Island: Sonnenuntergänge, den ganzen Tag lang

Jeder Farmer in den Westfjorden hat einen Hund, einen Jeep und eine riesige Lampe vor dem Haus. Die Hunde apportieren Steine. Von Schotterstraßen, Flatscreens und dem westlichsten Punkt der Insel. Ein Geheimtipp.

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MICHAELA ORTIS

"Die Elfen lehren uns, nicht immer in alter Gewohnheit geradeaus zu gehen, sondern im Leben auch einmal einen Bogen zu machen. Und das macht auch noch Spaß!“, hatte Eirikur Guđmundsson gesagt, ein Filmregisseur, der in Reykjavik sein Zubrot als Vermieter verdient. Ja, es macht wirklich Spaß, die relativ breite Ringstraße von der Hauptstadt Islands zu verlassen und in Richtung Westfjorde, die laut Statistik nur von vier Prozent der Touristen besucht werden, auf der Straße Nummer 60 durch eine Kurve nach der anderen zu steuern. Auf der Karte betrachtet führt die Straße zuerst in langen Schlangenlinien unzählige Fjorde entlang.

Später gibt es Abkürzer quer über die Halbinseln dazwischen. Die „Abkürzer“ entpuppen sich allerdings häufig als veritable Bergstraßen mit Pässen, 400 bis 500 Meter hoch. Steile, kurvige Schotterpisten, hie und da ein windschiefer gelber Straßenpfosten aus Plastik als Markierung für die Abgründe dahinter. Nun weiß man zu schätzen, dass das Mietauto bestens gewartet ist und versteht, warum der Unterboden mit Metallverstrebungen verstärkt wurde – dabei ist die Karre kein Allrad, sondern ein schlichter Kombi.

Die Farm Sartartunga im Bitrufjörđur ist das erste Nachtquartier. Zwei zottelige, schwarz-weiße Hunde bellen freundlich zur Begrüßung. Die besten Freunde der Menschen gehören zu jedem allein stehenden Haus auf der fast menschenleeren Insel, genauso wie ein Jeep mit riesigen Reifen und eine große Straßenlampe. Strom und Warmwasser gibt es dank der vulkanischen heißen Quellen genug auf Island, jedes einsame Haus ist beleuchtet wie ein Fußballstadion und beheizt wie eine Sauna. Die Hunde wollen spielen, Gunnhildur Halldórsdóttir, die Farmerin, wirft ihnen etwas zum Spielen zu. „Ihr könnt ruhig Steine werfen“, sagt Gunnhildur, „die Hunde nehmen sie eh vorsichtig auf.“

Zum Abendessen serviert die stämmige, nein, nicht blonde Mittvierzigerin geschmortes Lamm aus eigener Zucht, kleine Kartoffeln aus dem Garten und Erbsen aus der Dose. Der Kuchen mit selbst gepflückten Heidelbeeren kommt duftend aus dem Backrohr – im Fünf-Sterne-Hotel könnte es nicht besser schmecken als in der Küche der Farm, während draußen der Nebel langsam den Fjord unsichtbar macht und sich über die Stimmung der Gäste legt. Gunnhildur hingegen macht das nichts aus. „Ich bin zufrieden. Früher waren durch Stürme die Telefonleitungen tagelang unterbrochen, aber heute haben wir alle Internet – ich skype täglich mit meinen Enkelkindern, und im Winter lese ich viel.“ Sagen sind immer noch ein wichtiger Teil des isländischen Lebens. Die alten Sagas, seit der Besiedelung ab dem neunten Jahrhundert in Altnordisch niedergeschrieben, werden auch heute noch verstanden, weil in der Schule gelehrt.

Jedem Island-Neuling fehlt außerhalb Reykjaviks anfangs etwas in der Landschaft, erst später bemerkt er, was: Bäume. Daher kann man den Wind auf der Insel nur hören – pfeifen, jaulen, röhren. Optisch offenbart er sich einzig an den zerzausten Fellen der Schafe, die verlässlich am Straßenrand liegen. Am Fuß vieler Passstraßen informieren elektronische Tafeln über die aktuelle Temperatur und Windstärke auf den Pässen.

