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Wein in Niederösterreich: Kellergassen und Klosterterrassen

10.10.2008 | 16:48 |  UTE FUITH (Die Presse)

Weinherbst in Niederösterreich: Den Wein nicht nur kosten, sondern aktiv erarbeiten.

Und jetzt stellen Sie sich vor, dass Sie Weintrauben sind und gleich gepresst werden“, suggeriert die Führerin den Besuchern der Loisium-Kellerwelt. Untermalt von Klängen des Vienna Art Orchestra geht die Fahrt in einem Nirosta-Hightech-Lift tief nach unten in das weit verzweigte Netz der zum Teil 900 Jahre alten Weinkeller in Langenlois, dem Hauptort des Kamptales.

Im Loisium wird die Weinwerdung sehr anschaulich, unter anderem auch anhand von Wasser- und Klangskulpturen, erklärt beziehungsweise „erlebbar“ gemacht. Tja, ohne Erlebnis und Emotionalisierung geht heute gar nichts mehr. Kein Wunder, wenn da auch ein steinerner Bacchus nicht fehlen darf – gegen Schluss der Show spuckt der römische (Halb-)Gott dem imaginären Winzer den gut gegärten, fertigen Rebensaft ins Gesicht.

Sehr real dagegen ist Karl Steininger, Winzer in Langenlois, der gemeinsam mit seinen Partnern, dem Wirtschaftstreuhänder Gerhard Nidetzky und dem Flaschenabfüller Erwin Haimerl vor fünf Jahren das ambitionierte Projekt „Loisium“ ins Leben gerufen hat.

Zentrales Anliegen dabei ist die Verknüpfung von Tradition und Moderne. Baulich realisiert wurde der gesamte Loisium-Komplex – Kellerwelt, Besucherzentrum und Hotel – vom bekannten US-amerikanischen Architekten Steven Holl. Während das Loisium das Thema Wein mit zeitgenössischer Animationstechnik und Architektur vermarktet, bringt man am anderen Ende von Langenlois den Wein mit traditionellen Mitteln an den Mann.

So findet alljährlich Ende August am Sauberg eines der größten Kellergassenfeste Niederösterreichs statt. Auf schlichten Tischen und Bänken kosten tausende Kamptaler und eigens angereiste Gäste den jungen Wein, Kinder vergnügen sich in den obligatorischen Hüpfburgen, vor den kleinen, teilweise jahrhundertealten Kellern rühren Köche in riesigen Töpfen.

Die kulinarische Internationalisierung hat längst auch die Kellergassen erfasst: Neben klassischen Waldviertler Feuerflecken, Liptauer- und Schmalzbroten findet sich einiges Exotisches auf dem Speiseplan. Die Superstars am Sauberg sind allerdings seit langem die gleichen: die wichtigsten Rebsorten der Region, Grüner Veltliner und Riesling.

 

Bestes Terroir

Der unweit von Langenlois gelegene Heiligenstein in Zöbing mit seinem rötlichen, verwitterten Wüstensandstein und den Konglomeraten aus Vulkanbestandteilen ist unbestritten eine der besten Lagen im Kamptal. Dort wachsen Rieslingreben für einen besonders kraftvollen, langlebigen, mineralischen Wein. In den Rieden nahe dem Fluss findet sich eine Flora und Fauna wie sonst nur in weit südlicheren Breiten.

Die Zöbinger Kellergasse am Heiligenstein zählt zu den ältesten der rund 1000 Kellergassen Niederösterreichs. Ein stilles Pflaster, wenn nicht gerade die Lese stattfindet oder ein Wein- oder Feuerwehrfest vorbereitet wird. So hat Altwinzer Rudolf Frei seinen Betrieb schon vor Jahren an Sohn Stefan übergeben. Aber ganz mag sich der Seniorchef nicht zurückziehen. Nach wie vor brennt er seine Schnäpse selbst oder weiht neugierige Besucher in sein Weinwissen ein.

Der Önologie widmet sich auch Fritz Miesbauer, Geschäftsführer im Weingut der Stadt Krems, mit Hingabe. Er hat in den vergangenen fünf Jahren das geschichtsträchtige Haus auf den neuesten Stand der Technik gebracht und keltert international beachtete Weine. Vor zwei Jahren übernahm er außerdem die Betreuung der Weingüter des Benediktinerstiftes Göttweig hoch über dem rechten Donauufer. Das „österreichische Montecassino“ ist jedoch ganz weinunabhängig eine erstklassiges Ausflugsziel: Die Pläne zu dem markanten Klosterbau stammen vom Hofarchitekten Johann Lucas von Hildebrandt. Aus den Prunkräumen des Barockbaus und der großen Terrasse hat man einen wunderbaren Blick über die Donau bis ins Waldviertel hinein, über Krems, die Wachau, das Weltkulturerbe.

 

Wege zum Wein

Viele Wege erschließen diese traumhafte Gegend: Seit Anfang Oktober etwa führt eine weinkulinarische Schifffahrt auf der „Mariandl“ durch die Terrassen- und Flusslandschaft und zu den schönsten Rieden. Wanderer, Läufer und Radfahrer können während des niederösterreichischen Weinherbsts aus einem großen Angebot lohnender Thementouren wählen – von Erkundungen der Weingärten in Begleitung von Weinführern über einen Weinberglauf bis zum Riedenradeln, wo man in alten Kellern und Wirtshäusern rastet.

Rund 4200 Kilometer beträgt das Radroutennetz in Niederösterreich. Die sieben Hauptradrouten liegen abseits des Straßenverkehrs, meist auf Güterwegen und asphaltierten, breiten Radwegen: der Donauradweg, der Eurovelo 9, die von Tourismusexperten ausgezeichnete Kamp-Thaya-March-Radroute oder der Traisental-Radweg sind sehr gut beschildert und gemütlich zu befahren.

Egal, für welche Art der Fortbewegung man sich entscheidet: In Niederösterreich führen letztlich alle Wege zum Wein. Zumindest, so lange der Weinherbst dauert – heuer bis weit in den November.

WASSER UND WEIN

Weinherbst: dichter Veranstaltungsmarathon bis in den November, www.weinherbst.at



Wasserwege: Weinherbst plus Schifffahrt, www.brandner.at, www.ddsg-blue-danube.at



Weininfos: Interessantes zu den einzelnen Weinbaugebieten auf www.weinausoesterreich.at

[Foto: Österreichisches Weinmarketing]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2008)


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