Was hat Venedig in den letzten Jahren doch alles aufgeführt, um sich mit Hilfe eines Mitglieds der berüchtigten Zunft der „Stararchitekten“ ein modernes Image zuzulegen. Santiago Calatrava, Großmeister der organisch geschwungenen Bogenkonstruktionen, war auserwählt, die Stadt architektonisch in das 21. Jahrhundert zu führen. Schon 1996 war der Auftrag ergangen, Ende 2007, hundertprozentig, sollte die 94 Meter lange Glas-Stahl-Brücke zwischen Bahnhof und Piazzale Roma eingeweiht werden. Die fertig montierten Teile hatten da schon nach einem Baustopp jahrelang auf einem Industriegelände in Porto Marghera vor sich hin gegammelt.
Aber auch daraus wurde nichts. Die schließlich auf den 18. September dieses Jahres angesetzte feierliche Eröffnung der vierten Brücke über den Canal Grande wurde kurzfristig von Bürgermeister Massimo Cacciari abgesagt. Viermal so teuer wie geplant war die zweifellos elegante, aber von den Venezianern ungeliebte Konstruktion schließlich. Gipfel der Peinlichkeit: Die Brücke erwies sich als viel zu schwer und hätte ohne entsprechende Überarbeitung die angrenzenden Gebäude am Ufer zum Einsturz gebracht. Die vom Architekten euphemistisch als „Übergang des Lichts“ bezeichnete Brücke ist außerdem nicht behindertengerecht und muss erst den Regeln der Barrierefreiheit gemäß überarbeitet werden.
Überdosis an Gotik und Renaissance. Bei aller Häme sollte man doch nicht übersehen, dass sich Venedig ernsthaft bemüht hat, sein Image der mühsam am Leben gehaltenen Old-Europe-Disneyworld (mit rund zehn Millionen Touristen jährlich) ein wenig in Richtung lebendiger und auch dynamischer und in Veränderung begriffener Stadt zu korrigieren.
Leicht ist das nicht, und leicht ist es auch für die Reisenden nicht, ein Fleckchen zu finden, wo man nicht im permanent fließenden Strom anderer Reisender an all jenem vorbeitreibt, das Nichteuropäer schon mal in die Agonie eines durch Überdosierung bedingten Gotik-und-Renaissance-Schocks versetzt. Ein paar Versuche ist es aber allemal wert.
Eigentlich ist die Stadt im Wasser ja prädestiniert für die Prinzipien der Moderne: Die Fundamentierung der Bauten im schlammigen Grund der Lagune mit Pfählen – allein für die Barockkirche S. Maria della Salute waren es 1.156.650 Baumstämme – verlangte alle Möglichkeiten des Leichtbaus, wie ihn sich später die Moderne auf ihre Fahnen schrieb. Folgen des – von Calatrava wohl zu wenig bedachten – Zwanges zur Leichtigkeit waren die riesigen Fensterflächen der Palazzi, auch der im Vergleich zu Stein viel weniger schwere Terrazzoboden.
Die schmeichlerische Schöne. Einen guten Ausgangspunkt für das Erkunden eines venezianischen Renaissance-Palazzos mit melancholischer Fin-de-Siècle-Stimmung bildet das Museo Fortuny, das im Palazzo Pesaro degli Orfei am Campo S. Beneto im Sestiere S. Marco untergebracht ist. Zwar auch schon lange kein Geheimtip mehr, aber immer lohnend – nicht nur wegen des Palazzos, sondern auch und vor allem wegen der Art-Nouveau-Textilien und -Lampen Mariano Fortunys.
Die Serenissima erlebte zu Fortunys Zeit eine gewisse Renaissance als liederlich in der Lagune gammelnde Femme fatale unter den Städten. „Die schmeichlerische und verdächtige Schöne – diese Stadt, halb Märchen, halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst schwelgerisch aufwucherte“ war sie für Thomas Mann. Für den deutschen Soziologen Georg Simmel hatte sie „die zweideutige Schönheit des Abenteuers, das wurzellos im Leben schwimmt, wie eine losgerissene Blüte im Meere.“
Das Jahr 1906, in dem Simmel seinen Essay über Venedig schrieb, sah auch den plötzlichen Einsturz des baufälligen Campanile von S. Marco. Vergebens forderte damals Otto Wagner einen zeitgenössischen Neubau – der Turm wurde originalgetreu rekonstruiert. Zu sehr hatte er sich über Jahrhunderte als zentraler Punkt zahlloser Veduten etabliert. Da hatte es die Moderne naturgemäß schwer. Für die Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti war Venedig die Inkarnation des reaktionären „Passatismus“: „Beeilen wir uns, die kleinen stinkenden Kanäle mit dem Schutt der alten einstürzenden und aussätzigen Paläste zuzuschütten. Verbrennen wir die Gondeln, diese Schaukelstühle für Idioten, und errichten wir bis zum Himmel empor die mächtige Geometrie der Metallbrücken und der rauchgekrönten Fabriken als Ersatz für die weichen Kurven der alten Bauten“, forderte Marinetti 1910 auf einem Flugblatt, das er vom Uhrturm von S. Marco auf die verdutzten Venezianer abwarf. Nur wenig später entstanden die Industriegebiete von Mestre und Marghera.
