Insel der Armenier: Die ganze Welt in Büchern

Die Mönche auf San Lazzaro degli Armeni in der Lagune von Venedig hüten eine der kostbarsten Bibliotheken des armenischen Volkes. Doch das Erbe ist bedroht.

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(c) Wikipedia

Pater Vertane's ist über die Abwechslung sichtlich erfreut. Ziemlich flink für seine 76 Jahre eilt der weißhaarige Mönch auf die Neuankömmlinge zu. Nachdem er sich nach dem Woher erkundigt hat, wechselt Vertane's mühelos aus dem Italienischen in das Englische und fällt gleich darauf in das Spanische. „Ich bin um die ganze Welt gereist, ein typischer Vertreter meines kleinen, in alle Windrichtungen verstreuten Volkes“, sagt der 76-jährige Armenier, um dann von seiner Herkunft aus einem Bergdorf an der syrisch-türkischen Grenze zu erzählen. „Später habe ich in Argentinien gelebt, war lange in Paris. Jetzt bin ich auf dieser Insel gestrandet, deren schlichte Schönheit mir wie ein Vorgeschmack des ewigen Lebens erscheint.“

Der rüstige Pater gehört zur Gemeinschaft der Mechitaristen auf San Lazzaro, einer Mini-Insel vor dem Lido di Venezia. Überschaubar wie die 15-köpfige Klostergemeinschaft ist die ganze Insel San Lazzaro degli Armeni. Nachdem sie in den vergangenen Jahrhunderten öfter künstlich vergrößert wurde, misst sie heute etwas mehr als drei Hektar. Da bleibt gerade Platz für die Klosterkirche, einen Gemüsegarten, den Friedhof und die Wohngebäude der Mönche, von denen jetzt freilich viele leer stehen.

An der Mauer vor dem Klostereingang befindet sich eine viereckige Tafel. Sie erinnert an den Aufenthalt Lord Byrons, eines „ergebenen Freunds des armenischen Volkes“, der sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts Verdienste mit der ersten englischen Übersetzung einer armenischen Grammatik erwarb. Der Schriftsteller verbrachte ein halbes Jahr bei den Patres und büffelte Vokabeln. Er sei ein begabter Schüler gewesen. Doch nebenbei, vermutet der Geistliche, erholte sich Byron in der klösterlichen Abgeschiedenheit auch vom Trubel Venedigs und den Liebesabenteuern, in die er sich dort geworfen hatte.

Ruhig und friedlich wie zu Lord Byrons Zeiten ist es auf der Armenierinsel noch immer. Am winzigen Anlegeplatz schlagen die Wellen an niedrige Marmorstufen. Kirschbäume säumen den Weg zur Klosterpforte. Einen Steinwurf weiter draußen in der Lagune rollen Autos über die Uferstraße des Lido. Ein Frachter pflügt einen hellen Strich ins Meer. Im Hintergrund sieht man die grünspanigen Kuppeln des Markusdomes.

 

Mechithar von Sebaste

Die beinahe vollkommene Stille von San Lazzaro degli Armeni durchbricht nur die Stimme von Vater Vertane's, der die Besucher plaudernd zu den öffentlich zugänglichen Klosterräumen begleitet. Der Mönch und seine Mitbrüder hüten einen kostbaren Schatz. „Wir haben eine der größten armenischen Bibliotheken“, sagt der 76-Jährige. Zwar sei sie weltweit „nur“ die drittgrößte, „aber dafür mit Sicherheit die wertvollste“.

Bevor die Gäste einen Blick auf die Bücher werfen dürfen, werden sie in die düstere Kirche geführt. Dort ruhen unter einer abgewetzten Steinplatte die sterblichen Überreste Mechithars von Sebaste. Der aus Anatolien stammende Mechithar hatte als Jugendlicher einen katholischen Missionar kennengelernt. 1701 gründete er in Konstantinopel einen römisch-katholischen Orden, den später nach ihm benannten Mechitharistenorden. Da sich Mechithar zu Rom bekannte und nicht zur armenisch-apostolischen Kirche, machte er sich viele Feinde. Samt Gefährten floh er schließlich nach Venedig, wo ihnen der Doge 1717 die kleine Insel San Lazzaro überließ. Dort hatten Mönche im Mittelalter eine dem heiligen Lazarus geweihte Kirche und ein Pflegehaus für Leprakranke errichtet, die als Quarantänestation diente. Seit sich Mechithar mit seinen Gottesmännern auf San Lazzaro niederließ, trägt die Insel den Beinamen degli Armeni.

