Kartenschatz: Illustratoren als Kartografen

Die Kartografen der Gegenwart sind die Illustratoren: Sie füllen die Weltkarte ganz neu mit Gefühlen, Eindrücken und Aspekten.

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Kartenschatz Illustratoren Kartografen – (c) beigestellt

Doch keine Drachen auf der verwunschenen Insel. Wenn schon nicht James Cook, Google Maps hätt’ sie  gesehen. Entdeckt, fotografiert, vermessen und gezeichnet ist alles, so scheint’s. Weiße Flecken, dunkle Ahnungen und Abenteuer lauern nur noch in Welten, die Mittelerde, Narnia oder Oz heißen.

Kein Wunder, wenn Smart-Phone-Apps jeden Würstelstand des Planeten kennen und wissen, wie man hinkommt. Da bleibt kein Platz mehr für Seeungeheuer und legendäre Länder in der Kartografie. Orte und Regionen, die mystisch waren, sind heute nur mehr kühle Koordinaten.
Ein Abenteuerland jedoch kann auch Google nicht vermessen und seine Kameras hinschicken: die Fantasie. Wie jene der Illustratoren, die den Karten das zurückgeben, was den wissenschaftlichen Standards rund um Freytag & Berndt fehlt, den Charme, die Romantik und die Poesie. „Schatzkarten mag ich besonders gern“, erzählt der österreichische Illustrator Artur Bodenstein. Schon als Kind hat er sie gezeichnet. Und natürlich so, dass sie sich nur einem erschließen, ihm selbst. Sonst wär’s ja keine gute Schatzkarte.

Die Weltkarten von heute können zwar alle lesen. Doch mehr als wo, wie weit, wie hoch und wohin erzählen die meisten kaum. Navigationssysteme, sie sprechen noch dazu wirklich, können das besser. Doch Karten, wie sie Bodenstein zeichnet, zeigen nicht nur Entfernungen, Verhältnisse und Topografie, sie zeigen Gefühle. Bodenstein selbst zeichnete sogar einmal seine eigene Gefühlsweltkarte, ein privates Projekt, die Gefühlswelt, die er kartografierte, war Wien.

Neue Welt: Illustratoren als Kartografen


Selektive Wahrnehmung. „Ich habe mich lange mit alter Kartografie beschäftigt“, sagt Bodenstein. Dann begann er irgendwann selbst, Karten zu gestalten, anfangs welche, die aussahen, als hätte sie auch Magellan an Bord haben können. Heute zeichnet er Karten für verschiedenste Magazine, illustriert Reiseberichte mit seinen Bildern oder spendet auch mal großzügige Übersicht auf Orientierungstafeln in Tourismusregionen.
Mit Google Earth kann man mit dem Smart-Phone auf jeden Quadratkilometer der Welt schauen. Und auch Illustratoren schauen damit ganz genau hin. Wie Tom Eigenhufe aus Berlin. Denn die Verhältnisse und Positionen sollen seine Karten ja doch richtig abbilden, nicht nur die visuelle Information, die er den Aufgaben entsprechend seinen Karten mitgibt. Wo früher weiße Flecken auf den Karten der Welt waren, türmen sich jetzt hunderte Schichten unterschiedlichster Wahrnehmungen und Erfahrungen übereinander. Illustratoren wie Eigenhufe ziehen geschickt eine dünne Lage heraus, einen Aspekt, ein Merkmal, die er für den topografischen Ort dann grafisch überhöht. So hat es der Illustrator auch bei seinen Plänen der Berliner Bezirke gemacht. Zusammen fügen sich die quadratischen Pläne zu einem riesigen Gesamtbild, das jetzt in seinem Berliner Atelier an der Wand hängt.

Auch Eigenhufe war früh antiken Karten begegnet, in seinem Elternhaus hingen sie überall, die alten Kalenderblätter. „Früher waren die Karten ja auch reich illus-triert“, sagt er. Heute, weiß er, dürfen sich die Kartografen auch wieder von Gefühlen leiten lassen, nicht nur von den Längen- und Breitengraden. Und natürlich folgen sie auch der selektiven Wahrnehmung ihrer Auftraggeber. Zuletzt hat sich Eigenhufe an der Quadratur des Globus versucht: die Welt als Würfel. Da muss man nach Australien schon zweimal um die Ecke schauen.

Eine Frage der Wahrnehmung. Die Illustratorin Nina Simone Wilsmann borgte sich für ihre „Vianina“-Karten die Augen des Kindes: Ihre Sicht habe sie bei der Gestaltung geleitet, sagt sie. Ihre Karten lassen Städte lebendig werden, als würden die Strukturen tanzen, die Gebäude sich bewegen. Aber es seien nicht nur Gefühlskarten, sagt sie: „Es ist eine Mischung aus Gefühl und Google Maps. Denn einzelne Sehenswürdigkeiten dienen durchaus der Orientierung im Gefüge der Stadt.“
Doch die größte Herausforderung für sie war, aus der Flut der urbanen Einzelelemente eine Gesamtkomposition zu machen. Eine, die mehr zeigt als die Stadt, sondern die besondere Art, auf die man sie sehen kann. 

TIPP

Ausstellung. Der Illustrator Artur Bodenstein zeigt noch bis 31. 5. im Schloss Wilhelminenberg in Wien limitierte Siebdrucke, Originalzeichnungen und auch Kunstdrucke. Darunter sind auch einige der illustrierten Karten, die Bodenstein gezeichnet hat.

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