Buchtipps: Reisen auf Papier

Alltagsgeschichten

Wie könnte ein Buch über die Schweizer aussehen - layouterisch gemeint? Das Cover müsste womöglich Löcher wie ein Emmentaler haben und mit grobem Leinen bezogen sein mit gerade so einem, in dem man früher das Heu von der Alp ins Tal hinuntergetragen hat. Spätestens Typo und Fotostil auf den Seiten sind dann ein Bruch.

Die Bespiegelung der helvetischen Daseinsart durch den Fotografen Christian Nilson zeigt "The Swiss" bei aller Kulisse ganz heutig, als Menschen, die alte Tracht und neue Motorsäge, bergsonnengegerbten Teint und Selbstbräuner, Gartenzwerg und Flachbildschirm stimmig miteinander leben. Und offensichtlich auch mehr Humor mitbringen, als ihnen das Klischee nachsagt.

Neugierig, der feinen Satire nicht abgeneigt, doch nie überheblich ist dieser Blick des Schweden auf ein Land, in dem er seit einigen Jahren lebt und das er zu deuten sucht. Dazu ein Text von Jon Bollmann, Herausgeber des Schweizer "Reisekulturmagazins Transhelvetica".

Christian Nilson: "The Swiss", 48 Euro, www.scheidegger-spiess.com  

www.scheidegger-spiess.com

Verborgen

Jahrelang durchstreifte der bayerische Fotograf und Autor Stefan Rosenboom in schneereichen Wintern, heißen Sommern und in verregneten Übergangszeiten Italien, zu Fuß, mit Zelt und Rucksack, allein, aber auch mit Familie jedenfalls immer weit abseits bekannter Straßen, Städte und Landschaften. Das Ergebnis seiner Reisen ist ein Porträt des völlig unbekannten Italien, etwa der größten Wildnis des Landes, des Val Grande, der Täler der Alpi-Maritimi, der Höhen der Sibillinischen Berge oder der verschneiten Gipfel des Monte Pollino.

Rosenboom zeigt abgelegene Orte und erzählt von ihren Bewohnern und ihrer Ursprünglichkeit, zum Beispiel von Simone, der mit seinen Schafen durch die steilen Täler der Seealpen zieht. Wer sich selbst mit Rucksack und Wanderstiefeln auf Rosenbooms Spuren heften will, findet im Anhang Tipps zu Routen und Unterkünften.

Stefan Rosenboom: "Italiens wilde Seele Von stillen Wegen und verborgenen Bergen", Knesebeck, 224 Seiten, 36 Euro, www.knesebeck-verlag.de 

Knesebeck

Ästhetik der Auszeit

Jede Woche entscheiden Jan Hamer und sein Team, welches Objekt auf ihrer Plattform www.urlaubsarchitektur.de veröffentlicht wird. Denn die Pipeline ist in den vergangenen Jahren ganz schön lang geworden: Bauten von besonderer architektonischer und gestalterischer Qualität, die für Ferienzwecke vermietet werden. Im aktuellen Print von "Urlaubsarchitektur 2017" finden sich, um ganz in der Nähe zu bleiben, so ansprechende Objekte wie das "Hochkönig" ebendort, das "Ferienhaus Islen" im Bregenzer Wald oder das "Bergraum" im Kleinwalsertal.

Sie stehen für ein neues, stringentes alpines Bauen: Formal sehr klar, mit traditioneller Dachform und zeitgemäßem Materialmix (Beton, unbehandeltes Holz, Glas). In Summe sind die Ferienhäuser, die auf der Plattform Eingang finden, eine eingefleischte Gästecommunity haben, sehr divers. Zumal es sich bei vielen nicht um Neubauten, sondern auch um Umbauten, Restaurierungen oder Kollaborationen aus Alt und Neu handelt.

Jan Hamer, Christiane Pfau: "Urlaubsarchitektur" 2017", www.urlaubs-architektur.de

www.urlaubs-architektur.de

USA, eine Havarie

Das waren wohl die Orte, die auf einen vermeintlichen Erlöser warten: Leere Landstriche mit abgewrackten Lagerhallen, am Straßenrand abgestellten Rostlauben, Industriebrachen, baulichen Hinterlassenschaften. Eine Ästhetik des Verfalls befüllt die Bilderwelt in "America Rewind", quasi wie ein Roadmovie vom Rust Belt. Der französische Fotograf Emmanuel Georges hat ein feines Auge dafür, wo der amerikanische Traum im Wachkoma liegt.

20.000 Kilometer brachte er zwischen Detroit und Butte, zwischen Philadelphia und Pine Bluff, zwischen Dallas und Rocky Ford in den vergangenen Jahren hinter sich. Mit ihm die Großformatkamera, die nichts beschönigt, aber den Verlust sachte verhandelt. So tut sich in dieser US-amerikanischen Ödnis Raum für die poetische Betrachtung auf, für Ironie, dass die große amerikanische Idee vielleicht nicht mehr als die Summe von Garagen, Motels und Tankstellen war.

Emmanuel Georges: "America Rewind", Hatje Cantz Verlag, 45 Euro, www.hatjecantz.de

 

Hatje Cantz

Helm und Rundkurs

Man muss schon ziemlich hartgesotten sein, um auf die Idee zu kommen, mit der Vespa durch Island zu gurken. Im feuchtkalten Nebel, klamm in den Klamotten, umtost von Wind. Aber dem Autoren- und Fotografenteam von Motorliebe scheint das fast nichts auszumachen, ihr Plan ist jedenfalls, weitere Teile der Welt komfortbefreit, mit wenigen PS, aber einem durchaus stilvollen Gefährt zu bereisen.

So ergeben sich in diesem originellen Roadbook laufend witzige Begegnungen mit Locals, die pointiert zu Wort kommen. Freilich finden sich in dem unkonventionellen Island-Guidebook auch die Basics zum Nachreisen im Rundkurs - Trolle, Elfen, Gletscher, Geysire. Und für einen Abstecher auf die Färöer war auch noch Platz.

Motorliebe: "Auf der Vespa durch Island", Delius Klasing Verlag, 24,90 Euro, www.delius-klasing.de

Delius Klasing Verlag

Jever, Labskaus, Krabbenbrötchen

Sylt wird in unserer Wahrnehmung von einem Klischee überlagert: Aber so chic, so exklusiv und so teuer ist diese nordfriesische Insel gar nicht. Beziehungsweise nur punktuell, in Kampen etwa. Der Rest sind feiner Dünensand, Heidekraut, Watt und ebenes Fahrradterrain, wo Familien, Sportler, Naturmenschen und andere Normalos unterwegs sind.

Die beiden Reisebuch-Profis Vera Bachernegg und Katharina Maria Zimmermann haben in ihrer Heimatstadt, Graz, eine Sylterin getroffen und beschlossen, dass sich die schöne, lange Insel für eine Erkundung in ihrem ganz eigenen Stil eignet mit einem Bad über Cornwall und die Steiermark hatten sie ja eine Art eigene Kategorie Guidebook eröffnet. Ergebnis ist ein großes kleines Buch voll origineller Begegnungen, guter Tipps, kurz-knackiger Beschreibungen umgesetzt in einem heutigen Layout und begleitet mit coolen Fotos und Illus. Ein Sylt-Must.

Vera Bachernegg, Katharina Maria Zimmermann:
"Eat, Bike, Live. Das Sylt Reisebuch", Eat Write Live
Produktion, 22 Euro, www.eatwritelive.com

Eat Write Live Produktion

Umwege

Wer die Pariser Sehenswürdigkeiten schon absolviert hat oder sich nicht für das Abhaken von Checklisten, so attraktiv etwa die Museen in der Seine-Metropole auch sein mögen, interessiert, der kann sich dem gemütlichen Teil zuwenden. Georg Renöckl, der in Paris studiert und gelebt hat, lockt den Flaneur in seinem ersten Band, "Paris. Abseits der Pfade", in den Osten der Stadt. Die Gegend ist stark im Umbruch, vom Arbeiterbezirk zur Gentrifizierung, was bedeutet, dass man noch viele verschwiegene oder verwunschene Ecken finden kann.

Renöckl begnügt sich nicht mit eigenem Spazieren, sondern hat Interviews geführt, etwa mit Street-Art-Künstlern, Schriftstellern oder Inhabern kleiner Geschäfte. Zu einem Ausflug nach Paris gehört auch das Kulinarische, das man dann in der eigenen Küche seines Airbnb-Quartiers mit Marktzutaten zubereiten kann. Renöckl hat sich Rezepte für algerisches Huhn oder Tarte au citron meringu e geben lassen. Dieses Buch handelt auch von einer neuen Art zu reisen, lässig, günstig, mit viel Zeit. "Paris abseits der Pfade" Band 2 soll im Herbst erscheinen. Renöckl hat in dieser Reihe auch Bücher über Wien veröffentlicht.

Georg Renöckl: "Paris. Abseits der Pfade", Braumüller-Verlag, 15 Euro, www.braumueller.at

Braumüller-Verlag

Legenden

In unzähligen Kehren windet sich die Strecke auf den Passo dello Stelvio zwischen dem Vinschgau und dem Veltlin hinauf. Martialisch wirken die Lawinengalerien, die am Arlberg die Straße auf den Flexenpass einhausen. Einen Platz im Beautyranking unter den alpinen Passstraßen im Winterkleid dürfte die Kaunertaler Gletscherstraße im wilden Westen Tirols einheimsen, jedenfalls nach Meinung der beiden Fotografen und Autoren Stefan Bogner und Jan Karl Baedeker.

Die beiden kommen ihrem Hang zu Serpentinen, Haarnadelkurven, Leitplanken, Steinbrücken und Ingenieurkunstwerken in - scheinbar - verkehrsentleerten Großlandschaften immer wieder nach. Auch diesen Winter: Der aktuelle "Escapes"-Band fixt den Autofahrer geradezu an, bei Minusgraden durch die Berge zu cruisen.

Stefan Bogner, Jan Karl Baedeker: "Escapes", Delius Klasing Verlag, 51,30 Euro, www.delius-klasing.de

www.delius-klasing.de

Bergland

Es waren nicht die Bewohner der Alpen, sondern die Briten, die den Alpinismus so stark vorantrieben. Und es waren auch nicht unbedingt die Bewohner der Talschaften, die dem romantischen Ideal der Erhöhung der lichten Höhen anhingen, sondern die frühen Reisenden, die den Giganten mit Staunen begegneten und nicht mit Furcht. Der britische Fotograf Tim Hall arbeitet in dem Naturverständnis des 19. Jahrhunderts und setzt den Alpen ein bildmächtiges Denkmal.

