Klar, wenn man den bunten Prospekten der Veranstalter glaubt, ist alles vom Feinsten: Die Kabinen riesig und geschmackvoll eingerichtet, die Verpflegung sterneverdächtig, der Service exzellent, die Unterhaltung auf Broadway-Niveau.
Vertraut man den berufsmäßigen Schiffskritikern, relativiert sich manches: Plötzlich sind die Unterkünfte nur zweckmäßig, die Mahlzeiten eher Hausmannskost, das Personal mal mehr, mal weniger freundlich und die Künstlertruppe hat schon mal bessere Tage gesehen.
Aber auch wenn man sich auf den Berlitz Guide, quasi den Michelin der Kreuzfahrt-Branche, oder den nicht ganz so renommiereten Bellevue Kreuzfahrt-Guide verlässt, ist Vorsicht geboten: Zum einen sind die Tester keine Unbekannten in der Szene. Zudem kommen sie nicht unangemeldet an Bord. Hoteldirektor und Hausdame haben also reichlich Zeit, Stewards und Hostessen auf den „speziellen“ Gast vorzubereiten. No na, dass man sich um die sogenannten Tester speziell kümmert.
Und selbst, wenn dem nicht so ist – der heute erstklassige Kellner kann morgen mit dem linken Bein aufstehen und das am Samstag butterweiche Steak am Sonntag hart wie die berühmte Ledersohle sein.
Jede Schiffsbewertung ist, wie jede Restaurantkritik, immer nur eine Momentaufnahme. Und zwar aus der Perspektive eines Geschmäcklers. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Wahl zum „besten Schiff“ oder zur „besten Cruise Line“ selten eindeutig ausfällt: Bei Douglas Ward, dem britischen Gastro- und Kreuzfahrexperten des Berlitz Verlags, ist dies auch 2008 zum achten Mal in Folge die „Europa“.
Bei den Umfragen internationaler Reisepublikationen dagegen wird das Flaggschiff von Hapag Lloyd Kreuzfahrten kaum genannt. Kein Wunder, ist es doch trotz einiger bilingualer Reisen ein typisch deutsches Produkt.
Die Leser von Travel & Leisure, Porthole Magazin und Condé Nast Traveller setzen andere Prioritäten: Bei Letzteren landen, und das zum wiederholten Mal, gleich vier Schiffe der US-Reederei Celebrity Cruises in der Kategorie Large Ships auf den ersten Plätzen. Bei Ward, dem selbsternannten Papst der Kreuzfahrtbranche, schaffen es dagegen weder die Celebrity-Schiffe Constellation noch die Summit, Infinity oder Millenium unter die ersten zehn.
Berlitz Five Stars Club
Bei den kleinen, feinen Kreuzern ist man sich schon eher einig: Seabourn, SeaDream sowie Silversea rangieren da wie dort auf den vorderen Plätzen. Zusammen mit Cunard und Crystal Cruises qualifizieren sie sich für den „Berlitz Five Stars Club“.
Das gilt freilich nicht für alle Schiffe dieser Reedereien: Sowohl die Silver Cloud als auch die Silver Wind wurden im Vergleich zum Vorjahr herabgestuft und dürfen sich – wie auch die in der Hitparade der Porthole-Leser ganz oben angesiedelten Liner von Regent Seven Seas Cruises – „nur“ noch mit vier Sternen plus schmücken.
Die Queen Mary 2 dagegen überrascht gleich mit zwei Bewertungen: fünf Sterne für die „Grill Class“, während sich die „Britannia Class“ mit einer Drei plus begnügen muss. Die bei den Amerikanern äußerst populären Reedereien Oceania und Holland America werden von Douglas Ward nur als „Premium“ – also nicht absolut top mit fünf Sternen – eingestuft, die beim US-Publikum nicht minder beliebten Princess- und Disney-Cruises gar nur in die Kategorie „Standard“.
Meine Umfrage vs. deinen Test
Auffällig, dass Carnival Cruise Lines, mit aktuell 23 Schiffen die Nummer eins der Kreuzfahrtindustrie, in keinem der Reader Polls auftaucht. Die Freedom of the Seas des Erzrivalen Royal Caribbean dagegen wurde von den Lesern des Porthole Magazin immerhin zum besten Megaliner gekürt.
Gänzlich andere Ergebnisse finden sich auf dem in Sachen Kreuzfahrt weltweit führenden Portal www.CruiseCritic.com: Bestes Schiff dort ist die CelebrityXpedition, dicht gefolgt von der Paul Gauguin. Ob es an den Touren liegt – die eine kreuzt ganzjährig rund um Galapagos, die andere absolviert Turnusreisen ab/bis Tahiti – dass sich der Berlitz für diese beiden nicht so recht erwärmen kann? Sie erreichten 1404 und 1646 von möglichen 2000 Punkten – also genau konträr zu den CruiseCritic-Votings.
Was also tun, um das „richtige“ Schiff zu finden? Ein probates Mittel sind die wie Pilze aus dem Boden schießenden Bewertungsportale, die nicht nur internationale, sondern auch „deutschsprachige“ Schiffe ins Visier nehmen. Die meisten Einträge vereint die AIDA-Flotte auf sich. Wenn's allerdings um Sterne geht, bekommt Douglas Ward recht: Die „Europa“ hat auch im Internet die Nase vorne. Nachzulesen unter:
www.holidaycheck.de
www.mareselect.de
www.schiffsbewertungen.de
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2008)
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