Silofreiheit und Arts-and-Crafts-Architektur im Wald

Wäldle I. In einem Jagdhaus eines englischen Bankiers genießt man heute zeitgenössisch-raffinierte alte Bregenzerwälder Arme-Leute-Speisen.

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Böhringer Friedrich

Wer wissen will, was denn nun genau das Molkenprodukt Sig ist, die „Bregenzerwälder Schokolade“, der blättere im „Appetit-Lexikon“ des Vorarlberger Autors Kurt Bracharz nach. Seine Kulinarikkolumne in den „Vorarlberger Nachrichten“ führt Bracharz regelmäßig in den Bregenzerwald. Sein Blick zurück in die Vergangenheit der Bregenzerwälder Kochtöpfe ist aber eher ernüchternd: „Historisch gesehen gibt es eigentlich keine Bregenzerwälder Küche. Die armen Leute hier kannten nur ganz wenige Speisen, den Riebel, einen Maisschmarren und die Kässpätzle.“ Inzwischen hat sich das Blatt zum Lukullischen gewendet, der Bregenzerwald hat ein beachtliches kulinarisches Niveau erreicht. Die lokalen Rohstoffe sind zahlreich, der Vorarlberger Bergkäse ist nur eine von stolzen sechzig Bregenzerwälder Käsesorten. Das Stichwort lautet silofrei, die Bregenzerwälder Kühe käuen nur frisches Gras und duftiges Heu, kein gärendes Silofutter kommt an den Kuhkörper. Nur noch zwei Prozent aller Milchbauern in der EU produzieren silofrei, der Bregenzerwald ist somit die größte zusammenhängende Region, die sich dieses Qualitätsmerkmal auf die Fahnen geschrieben hat. Zum Beispiel die Bauern von Schoppernau und die lokalen Gastronomen, etwa Isabella Felder vom Hotel Wirtshaus Gämsle. die Bregenzerwälder Ziegenkäse mit handgepflücktem Salbei serviert, Käsespätzle mit Bregenzerwälder Bergkäse, Wiener Schnitzel vom Ländle-Kalb oder das Sig-Parfait mit Röstzwetschgen nach einem Sarah-Wiener-Rezept.
Im Wald oberhalb von Schoppernau findet man sich unversehens in einem Gemälde von Kaspar David Friedrich wieder. Das Wetter schlägt spektakuläre Kapriolen. Dunkelblau ist es auf der einen Seite des Jagdhauses, kohlrabenschwarz auf der anderen. Nebelschleier fallen in weißen Fetzen auf die sattgrüne Wiese. Das Jagdhaus heißt Villa Maund und ist ganz aus Holz in alpin-mondänem Stil, mit eindrucksvoller Halle und Veranda und riesigen Fenstern, die die Landschaft als Bild in das Haus holen. Hermi und Wilhelm Muxel, Inhaber des Hotel Gasthofs Adler in Schoppernau, haben die Villa gepachtet. „Das Haus wurde vom englischen Banker Sir John Oakely Maund 1891 errichtet“, erzählt Tochter Sandra Muxel, „davor war der Banker in einem Gasthof in Au untergebracht, wo er sich an die Regeln halten musste. Daher baute er sich selbst etwas – damit er tun und lassen konnte, was er wollte.“
Jetzt dient die Villa als Schauplatz für Geburtstagsfeste, Hochzeiten, Seminare und Modenschauen, ganz im Sinne des Erbauers: „Maund hat hier schon viele Gäste gehabt, Rockefellers, Kennedys oder Kronprinz Wilhelm von Hohenzollern.“ Der Vorarlberg-Aficionado Sir John Oakley Maund pachtete 1888 zunächst die Genossenschaftsjagd von Au, kurz darauf die gesamten Jagdgründe im hinteren Bregenzerwald rund um die Orte Schoppernau, Hopfreben und Schröcken bis hinein in das Kleine Walsertal. Seine prächtige Jagdvilla ließ sich Maund von heimischen Handwerkern zurechtzimmern, allen voran vom Zimmermann Johann Anton Strolz aus Schröcken. Beim Bau des Hauses bezweifelten die Schoppernauer, dass das Fachwerk stabil genug sei, aber die letzten 120 Jahre zeigten, dass die Vorarlberger Tischler schon damals ihr Handwerk verstanden. Der Architekt der Villa war einer der wichtigsten Kreativen seiner Zeit: William Morris, der Vater der Arts-and-Crafts-Bewegung und Gestalter der Morris Rooms im Victoria and Albert Museum in London. Für den Innenausbau sorgte der heimische Schreiner und Kunsttischler Kaspar Felder, der Urgroßvater von Isabella Felder vom Hotel Wirtshaus Gämsle.

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