Der Boden katastrophal, der Keller des Teufels

Das Weingut Concha y Toro bei Santiago de Chile keltert Wein aus einer Rebe, die in Europa nicht mehr angebaut wird, der Carmenere. Hier kann man aber auch europäische Weintraditionen erleben.

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Carmenere-Ernte in Chile – Reuters

"Tourparkplatz" steht auf dem Schild am Werkstor des Concha-y-Toro-Weinguts im Maipo-Tal. Es stehen bereits gut 40 Pkw ordentlich nebeneinander in einer Reihe. Ob die Fahrer auch alle zur Weinprobe hier sind? Carlos, ein hagerer Mittvierziger, der eher wie ein Softwareentwickler wirkt, beginnt seine Tour mit einem soliden Abriss der Firmengeschichte: 1883 importierte der Firmengründer, Don Melchor Concha y Toro, die ersten Reben aus Europa. Ab 1933 wurden die südamerikanischen Weine dann auch nach Europa exportiert, zunächst nach Holland, wohin Don Melchor Geschäftsbeziehungen hatte.

Heute ist das große Holzgebäude mit 22 Zimmern und sieben Salons wieder im Originalzustand restauriert. Seit 1994 ist Concha y Toro eine Aktiengesellschaft und weltweit einer der größten Weinhersteller, mit einem Jahresvolumen von etwa 130 Millionen Litern.

Und dann geht es schon zur Weinprobe an die Theke im Hof des funktionalen Besucherzentrums. Unser erster Wein, ein Sauvignon Blanc, macht dicke Schlieren und Bläschen, die auch durch sanftes Schwenken nicht verschwinden. Und er riecht nicht nur, sondern schmeckt auch nach Grapefruitsaft. Ein älterer Amerikaner schüttet dezent den Inhalt seines Glases auf den gepflegten Rasen. „Besser das Glas ausspülen vor dem nächsten Wein“, murmelt er. Der Boden und das Klima im Maipo-Tal sind eher nichts für Weißweine, aber ideal für Cabernet Sauvignon, erklärt Carlos, um dann näher zu erläutern: „Eigentlich ist der Boden eine Katastrophe. Keine Nährstoffe und zu wenig Wasser.“ Genau das tut dem Wein aber gut, denn „Cabernet Sauvignon wächst gern unter Stress – so wie Straßenkinder mit jedem gewonnenen Kampf stärker werden“.

Zurück an der Probentheke holt Carlos einen samtroten Carmenere heraus. In Europa wurden 1867 durch die Reblausplage sämtliche Carmenere-Bestände vernichtet, die als schwierig geltende Rebe wurde danach auch nicht wieder angebaut, in Chile aber ist es eine beliebte Rebsorte. Carmenere ist kräftig und schmeckt nach Haselnuss. „Nussiges Aroma“, bestätigt Carlos und empfiehlt den Wein zu rotem Fleisch und Pastagerichten mit sahnigen Saucen.

Französische Fässer

Aber man soll nicht immer nur ans Essen denken, sondern auch an die Situation und die Personen. „Es gibt für jeden Typ einen passenden Wein“, philosophiert er. „Sie zum Beispiel“, er zeigt auf eine mittelgroße, schlanke Brünette, „sollten Merlot trinken.“ „Kein Carmenere für dich“, frohlockt ihre Freundin und macht Anstalten, ihr das Glas aus der Hand zu nehmen.

Mit dem Carmenere steigen wir in den 50 Jahre alten Keller hinunter. Dort kommt Carlos zwischen den Reihen großer Holzfässer richtig in Fahrt. Die Fässer aus amerikanischem oder französischem Eichenholz werden von innen ausgebrannt, so kann der Wein die Aromen aus dem Holz aufnehmen. Für die Spitzenweine sind nur französische Fässer erlaubt. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die amerikanischen Fässer sind nicht schlecht, aber die französischen sind ein Traum – man weiß nie, wohin sie sich bewegen“, schwärmt Carlos mit halb geschlossenen Augen. Überhaupt scheint die Fasskunde eine Wissenschaft für sich zu sein. Unser nächster Wein, ein Cabernet Sauvignon, reift erst drei bis vier Monate in einem amerikanischen Fass und noch einmal fünf Monate in einem französischen Fass.

Die besten Weine liegen im Casillero del Diablo, im Weinkeller des Teufels. Den Namen Casillero del Diablo hat sich Don Melchor ausgedacht, um seine ungewöhnlich guten Weine vor Diebstahl zu schützen. Gleich der erste gute Wein ist 1885 Langfingern zum Opfer gefallen. Heute glaubt niemand mehr, dass der Teufel in diesem Keller steckt, aber vielleicht im Detail: Das Label Casillero del Diablo ist inzwischen weltweit bekannt.

„Bis vor Kurzem gab es am Schluss der Tour ein Glas Don Melchor, unseres besten Weines“, sagt Carlos, als er uns zum Schluss einen Cabernet Sauvignon aus der Marques-Serie einschenkt. „Aber jetzt kommen oft über 500 Besucher pro Tag.“ Der Marques liegt satt im Gaumen und rollt dann samtig ab. Während die anderen wieder zu ihren Autos schlendern, sitzen wir im Hof in der Sonne und überlegen, ob wir noch eine „Don Melchor-Weinprobe“ mit drei verschiedenen Jahrgängen in der Weinbar nachschieben sollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2013)

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