Wie müssen die Pilgerväter erschrocken sein, als sie nach der Landung der Mayflower 1620 in Provincetown den ersten Hummer aus den Gewässern von Cape Cod fischten: Ein gepanzertes Meeresungeheuer mit Fühlern so lang wie Reitgerten und riesigen Beißscheren, die an die Folterzangen in Merry Old England erinnerten. Unser erster Hummer ist mit einem halben Kilo gar nicht furchterregend. In Europa Luxus, wird uns der „homarus americanus“ in der berühmten Edel-Fischbude Woodman's im Antiquitäten-Dorf Essex für ganze zwölf Dollar serviert: vom Pappteller mit Pommes, Ketchup und Maiskolben. Während wir hilflos mit den Fingern herumrudern, hat die resolute Kellnerin uns einen Latz vorgebunden. Ruckzuck, ein Knack in der Hummerhüfte, schon hat sie das zarte Fleisch freigelegt. Für die Scheren drückt sie jedem eine Art OP-Besteck aus Zange und Skalpell in die Hand – „Hummerknacken kann hier jedes Kind“.
Ein vielversprechender Auftakt für eine Tour durch den interessantesten Teil Neuenglands. Dabei ist Neuengland gar kein Staat, vielmehr eine uramerikanische Lebensart, zu der sich neben Massachusetts auch Connecticut, Rhode Island, Maine, New Hampshire und Vermont bekennen. Andere bezeichnen jene elitäre Geisteshaltung der puritanischen Nachfahren so, bei der sich Geschäftssinn, Gottgefälligkeit und Snobismus aufs Beste verbinden. Stolz und selbstbewusst sind sie obendrein: Lange vor Sili-con Valley werkelten hier kluge Köpfe. Besonders im kultivierten Boston, wo der Geist von Harvard und Hightech – Bill Gates lässt grüßen – durch die City wabert. Mit 21 Unis und 250.000 Studenten pro Semester ist sie die größte Ausbildungsstätte und nimmermüde Ideenschmiede der USA.
Pures Understatement
Unverbesserlichen US-Fans zur Warnung: Hier ist nicht Marlboro-Amerika! Die endlosen Highways des Westens fehlen, auch die gigantomanischen Shopping-Malls. Hierher reist man, um die Historie zu verstehen. Und Massachusetts ist nicht grell: Gleich hinter dem glitzernden New York beginnt ein eher beschauliches, idyllisches Amerika mit weißen Kirchen, sanften Hügeln, grünen Wäldern, klaren Seen. Feudale Herrenhäuser mit verschnörkelten Veranden und roten Kaminen erinnern eher an Queen Victorias Zeiten, nur dass in jedem zweiten Garten die US-Flagge über dem manikürten Rasen flattert.
Ende September ist die Ruhe dahin, da wollen viele Besucher den Indian Summer erleben – den sonnigen Herbst, der tagsüber warmes, milchiges Licht über der Landschaft ausbreitet, nachts mit kühlen Temperaturen die Verfärbung vieler Laubbäume in ein flammendes Feuermeer vorantreibt. Bis Ende Oktober hat das Heer der „leaf peeper“, der Laub-Gucker, die Chance, dem Rot-Ahorn und den Eichen nachzureisen. Und Fotografen stürzen in ein Farbdelirium.
Jackies Sommerdomizil
Blitzsauber und anheimelnd muten unterwegs zur Felsküste am Cape Ann die Dörfer an, manche an die 400 Jahre alt. „Hier sieht es immer aus, als sei gerade das Zimmermädchen da gewesen“, sagen die Bostoner.
Stopp in einem General Store: Das sind jene Krämerläden, die noch aus den Tagen der Unabhängigkeitskriege zu stammen scheinen. Da gibt es Äpfel aus dem Korb, Trockenfisch aus dem Fass, Peanuts und Tiffany-Lampen, Muffins und Kaffee im Becher, den man im Korbstuhl auf der Veranda trinkt und dabei die weißen Holzvillen im Kolonialstil bewundert. Abends warten feine Dinners in stilvollen Country Inns, Landsitze, die oft im Besitz betuchter Aussteiger sind. Manche sehen aus wie Biedermeier-Idyllen, mit Himmelbetten so hoch, dass man sie nur via Schemel besteigen kann. Das Essen ist eher französisch, das Gemüse biologisch, der Wein kalifornisch.
