Die Bionade auf ihrem Siegeszug: Dieses schicke, nicht übermäßig süße In-Getränk aus Holunder, Litschi, Kräutern und Ingwer-Orange gilt, obwohl die Brauerei in Bayern steht, aus irgendeinem Grund als Symbol für Berliner Lebensgefühl. Nein, Sie lesen hier keinen Werbetext für Bionade! Sie lesen Ansätze für den Versuch einer Definition des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg. Lassen wir zunächst die Einwohner zu Wort kommen. Die behaupten gerne von sich, dass sie nicht allzu süß seien. Etwa so, wie das die Bionade behauptet. In Wirklichkeit werden die Einwohner aber tendenziell süßer. Zudem muss man sie in den Kontext des Phänomens der Gentrifizierung stellen, ein Phänomen, das am Prenzlauer Berg geradezu erfunden wurde.
Nach der Wende gehörte die Gegend im ehemaligen Ostteil zur begehrten, weil mietpreisbilligen Konkursmasse der städtischen DDR. 2008 ist die Sanierung abgeschlossen, die Mieten sind so hoch wie anderswo, und allseits hört man Klagen über die neue Biederkeit des ehemaligen Arbeiterviertels. Parolen gegen „Schwaben“, die mit Fremdgeld alles weggemietet haben sollen, sind auf Zetteln an Parkbäumen zu lesen, „Ausländer rein, Rheinländer raus“ ist längst ein Toilettenwand-Klassiker. Sven Regener, der mit „Herr Lehmann“ einen großen Berlin-Bestseller geschrieben hat und im Viertel lebt, diagnostizierte im „Tagesspiegel“ treffend: „Prenz-
lauer Berg ist jetzt einfach ein bürgerliches
Viertel, in dem viel Geld drinsteckt. Die Leute dort mit ihren Restaurants, Kinderklamottenläden und den ganzen anderen kulturellen Codes, die müssen auch irgendwo leben!“
Geheimtipp
Mittlerweile mangelt es der Stadt der Geheimtipps beinahe an Geheimtipps. Aus den Reiseführern kennt man die Shoppingmeile der
Kastanienallee an der Schnittstelle zwischen dem Bezirk Mitte und Prenzlauer Berg. Man weiß, dass die Tom-Kha-Suppe mit Basmati im „103“ die angesagteste der Stadt ist. Und längst hat man den hübschen „Berliner Prater“ entdeckt, einen historischen Gastgarten mit Kas-tanienbäumen und Ausschank, auch ein Leberkäseparadies und Volksbühnenableger. Die Verlängerung der Kastanienallee, die Pappelallee, ist ebenfalls von trendigen Geschäften gesäumt. Doch der Urbanitätsfaktor zieht sukzessive tiefer ins Kiez – momentan ist die Stargarder Straße dran, aus ihrer Lethargie zu erwachen.
Stadt der genialen Billigkeiten
Zwischen all den berlinnotorischen Kleinläden, Ergo- und Physiotherapien, Yogastudios, der Textilpflege, dem drogenfreien Café, den Berliner Bürgerstuben, den Naturkosmetik- und Lernläden floriert eine neue, unmuffige Shopping- und Verpflegungswelt. Die Stargarder Straße liegt gerade so abseits, dass sie noch gemütlich wirkt. Breit ist sie auch, sie besitzt Querparkplätze und komfortable Gehsteige. Wie die meisten Berliner Chausseen der Ex-DDR trägt sie den historischen Schnitt in sich und somit alles, was ihr Viertel heute auszeichnet: leider auch die unverwüstlichen internationalen Lokale einer neudeutschen Gründerzeit mit ihren endlosen Speisekarten. In diesem Fall heißen sie „Xion“ und „El Sol“ und bieten Mittagsrabatte für recht unfrische Großportionen.
Altes Problem Berlins
Die Stadt der genialen Billigkeiten hat kein gesteigertes Interesse an kulinarischer Finesse. Auch die Esskritik in den lokalen Medien wie dem nützlichen Stadtmagazin „Zitty“ hebt sich selten über Studentenzeitungsniveau. Am liebsten mag der Ausgehberliner immer noch das Thailokal mit dem Leuchtschild „exotisch-kulinarisch“ plus ein paar Rufzeichen, das neben der gefürchteten Chinapfanne („Schina-Fanne“) auch Sushi und Nudelsuppen serviert. Doch was soll’s, Berlin ist schön proletarisch, und man möchte gerne ein Bürgermeisterwort abwandeln und behaupten, das sei gut so. Dennoch, ein paar Leute bemühen sich mittlerweile, Restaurants zu eröffnen, die nicht unbedingt Kerzen am Tisch stehen haben müssen – auch in der Stargarder Straße. Das maurische „Aura“ mit seinen Tapas ist auf einem guten Weg. Und dann erst das „1001 Falafel“ nebenan, das frische Schwarma in Toastbrot in ihrem Idealzustand serviert: ein unglaubliches Erlebnis für Menschen, die zwanzig Jahre solide Döner in sich aufnahmen!
