Wiens kleine Schwester an der Donau

Die slowakische Hauptstadt Bratislava ist schnell erreicht und besticht durch den reizvollen Kontrast von Alt und Neu. Jedenfalls ein netter Ausflug.

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Bratislava – Die Presse

Zug oder Schiff, diese Entscheidung muss man zu Beginn des Ausfluges fällen. Bratislava und Wien sind jene beiden Hauptstädte Europas, die am wenigsten Kilometer trennen. Gerade nur schlappe 55. Luftlinie. Ein Münzwurf fällt zugunsten der Zugfahrt aus. Der späte Vormittag ist die beste Abfahrtszeit, damit kann gleich das Mittagessen in Bratislava angesteuert werden. Mit dem Regionalzug ist nach einer Stunde das Ziel erreicht.

Bratislava hlavná stanica, kurz: Bratislava hl.st., heißt Hauptbahnhof Bratislava und ist ein Juwel jungfräulich gebliebener Ost-Architektur. Grandiose Unberührtheit. Ein Mosaik in der Bahnhofshalle zeigt in ausdrucksvollen Szenen die auf die Grundpfeiler der sozialistischen Denkweise hin stilisierte slowakische Gesellschaft. Die betagte Botschaft lautet: Der Sozialismus ist das System, das die Welt in Frieden und Einheit zusammenbringen wird.

Das Design der Anzeigetafeln, die dunkelblauen Schilder über den Fahrkartenschaltern, alles zusammen erlaubt eine Zeitreise in eine vergangene Epoche der Bahnhofsästhetik. Die erste Bahnlinie von Wien nach Pressburg aka Bratislava wurde übrigens 1848 eröffnet und hieß damals Marchegger Ostbahn. Heute wird bei der Ankunft die Orientierung für des Slowakischen Unkundige leicht gemacht durch einen unübersehbaren Touristen-Informator, der einen Stadtplan und die Infos bereitstellt, wie das Zentrum mit dem 13er-Bus zu erreichen ist.

Aus dem 13er geklettert offenbart sich ein verwirrend beiläufiges architektonisches Nebeneinander von schlichtem Hochhaus, schuhschachtelähnlichem zweistöckigen Bauwerk und barocker Kirche und Kloster, doch nach wenigen Schritten hinein ins Zentrum der Stare Mesto, der Altstadt, wirkt die Urbanistik einheitlicher. Mittelalterliche Straßenzüge mit gut gewarteten barocken Gebäuden machen die Altstadt aus. In den Gassen eröffnet sich eine breite Palette an Restaurants, Lokalen und Bars, die slowakische Mini-Metropole ist vor allem von Touristen auf der Suche nach dem passenden Mittagessen bevölkert. Die Auswahl ist zumeist zwischen slowakischer Küche und dem, was Slowaken unter italienischer Küche verstehen, zu treffen. Zwischen Venturska und Panska wird man bestimmt fündig.

Hviezdoslavovo námestie ist der Salon der Stadt. Hier befinden sich die Botschaften von Deutschland und den Vereinigten Staaten. Am Platz, der von hohen Bäumen gesäumt ist, sind am Boden riesige rote Kissen von der Stadt bereitgestellt worden. Liebespaare aus den USA und aus Deutschland lungern entspannt neben den Einheimischen auf den gemütlichen Pölstern und sehen zu, wie auf dem in das Straßenpflaster eingelegten Spielfeld Schach gespielt wird.


Ein Märchen. Im Gespräch mit den Reisenden wird deutlich, dass ein Besuch in Bratislava bei einer Wien-Reise fast ein Must ist, dass also in touristischer Hinsicht das Konzept der Twin-Citys Wien-Bratislava voll aufgeht. Der Hviezdoslavovo námestie hat auch schon Radetzky-Platz geheißen, jetzt ist er nach Pavol Országh Hviezdoslav benannt, dem Paradeschriftsteller der Slowaken. Seine Statue findet sich auf dem Hviezdoslavovo námestie, ebenso wie eine weitere, die den Dänen Hans Christian Andersen darstellt. Andersen besuchte Bratislava und antwortete auf die Frage, ob er ein Märchen über die Stadt schreiben wolle, charmanterweise: „Nicht nötig, die Stadt ist selbst schon ein Märchen.“

Mehr Märchenhaftes findet sich beim Rundgang durch die Kathedrale Sankt Martin und durch ihr Museum. Ein gewisser Johann Klement Zwespenbauer soll in der Mitte des 17.Jahrhunderts mit schulterlangem grauen Haar und bodenlangem weißen Gewand als Geist die Jungfrau Regina im Palais Palffy in Bratislava durch Besuche völlig verschreckt haben. Der Zwespenbauer-Geist erklärte der Jungfrau schließlich, dass er erst zur Ruhe kommen könne, wenn mit Geld aus seinem Nachlass eine Heiligenstatue gestiftet werde, da an diesem Geld das Blut eines rechtschaffenen Mannes klebte. Tatsächlich, als eine solche Statue verwirklicht wurde, brachte das das ersehnte Ende des Spuks. Der Beweis für die tatsächliche Existenz des Geistes war der Abdruck einer brennenden Hand, den Zwespenbauer auf der Statue hinterließ.


Unter der Stadtautobahn. Von der Martinskathedrale zum Schlossberg führt eine Fußgängerpassage unter der Stadtautobahn durch. Die vierspurige Stadtautobahn zerschneidet Bratislava in zwei Teile. Dieser wüste verkehrstechnische Eingriff in das Stadtgewebe findet überraschenderweise gleich neben dem spitz aufragenden Martinsdom statt. Für den Bau des Highways wurde ein Teil des jüdischen Viertels mit der Synagoge abgerissen. Die radikal durch die Altstadt schneidende Straße verleiht Bratislava einen modernistischen Anstrich und mündet in die Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes, die über die Donau führt, hin auf eine Vielzahl von Wohnblocks revitalisierter sozialistischer Architektur.

Die Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes ist für einen Superlativ gut, sie ist die längste Schrägseilbrücke der Welt mit nur einem Mast. Gewunden sind die Straßen auf der Altstadtseite hinauf zum Schloss. Jahrhundertelang war das Schloss eine Dependance des habsburgischen Reiches, ein strategischer Brückenkopf mit atemberaubendem Blick über die Donau. Die interessanteste Entdeckung wurde vor Kurzem gemacht, ein Fund antiker Mauern an der Längsseite des Schlosses, die eine römische Bautätigkeit am Schlossberg bezeugen. Von oben wird die Ausbreitung in die neuen Stadtteile deutlich sichtbar. Jetzt steht der Entschluss fest: Der nächste Besuch in Bratislava führt genau in jene Neubau-Gegenden, die sich in die Ebene erstrecken.

Ausflug

Fahrt. Der Zug fährt ungefähr jede halbe Stunde vom Hauptbahnhof Wien, das Ticket kostet pro Person 15 Euro hin und retour, Benützung aller öffentlichen Verkehrsmittel in Bratislava inklusive.

Essen. Auf dem der Altstadt gegenüberliegenden Donauufer findet sich das Gasthaus Leberfinger, das traditionelle Pressburger Spezialitäten serviert – zu etwas höheren Preisen.
Adresse: Viedenská cesta 257, www.leberfinger.sk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2014)

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