Die Luft riecht salzig und nach Tang. Wie ein Arm reckt sich Cape Cod mit endlosen Stränden, Dünen und Marschen in den Atlantik. Das Kap, wo sich die intellektuelle Schickeria der Ostküste trifft, und feine Bostoner in ihren Strandvillen Hof halten, ist nicht lieblich mediterran, sondern kühl-kernig wie Sylt. Das Jetset-Feeling verdankt es Schriftstellern wie Norman Mailer, Malern wie Edward Hopper oder Jackson Pollock und der Homo-Szene. Berühmt gemacht hat diese Sommerfrische letztlich aber der Kennedy-Clan mit seinem Familiensitz in Hyannis Port. Hier spazierte Jackie am Strand, von hier aus machte JFK Weltpolitik. Ihr Anwesen und die prächtigen Strandvillen anderer Polit- und Showgrößen bewundert man am besten vom Schiff aus bei Hummer und einem „Cape Coder“ – Wodka plus Preißelbeersaft.
Spiegelreflex und dicke Suppe
Rückkehr in den Alltag von Boston. Man fühlt sich gleich wohl hier. Noch wohler, seit die hässlichen Autobahnen auf Stelzen zugunsten luftiger Parks unter die Erde verbannt wurden. Die kleine City mit nur gut einer halben Million Einwohnern bietet viel; nicht nur Symphoniker, Harvard und die berühmteste Tea-Party aller Zeiten. Die ging ab, als Kolonisten in Indianerkleidern anno 1773 englische Schiffe enterten und 300 Teekisten ins Meer warfen. Mit diesem Fanal löste man sich von England. An diese Zeit erinnert auch eine der schönsten Fußgängerzonen Amerikas. Als gute Patrioten haben die Bostonians den Freedom Trail, der quer durch die Innenstadt zu allen Denkmälern der Unabhängigkeit führt, für die Besucher rot markiert.
Vieles, was man in Boston sehen muss, liegt in Gehweite: sehr gut bestückte Museen, der Theater-Distrikt, Kirchen, Kaufhäuser. Beim Bummel zwischen den Hochhäusern ist der Wandel Bostons von einer traditionell englisch geprägten in eine supermoderne Stadt nicht zu übersehen.
Architekt David Hacin gibt als Credo aus: „Noch mehr Altes mit Neuem verweben.“ Diese Vision wird im SoWa-District, dem alten Speicherviertel am Hafen, deutlich. Die von ihm entworfenen Lofts setzt er mutig auf die Dächer alter Backsteinhäuser, bricht Fassaden auf, verändert Innenhöfe. Das Avantgarde-Museum, die schrägen Galerien, Gourmetlokale und schrillen Bars ziehen viele Szenemenschen an.
Romantiker verlieren sich eher in den Gassen von Beacon Hill, wo der Geldadel mit Erkern und weißen Säulenaufgängen residiert. Besonders stolz sind die Bostonians auf die viktorianischen Stadtvillen im Back Bay Viertel, die sich im gläsernen Hancock Tower spiegeln, auf die Restaurantszene in South End, auf die Hummerlokale rund um die Newbury Street. Und auf die „Clam Chowder“, die man unbedingt probieren sollte. Auch wenn die Kombination von Muscheln mit dicker Suppe vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig klingt.
Discover New England: 0049/8151/739774;
www.discovernewengland.org/deutsch
Greater Boston Convention & Visitors Bureau:www.bostonusa.com
Massachusetts Office of Travel & Tourism: www.mass-vacation.com
Reisezeit: Indian Summer ist von September bis Ende Oktober. Kenner kommen auch im Frühling zum Biken, Wandern oder Fischen.
Unterkunft: Boston: Hyatt Regency, Midtown Hotel; Cape Cod: Surfside Inn; charmante Country Inns: Hawthorne Hotel in Salem; Dan'l Webster Inn & Spa in Hyannis Port
Tipp: Wal-Safaris ab Boston 26 Euro/P
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2008)

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