Er ist hier wie ein Fisch im Wasser“, sagt Stéphane Rogliano und duckt sich in den Macchia-Busch. Eigentlich ist Stéphane Gärtner, heute aber für eine Gruppe als Experte für die korsische Macchia engagiert. Stéphane, der sämtliche Kräuter der Macchia auch auf Latein kennt, bricht ein Blatt der korsischen Myrthe ab, reibt es, schnüffelt und fordert die Gruppe dazu auf, dasselbe zu tun. Und erzählt vom eigentlichen Korsika. Von der archaischen Gesellschaft der Insel und ihren griechischen Wurzeln. Und von Nicolas Sarkozy, der die Kunst der Politik genau wie die Korsen beherrscht.
„Der eine dominiert den anderen. Aber der, der dominiert wird, bekommt auch wieder etwas dafür“, sagt Stéphane. Das seien universelle Gesetze, die beherrsche Sarkozy genauso perfekt wie die Korsen. Auch deshalb fühle sich der französische Präsident hier wie unter seinesgleichen. Er komme sehr oft nach Korsika.
Nach einer Stunde Marsch durch die Macchia ist der Aussichtspunkt über dem Golf von Porto Vecchio erreicht, ein alter Turm. Stéphane schiebt seine schwarze Ray-Ban-Sonnenbrille in die ebenfalls pechschwarzen Haare, und sagt mit einem Augenzwinkern, das an Richard Gere erinnert: „Da drüben, sehen Sie, da ist Sarkozys Lieblingshotel, das Cala Rossa. Ganz entfernt erkennt man das rote Dach des Luxushotels. „Er besucht hier einen seiner besten Freunde, den Schauspieler Christian Clavier“, weiß Stéphane.
Alpenveilchen, Leberblümchen
Der Golf von Porto Vecchio liegt da wie ein blauer See, unten schmiegen sich schmale weiße Strandabschnitte an den Macchiahügel, das Meer ist türkis. Segelboote schaukeln darauf, wie auf einem Poster. Nur: Hier ist alles echt. Traumhaft wirklich.
Korsikas spektakuläre Landschaften lassen sich am besten auf Wanderungen erkunden. Möglichkeiten dazu gibt es auf der ganzen Insel. Nach einer knapp einstündigen Autofahrt von Porto Vecchio aus taucht das Bavella-Hochplateau mit seinen bis zu 2700 Meter hohen Gipfeln auf. Am Rastplatz steht Bergführer Eric, der vor ein paar Jahren sein eigenes Unternehmen Xtrem Sud gegründet hat. Wie Stéphane trägt auch Eric eine beige Outdoorhose, kombiniert sie aber mit einem ganz banalen dunkelblauen T-Shirt. Auf dem Cover seines Flyers sieht man einen Fels mit einer lochförmigen Ausbuchtung, die in der Beschreibung als La Bomba bezeichnet wird. Die Wanderung beginnt sehr entspannt. Vom befestigten Weg aus geht es querfeldein über eine Gänseblümchenwiese zu einer kleinen Waldkapelle. Auf der Wiese wachsen auch Leberblümchen, Anemonen und eine an gelben Löwenzahn erinnernde Waldblume. Das kardinalsrobenrote Alpenveilchen, die Lieblingsblume von George Sand, ist hier ebenfalls heimisch. Der Wind weht warm und leise durch die Wipfel der Laricio-Kiefer, kleine grüne Eidechsen sitzen auf den Steinen und verschwinden beim geringsten Geräusch.
Ohne künstliche Kletterhilfen
„Jetzt ist es noch eine Viertelstunde bis zu La Bomba“, erklärt Eric mit einem Grinsen. Der Weg führt über einen Bach auf ein Geröllfeld bis zu einer senkrechten Felswand. „Wir wollen die Natur in Korsika so belassen, wie sie ist“, sagt Eric, „deswegen gibt es keine künstlichen Kletterhilfen“. Sofort wird klar, dass die Gruppe ohne Steighilfe über die Wand klettern soll. Netterweise stellt sich Eric als menschliche Treppe zu Verfügung. Indem sein Oberschenkel als Stufe benutzt wird, hievt man sich über die erste rund zweieinhalb Meter hohe Felswand. Der Abstieg auf der anderen Seite ist eher ein Herunterrutschen mit Reibungsverlusten an den Jeanstaschen – Outdoorhosen trägt natürlich niemand.
Jetzt zeigt sich die nächste Felswand mit der Ausbuchtung, der Bomba, dem Loch in rund fünfzehn Metern Höhe. Dahinter geht es 300 Meter in die Tiefe. „Aucun problem“, „kein Problem“, sagt Eric fröhlich und beginnt, den Ersten zu zeigen, wie sie sich an der Aufstiegswand der Bomba hochziehen können. Wie Säcke hängen alle im Fels, die Füße suchen krampfhaft nach Vorsprüngen in der Granitwand. Auf wundersame Weise schaffen es alle, oben anzukommen – der Blick in die Tiefe aus dem Loch der Bomba entschädigt kurz für die Strapazen.
