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Kampanien: Wo die Welt senkrecht steht

Kampanien
Kampanien / Bild: SIGRID MÖLCK-DEL GIUDICE 

Zuerst kamen die politischen Flüchtlinge und Emigranten, dann die Filmwelt und die Hippies. Vor einem halben Jahrhundert stieg Positano zum mondänen Urlaubsort auf. Mondän ist das Fischerstädtchen auch heute noch.

 (Die Presse)

Ganz egal, ob man bei der Ankunft in Positano am Ortseingang kurventrunken aus dem Auto steigt oder das mondäne Städtchen vom Tragflügelboot aus betritt: Staunend steht man da vor schier endlosen Treppenstraßen. Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck, der 1953 an der Amalfitanischen Küste Urlaub machte, beschrieb das in seinem berühmten Artikel in „Harpers Bazar“ kurzum so: „Ich habe den Eindruck, dass die Welt in Positano senkrecht steht. Stufen, mitunter steil wie eine Sprossenleiter, führen ans Meer. Wenn man einen Freund besuchen will, dann geht man nicht, man klettert oder purzelt.“ Die schmale und steile Küste hat den Bewohnern von Positano zum Besiedeln nicht viel Platz geschenkt. Sie waren gezwungen, in die Höhe zu bauen. Vom Boot aus wirken die kubischen rosa und weißen Häuser mit ihren bougainvilleenberankten Fassaden wie übereinandergestapelt.

Positano, einst ein gottverlassenes Fischerdorf, das man nur vom Meer aus erreichen konnte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom internationalen Tourismus entdeckt. Für die römische Filmwelt war die Ecke allerdings kein Geheimnis mehr. Künstler wie Roberto Rossellini, Anna Magnani und Ingrid Bergman, aber auch Tennessee Williams und Picasso genossen bereits zur Zeit des Neorealismus das Leben am Strand von Positano.

 

Salvatore heißt hier fast jeder

Bald bildeten Musiker, Mystiker und Hippies ein buntes Völkchen von Stammgästen, deren extravaganter Lebensstil die Kleidermacher vor Ort zu ausschweifender Feriengarderobe anregte. „Made in Positano“ wurde über Nacht zum Markenzeichen. Besonders die sogenannte „Fetzenmode“ der späten 1960er-Jahre brachte den Positanern nicht nur Weltruhm, sondern auch Geld, mit dem man Hotels, Restaurants und Läden finanzierte. Das einstige Dorf boomte und mauserte sich in wenigen Jahren zur mondänen Ferienenklave.

„Black“ alias Salvatore Russo, Besitzer von Chez Black, dem mit Abstand attraktivsten Restaurant an der Strandpromenade, wird nostalgisch, wenn er von den Zeiten erzählt, als das italienische Wirtschaftswunder Positano zu erreichen begann. Die amerikanischen Touristinnen nannten ihn damals Black, sagt er, weil er fast das ganze Jahr über braun gebrannt war. „Und weil in dieser Gegend fast jeder Salvatore heißt.“ Seit über 35 Jahren verwöhnt der gelernte Tourismusfachmann Popstars, Politiker, die gern inkognito kommen, und betuchte Urlauber mit gegrillten Scampi, Seezungen und Goldbrassen, vom Meer direkt auf den Teller. Und zum Abschluss natürlich einen Limoncello, den eisgekühlten Zitronenlikör, der auf der sorrentinischen Halbinsel erfunden wurde und im Handumdrehen Italien eroberte. „Dennoch haben sich die Zeiten geändert“, sagt er bedauernd, „vieles wurde total kommerzialisiert. Immer mehr Geschäfte beziehen heute ihre Waren im Positano-Stil von außerhalb und nicht selten aus Asien.“

In den schmalen, von Boutiquen gesäumten Treppenstraßen erinnert heute nichts mehr daran, dass das Modestädtchen in den 1930er-Jahren zahllosen unbotmäßigen Künstlern und Intellektuellen Unterschlupf bot. Im Buca di Bacco, dem ältesten Hotel am Platz, liegt ein Bildband mit Schwarz-Weiß-Fotos auf. Sie zeigen unter anderem die Maler Bruno Marquardt, Kurt Craemer und Martin Wolf, das Bauhaus-Mitglied Eduard Gillhausen und den Schriftsteller Stefan Andres.

Andres, der 1937 Nazi-Deutschland verlassen musste, lebte mit seiner Familie zwölf Jahre in Positano. In seinem heute von Touristen besuchten Haus entstanden einige seiner bekanntesten Werke und zahlreiche Geschichten über Land und Leute. Die Positaner dankten es ihm und gaben der kleinen Straße seinen Namen. Sie heißt noch immer Via Stefan Andres.

Unter den Emigranten waren auch russische Poeten und Engländer, die wegen des milden Klimas in Süditalien überwinterten. „Das waren zum Teil brotlose Künstler, die sich mit Bildern einen bescheidenen Schlafplatz verdienten“, sagt Salvatore Rispoli, Mitinhaber des Hotels, „oder einen Teller Spaghetti, den sie in der Restaurantküche für sich zubereiteten durften.“ Früher habe man noch einfache Gerichte mit Zutaten aus den umliegenden Gärten gekocht, „so wie sie 1945 auf unserer Speisekarte standen, als die Alliierten unsere einzigen Gäste waren. Abends trafen sich die kleinen Ausländergruppen häufig auf ein Kartenspiel oder ein Glas Wein in der Kantine. So kam es zu dem Namen Buca di Bacco, die Bacchusgrube.“ Damals gab es neben ein paar Pensionen nur noch ein zweites Hotel und eine Handvoll Bars, heute sind es mehr als sechzig Herbergen, die meisten im gehobenen Segment. Positano ist ein mondänes Ferienziel geworden, die Stammgäste kommen hauptsächlich im Frühling und Herbst. Von den Sentieri degli Dei, den Götterpfaden, die sich oberhalb von Positano kilometerweit über die Monti Lattari ziehen, schaut man auf den azurblauen Golf von Salerno. In der Ferne erkennt man bei gutem Wetter, und das herrscht hier erfreulich oft, Capri und Sorrent. Ringsum wachsen gelber Ginster, Kastanien und auf Terrassengärten Orangen- und Zitronenbäume – ein Paradies der Dichter und Träumer an der „göttlichen Küste“.

Schlafen mit Meerblick

Le Sirenuse: Wie ein Adlernest schmiegt sich das Hotel, eine der ältesten Luxusherbergen Positanos, mit romantischem Pool, Sonnenterrassen und diversen Restaurants an die Felswand – nur dass sich die Stockwerke nicht gen Himmel, sondern gen Meer erstrecken. Privatstrand, Bootsverleih, DZ mit Meeresblick ab 990€, ohne ab 550€. Okt. bis März geschlossen. +39/089/87 50 66; sirenuse.it

Buca di Bacco: gänzlich renoviert und um einen Flügel erweitert, seit den 1950er-Jahren eine Institution. Fast alle Zimmer mit Meerblick. Bar und Terrassenrestaurant. DZ ab 260€. Nov. bis Ende März geschlossen. +39/089/87 56 99; bucadibacco.it

Hotel Villa Franca: oberhalb der Ortschaft in ruhigerer Lage, kleiner Pool, Bar und Restaurant „Li Galli“ mit Blick über die Küste. Hübsch und modern eingerichtete Zimmer mit Balkon, Zubringerservice ins Zentrum. DZ mit Panoramablick ab 220€; +39/089/87 56 55. villafrancahotel.it

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2013)

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