Berlin-Neukölln: Die ganze Welt auf dem Gehsteig

Früher ein Ausflugsziel, zuletzt ein Arbeiterbezirk: Neukölln und die neue Berliner „Wiesn“ wären noch zu entdecken, bevor der Rest der Welt es tut.

Hohe, helle Travertinsäulen spiegeln sich im Wasser. Am anderen Ende des Beckens planschen Senioren um die wasserspeienden Walrösser. Langsam dringt die Morgensonne durch die Oberlichter der Schwimmhalle, die einer römischen Therme nachempfunden ist. Beim Frühschwimmen im historischen Stadtbad entzieht sich Neukölln allen Negativklischees. Dabei steht das 1914 erbaute, ehrwürdige Bad nur ein paar Schritte von der Karl-Marx-Straße entfernt, Neuköllns grellbunter Shoppingmeile, die gegen acht Uhr morgens gerade erst erwacht. Im schicken Café Elit Simit sitzen schon zahlreiche Frühaufsteher bei Tee, Rührei und Sesamkringeln und planen den Tag.

Auf der anderen Straßenseite füllen die Restpostenläden ihre Straßenfront mit Spielzeug und Stoffturnschuhen. Neonfarbene Tücher und gemusterte Leggins für fünf Euro warten auf Kundschaft. Jeder zweite Laden wirbt mit Dumpingpreisen – die Fluktuation der Ladeninhaber in Neukölln ist hoch. Einzig die Handygeschäfte scheinen keine Krisen zu kennen. „14 günlüğü 5 €“ – 14 Tage 5 € steht auf den Schildern. Spätkaufkioske und Dönerläden sorgen rund um die Uhr fürs leibliche Wohl.

Etwas abseits der quirligen Karl-Marx-Straße ist die Richardstraße wieder recht beschaulich. Niedrige Häuserreihen, die im 18.Jahrhundert für Religionsflüchtlinge aus Böhmen errichtet wurden, führen zum Comenius-Garten, einem Bürgergarten mit Blumenrabatten, Hochbeeten und hölzernen Sitzplattformen, die man eher in besseren Vierteln erwarten würde. Gleich dahinter liegt der Richardplatz mit seinem Kopfsteinpflaster und Bürgerhäusern, einer alten Schmiede und der Villa Rixdorf, einem traditionsreichen Backsteingebäude aus dem Jahr 1870.

Als Neukölln noch Rixdorf hieß und eine Kleinstadt vor den Toren Berlin-Cöllns war, war der Richardplatz das Zentrum. 1360 wurde Rixdorf als Dorf mit 14 Familien erstmals urkundlich erwähnt, 1899 bekam es mit 80.000 Einwohnern Stadtrechte. „In Rixdorf ist Musike / Da tanz ick mit der Rieke / In Rixdorf bei Berlin“, heißt es in einem alten Schlager, denn um die Jahrhundertwende hatte sich der Vorort auf dem Hügel zu einem Ausflugsziel für die Städter entwickelt. Zugleich begann eine rege Bautätigkeit, Mietskasernen und neue öffentliche Anlagen entstanden, 1920 wurde der Ort unter dem neuen Namen Neukölln eingemeindet.

Dass Neukölln ein Arbeiterviertel war, erkennt man an den hundert Jahre alten Häusern, deren Stockwerke etwas niedriger sind als bei den Berliner Altbauten, ohne Mansardengeschoße für die Dienstboten, ohne große Portale. In den Straßen finden sich Gedenktafeln für Sozialisten und Arbeiterführer, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

 

Betreten des Rasens verboten

Umso erstaunlicher, dass zwischen den Wohnsiedlungen und Hinterhöfen, Kitas und Bolzkäfigen eine barocke Kaskade mit steinernen Putten und Blumenkübeln plätschert. Der Körnerpark verfügt über alles, was eine Barockanlage ausmacht: eine Sichtachse, monumentale Treppenaufgänge und eine Orangerie. Angelegt hat sie 1912 ein Neuköllner Industrieller. Morgens schnaufen Grundschulkinder um die zentrale Grünfläche („Betreten des Rasens verboten!“), nachmittags lagern hier türkische Familien und internationale Austauschstudenten auf bunten Decken und Handtüchern.