Rechts über dem Hauptaltar der Klosterkirche hängt das Bild eines finster blickenden Mannes, des Heiligen Mesrop Maschtoz. Da das Christentum in Armenien schon 301 Staatsreligion wurde, wollte Mesrop seinen Landsleuten die Bibel in ihrer Muttersprache zugänglich machen und erfand das bis heute gültige armenische Alphabet. „Weil wir Armenier in unserem Eifer gern ein wenig übertreiben“, schmunzelt Pater Vertane's, „wurden es gleich 36 Buchstaben.“ Auch der Ordensgründer Mechithar war äußerst produktiv. Seine Werke füllen in der Klosterbibliothek einen eigenen Saal. Die Mönche verschrieben sich von Anfang an der Aufgabe, den Diaspora-Armeniern eine geistige Heimat zu bieten. 1796 gründeten sie auf ihrer Insel eine Druckerei und gaben die großen Werke der armenischen Literatur heraus, verlegten Bücher in 36 Sprachen und übersetzten die lateinischen Klassiker und Werke europäischer Schriftsteller, etwa Dantes „Divina Commedia“. 1994 musste die Druckerei aufgegeben werden. Fünf Jahre später schloss auch das Priesterseminar – aus Mangel an Nachwuchs.

Über eine Wendeltreppe gelangt man in das Obergeschoß. Dort sind unter einem Deckengemälde des Barockmalers Tiepolo Preziosen der indischen, chinesischen, ägyptischen, etruskischen, byzantinischen und vor allem der armenischen Kunst ausgestellt. Der Reichtum an erlesenen Elfenbeinschnitzereien, kostbarem Porzellan, goldenen Kelchen, mit Edelsteinen verzierten Prunkgewändern, schweren silbernen Tiaren und Bischofsstäben versetzt den Besucher in sprachloses Staunen. Bei den meisten dieser Schätze handelt es sich um Geschenke von Exilarmeniern.

Die Klosterbibliothek liegt hinter dem Museum. 150.000 Bücher stehen hier in herrlichen Sälen dicht an dicht in dunklen, schnitzereiverzierten Birnenholzschränken, die bis an die Decken der hohen Räume reichen. Die armenischen Handschriften, das Herzstück der Sammlung, befinden sich in einem eigenen, erst 1970 errichteten Rundgebäude. 5000 Handschriften, vom neunten bis zum 18. Jahrhundert, hüten die Mönche in diesem vollklimatisierten, hochgesicherten Zweckbau. Darunter die armenische Übersetzung einer Biografie von Alexander dem Großen, deren griechisches Original als verschollen gilt, Pergamentrollen und Briefe aus Papyrus, ein medizinisches Lehrbuch aus dem 13.Jahrhundert, ein Johannesevangelium, kaum größer als eine Babyhand.

 

„Was nützen die Schätze?“

„Das Kloster sollte stets ein geistiges Zentrum sein. Da wir Armenier unser Heimatland verloren haben, sind die Religion und die Bücher für uns das Wichtigste. Unsere Überlieferungen, die Bräuche und die Sprache – alles ist in diesen Schriften aufbewahrt.“ Doch dann huscht ein Schatten über das Gesicht des Priesters. Die Gemeinschaft der Mechitharisten von San Lazzaro ist klein. Die wenigen Mönche, die hier noch ausharren, werden immer älter, Neuzugänge gibt es nur auf dem Friedhof hinter der Kirche. „Die Bücher, die Kulturschätze?“ Pater Vertane's macht nun eine wegwerfende Geste. „Pah! Alles leblos, alles tot! Wozu soll das gut sein? Was nützen sämtliche Schätze, wenn bald keiner mehr da ist, um sich um sie zu kümmern?“

Für die Gäste wird es ein nachdenklicher Abschied von San Lazzaro degli Armeni. Das Vaporetto Nr. 20 bringt sie zurück zur Riva degli Schiavoni. Zwischen dem Menschengewühl und der Stille auf der Armenierinsel liegt kaum mehr als eine Viertelstunde mit dem Fährschiff. Aber fern und wie unwirklich schwebt die Insel draußen in der Lagune, die jetzt im milden Abendlicht glitzert. mekhitar.org

VENEDIG-TIPPS

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Osteria l'Orto dei Mori,Cannaregio 3385 neben dem Wohnhaus des Malers Tintoretto; hier isst man unter Venezianern unverfälschte italienische Küche. osteriaortodeimori.com
Taverna Al Remer, Cannaregio 5701, „bacari“ in einem alten, urigen Gebäude; „la Cantina“ in der Strada Nuova hat Kultstatus.

City Card: sieben Tage gültig, an allen I-Punkten (Airport, Bahnhof, Altstadt u.a.) erhältlich. Sie bietet freien Eintritt in Museen, Kirchen und Sehenswürdigkeiten, Rabatt bei Events, in einzelnen Restaurants, Hotels, Casinos

Shopping: Venetia Studium, San Marco 2403; Samt und Seide, plissierte Kleider, Tücher, Schals und Lampenschirme.
Casa della Grappa, Rialto: Getränke der Region sind Grappa und Prosecco. Große Auswahl.
Paolo Olbi, Calle della Mandola 3653: Fotoalben, Stifte, Tagebücher aus handmarmoriertem Papier.

Dall'era Marmi in der Strada Nova: In einer der letzten Marmorwerkstätte in Europa zaubert „Michelangelo“ Bruno Engel, Büsten, Tischplatten u.v.m.

Gianni Basso ist der letzte Typograf in der Lagune, der das alte, noble Handwerk im Kloster San Lazzaro degli Armeni erlernte und heute noch ausübt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2013)

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