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Tunesien: Blauweiße Märchen

14.11.2008 | 20:46 |  Von Madeleine Napetschnig (Die Presse)

Überfällig: Tunis und seine Vorzeige-Vororte müssen auf den Radar von Städtereisenden.

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Tagtäglich lässt sich Sidi Bou Said bestaunen. Weiß gekalkte Würfel stapeln sich den Hügel hinauf. Kuppeln durchbrechen den Rhythmus. Aus maurischen Mauern springen blitzblaue, hölzerne Erker hervor. Unter Rundbögen ducken sich blitzblaue, beschlagene Türen. Bougavilleen flankieren sie. Mediterranes Licht füllt den Raum dazwischen. Das Ziel liegt ganz oben in diesem Dorf, ein paar Stufen noch, dann steht man im Café des Nattes und wird Teil des berühmtesten tunesischen Postkartenmotivs.
Es wundert den Besucher in Sidi Bou Said bestimmt nicht, dass die drei Maler August Macke, Paul Klee und Louis Moilliet 1914 so hingerissen waren von dem hübschen tunesischen Dorf; eine echte Künstlerkolonie war es damals. Macke aquarellierte hier quasi im Akkord. Klee schwärmte vom Licht und schrieb begeistert darüber. Der Rest ist Kunstgeschichte: Sidi Bou Said war eine Station einer extrem produktiven, aber nur kurzen Reise, die die drei auch nach Tunis selbst, Hammamet und Kairouan führte. Macke fiel ein halbes Jahr danach im Ersten Weltkrieg; seine Ansichten prägen unser Tunesien-Bild bis jetzt. Was in der Praxis bedeutet: Tagtäglich lässt sich Sidi Bou Said nicht nur bestaunen, sondern auch von uns überrennen. Aber es lohnt.
Denn zum Glück reicht es, nur ein bisschen weitere Kreise zu ziehen, um den Besuchermassen zu entkommen. Ein Venedig-Effekt: Man biegt in eine Seitengasse, schon glaubt man sich allein. Plötzlich ist da eine Tür. Man macht sie auf und die Augen fallen fast ins Meer. Das Café Sidi Chabaane klettert den Hang von Sidi Bou Said in Terrassen wieder hinunter. Auf gemauerten Bänken kichern Mädchengruppen ohne Kopftuch, junge tunesische Paare halten ohne Scheu und Heiratsabsichten Händchen, Touristen sitzen fast andächtig vor einem Glas Tee und vor dem Golf von Tunis, in dem die Boote der Reichen schaukeln, die hier gleich in den Nähe wohnen, in Vororten wie La Marsa, Gammarth oder Karthago. Vielleicht hat man die tunesische Jeunesse dorée in der Vornacht ja ausgelassen feiern gesehen – in den Discos oder im Restaurant der Villa Didon – und erkannt, dass es in einem Tunis-Nobelvorort nicht viel anders läuft als auf der anderen Seite des Mittelmeers.
Schönes Dar-Exemplar
Vergleichbare Dörfer wie Sidi Bou Said wird man in Tunesien kaum noch finden, aber Häuser wie das wunderbare „Dar Zarrouk“ auf jeden Fall. Solche kleinen Paläste geben sich nach außen ganz bescheiden, nach innen hingegen schwelgen sie in orientalischer Pracht, sind mit traumhaften Fliesen, Teppichen, Schnitzereien, romantischen Nischen und großartigen Gärten ausgestattet. Die Unesco-Kulturerbe-würdige Medina (Altstadt) von Tunis ist voll davon. Man muss nur wissen, wo in dem tunneligen Gassengewirr man so ein schönes Exemplar an „Dar“ (Haus) findet; von selbst kündigt es sich nicht an.
Ein schmaler Eingang in einer schmalen Seitengasse im Souk führt etwa in das „Dar Medina“, ein idyllisches Stadthotel; man steigt da gern auf das Dach, um in die Eingeweide der Stadt hinunterzuschauen: da hinten die Zitouna-Moschee, da drüben das Musee Bardo mit dem weltweit bedeutendsten Schatz an römischen Mosaiken, am Eingang zur Medina die alte Stadtmauer. Verbunden sind sie durch feinnervige, manchmal überdachte Gassen, und durch die rammelvolle Rue de la Kasbah, die quer durch diesen fantastischen Stadtbaukörper führt. Waren und Verkäufer drängen sich dort dicht an dicht. Turnschuhe und Kaftane, echtes Parfum, Designerbrillen-Fakes und lustiges Glumpert verdichten den Schaurausch. Aber vor lauter Staunen und Schauen ignoriert man unbeabsichtigte Rempeleien gern.
Filzkappe zu Filzkappe
Wenn man in der Rue de la Kasbah dann abbiegt, wird das Angebot spezieller: Noch immer ist der Souk in der Medina nach Handwerken sortiert, Schneider zu Schneider, Filzkappen zu Filzkappen. Leder etwa gehört dem Namen nach in das Umfeld des „Dar el Jeld“, worin sich „Le Diwan“, Tunesiens beste Essadresse, befindet. Habiba Abdel Kefi und ihre Cousine kochen in dem perfekt restaurierten Palast ganz traditionell und verarbeiten vieles, was auf dem üppigen Markt von Tunis Lust macht. Lammbratwürste, Couscous, gefüllter Tintenfisch. Nur Schnecken, die müssen nicht unbedingt sein.

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