Jetzt spielt Island seine stärksten Karten aus, Farben und Formen. Das Wasser der Fjorde leuchtet silbrig blau, im August steht die Sonne schon so tief, dass man den ganzen Tag Sonnenuntergangsfotos schießen könnte. Dunkles Basaltgestein, grüne Streifen von Gras oder Moos – die Kargheit ist berührend schön. Die Straße windet sich in steilen Kurven zum Meer hinunter, schnell vorankommen ist schon lange nicht mehr das Ziel. Ein Schild warnt: keine Tankstelle mehr. Kurz nachdenken: 15 Kilometer zurück nach Vesturbyggd, und dann zurück zum westlichsten Gehöft der Insel in Hnjóti. Kurz vor dem Ziel eröffnet sich die Sanddünen-Landschaft einer Flussmündung, umrahmt von steilen rötlich-braunen Felsen. Ein Stück landeinwärts leuchten dann die Fenster des Hnjótur Guesthouse. Vor dem Haus poppt ein Punkt in Pink auf. Eine Rose. „Ich weiß auch nicht, wie die hierher gekommen ist“, lacht Kristinn Egilsson, der Gastwirt. Drin, in der Stube zeigt er dann sein Luxusstück: neben einem riesigen Flatscreen eine mit Holz verschalte Durchreiche. „Treibholz aus Sibirien. Mindestens vier Jahre hat es bis hierher gebraucht.“

 

Trottellummen und Tordalken

Akkurat geschlichtete Stöße gebleichter Stämme und Äste sieht man häufig an den Ufern der Fjorde. Nachdem die ursprünglich bewaldete Insel von den ersten Siedlern abgeholzt worden war, wuchs der Wald wegen der Beweidung und Klimaveränderung nicht mehr nach. Den westlichsten Punkt der Vulkaninsel markiert der Leuchtturm Bjargtangar. Die 14 Kilometer lange, bis zu 440 Meter hohe Steilküste beherbergt eine Attraktion für Vogelfreunde, den Felsen Látrabjarg, Ein Warnschild empfiehlt, sich nur auf allen Vieren dem Rand der Klippe zu nähern. Darunter befindet sich in tausenden kleinen Höhlen und Nischen das Brutgebiet von Millionen Vögeln, die nach einer faszinierenden Ordnung nisten: ganz oben die Papageientaucher, dann Eissturmvögel, Trottellummen, Tordalken, Dreizehenmöwen und zuunterst Kormorane. Mitte August sind schon viele Arten in den Süden geflogen, ein Tier mit frackartigem Gefieder und orange-gelbem Schnabel harrt aber offenbar noch aus, ein Papageientaucher. Jeden Tag versorgt Egilsson seine Gäste für ihre Wanderungen mit Sandwiches fürs Picknick, denn der kleine Supermarkt in Vesturbyggd am anderen Ufer des Patreksfjords ist weit weg. Auf Island ist es nicht selbstverständlich, alles nicht weit entfernt von der Haustür einkaufen zu können.

Nächster Tag, nächster Pass, nächstes Farbenspiel: alles rot, Landschaft und Straße, dazwischen grüne Grasinseln, blaue Seen und Flüsse. Ihr Ziel muss der Dynjandi sein. Und da ist er auch schon: In breiten weißen Kaskaden stürzt der Wasserfall 100 Meter in die Tiefe. Auf verschlungenen Pfaden geht es hinauf, Felsen leuchten moosgrün, manche erscheinen wie versteinerte Fabelwesen, von denen die Isländer so gern erzählen. In der Gischt schimmern Regenbögen. Während zur selben Zeit tausende Touristen in Bussen auf der beliebten „Golden Triangle Tour“ von Reykjavik zum Gulfoss-Wasserfall pilgern, parken hier nur sieben Autos. Ganz fein, ganz allein auf dem schönsten Picknickplatz Islands zu sitzen, an zwei Holztischen mit Bänken, links der gischtende Dynjandi, rechts der tiefblaue Fjord.

Damit jedes Kind schwimmen lernt, wurden in den 1960er-Jahren Swimming Pools errichtet – im Freien, von vulkanischen Quellen gespeist. Der Klub Vatnavinir Vestfjarđa betreibt zwölf solcher Hot Pots. Zum Beispiel den der Krossholtslaug. Der Wind pfeift, der Bretterverschlag bietet kaum Schutz. Laut den Anzeigen auf dem Armaturenbrett ist es 10 Uhr 55, es hat neun Grad. Jetzt schwimmen? Wie war das mit dem Abbiegen vom graden Weg? Ja! Schnell umziehen und eintauchen ins warme Wasser.

DRIVEN, KOCHEN, WANDERN, BADEN IM HEISSEN POOL

Anreise von Reykjavik über Búđardalur (Straße 60, ca. 400 km) oder via Fähre von Stykkishólmur nach Brjánslækur (seatours.is/ferrybaldur) ca. 250 km. Es ist ratsam, ein Quartier mit Abendessen oder Kochmöglichkeit zu wählen, weil der nächste Ort oft weit weg ist. Bei farmholidays.is kann man Zimmer buchen, B&B 58–92€, Dinner 44€. Das Hnjótur Guesthouse (hnjoturtravel.is) hat eine Gemeinschaftsküche, DZ ab 80 €. Im Hotel beim Vogelfelsen Látrabjarg (latrabjarg.com) kostet das DZ ab 140€. Flokalundur ist ein Hotel-Restaurant beim Hot Pot Hellulaug (flokalundur.is).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2013)

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