Großmühle wird Luxushotel. Das Zentrum der Industrie war bis dahin die Giudecca, wo noch heute der „Mulino Stucky“, 1895 entworfen vom norddeutschen Architekten Ernst Wüllekopp, an das Zeitalter der großen Fabriken gemahnt. Vor wenigen Jahren nach langem Leerstand ausgebrannt, wird die Großmühle heute als luxuriöser Standort einer amerikanischen Hotelkette genutzt. Ein kleines Stück weiter südlich liegt auf der Giudecca die ehemalige Junghans-Fabrik – heute eines der interessantesten Sanierungsgebiete Venedigs. Die Nachverdichtung mit Wohnbauten wurde ab 1995 von verschiedenen Architekten realisiert, etwa dem Mailänder Cino Zucchi und dem Wiener Boris Podrecca, der auch das Museum moderner Kunst in der Ca’ Pesaro gestaltete. Hier ist klassische Moderne vom Feinsten zu sehen, darunter Arbeiten von Max Ernst, Paul Klee, Hans Arp, Alexander Calder, Joan Miró und Giorgio de Chirico.
Ähnliches, aber in intimerer Atmosphäre, bietet die hochkarätige Sammlung von Peggy Guggenheim. Den Charme des Museums, das im spätbarocken Palazzo Venier dei Leoni untergebracht ist, liegt im trotz der vielen Besucher noch immer spürbaren Wohnraum-Ambiente.
Der Garten ist bezaubernd, der abschraubbare erigierte Penis von Marino Marinis Reiterskulptur auf der Terrasse zum Canal Grande ein Klassiker. Nicht weit vom Guggenheim-Palazzo entsteht zur Zeit in der Dogana da Mar, die lange leerstand, nach Entwürfen Tadao Andos ein weiteres Museum moderner Kunst. Initiator ist der französische Milliardär François Pinault, der bereits den Palazzo Grassi sein Eigen nennt.
Zeit für einen Imbiss. Peggy Guggenheims venezianische Nachkriegszeit ließ sich auch für die Architektur zunächst hoffnungsvoll an: Frank Lloyd Wright plante ein Stipendiatenheim am Canal Grande, Louis Kahn ein Kongresszentrum auf dem Biennale-Gelände, Le Corbusier ein Hospital am von der Stadt abgewandten Ende des Canale Cannaregio. Nichts davon wurde realisiert.
In den Giardini entstanden immerhin Pavillons von Gerrit Rietveld, Sverre Fehn, Alvar Aalto und Carlo Scarpa. Das Gelände der Krankenhausplanung Le Corbusiers wurde schließlich wie das Junghans-Areal als Gebiet für Wohnbauten ausgewiesen und nach Entwürfen von Vittorio Gregotti bebaut.
Zeit für einen „Giro d’Ombra“, die Stehachtel-Tour durch kleine Bars mit Imbissen. Feine Crostini und andere „Cichetti“ in schönstem Vinotheken-Antiquariats-Ambiente bietet nahe der Guggenheim-Sammlung „Cantinone“ (S. Trovaso, Dorsoduro 992). Am belebten Campo S. Margherita nimmt das zahlreiche junge Publikum vor allem den ubiquitären Aperol-Sprizz – mittlerweile kostspieliger als in Wien. Für ein reichhaltigeres Essen in der Nähe empfiehlt sich die Locanda Montin (Dorsoduro 1147).
Das Lokal mit lauschigem Garten und Übernachtungsmöglichkeit in den Obergeschoßen schätzten schon Promis von Gabriele d’Annunzio über Amedeo Modigliani bis Luigi Nono.
Nachdem man sich bei Venini (Piazzetta dei Leoni, 314 S. Marco) die Nase an den Schaufenstern mit dem schönsten modernen Murano-Glas plattgedrückt hat, empfiehlt sich unbedingt ein Abstecher zur Fondazione Querini Stampalia (Castello 4778). Die Gestaltung der Räumlichkeiten einer Sammlung Venezianischer Kunst ist ein Werk des großen Carlo Scarpa aus den frühen Sechzigerjahren. Gleich um die Ecke locken am unspektakulären, aber umso sympathischer belebten Campo S. Maria Formosa lauschige Einkehrmöglichkeiten – etwa in der winzigen Osteria Alle Testiere (Calle del Mondo Novo 5801) oder der Trattoria Al Mascaron (Calle lunga S. Maria Formosa 5225).
Die billigste Bar der Stadt. Sollte Ihnen jetzt doch langsam das Geknatter von Vespa und Ape fehlen, holen Sie das geparkte Auto aus dem spektakulären funktionalistischen Parkhaus am Piazzale Roma – es gilt, das echte italienische Leben am Lido zu inhalieren. Die Autofähre vom Piazzale Roma zum Lido könnte man als die billigste Bar Venedigs bezeichnen. Hier kostet ein Espresso (natürlich zuzüglich Fährenticket) 0,90 Euro, man sitzt auf dem Oberdeck der Fähre und hat dabei den schönsten Blick auf die Stadt, inklusive der riesigen Kreuzfahrtschiffe, die der Architektur der Serenissima eine neue Dimension geben. Am Lido warten Belle-Epoque-Sommerfrische-Pensionen, das Art-Déco-Casino und die leicht morbiden Grand Hotels Excelsior und Des Bains. Für das Arsenal ist morgen auch noch Zeit.
Venedigs neue Architektur
18.09.2008 | 18:40 | Von Iris Meder (Die Presse - Schaufenster)
Venedig, das lebendige Museum für die Baugeschichte, ist nicht von ungefähr Schauplatz der Architektur-

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