Wiener Innenstadt: Be-Graben wir die Tradition?

02.04.2004 | 00:00 |  von paul lester (Die Presse)

Untergangsstimmung am Wiener Graben: Unterwäsche-Filialist Palmers, der schon Adlmüllers Erbe verspielte, verliert das Luxus-Flaggschiff Braun&Co an Billig-Filialist H&M. Die elegante Welt weint. Krokodilstränen?

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Und wieder sperrt ein Inbegriff Wiener Handelskultur. Die Diskont-Ketten-Seuche, die die Kärntner Straße dahinrafft, droht auf den Graben überzugreifen – das „Große U“ des Innenstadt-Einkaufens könnte auf das elitäre „I“ des Kohlmarktes schrumpfen. Hat der Graben doch schon Platzhirsche wie Leschka, ITA, Brieftaube, Baumgartner und Gerold verloren. Neuzugang Liska als solitäre Ausnahme zwischen all den Bonitas, „Mostly Mozarts“ und Zaras. Was ist los mit Wiens gerühmten Familienbetrieben?

Das „schaufenster“ zog einen Experten zu Rate: „Über sie alle kam der böse Dämon der modernen Spekulation, die erregende, alles überhastende Gewinnsucht. Die kleinen, niederen Kaufmannsgewölbe der alten Patrizierfamilien, die oft ein volles Jahrhundert hier ihr Geschäft unter selbem Namen und am selben Flecke betrieben, wurden durch Magazine mit prachtstrahlenden Auslagen und neue spekulative Firmen (jetzt oft wohl nur von kurzer Dauer) ersetzt.“
1883 schrieb der Lokalhistoriker Wilhelm Kisch (1827–1893) diese Zeilen („Ein Beitrag zur Culturgeschichte Wiens“, M. Gottlieb’s Verlagsbuchhandlung). Vielleicht ist das Problem also gar nicht so neu, Herr Kisch? „Die wenigen bejahrten Firmen, die noch übriggeblieben, sind zu zählen; und wenn ich die ‚Weisse Katze‘, die ‚Goldene Waage‘, die ‚Jungfrau von Orleans‘, Maurer’s Husaren und Striberny’s Waffenhandlung nenne, so dürfte ich wohl alle alten und populären Firmen genannt haben, die der Sturm der Zeit nicht weggefegt.“

Wer? Die „Waage“, die „Katze“? Müssten wir „alte und populäre Firmen“ nennen, auf die der Graben seinen Ruf als Stil-Boulevard baut, wären es wohl die „Schwäbische Jungfrau“, die „Filz“, der „Besim“. Sie alle waren 1883 nicht der Erwähnung wert? „Wir sind 284 Jahre alt“, bestätigt Hanni Vanicek, Eigentümerin der „Jungfrau“, aber: „Das Geschäft am Graben wurde erst vor rund 80 Jahren eröffnet, davor waren wir am Haarhof und dann am Neuen Markt.“ Das piece de resistance hoher Verkaufskunst als „Zuwanderer“, vielleicht gar eine jener „spekulative Firmen“, denen Kisch „kurze Dauer“ prognostizierte?  „Mit einem Wort, alles ist großartiger geworden, ob aber auch besser und vertrauenserweckender, das ist eine andere Frage.“ Es sollte noch „schlimmer“ kommen, Herr Kisch: Loos baute 1911 Leschka und 1913 Knize, Hoffmann/Haerdtl 1930 Altmann&Kühne.

Und so weiter, bis zu Holleins Haas-Haus. „Andere Zeiten, andere Sitten. Der Graben trug immer die getreue Physiognomie seiner Zeit“, tröstete sich Herr Kisch. Manches etablierte sich, anderes (wie die spritzige 70er-Jahre „Paper Box“) verschwand bald.  „... ist uns der Graben ein Spiegelbild seiner Zeit, ein getreuer Widerschein aller jener neu auftauchenden Lebensformen und Wandlungen, die sich von Zeit zu Zeit hier vollzogen, und die durch die geänderten sozialen Verhältnisse immer wieder neue Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten zum Vorschein brachten.“ Wieder Kisch, 1883, und hochaktuell. Am einstigen „Festungsgraben“ hieß Handel seit jeher Wandel: Im 15. Jahrhundert „Fleischgraben“, dann „Mehlzeile“, „Tiermarkt“, „Grüner Markt“, „Kräutermarkt“. Die „Mutter aller Einkaufsstraßen“ zollte immer dem Zeitgeist Tribut. Und dieser tendiert derzeit zum „Schnäppchen“, zu internationalen „Markenboutiquen“, zum Gesichtslosen, Geschichtslosen. Wir tragen das Schöps-T-Shirt zum Hermes-Rock, wollen beides am Graben kaufen. Kommt die friedliche ­Koexistzenz des Unvereinbaren?

Folklore. Sie beklagen das Verschwinden des „Braun“ – aber haben Sie dort gekauft? „Wir werden als die Landschaftsgärtner der Stadt gesehen, als Teil der Folklore – aber davon können wir nicht leben“, bringt es Hanni Vanicek auf den Punkt. Und beklagt das „Vollstopfen“ des Graben mit Schanigärten, Buden und Event-Mobiliar. „Schon unter Josef II. war der Graben der beliebteste Promenadeplatz der eleganten Welt und im Sommer von 7 Uhr Abends an mit Stühlen besetzt, auf denen man in aller Gemütsruhe sorglos plauderte, Limonade trank oder Eis verzehrte. Eines ist dem Graben seit Alters her treu geblieben, die ewige Rührigkeit, das ewige Gewühl“, war Kisch stolz auf den Betrieb am Graben, der den Kaufleuten heute eher Sorgen macht. Wenn Wien seine Einkaufskultur – und dazu zählen auch die Architektur der Traditionsgeschäfte, das Angebot an Nischen-Waren, die „Küss-die-Hand“-Betreuung – bewahren will, werde sich auch der politische Wille dazu äußern müssen, fordern die „kleinen“ Kaufleute.

Vielleicht nach historischem Vorbild? Um 1700 wollte die Stadt eine „Verkehrserweiterung“ auf dem Graben – und verlegte den seit 500 Jahren bestehenden „Krippenmarkt“ kurzerhand auf den Hof. Hundert Jahre später wurden die „Glückshäfen“ – Bretterbuden, in denen eine Frühform des „Millionenrades“ schnellen Gewinn versprach – per Dekret als „demoralisirend“ geschlossen. Etwas Beruhigung täte sicher gut, vielleicht die eine oder andere Sesselreihe weniger, um Raum für den Blick auf Fassaden und Auslagen, zum Schauen und Kaufen zu schaffen. Aber auch das war anno 1883 schon ein bekanntes Phänomen: „Und somit bildet der Graben das berüchtigteste Terrain für alle jene, die ihren einzigen Beruf und ihre Lebensaufgabe im ­Genusse des sogenannten „Pflastertretens“ finden.“ Danke, Herr Kisch.

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