Istanbul brodelt und kocht, demonstriert und kniet in Richtung Mekka, tanzt nachts nabelfrei bei 300 beats per minute und betet polyphon fünfmal täglich. Und das alles in Massen. 16 Millionen Menschen im Durchschnittsalter von unter 35 Jahren leben in der Stadt am Bosporus, die nicht nur topografisch auf zwei Kontinenten verwurzelt ist, sondern auch mental: islamisch in Asien, laizistisch in Europa. Istanbul ist eine geteilte Stadt: hemmungslos europäisch und islamisch gebremst – so wie die Nation, in der sich der Konflikt zwischen den beiden Weltanschauungen derzeit offenbar verschärft.
Standort Beyoglu.
Frauen in Miniröcken, in Röhrenjeans stöckeln an den Teehäusern, Cafés und Meyhanen (Weinhäusern) vorbei, nabelfreie Tops mit Spaghettiträgern lassen die braune Haut atmen. Junge, fitgetrimmte Burschen in Ruderleiberln tragen ihre frisch ausgezupften Augenbrauen aus, die Gelfrisur, die fetzigen Klamotten, spitzen Schuhe und avantgardistisch getrimmten Bärte. Lohnende Entdeckungstouren führen gewöhnlich in die Szeneviertel, zum Beispiel zum Taksim-Platz im europäischen Viertel, von dem Anfang Mai die Medien über Polizeigroßeinsätze berichteten. Zehntausende Gegner der islamistisch-konservativen Regierung organisierten dort Protestmärsche gegen den Präsidentschaftskanditaten Gül. In Istanbul gehen Demonstranten auf die Straße, um die laizistischen Werte der demokratischen Türkei zu verteidigen. Widersprüchlich ist diese Stadt – doch dissonant klingen hier weder die Prediger in den Moscheen noch die dröhnenden Hip-Hop-Klänge.
Istanbuls Zweiteilung beginnt am Goldenen Horn, der lang gezogenen Bucht und Verlängerung der Bosporus-Meerenge, die das Schwarze Meer mit dem Marmara-Mmeer verbindet, doch Europa von Kleinasien trennt. Am Hafen des Goldenen Horns, von wo die Schiffe den Bosporus entlang zum asiatischen Festland Istanbuls tuckern, herrscht scheinbar chaotische Geschäftigkeit. Hafenarbeiter sitzen mit ihrem Kebab auf dem Boden, fliegende Händler bieten ihre Simits, gebackene Sesambrotringe feil. Dröhnender Massenverkehr lässt einen glauben, die Straße niemals lebend passieren zu können. Aber auch unter der vielspurigen Galata-Brücke führt ein Fußgängerweg ins geschäftige Beyoglu-Viertel. Fischrestaurants, Cafés, Teehäuser reihen sich aneinander. Das Personal spricht die Passanten in deutscher, englischer, französischer, spanischer, italienischer Sprache mit einem spitzbübischen Lächeln an.
Die Stadt der Katzen. Wie durch ein Netz schaut man auf die Bucht, von der das ehemalige genuesische Viertel den Hügel hinaufwuchs: Es sind die Fischerleinen, die dicht nebeneinander von der oberen, befahrenen Etage der Galata-Brücke baumeln. An die Brüstung gelehnt warten die Angler geduldig auf einen Fang – der dann auf dem kleinen Fischmarkt am Nordende der Brücke serviert wird – gegrillte Sardinen und andere kleine Meeresfische. Die paar Kalorien kann man hinterher, auf dem steilen, 600 Meter langen Kopfsteinpflaster hügelan von Tünel nach Beyoglu, gut gebrauchen – so wie die 40 Katzen, die auf der Veranda eines verlassenen Hauses von bereitgestellten Tellern fressen. Katzen haben es gut in Istanbul, vielleicht, weil der Prophet Katzen mochte. Die Legende erzählt von einer Katze, die auf dem Kaftan des Religionsgründers schlief. Mohammed wollte sie nicht stören und schnitt seinen Kaftan mit einer Schere rund um das Tier heraus.
Beyoglu ist das Ausgeh-, Künstler- und frühere Diplomatenviertel. Durch die Hauptschlagader Isteklal Caddesi strömen die Massen. Ihre verstaubten Prachtbauten mit Jugendstilornamenten erinnern an den Reichtum der ehemaligen Reichshauptstadt. Heute herrscht jedoch wieder Aufbruchstimmung: überall renovierte Bauten, neue Modegeschäfte, neue Lokale. Beyoglu ist das liberale Istanbul, hier leben die jungen Istanbuler ihre Sehnsüchte aus. Abends flanieren Transvestiten mit der gleichen Selbstverständlichkeit über den Taksim-Platz wie tagsüber auf dem nahen traditionellen Gewürzbazar die verschleierten Frauen.
Es sind die Gegensätze, die faszinieren. Und die ultramodernen Bars auf den Dächern der Jugendstilbauten. Das „360 Grad“ ist Cocktailbar und Restaurant zugleich und wäre auch in Downtown Manhattan der letzte Schrei. Die riesigen Fensterfronten und die Terrasse garantieren den Rundumblick auf das Lichtermeer der Stadt. Schicke Istanbuler aller Altersstufen dinieren und feiern hier, tanzen zu Techno und Rap von extrovertierten DJs. Die muslimische Kultur Istanbuls lässt sich nur noch an den Halbkuppeln und Minaretts in der Ferne beleuchteter Moscheen erkennen.
