Man hat das Gefühl, dass es hinter dem eigenen Rücken liegt, hinter einer unsichtbaren, unüberwindbaren Grenze. Aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher. Die gelbe Schrift, vorne auf dem Reisebus, leuchtet bedrohlich. Wieso, zum Donner, ist es für einen Wiener so eine Überwindung, nach Bratislava zu fahren?
65 Kilometer sind es von Wien nach Bratislava, Fahrzeit eine knappe Stunde. Ein ideales Ziel für einen Tag. Vormittags hinfahren, Kaffee trinken, bissl was essen, bissl einkaufen, am Abend wieder zurück. Abgesehen vom Tragflügelboot zwischen den beiden Partnerstädten an der Donau, bleiben Bahn oder Bus. Die Bahn? Wäre zu gewöhnlich. Das Tragflügelboot zu ausgefallen. Also der Bus. 16 Euro hin und retour, vom Südtiroler Platz bis zum Busbahnhof Bratislava. Das Gefühl, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen, ebbt auch während der Busfahrt nicht ab. Die Landschaft verändert sich, erfüllt alle deprimierenden Klischees von der ehemaligen Grenzzone zum Ostblock. Ein Schild „Zimmer frei“ trifft die Stimmung auf den Punkt.
Das Heidentor taucht neben der Bundesstraße auf, Hainburgs Altstadt ist eine der wenigen Abwechslungen. Durch das dicke, gemauerte Wienertor mit zwei goldenen Fähnchen auf dem Dach passt der Bus gerade noch durch. Hinter Hainburg taucht am Horizont Bratislava auf: die Satellitenstadt Petrzalka aus riesenhaften Plattenbauten, sogar die Burg. Wenig später rollt der Bus am „Aupark“ vorbei, einem der Rund-um die Uhr-Shoppingparadiese am Stadtrand Bratislavas. Über die moderne, weiße Metallbrücke Kosicka geht's in die Stadt hinein.
Müll liegt in Haufen neben der Straße. Rechts und links säumen Plattenbauten den Weg, der Versuch, den Wohnbunkern mit bunt bemalten Balkonen das Triste zu nehmen, ist gescheitert. Bröckelnde Fassaden, matschige Parkplätze, hektische, verkniffene Gesichter. Die Gehsteige rissig, mit Lacken übersät, uneben. Der Busbahnhof ist erreicht, pünktlich auf die Minute.
Besucher aus der Zukunft
Der Fußmarsch ins Zentrum führt vorbei an abbruchreifen Häusern, fensterlosen, halb zerfallenen Ruinen. Einige werden renoviert. Gleich daneben brandneue, gläserne Bürogebäude, schick und modern. Besucher aus der Zukunft.
Ein paar hundert Meter weiter verändert sich von einem Schritt zum nächsten alles: der Bodenbelag, die Fassaden, die Passanten. Die Altstadt von Bratislava ist perfekt herausgeputzt. Der Martinsdom und die Burg dominieren den Hintergrund, kleine Lokale reihen sich an sauber geputzte Fensterscheiben von Designerläden. Davor schick gekleidete Damen mit den modischen Koboldmaki-Sonnenbrillen, gestylten Frisuren und Designertaschen oder gelungenen Imitaten.
Mitten in der Stadt, am Hlavné námestí, diskutieren ältere Touristen. In welchem Kaffeehaus sollen sie ihre Melange schlürfen? Sie entscheiden sich fürs Kaffeehaus Mayer, gleich an der nächsten Ecke. Wieso nicht etwas original Slowakisches probieren? Weil es einem schwer gemacht wird: Sushi, Steak, Pizza, Pasta, Sachertorte – alles kein Problem. Aber typisch slowakische Spezialitäten, original Bratislavaer Mehlspeisen? Die Wirte haben ihre eigene Kultur vergessen.
Ein einsamer Musiker spielt auf seinem Saxofon, weit und breit kein einziger Bettler. Klinisch gereinigte Touristenfalle. Man hätte sich eine urige, gemütliche Ecke vorgestellt. Kleine Beiseln, in denen pausbackige Köchinnen Brimsennockerln rühren und alte Männer Volkslieder schmettern. Wohl herausgeputzt, doch nicht so artifiziell. Ein besonders schickes Restaurant, das Camouflage, bietet auf Englisch ein Mittagsmenü um 500 slowakische Kronen an, um umgerechnet knapp 15 Euro.
Biegt man zweimal ab, weg von der geschniegelten Touristenzone, wird der Boden wieder schief und krumm, die Fassaden bröckeln wieder, die Häuser sind mit Graffitis übersät. Die Noblesse des Zentrums überspielt eine eigentlich schäbige Stadt.
Gestärkt mit einem Latte macchiato und einem Bagel mit Mozzarella, typisch slowakisch, erwacht die Shopping-Lust. Doch abgesehen von schicken Innenstadt-Läden ein Reinfall. Vergeblich sucht man kleine, liebevoll dekorierte Geschäfte. In vielen Seitengässchen sind die Geschäftslokale im Untergeschoß und die Schaufenster auf Kniehöhe. Zwischen Luxus und Ramsch gibt es kaum etwas zu kaufen. Durch graffitibemalte Durchgänge gelangt man in versteckte Hinterhöfe, in denen zahllose Marktstände aufgebaut sind. Billigjeans, Billigsonnenbrillen, nachgebaute Handys. Dazwischen Döner, Burger und Pizzaecken. So kann man eine Zeit herumstreunen, alles auf sich wirken lassen.
Bald wird es Zeit, zum Busbahnhof zurückzukehren, der von der Einkaufsstraße Obchodná eine gute Viertelstunde zu Fuß entfernt ist. Der Bus fährt stündlich. Ziemlich voll ist er diesmal. Gleich lässt man das fremdsprachige, fremd aussehende Bratislava hinter sich. Am Südbahnhof fehlen zwei Buchstaben einer Leuchtreklame, die Fassaden sind von Abgasen fast schwarz. Wien gibt hier kein besseres Bild ab als Bratislava. Aber es ist halt Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2007)