Das Matterhorn, die Dolomiten, den Mont Blanc, all diese Klassiker des Alpinismus hat der Fotograf atmosphärisch ins Bild gebracht manche Gipfel und Gebirgsstöcke als Serie, manche als Einzelpersönlichkeiten.

Tim Hall: "Mountains. Beyond the Clouds", 49,90 Euro, www.teneues.com

teNeues

Kurve, Kurve, Kurve

Man fragt sich, wie Fotograf Stefan Bogner es immer wieder hinkriegt, eine Straße nach der anderen zwischen den Alpen und dem wilden Westen zu fotografieren, ohne dass sie einander ähneln, doch im Geist miteinander verbunden sind. Ästhetisch geschieht dies ohnedies, denn Bogner erweist sich als Bildschöpfer purer Landschaftsfotografie, in der die Straße einen natürlichen Anteil hat.

Auf menschen-, auto- und schaflosen Routen navigiert oder besser cruist der extradicke Schottlandband durch die Cairngorms, die North-Coast-500-Route, zur Isle of Skye. Große schottische Himmel, wetterwendisches Licht, karge Hügel bis Berge, uralte Steine: Den Bildern folgen lässige Texte und eine Landkarte mit der genauen Route, die hier aus dem Auto und aus der Luft so verführerisch inszeniert wurde.

Stefan Bogner: "Curves. Schottland", Delius- Klasing-Verlag, 15 Euro, www.delius-klasing.de

Delius- Klasing-Verlag

Nordatlantik

Ragnar Axelsson ist ein versierter, sensibler Beobachter der arktischen Lebenswelten, viele Jahre verbrachte er fotografierend auf Island, Grönland und den Faröern. Das Ergebnis dieser Reisen sind ganz großartige Schwarz-Weiß-Bilder einer von klimatischen Härten und von klimatischem Wandel geprägten Zone.

Axelsson zeigt in "Gesichter des Nordens" vor allem Begegnungen mit Menschen, die sich den Bedingungen stellen und um ihre Existenz angesichts des Schmelzens von Eismassen und Tauens des Permafrost ringen. Jäger, Fischer und Bauern, Tiere und so atemberaubende wie unwirtliche Landschaften verwandelt der isländische Fotograf mit der Kamera, sekundiert von kurzen Texten. Ein echtes Nordlicht, dieses dicke Buch!

Ragnar Axelsson: "Gesichter des Nordens", Knesebeck Verlag, 51,40 Euro, www.knesebeck-verlag.de, www.rax.is

 

Knesebeck Verlag

Exponierte Lage

Grönland mit Schlittenhunden durchquert, über den Atlantik gesegelt, die Nordwestpassage mehrmals durchfahren, Kap Hoorn umrundet, am Nord- und am Südpol innerhalb eines Jahres gewesen: Die Liste der spektakulären Expeditionen und Versuche von Arved Fuchs ist lang, deren Dokumentation ebenfalls. Über Grönland schreibt Fuchs in diesem Band in ganz persönlicher Weise, denn früh übte die Insel Faszination auf den Abenteurer aus und ist oft Ziel seiner Besuche und Sehnsuchtsland bis heute. In lockerem Ton bindet Fuchs das Biografische seiner "Abenteuer in Eis und Schnee" in den größeren Zusammenhang ein, die Besiedlungsgeschichte, die Traditionen, die Natur in der polaren Welt, in der sich die Veränderungen wie durch ein Vergrößerungsglas betrachten lassen: Der Klimawandel und der Tourismus hinterlassen hier arge Spuren.

Arved Fuchs: "Grönland. Meine Abenteuer in Eis und Schnee", Delius-Klasing Verlag, 29,90 , www.delius-klasing.de

www.delius-klasing.de

Multimedial

Eine neue Form des Reiseführers stellt "Neuseeland live" dar, denn er verbindet Buch, App, Hörbuch, E-Book und Tourenführer. Der Reisende wird mit Software für PC und Mac, Videoreportagen und GPS-Tracks versorgt, im Anhang befindet sich zudem eine Übersichtskarte. Anders als klassische Reiseführer wimet sich das umfangreiche Werk in seiner Print- und Digitalversion vor allem der Natur und den Outdooraktivitäten, weil die Nord- und die Südinsel zu schön sind, als die ganze Zeit nur mit dem Camper unterwegs zu sein. Videos zeigen Impressionen zu neun Great Walks durch dieses fantastische Land und das Hörbuch basiert nicht bloß auf dem geschriebenen Text, sondern ist als akustische Reise inszeniert. Combobooks funktionieren auf

E-Book-Readern, PCs, Smartphones, DVD- und MP3-Playern oder GPS-Geräten. "Neuseeland live", Bergwild Verlag, 34,95 Euro, www.bergwild.de

Bergwild Verlag

Hemisphären

Diese Orte wird auch der Weitgereiste nicht so locker zuordnen können: Slab City, die golfende Landbesetzerhochburg in Kalifornien. Das Inselkönigreich Redonder, ein vulkanischer Klumpen in der Karibik. Aoikigahara am Fuß des Berg Fuji, ein höchst schauriges Waldstück. Fehlen darf in der Sammlung "der ungewöhnlichsten Orte" auf diesem Planeten auch nicht der Spionagetunnel in Berlin.

Kulturjournalist und Autor Travis Elborough hat da einiges an Kuriosem und Entlegenem zu einem sehr ansehnlichen und schön designten Buch zusammengetragen, wobei man sich gut vorstellen kann, das eine oder andere bemerkenswerte Ziel in eine Reise einzubinden. Flevoland zum Beispiel, Landmassen, die die Niederländer dem Meer abgerungen haben. Auf Palm Jumeirah war man ja vielleicht schon.

Travis Elborough, Alan Horsfield: "Atlas der ungewöhnlichsten Orte", Brandstätter Verlag,
29,90 Euro. www.brandstaetterverlag.com

Brandstätter Verlag

Sagenhaft

Manche Landkarten konnten sich herüberretten bis in die Jetztzeit, wie etwa die Schottland-Karte von Timothy Pont von Ende des 16. Jahrhunderts. Manche wiederum bildeten eine detailreiche Grundlage für alle weiteren geografischen Verortungen etwa durch die argentinische Mission. Wie die Pioniere die Welt wohl erlebt haben, so ohne Material zum Orientieren? Und welche Sagen und Mythen konnten sich halbe Ewigkeiten trotz aller Aufklärung halten?

Der prächtige Band von Francisca Matt oli versammelt großformatiges historisches Landkartenmaterial und erzählt die Geschichten und Fährnisse von legendären Orten und Wegen, ihrer Erbauung, ihrer Entdeckung, ihrer Erschließung. Matt oli führt uns kundig weit zurück in die Vergangenheit, aber auch in die Gegenwart: auf die Route 66 wie über die Route National, nach Akaba wie Machu Picchu. Spannend: Die historischen Karten liegen ganz persönlichen Reisebewegungen der Autorin zugrunde. Das liest sich gut.

Francisca Matteoli: "Karten, Mythen &
Geschichten", Prestel, 41,10 Euro, www.prestel.de

Prestel

Ästhetik des Verfalls

Die Bilder von Bernd und Hilla Becher halfen einst mit, Industriearchitektur anders zu betrachten. Freilich, nicht jedes Zementwerk und nicht jeder sozialistische Hotelkomplex hat das Zeug zum späteren Denkmal, doch manche Bauten würde man gern für die Nachwelt gerettet haben, wie eben jene "Stillgelegten" im gleichnamigen Band. Für sie kam die Hilfe der Konservierer und Refurbisher zu spät, mit dem aufgegebenen Raum gingen Zeitzeugen verloren, wie hier schön gezeigt wird. Zahlreiche Beispiele betreffen Deutschland, aber wetten, auch Österreich hätte Potenzial für "100 verlassene Orte".

Kemnitz, Conrad, Täger: "Stillgelegt", Dumont, 30,90 , www.dumontreise.de 

Dumont

Menschlich

Das Mittelmeer, so nah, so erstrebenswert, so zubetoniert und zugemüllt mit urbanen Agglomerationen wie Kairo, Istanbul, Athen oder Mareseille wie porträtiert ein Fotograf das Sehnsuchtsziel von Schönheitssüchtigen in aller Welt? Nein, nicht nur mit Landschaftsaufnahmen, die gibt s milliardenfach, mit Google Maps könnte man das Mittelmeer per Foto-Expedition bereisen.

Der Porträtfotograf Mathias Bothor suchte nach dem Wesen des Mittelmeers und fand es in den Bewohnern seiner Küsten, vom Fischverkäufer in Algier über Hipster in Tel Aviv bis zu coolen Kids in Frankreich. Vier Jahre lang bereiste Bothor die Küsten und kehrte mit Impressionen zurück, die uns das Fremde verständlicher machen.

Nikolaus Gelpke (Hrsg): "Mittelmeer. Fotografien von Mathias Bothor", mareverlag, 144 Seiten, 58 Euro, www.mare.de

 

mareverlag

Nordseewärts

"Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt. Dennoch beschäftigen seine Ruinen die geistigen Höhenflüge, und diesen bewundernswerten Fluss lässt das Auge des Poeten wie das Auge des Publizisten unter der Durchsichtigkeit seiner Fluten Vergangenheit und Zukunft Europas ahnen", notierte Victor Hugo 1845.

Bis heute hat sich an Hugos Statement wenig geändert, Millionen Menschen leben am Rhein, die meisten kennen den berühmtesten aller europäischen Flüsse nur aus der Literatur, Gemälden, Zeichnungen und Stichen - und nun von Fotos von mehr als 60 namhaften Fotografen, die den siebentlängsten Strom der Alten Welt in freien dokumentarischen und bildjournalistischen Arbeiten bis zu fotokünstlerischen Positionen präsentieren. Wahrlich, ein Bilderstrom.