Dazu trinken die Erfinderischen eine Berliner Weiße mit Schuss, die Müden die populärste Kaffeevariation, nämlich portugiesischen Galão, und der Mainstream Bionade Ingwer-Orange. Einige wissen noch, dass dem Getränk der Durchbruch in Wahrheit in Hamburg gelungen ist, aber die meisten identifizieren es mit Berlin und Prenzlauer Berg. Nein, das ist jetzt wieder nicht Werbung. Die Werbung macht Bionade selbst auf dem schlichten, blauen Plakat: „Von führenden US-Getränkeherstellern nicht empfohlen.“
Abends geht man zur In-Crowd ins Marietta, zu den Vierzigjährigen ins Fellas oder dorthin, wo alle landen, ins indonesisch-internationale Suppenlokal Intersoup. Beim „Signore Batistin“ gibt es ausgezeichnete italienische Vitrinenware, aber vielleicht setzt der Shop ein bisschen unverschämt auf deutsche Italienromantik: hohe Preise. Der Friseur „Kopfgeldjäger“ gegenüber erlaubt sich ausgefallene Frisuren, und die „Kleine Eiszeit“ hat das beste Dieleneis im Kiez, Besitzer Hans-Joachim Stiller soll ja einst vertrauensbildend gesagt haben: „Sellerie-, Knofeleis oder so’n Schnullibulli jibts bei uns nich.“
Von Bizzi, einem Designerladen für Leute, die knapp bei Kasse sind, bis zum „Design, Licht, Möbel“, Spezialist für Würfelmöbel, gibt es – neben allgegenwärtigen Retro-shops – in der Stargarder viel Einrichtungsvarietät. Tolle Schuhe bietet „Princigalli“, während die Secondhand-Kultur auf dem Kleidersektor von „no socks no panties“ hochgehalten wird. Die Mode präsentiert sich in Form von kleinen, aber exklusiven Boutiquen wie dem „Tatem“ oder jener von Manuela Janisch, die ihren Flagship-Store in den Potsdamer Arkaden hat.
Kleidungsmäßig hat jedoch ein kaum zehn Minuten entferntes Kiez die Nase vorn: Das Herz der jungen Mode schlägt in einer gut befahrenen und doch verschlafenen Straße, an die sich bis vor kurzem kaum jemand erinnert spruch der Protagonistin Tanutscha im Kinofilm „Prinzessinnenbad“ von Bettina Blümner, „Ich bin aus Kreuzberg, du Muschi!“, ist längst geflügeltes Wort der Hauptstadt. Da schwingt alles mit: die schlafwandlerische Wiedererkennbarkeit der Wohngegend durch soziale Codes, aber auch durch Stimmlage, Gesichtsausdruck oder Meinung. Auch so entsteht der Rückzug in die biedere und durchaus
gemütliche Abschottung, die von vielen so beklagt wird.
Zu Unrecht, denn immer noch ist Berlin extrem durchlässig. So war vermutlich an keinem Ort zu keiner Zeit die Fluktuation so enorm wie am Prenzlauer Berg der letzten zwanzig Jahre. Nirgendwo anders schossen Unternehmungen so rasch aus dem Boden und gingen wieder unter. Dabei blieb bei aller Innovation die Energiesumme konstant: Das deutsche Modewort „unkaputtbar“ muss in der Gegend um den Helmholtzplatz erfunden worden sein. Und auch der hat viel mitgemacht – inklusive Umwandlung in einen Park für Verkehrserziehung zu DDR-Zeiten.
Dort, wo Trends gesetzt werden, sieht es seltsamerweise gar nicht besonders trendig aus. Das gilt für die Brunnenstraße ebenso wie für die Stargarder Straße und in weiterer Hinsicht für große Teile des zusammengestückelten, nie ruhenden, hässlichen und schönen Berlin. Irgendwo am Prenzlauer Berg hängt über einem Baugerüst der
Kaputtsanierer, die jetzt florieren, ein Riesenplakat mit gewaltigen Lettern: „So in, dass es schon wieder so out ist, dass es wieder in ist.“ Es handelt sich um Werbung für Bionade.

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