend, und die freundlichen Belgrader geben gern Auskunft, nur halt auf Hochserbisch.

Der Fahrpreis für die Straßenbahn wird angeblich irgendwie von irgendeiner Karte, die es irgendwo gibt, elektronisch abgebucht – theoretisch kann man aber auch beim Fahrer bezahlen. Dieser hat allerdings kein Wechselgeld und gibt etwas zu verstehen, das eventuell als „Ja, ja, passt schon“ durchgehen könnte.

Außerdem genießt man als ausländischer Öffi-Benutzer absoluten Exotenbonus und wird von den Einheimischen geradezu hofiert. Taxler hingegen sind und bleiben weltweit solche und man sollte zumindest die Dimension des Fahrpreises vorvereinbaren. Hinweise auf Taxameter hin oder her.

 

Zwischen Terazije und Festung

Die unzähligen Straßencafeś der Fußgängerzone verführen zum Leuteanschauen und von Leuten angeschaut zu werden. Frau zeigt viel Bein und der Begleiter Kurzhaarschnitt, eventuell mit gummibandgebändigtem Nackenschwanzerl. Zu kaufen gibt es hier in der Knez Mihailova jede Menge.

Ins Auge stechen aber – fast wörtlich gemeint – die Damenschuhe in allen Zuspitzungen, Formen und Farben. Dazu gibt es an jeder Ecke Popcorn, das sich hingegen von unserem kaum unterscheidet. Übrigens, die ubiquitären sogenannten „Kafanas“ leiten sich zwar von Kaffeehaus ab, sind aber Kneipen. Oft sehr heimelig und wenn man Glück hat, spielt eine Liveband Melodien von beschwingt bis melancholisch.

Den wohl besten Ausblick auf den Mündungswinkel zwischen Save und Donau bietet das Plateau der Burganlage. Gekrönt wird der Kalemegdan, die Parkanlage auf dem Glacis der Burg, von den Zinnen der oberen Festung. In dieser romantischen Grünoase lässt es sich nicht nur flanieren, sondern so ganz nebenbei auch hervorragend küssen – auch bei Starkregen, wie es die vielen jungen Paare eindrucksvoll vorexerzieren.

Durch die Tore des Forts führen Spazierwege den sanften Abhang hinunter zu den Resten der historischen Unterstadt, dem Beginn der lang gestreckten Fußgängerzone. Neben den großen Marken prägen hier Buchläden, Antiquariate und Straßengalerien die Umgebung der Stadtbibliothek. Besonders am Samstagnachmittag sorgen Straßenkünstler mit teilweise spektakulären Darbietungen für Kurzweil.

Highlight ist dabei wohl die Akrobatikshow der Beograd-Breakdancers. Das Stadtleben pulsiert heftig auf den großzügig breit angelegten Straßen und Plätzen bis hin zum Platz der Republik und der Terazije, dem Hauptplatz der Altstadt. Er braucht den Vergleich mit anderen Großstädten nicht zu scheuen. Ob nun der gelegentlich angestellte Vergleich mit dem Pariser Montmatre hält, sei dahingestellt. Deutlich authentischer ist das Leben in Skadarlija mit Sicherheit, dem „Bohéme“-Viertel Belgrads mit der einzigen mit Kopfsteinen gepflasterten Straße der Altstadt. Hierher führen die Belgrader ihre Gäste in rustikale Restaurants oder Abendbars aus. Zum deftigen Essen und heftigen Trinken spielen Bands mit Klarinette, Violine, Kontrabass und Gitarre. Und dass zu fortgeschrittener Stunde eine veritable Balkanschönheit einen Tisch zum Tanzen entert, ist keine Seltenheit, und sicher nicht den Touristen zuliebe.