Hsg. Christoph Schaden, LVR-LandesMuseum Bonn, "Bilderstrom. Der Rhein und die Fotografie 2016 - 1853", www.hatjecantz.de

 

www.hatjecantz.de

Schauplätze

Die Länder, in denen der Schriftsteller Martin Amanshauser nicht war, dürften leichter aufzuzählen sein, als jene, die er bereits bereist hat. Und aus einer eigenen Perspektive beobachtet und mit feinem Witz beschrieben. Eine Auswahl aus den vielen Zielen, die er in seiner Kolumne im "Schaufenster" veröffentlicht, hat Amanshauser in dem neuesten Band "Typisch Welt" getroffen.

Es ist eine Art Best-of-Geschichten zwischen Nightclubs in Simbabwe, falschen Teezeremonien in China und Schönskifahrerei in Österreich, in denen Amanshauser Zuhörer, Chronist und manchmal auch Held ist. Es sind destinationsuntypische Shortest-Stories, weil ihn nicht das Etablierte interessiert, sondern das Abseitige, das Situationskomische und die Besonderheit an zwischenmenschlichen Begenungen. Ein feines Reisebuch, das auf den Roman "Der Fisch in der Streichholzschachtel" folgt.

Martin Amanshauser. "Typisch Welt. 111 Geschichten zum weiter Reisen", Picus Verlag, 20 Euro. www.picus.at

 

Picus Verlag

Rätsel und bunte Blätter

Als Wiener glaubt man ihn ziemlich gut zu kennen, doch dem ist nicht so: Im Wienerwald tun sich vermutlich so einige Wissens- und Erfahrungslücken auf das Buch von Robert Bouchal und Johannes Sachslehner weiß diese spannend, kundig und lebendig zu schließen: Offensichtlich existiert Jammertal tatsächlich (und zwar in Tulbing).

Auch dass es auf dem Kahlenberg einen unterirdischen Gang gibt, ist kein Grücht. Auch einen hängenden Stein oder einen Opferplatz wird man mithilfe dieses Buches auffinden können. Die Kraftplätze und mysteriösen Winkel in dem riesigen Waldgebiet haben es den beiden angetan einsame Bründln und wilde Steine, verfallene Burgen und bemerkenswerte Bäume, die man auf- und denen man nachspüren sollte.

Robert Bouchal, Johannes Sachslehner: "Magischer Wienerwald", Pichler Verlag, 24,90 Euro, www.styriabooks.at

Pichler Verlag

Vergleich

Was haben die mittelalterliche Laubengänge in Bozen mit der Moderne der Dreißigerjahre ebendort zu tun? Wie kann man alte Inschriften und Fresken in Südtiroler Architektur als Bilderzählungen lesen? Der neue Band "Erlebnis Kunst in Südtirol. Von Fratzen, Fresken und Fassaden" stellt mit reichem Bildmaterial herausragende Werke im Vergleich vor. In diesem originellen Buch zeigt Andreas Hapkemeyer, der langjährige Direktor des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst (Museion), besondere Zusammenhänge und schafft damit auch eine spannende Grundlage für Kulturreisende.

Andreas Hapkemeyer: "Erlebnis Kunst in Südtirol", Folio Verlag, 19,90 Euro, www.folioverlag.com

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Reminiszenz

Eine untypische italienische sowie eine außergewöhnliche k. k. Stadt: Triest hat eine Sonderstellung historisch wie atmosphärisch. Autorin Britta Ramhapp hat einige Zeit in Triest gelebt und viele Ecken erkunden können, die der kurz verweilende Besucher nicht so leicht findet. Aber das Buch liefert ihm Anlass, sich länger auf das besondere Wesen der leicht melancholischen und doch fröhlich-mediterranen Stadt einzulassen.

"Stadt zwischen Karst und Meer" versammelt gute Tipps zum Flanieren, Essen und Trinken und Einkaufen. Vor allem aber vermittelt Ramhapp darin das Einzigartige: eine Architektur, die eher der Ringstraße verbunden ist, eine feine Kaffeehauskultur, der dominierende Karst im Hinterland, das Überschneiden von Sprachen.

Britta Ramhapp: "Triest. Stadt zwischen Karst und Meer", Styria Regional, www.styriabooks.at, 19.90 Euro

www.styriabooks.at

Fatamorgana

Schon einmal etwas von Saxemberg oder Tuanaki, Rupes nigra oder Crocker Land gehört? Auch wenn man geografisch halbwegs beschlagen ist und jedes mittelgroße Atoll in den Weltmeeren zu verorten weiß, müsste man wohl verneinen. Kein Problem, denn entweder existieren diese "Phantominseln" nur in der Dichtung und nicht in der Wirklichkeit. Sie entsprangen kartografischen Fehlleistungen, falscher Überlieferung oder Naturgewalten, die sie wieder verschlangen.

Jedenfalls befeuerten sie die Fantasie von Seefahrern, Literaten, Herrschern, die sie aufzufinden suchten. Kalifornien unter den von Dirk Liesemer Gelisteten und launig Beschriebenen zu finden mag zuerst verwundern: Davon halluzinierten die Seeleute wohl, einem Eiland nur bewohnt von Frauen und Böden voller Edelsteine. Und es muss auch gar kein Meer sein, manchmal reicht auch ein großer See, um Geografen zu motivieren, Inseln einfach zu erfinden. Quasi bis auf Widerruf.

Dirk Liesemer: "Lexikon der Phantominseln." Mare-Verlag, 24 Euro, www.mare.de

Mare-Verlag

Helles, Dunkles, Märzen

500 Jahre Reinheitsgebot wird in Deutschland gefeiert, die Bayerische Landesausstellung in Aldersbach dringt tiefer in die Materie ein. Für Biertrinker noch mehr Anlass, sich quer durch die Brauereierzeugnisse zu kosten. Allein in München wartet schon ein ganzer Haufen Lokalitäten, und es schadet nicht, über Atmosphäre, Ausstattung, Publikum, Historie und Öffnungszeiten Bescheid zu wissen.

"Das Beste in München und Oberbayern" sind für Autor Thomas Glocker natürlich "Die Biergärten", die er in dem Band einladend beschreibt. Dazu gibt es noch eine Karte zur Orientierung. Könnte ja sein, dass beim Abarbeiten der Adressen die eine oder andere Orientierungsschwäche auftaucht.

Thomas Glocker: "Das Beste in München und Oberbayern. Die Biergärten", München-Verlag, 19,99 Euro, www.muenchenverlag.de

München-Verlag

Waldwissen

Von Gamsbärten, Kasermandln und Baumheiligtümern erzählt Walter Mooslechner in seinem lehrreichen Buch "Naturnah". Mooslechner ist nicht nur Autor, sondern war lang auch Förster; so vermittelt er essenzielles Waldwissen auf eine gut fassbare Weise und mit reichem Bildmaterial: etwa, welches Zusammenspiel von Pflanzengemeinschaften und Tieren ein funktionierender Wald braucht, welche Rolle z.B. Totholz im Gefüge spielt, oder, was Flechten, Moose und Pilze können.

Und er blickt über die Baumgrenzen hinaus, indem er die Kultur und die Eigenheiten des Alpenraums betrachtet: die Bräuche, die Almwirtschaft, die Naturereignisse. Unser Wissen über die Natur, das Wetter und die Ereignisse im Jahreszyklus ist oft verschüttet, mit Mooslechners Buch lässt sich einiges wieder ausgraben.

Walter Mooslechner: "Naturnah. Von Gamsbärten, Kasermandln und Baumheiligtümern", Verlag Anton Pustet, 25 Euro, www.pustet.at

www.pustet.at

In der Nähe

Könnte ja sein, dass man heuer im Sommer daheim bleibt, ein paar Ausflüge macht, die Gegend vor der Haustür erkundet: Ein paar unterhaltsame wie bereichernde Ziele könnten einen in die Steiermark locken, etwa in die historische Hagelabwehrraketen-Abschusshütte in Gniebig oder in das Sanitärmusuem in Leibnitz. Ersteres ist übrigens das kleinste unter den weit über 100 steirischen Museen und Sammlungen, die Christian Penz launig beschrieben und Jürgen Fuchs gut ins Bild gesetzt hat.

"Museumsreif" erweist sich als kundiger Guide mit O-Tönen durch eine reiche Sammlerlandschaft, vom Schaubergwerk bis zum riesigen Bestand des Universalmuseums Joanneum. Nicht auszuschließen, dass der Leser bei diesem Museumstrip doch ein paar Urlaubstage in der Steiermark dranhängt.

Christian Penz, Jürgen Fuchs (Fotos): "Museumsreif",
19,80 Euro, Edition Kleine Zeitung

Edition Kleine Zeitung

Ursprünglich

Wer sagt, dass ein Reiseführer immer viele bunte Bilder und Kolonnen an aktuellen Tipps für Quartiere und Gastronomie braucht? Denn wenn der Text durch Kenntnisreichtum besticht und die grafische Aufmachung des Buches überzeugt, funktioniert die Lektüre ebensogut. Einen feinen "Reisebegleiter" durch Istrien hat Manfred Matzka geschrieben, von Kind an kennt er das Land, mit seiner Frau bewohnt er ein kroatisches Bauernhaus, von dem aus er seine Kreise zieht und intensiv in die Landschaft zwischen
Macchia und Meer eintaucht.

Der Autor, der früher Sektionschef im Bundeskanzleramt war und Ehrenbürger der Stadt Opatija ist, versorgt den Leser mit interessanten Zusammenhängen zur Geschichte, zur Lebens- und Bauweise, zu den Traditionen und zur istrischen Küche. Einen Gutteil nehmen die Ortsportraits ein, kurze Kapitel von Bale bis Vrsar, die mit kleinen Plänen versehen sind. Ideal für kleine Entdeckungsreisen.

Manfred Matzka: "Istrien. Ein Reisebegleiter", 19,90 Euro, www.brandstaetterverlag.com

www.brandstaetterverlag.com

Mußestundenbuch

Für Nicht-Steirer ist der neue Band des Autorenduos Reinhard M. Czar und Gabriela Timischl eher ein Pflichtbuch als für Bewohner der grünen Mark Letztere werden meist wissen, was in ihrer Heimat rekordverdächtig ist und welche Höchstleistungen im Land hinter dem Semmering und den Gurktaler Alpen erbracht wurden. Die tiefste Schlucht Europas ist das Gesäuse. Die größte Klosterbibliothek der Welt? Im Stift Admont.