Die Felsen des Guy Maupassant
Trotz des Muskelkaters steht tags darauf in der Umgebung von Ajaccio eine weitere Wanderung auf dem Programm. Treffpunkt ist die Kirche von Piana, der Guide heißt Manu Riolec, trägt Outdoorhosen und ein kurzärmliges hellblaues Baumwollhemd. Von La Bomba geschwächt, freut sich die Gruppe über den gemächlichen Anmarsch: Es geht zunächst über einen Fußballplatz.
Über eine in den roten Granitstein gemeißelte Treppe führt der Aufstieg bis zu einem Rundweg, der um den Golf von Porto verläuft. Die majestätischen Calanche de Piana, die roten Felsen von Piana, fallen hier fast senkrecht ins tiefblaue Meer ab. „Diese Felsen schienen wie Bäume, Pflanzen, Tiere, Gebäude, Menschen, Mönche in Kutten, gehörnte Teufel und übergroße Vögel – ein Volk von Ungeheuern, eine Menagerie von Alpträumen“, beschreibt Guy de Maupassant 1884 in „Une Vie“ die bizarre Felsenlandschaft zwischen Porto und Piana. Tatsächlich könnten die roten Felsskulpturen riesige Tiere darstellen. Die Calanche gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Je nach Tageszeit und Licht wechseln sie ihre puderroten Farbtöne und Schattierungen, die mit dem Blau des Meeres und Azur des Himmels kontrastieren.
Seeadler und Delfine
Das Farbenspiel lässt sich auch gut an späten Nachmittag bei einer Tour mit einem kleinen Boot beobachten. Es legt in Marine de Porto ab und fährt die Küste entlang bis zum Capu Rossu. So kommt man ganz nach an die roten Felswände heran. In fünfzehn Metern Höhe sind große Nester von Seeadlern auf den Felsvorsprüngen zu erkennen. Auf Steinklippen sitzen Kormorane, in einer Felsengrotte gurgelt das Wasser unheimlich. Die Landschaft ist archaisch, wie aus einer anderen Zeit. Als vor dem Boot ein Delfinpärchen auftaucht und in die zähe dunkle Wassermasse zurücktaucht, ist die Welt auf Korsika wieder in Ordnung.
Auch die vierte Wanderung im Wald von Vizzavona in der Inselmitte, rund fünfzehn Kilometer vom Universitätsstädtchen Corte entfernt, zeigt ein anderes Gesicht Korsikas. Guide Frederic Fresi empfängt die Gruppe an einem Parkplatz. Er trägt eine graue Outdoorhose und eine dicke schwarze Taucheruhr. Der Weg führt zu einer alten Steinhütte, einer Bergerie (Französisch: Schafstall), die an eine oberbayerische Hütte erinnert und malerisch auf einer Almwiese in der Sonne liegt. Fred erzählt, dass früher die Hirten nur im Sommer auf die Hochweiden Korsikas in 1100 Meter Höhe kamen und bis zu 20 Personen in der kleinen Unterkunft hausten. Durch den Rotbuchenwald geht es über Felsen hinunter bis zu einem Wasserfall, den Cascades des Anglais. „Mit dem Bau einer Bahn ins Inselinnere 1889 wurde Vizzavona und sein Grand Hôtel de la Foret bei den englischen Aristokraten beliebt“, erzählt Fred. „Es war auch ein englischer General, der diesen Wasserfall entdeckte.“ Das klare Wasser ergießt sich in ein Steinbecken.
Quer über die Insel wandern
Unterhalb der Cascades des Anglais kreuzt der GR20, der Grand Randonnée 20, der längste Wanderweg Korsikas, den Fluss. Er hat seinen Namen nach dem früheren Autokennzeichen des Départements Korsika.
Der passionierte Wanderer Michel Fabrikant, Autor des legendären Buches „Fremdenführer durch die Berge Korsikas“, hatte in den 1960er-Jahren die Idee, eine Art Autobahn für Wanderer über die Bergkämme der Insel zu schaffen. Die Dörfer baten darum, in die Planung des GR20 miteingebunden zu werden. Heute zieht sich der GR20 auf 200 Kilometern in einer durchschnittlichen Höhe von 2000 Metern einmal quer über die Insel. Er ist in 15 Etappen mit 14 Hütten aufgeteilt und kann nur von Mitte Juni bis Mitte September begangen werden. „Das Reizvolle am GR20 ist, dass sich die Landschaft jeden Tag verändert“, erklärt Fred. „Doch nur 20 Prozent der Wanderer schaffen es, ihn ohne Führer bis zum Ende zu gehen.“ Die Vorstellung, den GR20 mit Eric oder Fred abwandern zu müssen, erzeugt keine wirkliche Euphorie in der Gruppe. Schuld daran sind die schweren Beine. Doch es herrscht Übereinstimmung darüber, dass Korsika für jeden etwas zu bieten hat.
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Grand Hôtel de Cala Rossa, DZ ab 263 Euro, 0033/04/95 71 61 51, www.cala-rossa.com
Apartments: www.gites-corsica.com
Wanderungen: Balade avec un Nez, Stéphane Rogliano, Tel: 0033/(0)4 95 70 34 64, www.plante-aromatique.com
Xtrem Sud, 0033/(0)4 95 72 12 31, www.xtremsud.com
Couleur Corse, 0033/(0)4 95 10 52 83, www.couleur-corse.com
Corsica Natura, 0033/(0)4 95 37 28 41, mobil: 0033- 685 03 19 90.
Infos: www.franceguide.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2008)
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