 

Kontrastprogramm Auen

Heute Stadtteil, in früheren Zeiten Grenzstadt zwischen Monarchie und Osmanischen Reich, wäre Zemun wohl so eine Art boomendes Vergnügungsviertel mit Heurigencharakter und Steckerlfischambiente, wenn, ja wenn es mehr zahlungskräftiges Publikum gäbe. Kaum Tourismus und wenig Geld in den einheimischen Börsen haben den Fischrestaurants und Clubs auf den Hausbooten und Stelzenhäusern bislang ihren urigen Charme bewahrt. Und zwischen den Bauten erstreckt sich die Au als eine Art Donau-SaveDschungel. Nach den gewaltigen Grillplatten, dem einen oder andren Slivovic und dem Dezibelnahkampf der konkurrierenden Kapellen empfiehlt sich ein Spaziergang entlang des Saveufers mit der gegenüberliegenden Burg als Hintergrund. Durch ausgedehnte Grünanlagen führt der Weg Richtung Donaumündung vorbei an privaten Hausbooten und ihren fischenden Bewohnern.

Die Bauwerke der Kralja Milana, einer der Hauptstraßen, wurden um 1900 errichtet und stellen, von Parkanlagen aufgelockert, ein schmuckes Ensemble dar. Dann, ganz unvermutet und höchst irritierend, taucht die Bombenruine des ehemaligen jugoslawischen Generalstabsgebäudes hinter den Fenstern der Straßenbahn auf.

Angeblich ist eine Sprengung aus Rücksicht auf den Rest der Stadt technisch nicht machbar. Es erwachen Erinnerungen an das Nato-Bombardement von Belgrad 1999 und einen Krieg, der in vielen Köpfen immer noch nicht beendet ist. Serbien mag sich von Europa auf politischer Ebene als vor den Kopf gestoßen betrachten, nicht aber vom einzelnen Besucher. Dieser wird in den allermeisten Fällen überraschend gastfreundlich empfangen. Ansonsten ist das Land wirtschaftlich schwer angeschlagen, auch wenn diese Tatsache in der Belgrader Innenstadt eher Schleier trägt und die Hoffnung auf ausländische Großinvestoren seitens der Politik vehement aufrechterhalten wird.

Sich betten, sich etwas gönnen, Belgrader Adressen

Hotels
Queen's Astoria Design Hotel****
Sehr schönes, gediegenes Hotel im Zentrum von Belgrad mit einladender Pianobar. Das Haus sei besonders Zugreisenden ans Herz gelegt, weil in einer Seitenstraße des Bahnhofs gelegen. Doppelzimmer ab 89€. Milovana Milovanovica 1, Stari grad, 11000 Belgrad. www.astoria.rs

Hotel Majestic****
Elegantes Gästehaus im Herzen der Stadt. Besonders reizvoll für Shoppingfans, schöne Lage nahe der Burg Kalemegdan sowie dem alten böhmischen Viertel. Doppelzimmer ab 92€. Obilićev venac 28, Stari grad, 11000 Belgrad; www.majestic.rs

Restaurants
Tri Sesira
Das in einem Kopfsteinpflastergässchen gelegene Restaurant ist kein Geheimtipp, aber jedenfalls einen Besuch wert, wie auch die vielen einheimischen Gäste zeigen. Deftig, kräftig, hier feiert Belgrad. Für Vegetarier und Pärchen, die sich ungestört stundenlang in die Augen sehen wollen, ist diese Adresse nicht die erste Wahl. Skadarska 29, 11108 Beograd. Tel.: +38/111/324 75 01
www.portal-srbija.com/restoran-tri-sesira

Stara Koliba
Von der Flussterrasse über der – in Belgrad schon schön breiten – Donau könnte man meinen, Huckleberry Finn mit seinem Floss vorbeitreiben zu sehen. Ein Must für Auenlandschaftsfans und Freunde lokaler Fischspezialitäten.
Carda Stara Koliba Usce bb, 11070 Novi Beograd, +38/111/311 76 66, +38/111/311 74 44

www.starakoliba.rs

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2013)

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1 Kommentare
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Belgrad, geniale Stadt!

Belgrad ist schöner als man erwartet, außerdem gibt's dort sehr viel zu sehen und tun. Speziell im Sommer ist es ganz toll unten an den beiden Flüssen.
Hier einige Impressionen: http://www.fm1721.net/#!belgrade/caqu

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