Die größte Waffenkammer der Welt? Das Landeszeughaus. Und die stärkste Festung der Christenheit? Habituelle Österreich-Urlauber wissen das, weil sie sicher schon da gewesen sind: die Riegersburg. Czar und Timischl präsentieren in ihrem "Buch der steirischen Rekorde", das ab 20.Juni im Buchhandel zu haben sein wird, einen abwechslungsreichen Guide durch Geschichte und Gegenwart und liefern auch neue Perspektiven auf diverse touristische Highlights. Zum Blättern, Schmökern und Gustieren.

Reinhard M. Czar/Gabriela Timischl: "Weißer, grüner, weiter", Styria Regional, styriaregional.styriabooks.at

Styria Regional

West-Ost

In Kasachstan beziehungsweise in der Sowjetunion geboren, aber dann in Deutschland aufgewachsen, hat Fredy Gareis viel Familiengeschichte vor sich, die er aufarbeiten kann: Er entschließt sich zu einer Reise quer durch Russland und liefert einen erhellenden, unterhaltsamen und ganz persönlich gefärbten Reisebericht ab.

Leitmotivisch zwischen St. Petersburg und Magadan fungiert der Wodka vor den Augen des Lesers entsteht ein Land, das seine Klischees sowohl
erfüllt als auch entkräftet, ein Land voller Leere wie Fülle, lebendiger Gemeinschaften und öder
Industriebrachen. Vor allem aber erschließt sich durch die dreimonatige Reise mit einem alten Militärjeep, dem Zug, auch per Anhalter ein Blick darauf, wie die Menschen über das System denken, sich damit arrangieren oder auch nicht. Der bemerkenswerte Reisebericht wurde heuer mit dem ITB Award ausgezeichnet.

Fredy Gareis: "100 Gramm Wodka", Malik, 14,99 , www.piper.de

 

Piper

1000 Plätze

Ist im Guide alles beschrieben, was in einem Land groß und/oder bedeutend ist? Sind Bild und Text frei von tourismuswerblichen Plattitüden? Funktioniert die Vermittlung auch ohne Klischee? Und kommt die Auswahl ohne die üblichen Agenden aus, die der Reisende in seinem Leben angeblich abzuhaken hat? Umso genauer überprüft man den Stoff natürlich, je geografisch näher er einem ist. Etwa in einem Band aus der Serie "1000 Places to see before you die", der sich auf über 1000 Seiten Österreich, Deutschland und der Schweiz widmet. Das bietet Platz für vieles, das meist kundig und launig beschrieben wird. Man findet die Dinge, die man als gelernter Österreicher auch seinen Gästen zeigen würde, an Hofburg und Hohensalzburg, Lindwurm und Lipizzanern kommt man nicht vorbei. Erstaunlicher ist schon, dass ein Kapitel über Tirol offensichtlich ganz ohne Osttirol auszukommen scheint.

Dafür leistet man sich den Gag, eine folkloristische Autobahnraststätte mit kosmischem Trinkwasser in das Kompendium aufzunehmen. Und dass St. Anton am Arlberg in Vorarlberg liegt und der Weißensee nach Karibik aussieht, ach sei s drum. Sonst erfüllt der Wälzer seine Funktion gut, er macht uns neugierig und motiviert, das Bekannte, lang nicht Gesehene wieder aufzusuchen. Und er verschafft dem nicht ortskundigen Besucher gute Orientierung.

"1000 Places to see beforde you die", www.vistapoint.de

 

 

www.vistapoint.de

Liebeserklärung

Kann man Bücher, gar Reiseguides, lieben? Und wie! Zumal dann, wenn die Autorin selbst schwer verknallt ist wie die gebürtige Südsteirerin Silvia Trippolt-Maderbacher, und zwar in Istrien, das kroatische wie das slowenische. Als Kind schon begeisterte "Jugoslawien"-Urlauberin, wurde die Halbinsel 30 Jahre später die absolute Lieblingsdestination der Reisejournalistin und Gastronomin.

"So mediterran, so blau, so grün, so malerisch, so sanft, so ursprünglich, so gastfreundlich, so unglaublich liebenswert" Zitat Ende, begeisterte Zustimmung: Trippolt-Maderbachers Genussguide für Istrien ist extrem gelungen, charmant, liebenswert, humorvoll, verführerisch, informativ und kompetent. Drei Jahre lang sammelte sie mit Kindern und Mann nicht weniger als 183 istrische Genussadressen, jede einzelne auch zu lesen ein Genuss.

Silvia Trippolt-Maderbacher: "Genießen in
Istrien", Styria regional.

styriaregional.styriabooks.at

Menschenleer

So kennen auch viele Münchner ihre Heimat nicht: der Stachus verwaist, der Hirschgarten menschenleer, die Theresienwiese ohne Festzelte und Dirndl- oder Lederhosenträger, die Maximilianstraße ohne einen einzigen Autofahrer. Die untertags von Münchnern, Touristen und Verkehr durchwuselte Stadt hält in den frühen Morgenstunden den Atem an.

Nach dem Band "Silent Space Salzburg" hat sich Fotograf Jens Riecke erneut aufgemacht, die hellen und die dunklen Ecken seiner Stadt einzufangen, ohne vorbeiziehende Passanten, Touristen, Nachtschwärmer. Er zeigt in seinen in sich ruhenden, statischen Bildern die Straßen und Plätze Münchens, unbeseelt, aber nicht seelenlos. Zahlreiche Autorinnen und Autoren ließen sich von Riecke zu besonders stimmigen Texten inspirieren, sogar zu Poesie. Wunderbar.

Jens Riecke: "Silent Space München", ca. 160 Seiten, ca. 34, Pustet Verlag.

Pustet Verlag

Highlands

Es ist verständlich, warum dieser Bildband mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2016 in Silber ausgezeichnet wurde: Die Arbeiten des weißrussischen Fotografen Dmitrij Leltschuk und des Fotokünstlers Sirio Magnabosco aus Italien zeigen ein Schottland auf bemerkenswerte Weise: so erfrischend wie verklärend. Leltschuk porträtierte Menschen bei der Arbeit: Fischer, Schäfer, Whiskybrenner, Nessie-Jäger. Magnabosco hingegen verwandelte schottisches Terrain in Schaubilder von wilder Kargheit und zugleich in mysteriös beleuchtete Seelenlandschaften. Gemeinsam wurden die beiden vom Mare-Verlag beauftragt, sich im Land umzusehen. Was sie vorfanden und anverwandelten, widersprach dem Klischee und scheint doch sehr typisch.

Nikolaus Gelpke (Hrsg.): "Schottland". Fotografien von Dmitrij Leltschuk und Sirio Magnabosco. Mit Texten von Katja Scholtz. 58 Euro, www.mare.de

www.mare.de

Im Heiligen Jahr 2016

Wer flitzt mit einer roten Vespa auf den Petersplatz? Annette Schavan, die deutsche Vatikan-Botschafterin (Sie wissen schon: die Ex-Bundesforschungsministerin, der das Doktorat aberkannt wurde). Wer ist der Bäcker des Papstes? Sind die Vatikanischen Gärten nur Vatikan-Staatsangestellten vorbehalten? Und wie clandestin ist das legendäre Vatikanische Geheimarchiv? Christina Höfferer, Journalistin in Rom und Mitarbeiterin der "Presse", zeigt den Vatikan als Headquarter eines Global Players, der in 2000 Jahren alle Skandale überlebt hat, und gewährt Einblick, wie das Unternehmen angesichts sexueller, finanzieller und moralischer Katastrophen immer noch prosperieren kann. Charmant, humorvoll und informativ.

Christina Höfferer: "Lesereise Vatikan", Picus Verlag, 132 Seiten, 16 Storys.

Picus Verlag

Erdkunde

Den Umriss der USA aus dem Kopf zu zeichnen ist eine leichte Übung. Weniger das Innenleben, die einzelnen Staaten. Und so verzichtete auch mancher, dem sich diese Aufgabe gestellt hat, darauf, alles von Alabama bis Vermont zu verorten. Anfang der 1970er-Jahre, als New York vor Kreativität brodelte, bat der japanische Künstler Hisachika Takahashi mehrere nicht ganz unprominente Kollegen, sich die Landkarte zu verinnerlichen: Jasper Johns, Cy Twombly, Joseph Kosuth und auch Robert Rauschenberg, als dessen Assistent Takahashi arbeitete. Das Ergebnis sind bemerkenswerte Paraphrasen über die amerikanische Geografie und ein feines Buch mit einem großen Dokumentarteil.

Hisachika Taka hashi: "From Memory Draw a Map of the United States", 48 Euro. www.hatjecantz.de

 

Hatje Cantz

Blitzlichter

Olivo Barbieri verfolgt eine ganz eigene Art des Fotografierens, die etwa dem Realismus oder dem Reportagehaftigen fern ist. Sie überhöht und verwandelt zugleich. Barbieri belichtet nächtliche Architekturen, Straßen, Industrien und Landschaften derartig lange, dass sie nicht nur extrem künstlich, sondern auch surreal anmuten. Häuser erscheinen in gleißenden, neonfarbigen Lichtern. Capri-Felsen im Negativmodus. Chinesische Stadtbilder in geringer Tiefenschäfe und mit Farbschlieren, als hätte man großflächig nachkoloriert. Die Sujets des renommierten italienischen Fotografen sind seit den 1980er-Jahren vor allem Städte, nächtliche im Besonderen. In dem bemerkenswerten Bildband "Ersatz Lights. Case Study #1 East West " zeigt sich das Werk Barbieris erstmals kompakt in seiner großen Fülle.

Olivo Barbieri: "Ersatz Lights", Hatje Cantz Verlag, 58 Euro, www.hatjecantz.de

 

www.hatjecantz.de

Moribund

Mehr als 50 Jahre lang überlebten viele Menschen in Rumänien weit abseits der Städte die kommunistische Diktatur und gingen in menschenleeren Landgebieten ihren seit Jahrhunderten überlieferten Traditionen und Berufen nach. Die Bäuerin Toma (84), der Bärtänzer Ciprian (8), Costica, der Schäfer, oder Timofte, der Alteisen sammelt.

