Mit der Fähre zum Gletscher Pius XI.

Chile. Die pittoreske bis bizarre Welt der Fjorde Patagoniens erschließt sich am besten zu Fuß – wenn man die Zeit hat. Wenn nicht, kann man die engen Kanäle und die in das Meer kalbenden Gletscher vom Schiff aus bestaunen.

Passagiere Triple-A, sind wir das?“, schreckt Birgit aus Augsburg von ihrem blauen Hartschalensitz im Hafenterminal auf. „Leider nein, wir sind in einer Viererkabine“, bedauert Freundin Anita. Triple-A, das sind die Luxuskabinen auf dem Oberdeck der Evangelistas, die First-Class-Passagiere werden nun auch als Erste von Andrea, der quirligen Schiffsbegleiterin, an Bord gebracht. Einmal pro Woche fährt die 123 Meter lange Fähre von Puerto Montt nach Puerto Natales im Süden Chiles und befördert neben Waren auch bis zu 270 Passagiere in die Wanderparadiese Patagoniens.

„Jetzt bitte die Passagiere der Kabinen A.“ Birgit und Anita marschieren erwartungsvoll zum Schiff. Wer wie wir die billige Kategorie C gebucht hat, geht zuletzt an Bord. Doch mit einer eigenen Leselampe und einem Vorhang sind die zweistöckigen Kojen der Schlafsaalklasse eigentlich recht gemütlich. Zudem ist durch das Fensterchen am Ende des schmalen Gangs das Meer zu sehen.

Bald finden sich die meisten Passagiere auf dem Deck ein, um das Ablegen in Puerto Montt zu beobachten. Aufgeregt werden Trekkingrouten in Patagonien diskutiert, Gletschernamen gedroppt, mehrmals fällt das Wort „Seekrankheit“. Doch heute scheint die Sonne, in den windgeschützten Fjorden und Kanälen ist das Meer strahlend blau und unbewegt. Die Evangelistas gleitet mit leisem Brummen ruhig über das Wasser. Die saftig grünen Berge Patagoniens ziehen wie ein Film vorbei.

Am nächsten Morgen geben Andrea und ihre deutsche Kollegin Lina ein mehrsprachiges Morgen-Briefing: Da so viele Passagiere deutschsprachig sind, soll ab jetzt immer eine der Schiffsbegleiterinnen Deutsch sprechen. Lina empfiehlt den Pulluche-Kanal, wo wir bestimmt gut Seevögel beobachten könnten, mit etwas Glück auch erblicken wir auch Seelöwen oder Delfine. Die Durchfahrt ist so eng, dass die Ufer links und rechts zu einem Fluss gehören könnten.

Wo das Land so nah ist, rückt auch die patagonische Fauna näher: Schon in der Früh haben sich die Ornithologen mit ihren Stativen und Ferngläsern an Deck positioniert, in der Hoffnung, Gänse oder Ibisse zu sichten. Auch in der Anna-Pink-Bucht, wo der englische Freibeuter George Anson mit seinem Schiff Anna Pink während eines Sturmes im Jahre 1741 Schutz fand, bleibt das Meer friedlich.

 

Und morgen das offene Meer

Doch nicht alle an Bord sind froh über die ruhige See. Daniel, der diensthabende Offizier auf der Brücke, gähnt: „Immer mit Autopilot fahren ist langweilig.“ Er bietet Pfefferminzpastillen an. „Die helfen auch gegen Seekrankheit,“ grinst er. Und schiebt warnend hinterher. „Und wenig trinken heute Abend!“ „Achtung, Achtung“, unterbricht der Schiffslautsprecher ein paar Stunden später den Dokumentarfilm über die Tier- und Pflanzenwelt Patagoniens. Die Kamera zoomt gerade über den Grey-Gletscher im Nationalpark Torres del Paine; das riesige südliche Eisfeld, von dem die Gletscher herunterfließen, teilt die Lebenswelten der ganzen Region. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um die Tablette gegen Seekrankheit einzunehmen. In zwei Stunden erreichen wir das offene Meer.“ Prompt erhebt sich die Hälfte des Publikums und drängt zum Wasserspender neben der Tür. Wer keine Medikamente gegen Seekrankheit mitgebracht hat, kann sie jetzt noch an der Bar im Oberdeck kaufen. Wir entscheiden uns dagegen, um zu testen, wie viel Seegang wir vertragen.