Überall, wo Geschichte haust, ist auch die Melancholie daheim. Hüzün, ein arabisches Wort für Traurigkeit und Unglück, ist ein tragender Teil Istanbuls. Sie beklagt den Untergang der Weltreiche, die über Jahrtausende von hier aus regiert wurden. Hüzün nährt sich seit Jahrhunderten auch vom Schicksal der Millionen Zuwanderer, ihrer Armut, ihrer Enttäuschung.
Hüzün spürt man in einer Türki-Bar in den engen Gassen Beyoglus, wo Studenten, Intellektuelle und Kurden Obst und Käse von Plastiktellern essen und kurdische Musiktradition pflegen. Sie stecken dem Saz-Spieler während seines Spiels an der Langhalslaute Musikwunschzettel zu. Die in die Volksmusik eingeflochtenen sozialkritischen Texte werden durch ein Händetrommeln auf den Tisch honoriert. Manchmal fließen auch Tränen, ertränkt wird der Weltschmerz in Raki und kräftigem Schwarztee, eingenebelt im aromatisierten Tabakduft der Wasserpfeife Nargile und dem Bewusstsein, dass er vorübergeht.
Eine Spazierfahrt am Bosporus vertreibt die Schwermut. Passagiere an Deck, auf schmalen Bänken dicht aneinandergereiht – so pflügt das Linienschiff nach Klein-asien, ohne Istanbul zu verlassen. Tuckert vorbei an den traditionellen yalis, Sommervillen aus Holz und längst vergangenen Zeiten. Heute strahlen sie wieder, renoviert und lebhaft bemalt, an beiden Ufern des Bosporus.
Burgen, Parks und kleine Dörfer klammern sich an die 200 Meter hohen Abhänge entlang der Meerenge, die jährlich von 55.000 Frachtschiffen befahren wird. Endstation ist auf dem asiatischem Kontinent, wo über dem Nadelöhr Bosporus die byzantinische Festungsruine Yoros Kalesi thront, die den Blick auf das Schwarze Meer freigibt. Boote ziehen ihre ruhigen Spuren durchs das Wasser, die Fischer legen kreisförmig ihre Fischernetze aus, am Horzont vereinigt sich das kleine Marmara-Meer mit der Weite des Schwarzen Meers.
Rückkehr. Bei der Rückfahrt in den Sonnenuntergang ist die Schwermut verflogen. Der Blick auf Istanbul raubt einem neuerlich den Atem – 2000 Moscheen prägen die märchenhafte Silhouette des Stadtbildes. Jetzt, rechtzeitig zur Gebetsstunde, hüllt wieder die vielstimmige, riesige Klangwolke die 16-Millionen-Stadt ein. „Allah akbar, Allah ist groß!“ Bei Anbruch der Nacht gesellen sich die Elektrobeats dazu.
Austrian fliegt täglich zweimal WienIstanbul. www.aua.at
Schlafen:
So vielseitig das Gesicht der Stadt, so diffenziert auch das Angebot, sich vom Nachtleben, Einkaufen und Besichtigen zu erholen: auf dem Wasser, in Hotels, Suiten oder sogar in einem Dorf im Grünen.
Sumahan, auf dem Wasser Kule Caddesi Nr. 51, Cengelköy- Istanbul, Tel: +90/216/422 80 00 www.sumahan.com
In dem Gebäude wurde früher Raki, Anisschnaps, destilliert Suma heißt auch Geist. Heute liegt das exquisit renovierte Gebäude in einer der schönsten Buchten des Bosporus auf der asiatischen Seite der Stadt direkt am Wasser. Hoteleigene Yachten sorgen für eine unabhängige, schnelle Überfahrt zur europäischen Seite.
Richmond Hotel Istiklal Cad. Nr. 445, Beyoglu-Istanbul, Tel: +90/212/252 54 60; www.richmondhotels.com.tr
Für Nachtschwärmer: Das Haus liegt auf dem turbulenten Istiklal-Boulvard mitten im Zentrum des Nachtlebens von Beyoglu. Das Interior ist gediegen-solide, mit einer hippen Bar auf dem Dach hat man sich aber der Umgebung angepasst. Toller Panorama-Bosporus-Blick!
Ayasofya Mansions Sogukcesme Sok. Sultanahmet-Istanbıul Tel: +90/212/513 36 60 www.ayasofyapensions.com
Die hübschen dreistöckigen Gebäude waren früher die Wohnhäuser wohlhabender Würdenträger des Sultans. Die feudale Herberge liegt ideal fürs Sightseeing: direkt am historischen Topkapi-Palast. Die Zimmer: osmanischer Stil mit zeitgenössischem Komfort.
Village Park Country Resort Ishakli Köyü Nr.19, Beykoz-Istanbul, Tel: +90/216/434 59 99
Ein kleines, neues Hotel in einem großen, erholsamen Park mit Reitmöglichkeiten. Das komfortable Dorf auf der asiatischen Seite liegt etwas außerhalb der Stadt, ermöglicht allerdings sportliches Ausspannen.
Ibrahim Pasha Hotel Terzihane Sokak Nr. 5, Adliye Yani, Sultanahmet-stanbul, Tel: +90/212/518 03 94 www.ibrahimpasha.com
Sensationelle Lage mitten im historischen Zentrum Sultanahmet, fünf Gehminuten von der Blauen Moschee und zehn von der Hagia Sophia entfernt. Von den Balkonen und Terrassen des vierstöckigen Palastes aus dem 19. Jh., der stilsicher in ein osmanisch-europäisches Designhotel verwandelt wurde, hat man eine tolle Aussicht auf die Moscheen.
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