Was den Kommunisten nicht gelungen ist, schaffen nun die neuen Zeiten im EU-Mitgliedsland: den Untergang ländlicher Traditionen. 2009 faszinierten den Budapester Fotokünstler Tamas Dezso zuerst vor allem die Industrieruinen in Rumänien, die Ceauescu hinterlassen hatte. Doch bald auch die Menschen und ihr Land. In wunderbar poetischen Aufnahmen dokumentiert Dezso den Verfall im Land: sowohl der rustikalen Märchenwelten als auch der Kombinate.

"Notes for an Epilogue". Tamas Dezso, Hatje-Cantz Verlag.

Hatje-Cantz Verlag

Venezianische Rabatten

Die Lagunenstadt und üppige Gärten, das muss man gedanklich erst zusammenbringen. Allerdings existieren in Venedig viele kleine ganz fantastische Grünräume, nur eben versteckt in den Innenhöfen diverser Palazzi, in Klöstern, auf kleinen und kleinsten Inseln, in Zwischenräumen. Im Hinterland ist vieles weitläufiger und feudaler freilich. Jenny Condie hat eine Reihe öffentlich zugänglicher Gärten aufgespürt, Alex Ramsay hat diese stimmig fotografiert.

Gerade so, dass man sich ins Auto setzen, ins Veneto reisen und dort lustwandeln möchte zwischen wild-gezähmten Idyllen, akkuraten Anlagen, durch Gesamtkunstwerke der Natur, Skulptur und Architektur. Denn das zeigt dieser prächtige Band auch: Eine klassische Villa und die plastische Ausstattung gehören einfach dazu.

Jenny Condie, Alex Ramsay (Fotos): "Die Gärten Venedigs und des Veneto", DVA, 51,40 Euro. www.randomhouse.de

DVA

Fahrwasser

Leuchttürme waren für die Schifffahrt über Jahrhunderte unabdingbar, erst mit der Erfindung digitaler Navigationshilfen verloren viele ihre Funktion. So säumen sie die deutschen Küstenstreifen und Inseln nunmehr als Postkartenmotiv, Hochzeitslocation oder als Gastro-Adresse. Vor allem sind sie aber technische Wahrzeichen und mitunter kunstvolle Architektur, deren Wert man erkannt hat (was einige nicht vor dem Abriss bewahrte).

Der Fotograf Reinhard Scheiblich hat viele Exemplare an Nord- und Ostsee dokumentiert, nicht nur von außen. Die Innenaufnahmen zeigen, dass es in einem Leuchtturm beziehungsweise ganz oben in der Laterne oft nicht ganz so gemütlich war, wie sich Romantiker vorstellen. Im Anhang des "Leuchttürme"-Buches finden sich eine Karte und ein Glossar.

Reinhard Scheiblich: "Leuchttürme", Delius
Klasing Verlag, 30,80 Euro.

Delius Klasing Verlag

Stille

Drei Jahre lang fotografierte Christoph Brech die Vatikanischen Museen ganz ohne Besucherströme. Tag und Nacht in Sälen und Gängen, in denen Kunstwerke träumen. In Räumen, in denen gelagert und gearbeitet wird. Brechs Bilder zeigen fantastische Objekte aus zum Teil ungewöhnlicher Perspektive und mit einem speziellen Blick für Details.

Die Plastiken, Mosaike, Gobelins und Malereien setzt der international bekannte Kunstfotograf auf eine Weise ins Bild, die der Direktor der Vatikanischen Museen, Antonio Paolucci, sowohl dem Expressionismus als der Romantik zurechnet. Und manche zeigen einen Bruch: Da kann schon einmal ein Putzkübel herumstehen oder gedeckte Tische auf Gäste warten. Ein Essay von Arnold Nesselrath, Direktor der Abteilung für byzantinische, mittelalterliche und moderne Kunst, führt in die Tiefe des Hauses.

"Freie Blicke: Christoph Brech fotografiert die Vatikanischen Museen", 51,30 Euro, sieveking-verlag.de

 

sieveking-verlag.de

Draußen

Seine Siebensachen packen, hinters Lenkrad setzen, Gas geben. Wurzeln schlagen, weiterfahren. Aber es soll nicht irgendein Gefährt sein, sondern eines, das Schotterstraßen, Sandpisten und Furten auch überlebt. Den großen Traum vom "Off the Road"-Unterwegssein träumen die Fahrer der Vans, Trucks, umgebauten Campingbusse und Motorräder intensiv im gleichnamigen Buch.

Der Gestalten-Band porträtiert die Abenteurer und ihre Fahrzeugtypen gleichermaßen vor großer Outdoor-Kulisse, Wüste, Schärenküste, Eispisten, Rocky Mountains. Praktischerweise werden die Routen für derlei Ausfahrten gleich mitgeliefert: Von Key West nach Prudhoe Bay in Alaska, von Edinburgh nach Kapstadt. Und eine Übersicht über die zur Landschaft passenden Gefährte und das notwendige Equipment gibt es auch.

"Off the Road. Explorers, Vans, and Life. Off the Beaten Track", Gestalten Verlag, 35 Euro, www.gestalten.com

Gestalten Verlag

Schweiz

Auf die Idee kann man nur kommen, wenn man einen Sinn für das Kuriose hat. Und auch nur, wenn es noch genug Belegexemplare gibt, die man sammeln, fotografieren und dokumentieren kann.

Erst sind Marco Volken diese kleinen Häuschen in der Landschaft aufgefallen; als sich die Erscheinungen mehrten, hat er eine kleine Feldstudie zu den "Stillen Orten" im übertragenen Sinne entwickelt: WCs in der freien Wildbahn, umgeben von hohen Schweizer Bergen, von Schneewächten und Geröll.

Darunter historische Häuschen, die schon außer Gebrauch sind, manche hingegen neu und komfortabel für den Alpinisten vor dem Hintergrund von ansprechender Landschaftsfotografie. Auch das ist letztlich Architektur, ein Stück Zivilisationsgeschichte.

Marco Volken: "Stille Orte", AS Verlag, 44,90 Euro, www.as-verlag.ch

AS Verlag

Für Kleine

Jedes Jahr reist die Küstenseeschwalbe von Grönland in die Antartkis und retour. Die Route der Lederschildkröte ist etwas kürzer: von Trinidad an die französische Atlantikküste. Ein Yak dagegen hat kurze Wege: Er stapft im Himalaja herum, macht dabei aber Kilometer. Der "Reiseführer für Tiere" folgt 23 Spezies (von der Ameise bis zum Zugvogel) durch ferne Länder. Vermittelt werden in den kurzen Geschichten der Lebensraum der Tiere, ihre besonderen Eigenschaften und der Grad ihrer Bedrohtheit auf eine leicht fassbare Weise. Inga Marie Ramcke und Tonia Wiatrowski haben mit dem Kinder- und Erwachsenen-Vorlesebuch viel Info auch grafisch fein gelöst. Zudem gibt es ein paar Kreativseiten.

Inga Marie Ramcke, Tonia Wiatrowski: "Reiseführer für Tiere", Folio, 19,90 Euro, www.folioverlag.com

www.folioverlag.com

Gehen

Die Schweizerin Sarah Marquis hat vermutlich mehr Kilometer zu Fuß hinter sich gebracht als die meisten Abenteurer in diesem Segment. Zuletzt wagte sie den Marsch von Sibirien bis nach Südaustralien, allein, mit einem Handwagen. Einen Gutteil ihres Berichts widmet Marquis der Mongolei, wo sie mehrere Anläufe brauchte, um die Wüste Gobi zu überwinden, und wo sie auch unerfreulichere Begegnungen gemacht hat.

Ohne Verklärung beschreibt Marquis die Mühen des Weges, die Magie der Natur, bietet Innensicht in einen extremen Charakter und leistet textlich Überdurchschnittliches. "Allein durch die Wildnis" ist für den "National Geographic Adventurer" nominiert.

Sarah Marquis: "Allein durch die Wildnis", Malik National Geographic, www.malik.de

www.malik.de

Von Dünen bis Voodoo

"Zweieinhalb Jahre Afrika" liefert keine faktische Länderkunde und auch keinen geopolitischen Bericht, sondern eine ganz persönlich gefärbte Aufzeichnung von zwei Abenteurern, die mit ihrem selbst gebauten Wagen (namens August) nahezu den ganzen afrikanischen Kontinent befahren haben. Dabei erlebten sie einige brenzlige Situationen, aber noch viel mehr nachhaltige Begegnungen.

Und großartige Natur. Und herausforderndes Gelände. Der Blick auf die kleinen Situationen im Reisealltag macht die Lektüre interessant. Der wagemutige Trip führte Sabine Buchta und Peter Unfried durch Länder, die heute No-go-Areas geworden sind, wie etwa nach Libyen oder in den Norden Nigerias. Gute Bilder.

Sabine Buchta, Peter Unfried: "2 1/2 Jahre Afrika. Mehr als eine Reise", 24,90. www.augustderreisewagen.com

www.augustderreise wagen.com

Männerträume

Motherroad, Mutter aller Straßen, nannte John Steinbeck in "Früchte des Zorns" die Route 66, eine Schnellstraße, die ab den späten 1920er-Jahren Chicago mit Los Angeles verband. Bis zum Ausbau des Highway-Netzes in den 1950ern war die transkontinentale Migrations- und Handelsroute die Hauptschlagader der USA, wurde dann aber aufgelassen. Zwei Franzosen tuckerten 21 Tage lang auf Harleys die verbliebenen Teilstrecken der Route 66 ab, 6330 Kilometer durch das Herz Amerikas, durch endlose Weiten und Wusten, vorbei an Ranches, Motels und Tankstellen und brachten wunderbare Erfahrungen mit.
Christophe G ral,

St phane Dugast: "Route 66", National Geographic, 41,20 Euro, 220 Seiten, 400 Fotografien.

 

National Geographic

Köstlich, über alle Maßen

Schon lang nicht mehr so nachhaltig geschmunzelt über ein Buch. Diese Haptik: dickes Papier, harte Pappendeckeleinbände! Diese Optik: lichte Fotos, elegante Lettern, verspieltes Layout! Dieser Humor! Und wem gilt all das? Einem Volksnahrungsmittel, einer Wurst, einer Kusine der österreichischen Knacker dem, ja, dem Cervelat, einer Brühwurst männlichen Geschlechts. Der Cervelat, Büezerkotelett oder Arbeiterforelle genannt, wird roh genossen, gegrillt, am liebsten aufgespießt über der Glut eines Holzfeuerchens, paniert, als Salat oder mit Käseeinlage. Er fehlt auf keiner Messe, keinem Volksfest, keinem Ausflug, keinem Berg, keinem Bahnhof.