Bald stellt sich tatsächlich ein Rollen und Schlingern ein. Die Schlangen an der Essensausgabe sind heute Abend eher kurz. Personal steht schon breitbeinig bereit, um die Tabletts zu den Tischen zu tragen. Wir sind dankbar dafür, denn mittlerweile gebärdet sich die Evangelistas wie ein Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest. Nach dem Abendessen trotzen noch einige Leute auf dem Deck dem Nieselregen, denn auch frische Luft soll guttun. Doch trotz des starken Seegangs sind abends die Sofas in der Bar heiß begehrt. Eine Gruppe Holländer spielt an einem der niedrigen Tischchen geradezu manisch Doppelkopf. Nebenan wird reichlich chilenischer Merlot gebechert.

 

Fünf Kilometer Kalbungsfront

Daniel hingegen freut sich auf der Brücke: „Windstärke 30 Knoten, das sind 55,5 Stundenkilometer, vier Meter hohe Wellen, Maximum fünf Meter. Da gibt's wenigstens etwas zu tun.“ Daniel ist froh, wenn jemand zum Plaudern kommt: Auf der Navimag-Fähre dürfen Passagiere jederzeit auf die Brücke, die Crew beantwortet alle Fragen der Landratten.

Nach den Turbulenzen der Nacht pflügt die Evangelistas am nächsten Morgen durch eine graue, aber windstille Brühe. Die Fjordufer und Berge sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Gegen Mittag passieren wir in der Cotopaxi-Untiefe das Wrack der Capitan de Unidas. Gespenstisch ragen die rostigen Masten des griechischen Frachters in die Nebelschwaden. Trotz Mütze und Softshell verschwinden die Passagiere wieder in ihren Kabinen, sobald ein paar Fotos von dem Geisterschiff gemacht sind. Am Spätnachmittag dann die allseits erhoffte Kursänderung: Wir steuern Pius XI. an. Der Gletscher, der auf fünf Kilometern Breite in einen Fjord abbricht, wurde zur Zeit des Pontifikats Pius' XI. entdeckt und nach ihm benannt.

Während seinem Paten aus dem Vatikan außerordentliche Milde und Wärme bescheinigt werden, verbreitet der chilenische Pius XI. ein frostiges Mikroklima. Zähneklappernd drängen sich die Passagiere an Deck – Delfine tauchen für ein paar Sekunden zwischen den kleineren Eisschollen auf. Als wir uns der Eiswand nähern, verwandeln sich die großen Regentropfen in Hagelkörner, die auf Kameralinsen, Brillen und Drei-Lagen-Jacken prasseln. Wer keine Brille hat, sieht fast gar nichts mehr, sondern tastet sich mit zugekniffenen Augen zur Reling vor. Zehn Minuten verharrt die Evangelistas vor der turmhohen Wand, die unwirklich durch die Regenschlieren leuchtet, als wäre sie von hinten mit blauen Neonröhren beleuchtet. Trotz des ungemütlichen Wetters macht sich eine Art stille Ergriffenheit breit. Nur zögerlich kehren alle wieder in den warmen Salon zurück, als die Evangelistas schon wieder in den Hauptkanal zurückstrebt.

Am vierten Tag der Kreuzfahrt durch die patagonischen Fjorde umrunden wir den südlichsten Punkt der Anden, die hier ganz zahm ins Meer auslaufen. Birgit blättert bereits in ihrem Torres-del-Paine-Wanderführer. „Hoffentlich begegnen wir dem Mwono nicht“, meint sie und späht in der Ferne nach den Berggipfeln des Massivs, in dem der grollende Unwettergeist der Indio-Legenden sein Unwesen treiben soll. Denn das Wetter in Patagonien ist launisch, es kann auch mitten im Hochsommer schneien. Diesmal ist der Mwono milde gestimmt, in den nächsten Wochen strahlt die Sonne für die Wanderer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2013)

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