Auch wenn der Körner-Kiez nicht mehr zum derzeit hippen Kreuz-Kölln gehört – dem Teil Neuköllns, der direkt ans „alternative“ Kreuzberg 36 anschließt –, eröffnen auch hier immer mehr Cafés mit WLAN und Bionade, und die Galeriendichte ist wegen der niedrigen Mieten so hoch wie kaum irgendwo sonst. Und wer genug von veganen Tartes hat, greift auf die honigtriefenden Nuss- und Pistazienhäppchen von Al-Iman zurück, einer der besten arabischen Bäckereien Berlins. In den Seitenstraßen sind die Straßenbäume, deren kleine Erdkarrees immer als Hundeklo dienten, inzwischen mit niedrigen hölzernen Zäunen abgeschirmt. In manchen haben die Anwohner Blumen gepflanzt, viele dienen gleichzeitig als Bänke. Vor dem Kiosk sitzen zwei Männer und diskutieren vehement über das Wesen der Freundschaft. Hier finden immerhin noch Gespräche über die wichtigen Dinge des Lebens statt, auf der Straße und spontan. „Nicht so viel traurig sein“, rät die junge Pfandflaschensammlerin einer schluchzenden Seniorin, die an einem der Plastiktische vor der Bäckerei Brot und Krümel sitzt. Gegenüber führt ein schattiger Weg zwischen zwei Friedhöfen entlang.

 

Die Berliner „Wiesn“

Und dann freier Blick, ohne Häuser, ohne Zäune, 2,5 Kilometer grüne Wiese bis zum ehemaligen Flughafengebäude: das Tempelhofer Feld. Erst Exerzierplatz, dann Hauptstadtflughafen und Luftbrückenterminal, jetzt die Berliner „Wiesn“. Bis in den Herbst hinein picknicken die Berliner im Grün. Auf den Rollbahnen flitzen Inlineskater, Jogger drehen auf dem äußeren Ring ihre Bahnen. Guerilla Gardener züchten Zucchini oder bunte Blümchen in alten Schuhen, Badewannen und Hochbeeten.

Das Tempelhofer Feld schließt bei Einbruch der Dunkelheit, dann geht's ins Kino, in die Neuköllner Oper oder gleich in die Kneipe. Die Auswahl ist groß, von der Skatkaschemme mit „Mittwochs Jägermeister für ein Euro“ über die türkischen Raucherclubs bis zu den neuen trendigeren Kneipen und Cafés wie dem Prachtsaal und dem Café Leuchtstoff in der Nähe des U- und S-Bahnhofs Hermannstraße.

Wer das internationale Berlin erleben will, ist in Neukölln richtig. Denn die multikulturellen Massen, die sich durch Mitte oder Charlottenburg wälzen, steigen gleich wieder in den EC nach Amsterdam oder den Flieger nach São Paulo. Doch in Neukölln hat jeder zweite Einwohner einen Migrationshintergrund, hier leben Menschen mit 160 verschiedenen Nationalitäten. Und weil sich viel von diesem Leben nicht nur in Wohnungen und auf Balkons abspielt, sondern auf der Straße, trifft man die Welt auf dem Gehsteig. Neuerdings sieht man sogar ab und zu – Touristen.

NEUKÖLLNER ADRESSEN

Infos im Rathaus Neukölln, www.berlin.de/ba-neukoelln

Neuigkeiten sind auf www.neukoellner.net gesammelt, die Karl-Marx-Straße hat sogar eine eigene Website: www.aktion-kms.de

Schlafen: Ganz authentisch übernachtet man ab zwölf Euro im Schlafsaal im Rixpack Hostel, Karl-Marx-Str. 75, www.rixpack.de Mehr Komfort bietet der Hotelkomplex Estrel. Sonnenallee 225, www.estrel.com

Essen und Trinken: Elit Simit, Karl-Marx-Strasse 109, tgl. 6–21.30 Uhr. Türkisches Simit-Café mit Selbstbedienung, www.elitsimit.de

Villa Rixdorf, Richardplatz 6, tgl. 11–1 Uhr. Internationale und Berliner Küche, gute Weine, www.villa-rixdorf.com

From Hanoi with Love, Hermannstr. 176, 12051 Berlin, tgl. 13–22 Uhr. Vietnamesische Küche zu kleinen Preisen in angenehmem Ambiente.

Prachtsaal Neukölln, Jonasstr. 22, +49/(0)30/310 127 80, Di–So ab 10 Uhr.

Leuchtstoff Kaffeebar, Siegfriedstr. 19, Mo–Fr 8–18 Uhr, Sa 10–18 Uhr, So 12–18. Auf keinen Fall verpassen: Konditorei Al-Iman, Schierker Straße 33, Tel. +49/(0)30/627 284 43, tgl. 9–22 Uhr.

Lesestoff: Heinz Buschkowsky, „Neukölln ist überall“, Ullstein 2012.

Die Autorinnen leben in Neukölln und führen einen Blog mit Fotos und Texten auf http://westwards.typepad.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2013)

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