Wie innig die Schweizer ihre Nationalwurst lieben, beweist das erste Buch über diese Wurst mit Porträts von Künstlern, die den Cervelat in Gemälden, Objekten und mit Reimen ehren, einer Ex-Miss, vor allem aber von Fleischhauern, Köchen und Gastronomen. Und wahrlich: Der Appetit kommt mit der Lektüre. Wundervoll.

Heinz v. Arx (Hsgb.): "Cervelat Die Schweizer Nationalwurst", AS Verlag.

AS Verlag

Research

Das extrem dünn besiedelte Island sitzt auf sehr großen Ressourcen, die wiederum größere wirtschaftliche Begehrlichkeiten hervorrufen: Geothermie, Fischerei, Agrarlandreserve, dazu Häfen und andere potenzielle Flächen für eine industrielle Nutzung. Die vom Laboratory Basel (Laba), einem Ableger der cole Polytechnique F d rale de Lausanne (EPFL), angestellte Analyse in den "Islandic Lessons" zeigt auch die Voraussetzungen, wie diese Nutzung von Ressourcen in Einklang mit einer nachhaltigen Entwicklung zu bringen sind. Viele Grafiken, Landkarten und beeindruckende Fotografien einer industriell genutzten überragenden Naturlandschaft ergeben in Summe eines der wohl ungewöhnlichsten Bücher über Island, was sowohl den thematischen als auch den formalen Zugang anbelangt. Eine große gefaltete Landkarte etwa wird hier zum Umschlag.

Harry Gugger, Aur lie Blanchard, Barbara Costa, Lukas Lenherr (Hrsg.): "Icelandic Lessons. Industrial Landscape", 48 Euro, www.park-books.com.

Park Books

Abheben

Man könnte sagen: Rudolf Rother kennt jeden Gipfel in den Alpen so oft war er in den Bergen unterwegs. Der bayerische Alpinist und Leiter des gleichnamigen Verlags stieg auch nur selten ohne Kamera auf. So ist das Resultat ein überbordendes Portfolio der letzten 30 Jahre ein Teil der fantastischen Aufnahmen füllt nun das extradicke Buch "Von Gipfel zu Gipfel". Unterschiede tun sich zwischen den Nördlichen Kalkalpen und den Dolomiten auf, aber auch Gemeinsamkeiten.

Dieses panoramaformatige Werk dokumentiert zudem nicht nur die einzigartige Schönheit dieses geologischen Großereignisses Absenkung der Tethys, Aufeinanderprallen der Kontinentalplatten, Hebung, Faltung, Eiszeiten , sondern liefert auch Belege des Klimawandels. Sehr hilfreich erweisen sich Fritz Hartranfts Texte, die Beschriftung der Gipfel sowie aufklappbare Tafeln und Karten.

Rudolf Rother: "Von Gipfel zu Gipfel", Edition Panorama, 48 Euro.

Edition Panorama

Stylish

Sie machen etwas her auf Cocktail-Glas-Tischchen, die Bände der "The Stylish Life"-Reihe über Sportarten wie Reiten, Golfen, Tennis oder Yachting. Der jüngste Band widmet sich dem Skifahren, einer Technik, die schon vor 10.000 Jahren im Altaigebirge höhlenmalerisch dokumentiert wurde, aber erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom St. Moritzer Hotelier Johannes Badrutt als Wintersportart für gelangweilte Briten quasi erfunden wurde.

Heute ist Skiurlaub weltweit ein stylishes und immer exklusiveres Vergnügen. Die Autorin, eine bekennende Ski-Aficionada, schildert die globale Entwicklung des Wintersports und beleuchtet mit tollem Fotomaterial, welche Rolle die Mode, die Prominenz und auch die Kunst in diesem Big Business spielen.

Gabriella le Breton: "The Stylish Life Skiing", teNeues.

Teneues

World Around I

Eine Weltreise zur Flughafenbeschau startet in WLG (Wellington), in einem Terminalgebäude namens The Rock, weil es aussieht wie ein kupferverschalter Felsen. Es geht durch halb Asien, etwa nach KIX, der Flughafen Kansai in Osaka trägt die Handschrift Renzo Pianos. Nicht missen sollte der Architektursammler den Airport im georgischen Mestia (kein Iata-Code) mit vielleicht der freakigsten Baukunst zwischen Hangar und Himmel: Große Freiformen und technoides Großformat wurden auf Airports umgesetzt, dem Spielplatz für Architekten, der sehr viel mehr zulässt als viele andere Gebäudetypen. Ein erstklassiges Buch für den geneigten Vielflieger. VIE ist nicht dabei. Warum wohl?

S. Eiselin, L. Frommberg, A. Gutzmer:
"Faszination Flughafen. Die schönsten Airports und ihre Geschichten." Callwey Verlag, 39,95.

Callwey Verlag

Dekorierte Schuppen

Was Architekten Anfang der 1970er von Las Vegas lernen konnten, war erstaunlich und prägend für die Nachfolgegeneration. Der als Taschenbuch aufgelegte Hommage-Band "Las Vegas Studio" greift die originelle Moderne-Kritik von "Learning from Las Vegas", dem Kultbuch von Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour, auf, es zeigt viel Bildmaterial einer künstlichen Stadt und ihrer baulichen Entäußerungen: Reklametafeln, Parkplätze, Tankstellen, Donut-Drive-ins, Hotelterrassen, staubige Straßen, Baustellen, Buden. Dieser Band, der die Beobachtungen anonymer US-städtischer Alltagsarchitektur in den Diskurs einbringt, liefert bemerkenswertes Material für eine intensivere Beschäftigung mit Las Vegas. Es kommen auch Peter Fischli und Rem Kolhaas zu Wort.

Hilar Stadler, Martin Stierli (Hrsg.): "Las Vegas Studio. Images from the Archive of Robert Venturi and Denise Scott Brown". Park Books, 32 Euro. www.park-books.com

 

www.park-books.com

Badewasser

Strandszenerie und Gletscherzonen, Bikini und Berge: Scheinbare Unvereinbarkeiten überwindet gerade die Hotellerie ganz locker. In den 1960ern begannen Beherberger in den Alpen, die steigenden Ansprüche der Feriengäste mit Annehmlichkeiten wie großen Swimmingpools zu bedienen, ein Boom, der lange Jahre vorhalten sollte und heute noch das Bild der großen Bettenburgen im Gebirge prägt. Das Postkartenbuch "Bikini in den Bergen" liefert in 40 Bildern ein originelles Zeitzeugnis zu den einzelnen Phasen der massentouristischen Eroberung der Alpen, insbesonders der Schweiz.

Dieses Material kam zustanden, weil die Mitarbeiter der Kunstanstalt Brügger in Meiringen unzählige Schweizer Hotels mit Pool ins Bild setzten, später gingen diese mit zehntausenden anderen Fotografien an die Sammlung des Alpinen Museums. "Bikini in den Bergen" markiert ein Highlight daraus. Der Band ist sehenswert bis erheiternd. Den historischen Hintergrund erschließen kurze Begleittexte.

"Bikini in den Bergen", Postkartenbuch, Scheidegger & Spiess Verlag, 24 Euro, www.scheidegger-spiess.com

www.scheidegger-spiess.com

Planet Erde

Viele Reisen hat Michael Martin in die Wüste unternommen. Mit dem Schlitten, auf Kamelen, mit Skiern war der Fotograf und Geograf unterwegs nicht immer ging s mit dem Helikopter zu den entlegendsten, lebensfeindlichsten, aber auch faszinierendsten Landschaften auf diesem Planeten. Wüsten bedecken weit größere Teile der Erde, als man vielleicht denkt. So erschließt das Buch "Planet Wüste" mit erhellenden Texten im Anhang und fantatstischen Bildern auch die wenig bekannten Leerstellen der Zivilisation wie beispielsweise Ostgrönland und Tschukotka, die Thar und die Simson.

Michael Martin: "Planet Wüste", Knesebeck Verlag 49,95 Euro, www.knesebeck-verlag.de

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Outdoor

Ein "3in1"-Landkarten-Ringbuch, das drei Themen umfangreich abdeckt: Zum einen findet sich darin detailliertes Material für Wanderer, Radfahrer und Wintersportler. Weiters gibt es auch Infos für Dutzende weitere Bergsportarten.

Praktisch sind diese Karten im Maßstab 1:35.000, weil man sie einzeln raus- und auf die Tour mitnehmen kann, sie reiß- und wetterfest sind. Drei Freizeitregionen sind mit den GPS-genauen Karten im Ringburch bereits abgedeckt: Südtirol, die Bayerischen Alpen sowie der Schwarzwald. Praktisch für draußen sind Schutzhülle und Umhängeband.

Kompass-Outdoor-Karten-Ringbuch 3in1,
Kompass Verlag, 29,99 , shop.kompass.de

 

shop.kompass.de

Arctica

Sekundär ist meist das Interesse an den Folgen der Erderwärmung in arktischen Breiten, oft bejubeln einschlägig verdächtige Lobbys die leichtere Erschließbarkeit der arktischen Ressourcen, wenn der Nordpol in zehn Jahren im Sommer möglicherweise komplett eisfrei sein wird.

Die letzte vom Menschen weithin unberührte Naturlandschaft übt auf Abenteurer und Fotografen und Naturschützer eine magnetische Anziehungskraft aus, zum Beispiel auf Sebastian Copeland, einen Filmer und Journalisten, der in den USA für eine Umweltschutz organisation arbeitet.

Der Brite durchquerte die Antarktis, erforschte Grönland mit dem Kite-Schirm und warnt nun in seinem neuen Fotoband vor den systemischen Veränderungen in den Polgebieten.

"Arctica: The Vanishing North", 304 S., 200 Farbfotos, 98 Euro, teneues.com

teneues.com

Additiv

Wer keine Berge, keine Autos und keine (Berg-)Straßen mag, mag aber vielleicht gute Fotos. Und wer das alles mag, ist längst Abonnent des Münchener Magazins "Curves". In loser Folge legten die auto- und alpenstraßenverrückten Bayern unter der Führung des Fotografen Stefan Bogner großartige Fotobände über die, nein, nicht schönsten (das auch), sondern geilsten Alpenstraßen auf.

Teams von Fotografen und Fahrern, natürlich vorzugsweise mit Porsche oder Lamborghini unterwegs, traten ihre Geräte bisher schon über Pässe in Italien, Österreich, der Schweiz, über die Pyrenäen und nun zum zweiten Mal in Frankreich: die Route des Grandes Alpes an die Cote d'Azur, die 16 Hochalpenpässe überquert, neun davon über 2000 Meter. Gutes Kartenmaterial von MairDumont und praktische Hoteltipps ergänzen den Spaß.

"Curves", 15 Euro. delius-klasing.com

delius-klasing.com

Kuben und Kasbah

Mit dem Habitat Marocain wollten die Schweizer Architekten Jean Hentsch und Andr Studer in Casablanca Mitte der 1950er- Jahre eine beispielhafte Siedlung in Casablanca errichten: Sie wurde für die arabischen Bewohner erbaut, nicht für die französische Bevölkerung des unter Protektorat stehenden Landes.

Die Planung erforderte eine tiefere Auseinandersetzung mit den Lebensweisen vor Ort, dennoch traf die Bauweise, die viel Regionales aufnahm, nicht ganz den Nerv: So veränderte sie sich stark bis heute.

Die Dokumentation zeigt Bilder, die Hentsch und Studer auf ihren Marokko-Trips gemacht haben Topografie, Menschen, Kasbahs. Und Bilder, die Veränderungen nachvollziehen lassen. Dazu viel Text für Architekturinteressierte und Länderkundige.

Sascha Roesler (Hrsg.): "Habitat Marocain Documents", Park Books, www.park-books.com

Wo Mozart schon sein Bier trank

Wenn es in Österreich eine Bierstadt zu küren gibt, ist es das barocke Salzburg. Und inmitten der vielen Brau-Adressen strahlt eine ganz besonders das Sternbräu, dem nun Gerhard Ammerer und Harald Waitzbauer ein Buch gewidmet haben. Der Anlass: Das traditionelle, seit über 400 Jahren existierende Brau- und Gasthaus wurde im Vorjahr groß umgebaut und umfassend renoviert.

Das Resultat kann sich sehen lassen es gelang, moderne Gestaltung stimmig an alte, gewachsene Strukturen anzudocken. Das Buch erzählt nicht nur die wechselvolle Geschichte dieses gastronomischen Fixpunktes in der Festspielstadt, sondern vermittelt damit auch viel Historie der Brau-Stadt.

Gerhard Ammerer, Harald Waitzbauer: "Das Sternbräu", Verlag Anton Pustet, 25 Euro, www.pustet.at.


Verlag Anton Pustet

Pazifik

Nicht weit draußen vor der San Francisco Bay, aber doch nicht wie von dieser Welt wirken die Farallon-Inseln, bei denen spezielle Strömungsverhältnisse der Luft und des Wassers reichen Lebensraum für Seevögel schaffen. Das Galapagos Kaliforniens nennen manche diese kahle, fast unhehauste Inselgruppe im Pazifik (in deren Nähe früher atomarer Müll endgelagert wurde). Diese besonderen Verhältnisse interessierten Fotograf Lukas Felzmann, er begleitete eine kleine Gruppe Forscher und Künstler und setzte auch deren wissenschaftliche Beobachtungen in magische Bilder um.

"Gull Juju" handelt überdies von den Gegenständen, die Seevögel verschlucken, auf die Insel bringen und in ihre Nester einbauen Felzmann übersetzte die eigene Aura dieser Findlinge in bemerkenswerte Stills. Aufzeichnungen und traumhafte Sequenzen machen dieses Buch selbst zu einem stillen, kleinen Kunstwerk.

Lukas Felzmann: "Gull Juju", Las Müller Publishers, 39 Euro, www.lars-mueller-publishers.com

www.lars-mueller-publishers.com

Empathisch

60 Millionen Menschen auf der Flucht, in einem einzigen Jahr, 2014! Eine unfassbare Zahl, die ein bisschen vorstellbarer wird, setzt man die Flüchtlingswelle von heute in Relation zur europäischen Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert. Millionen Verzweifelte flüchteten damals innerhalb von 100 Jahren aus der Alten in die Neue Welt.

Der italienische Autor Edmondo de Amici begleitete 1884 an Bord der Galileo 1800 Menschen, 1600 davon italienische Bauern und Tagelöhner, nach Montevideo. "Auf dem Meer", sein Buch über das Leben an Bord, ist mehr Reportage als Roman, es zu lesen bedeute, schreibt Erri de Luca im Nachwort, "zu erschauern angesichts des Gegensatzes zwischen den zivilen Zuständen damals und der Barbarei heute". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Edmondo de Amicis: "Auf dem Meer", www.verlagshaus-roemerweg.de

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Großformatig

Das kann kein Navi: etwa die 1680 Kilometer lange Autoroute auf der E06 von Oslo nach Nordkjosbotn und die folgenden 838 Kilometer nach Kirkenes auf einem einzigen Kartenblatt zu präsentieren Oder die 1389 Kilometer auf der E105 von St. Petersburg nach Murmansk. Tja, mit einem Format von 28,5 x 38,8 Zentimetern sind solche Entfernungen darstellbar.

In der Bibliothek von Fans von Landkarten und Atlanten wird der neue Maxi-Atlas Europa 2017/2017 einen Ehrenplatz einnehmen. Auf 248 Seiten findet man alle wichtigen Straßen in Europa auf einer Planungskarte im Maßstab 1:4,5 Mio., einer Übersichtskarte (1:10 Mio) und die Straßen aller Länder von Island oder den Färöern bis Zypern (1:750.000). Bessere Übersicht wird man nie haben.

"Maxi.Atlas Europa", Marco Polo, 10 Euro, marcopolo.de

marcopolo.de

Urschweiz

Die Kantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden werden als Urschweiz, auch als "Waldstätte", bezeichnet und bildeten den Kern der Eidgenossenschaft, die sich mit diversen Bündnisbriefen und letztlich kriegerisch der Habsburger entledigte.

In den drei Kantonen fristete die Archäologie lang ein stiefmütterliches Dasein, private Initiativen von Universitäten und Archäologen, die in ihrer Freizeit den Schweizer Ur-Boden untersuchten, brachte in den letzten Jahren aber vieles ans Licht, was Jahrhunderte und Jahrtausende begraben lag.

Erstmals gibt es diese Entdeckungen nun auch in Buchform zu bewundern bewandern könnte man sie auch, 16 empfohlene Routen führen zu den wichtigsten Fundstellen.

Marion Sauter u. a.: "Ausflug in die Vergangenheit", Librum Publishers & Editors, www.librumstores.com


www.librumstores.com

Glitzer und Abgrund

Ob man in Las Vegas wirklich sein Glück finden kann, sei dahingestellt, zumindest findet man den Rausch der Zerstreuung und der Selbsttäuschung. Christoph Wöhrle hat in seinen profund recherchierten und fein erzählten Geschichten für "Stadt im Rausch" das Wesen von Las Vegas neu beleuchtet.

Der deutsche Journalist stieg hinunter in die Tunnels der Obdachlosen, hatte das Privileg, in die Steak-Küche eines gefragten Stripklubs ("Fleisch und Fleisch gesellt sich gern") vorgelassen zu werden oder besuchte Tony Hsieh, den CEO des Schuh-Online-Multis zappos.com, der mit dem alten, heruntergekommeneren Teil von Las Vegas als Developer große Pläne hat. Schließlich besteht die Glitzerstadt nicht aus dem Strip allein. Und manchmal muss man auch hinaus in die Wüste.

Christoph Wöhrle: "Stadt im Rausch. Auf der Suche nach dem Glück in Las Vegas", Dumont Verlag, 14,99 Euro, www.dumontreise.de

www.dumontreise.de

Zeitreise

Alfred Wegener kennt man aus dem Geografieunterricht: Die heute anerkannte Kontinentaldrift-Theorie hatte zum Zeitpunkt ihrer ersten Veröffentlichung unter Geologen fast nur Gegner. Dass Wegener leidenschaftlicher Grönland-Forscher war, in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mehrere Expeditionen mit Hundeschlitten an und von den Küsten der Insel unternahm und sich heute unvorstellbaren Strapazen unterwarf, ist weniger bekannt. Wegeners Abenteuer, die er 1930 letztlich mit seinem Leben bezahlte, kann man in der Neuauflage seiner Grönland-Expedition 1929 des Marix Verlages nachlesen.

Alfred Wegener: "Mit Motorboot und Schlitten in Grönland", edition-erdmann.de

edition-erdmann.de

Wiedergelesen

In keiner Bibliothek unserer Großväter durften die Bände des letzten großen Entdeckungsreisenden, des schwedischen Topo-, Geo- und Fotografen, Forschers, Illustrators und ja, auch Dichters, Sven Hedin fehlen.

Ihre Kinder haben das Glanzpapier der Hedin-Bände dann, ebenso fasziniert von den detailgenauen, fast akribischen Schilderungen der Reisen Hedins durch Zentralasien, mit Fettflecken und Eselsohren verunstaltet, die nächste Generation überantwortete die angejahrten Bände dann schließlich den Flohmärkten.

Nun erschien eine Neuausgabe der Entdeckungsreisen Hedins, eine Box mit drei Bänden in der Edition Erdmann, auf griffigem Papier inklusive Illustrationen und Fotos für alle, die wissen wollen, was Reisen einst bedeutet hat.

Sven Hedin: "Abenteuer in Tibet", Edition Erdmann

Edition Erdmann

Pflicht

Nicht nur den Teenagern graut vor dem gemeinsamen Urlaub mit den Eltern. Nein, auch den Alten graut vor Ferien mit dem pubertierenden Nachwuchs. Nichts kann man in der Zeit einander recht machen, Konfliktstoff lauert überall: sei s bei der Anreise und dem Quartier, sei s bei der Nahrungsaufnahme und der vereinbarten Nachtruhe.

Da dieser Kelch selten an Eltern vorübergeht, hat Georg Weindl ein gewitztes, kompetentes Buch geschrieben. Und: "Ihr seid so peinlich!" enthält auch konkrete Adressen, wo gemeinsamer Urlaub unter Umständen nicht gleich zum Kleinkrieg oder gar zur mittleren Katastrophe wird.

Georg Weindl: "Ihr seid so peinlich! Wie Eltern die Ferien mit Teenagern überleben", Chiemgauer Verlagshaus, www.chiemgauerverlagshaus.de

www.chiemgauerverlagshaus.de

Abortig

Nina Sedano hat in 40 Jahren die ganze Welt bereist, wurde als "Ländersammlerin" "Spiegel"-Bestsellerautorin und musste naturgemäß auch jede Menge stiller Örtchen frequentieren. Die Vielreisende hat nun auch den Mut gefasst, rund um ihre Erfahrungen "vor Örtchen" von Paris bis Afghanistan eine charmante, witzige Kulturgeschichte der Toilette zu schreiben.

Dazu sammelte sie Fakten, Anekdoten, Witze, Toilettensprüche, Regeln in öffentlichen Bedürfnisanstalten von 1900 oder aus der Mongolei und vieles mehr und bleibt aber immer dezent feminin. Ein wundervolles Buch für die kleine Locus-Bibliothek.

Nina Sedano: "Happy End Die stillen Örtchen dieser Welt", edenbooks.de


edenbooks.de

Nordlichter

Schottland und Norwegen haben vieles gemeinsam: reduzierte Landschaften mit viel Stein, Wasser und karger Vegetation und Bevölkerungen, die der Natur ihrer Heimat tief verbunden sind. In der Reihe "Highlights" des Bruckmann-Verlags präsentieren renommierte Autoren und Fotografen die jeweils 50 schönsten Attraktionen des Landes, in Schottland z. B. das hippe Glasgow oder den Whiskey-Trail und in Norwegen abgrundtiefe Fjorde oder das Polarlicht.

"Highlights Schottland, Highlights Norwegen", 25,99 Euro, Bruckmann.

Bruckmann

Eppas Guets!

Ja, genau das ist es geworden, etwas sehr Gutes sogar, das neueste Buch über das Ötztal. Zwei ganze Jahre verbrachte der Outdoor-Fotograf Bernd Ritschel in Summe in dem 65 Kilometer langen Tal, bestieg mehr als 100 Gipfel, darunter zehnmal die Wildspitze, mit 3774 Metern Tirols höchsten Berg, unternahm Berg- und Skitouren, wanderte über Gletscher und von Hütte zu Hütte und brachte immer fantastische Fotos mit nach Hause. Die Münchenerin Franziska Horn, die das Ötztal vom Südtiroler Schnalstal aus kennen und lieben lernte, lieferte die kongenialen, lebendigen Geschichten dazu.

Bernd Ritschel/Franziska Horn: "Magische Momente über dem Ötztal", tyrolia-verlag.at

tyrolia-verlag.at

Finissage in Weiß

Pulverschnee findet der Skitourenfan jetzt meist nur noch hoch oben, aber wohin soll er sich wenden, wenn er kein Kenner der Salzburger Bergwelt ist?

Thomas Neuhold ist ein Freund der Berge nicht nur in Österreich, sondern auch in Chile, Nepal oder Pakistan und hat in seinem Ratgeber sechzig neue und besonders schöne Skitouren in Salzburg zusammengetragen, die in seinem "Skitourenatlas Salzburg-Berchtesgaden" (zweite Auflage 2014, 555 Tourenvorschläge) nicht zu finden sind.

Die Zielgruppe: Einsteiger bis zum Könner. Für zahlreiche Touren präsentiert Neuhold auch Varianten, die je nach den Bedingungen ein Abweichen vom gewünschten Ziel ermöglichen.

Thomas Neuhold: "60 Super Skitouren", 144 Seiten, 19,95 Euro. www.pustet.at

www.pustet.at

Erinnerungsstütze

Wie oft passiert s, dass wir am Wochenende von Schönwetter überrascht werden und uns kein lohnendes Ausflugziel einfallen will. Zu oft.

Das Team Christine und Michael Hlatky hat sich dankenswerterweise aufgerafft, 42 Wandertouren in Wien und im Umkreis von ein bis zwei Stunden erstens zu begehen und zweitens zu beschreiben: bequeme Touren für Familien mit Kindern, für Senioren, die ihren Gelenken und Sehnen keine Gewaltmärsche mehr antun wollen, und für Neo-Wiener, die noch nicht lang in der Stadt leben und ihre Qualitäten noch nicht kennen. In welcher anderen Metropole Europas ist man z. B. mit Öffis spätestens in einer halben Stunde in den Bergen?

Christine & Michael Hlatky: "Wandern für Faule/Die Wiener Hausberge", styria regional, styriabooks.at

Oberrhein

Der Rhein eignete sich seit jeher zur künstlerischen Verklärung, Überhöhung und Verfremdung. Zwei Jahre lang hat auch der Fotograf Michael Lange dem Strom gewidmet, von 2012 bis 2014 war er am Oberrhein unterwegs und setzte die Ufer und die Eigenbewegungen des Wassers mit einer Großformatkamera ins Bild.

Es sind vor allem stille Orte, rätselhafte Szenerien, Ansichten und Ausschnitte voller Nebel oder diffusem, konturlosem Licht. Wodurch zum Teil fast impressionistische Bilder mit mystischer Aura entstanden. Langes Bilder gehen dieses Jahr auch auf Wanderschaft durch Galerien in Berlin, Los Angeles oder Frankfurt.

Michael Lange: "Fluss", Hatje Cantz Verlag, 45 Euro

Hatje Cantz Verlag

Prärie

Prärie. 30 bis 60 Millionen Bisons sollen einst in der nordamerikanischen Prärie gelebt haben für die Indianer waren sie die Lebensgrundlage schlechthin. Doch dann setzte im 19. Jahrhundert eine beispiellose Vernichtung der Tiere durch die europäischen Siedler ein. Bis die Bisons fast ausgelöscht wurden. Heute konnte ihre Population wieder auf 500.000 gesteigert werden, 300.000 leben wild.

Der fantastische Bildband "Buffalo Ballad" zeigt eine Spurensuche in Schwarz-Weiß, die Fotografen Heidi und Hans-Jürgen Koch folgten den Tieren und machten sie zu den wahren Helden einer dramatischen amerikanischen Geschichte. Das Buch wurde mehrfach ausgezeichnet, die Bilder sind ab 15. April auch im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen.

Heidi und Hans-Jürgen Koch: "Buffalo Ballad. On the Trail of an American Icon", Edition Lammer huber, 99 Euro.

Mali

Mit jedem Jahr droht ein Stück der fantastischen Architektur der Dogon in Mali verloren zu gehen. Einerseits weil die Bewohner dieser ungewöhnlichen Lehmbauten ihr karges Land verlassen, andererseits weil Wind und Erosion an den Lehmgebäuden nagen.

Entlang des Bandiagara-Felsmassivs hatten die Dogon in durchaus schwierigen Lagen eigene Häusertypen entwickelt: Getreidespeicher, Versammlungshäuser, Wohngebäude und Kultstätten, die ein verschachteltes System ergeben, das so funktional wie klimagerecht ist. 1989 wurden die Felsen von Bandiagara als Weltkulturebe der Unesco deklariert. Wolfgang Laubers Buch zur "Architektur der Dogon" ist das Ergebnis einer ersten, intensiven Forschung und Aufarbeitung.

Wolfgang Lauber (Hrsg.): "Architektur der Dogon. Traditioneller Lehmbau in Mali", Hatje Cantz Verlag, 49,80, www.hatjecantz.de

Hatje Cantz Verlag

Berg und Tal

Kaum ein geografischer Raum erscheint diverser als die Alpen, wo Wirtschaftsräume und Sehnsuchtsräume derart nah beieinanderliegen. Als Autor wird den Alpen daher nur jemand gerecht, der sie vom Mont Blanc bis zum Triglav mitsamt Talsohlen und Zwischenräumen genau kennt. Unmengen an Eindrücken und Erfahrungen konnte Bene Benedikt schon allein als Chefredakteur des "Alpin"-Magazins sammeln.

Nun hat er sie zu einer "Gebrauchsanweisung für die Alpen" sortiert, die an manchen Stellen selbst den gelernten Alpenbewohner überrascht. Klarerweise werden Rituale (Hütteneinkehr) und Phänomene (die Inflation von Aussichtsplattformen, Events und Krimis) launig bis kritisch beleuchtet. Alpenleben vom exponierten Weinbau bis zur Verwertung von Murmeltieren.

Bene Benedikt: "Gebrauchsanweisung für die Alpen", Piper Verlag, 14,99 Euro, www.piper.com

Piper Verlag

Bleiche Berge

So nannte man sie früher, die schroff aus sanft gewellten Sedimentschichten aufragenden Spitzen der Drei Zinnen, der Kreuzkofelgruppe (Fanes) oder des Rosengartens.

Seit der französische Geologe D odat de Dolomieu im 18. Jahrhundert das Gestein analysiert hat, heißen diese spektakulären Massive Dolomiten im Sommer Ziel von Wanderern und Bergsteigern, im Winter von Skifahrern, die eine der zwölf (mit nur einem einzigen Skipass befahrbaren) Dolomiti-Superski-Regionen frequentieren.

Die Fotografin Ulla Lohmann war in acht Etappen in jeder Jahreszeit vom Gardasee bis zur Marmolata unterwegs, um nicht nur die Gipfel, sondern alle 400 Höhenmeter einen Quadratmeter dieses Naturparadieses zu bannen, Wiesen, Wälder, Felsen, Schnee.

Ulla Lohmann: "Abenteuer Dolomiten", Piper Verlag, 41,20, www.piper.de.

Piper Verlag

Erleuchtet

Erleuchtet. Für Industrieanlagen hat der koreanische Fotograf Taewon Jang schon länger eine Schwäche: Viele industrielle Areale und Architekturen hat er ins Bild gesetzt und dabei ihre eigene Ästhetik in neuem Licht erscheinen lassen: nämlich im Abendrot, im Morgengrauen, mit Schnee, im Nebel, mit Gegenlicht.

Insofern wohnt seinen Porträts von Stahlfabriken, Atommeilern und Kühltürmen und anderen "Kathedralen der Neuzeit" auf diesem Planeten eine surreale,
gespenstische Aura inne, die umso stärker wirkt, da in der Fotografie auch etwas Romantik
mitschwingt.

Taewon Jang: "Stained Ground", Hatje Cantz
Verlag, 35 Euro, www.hatjecantz.de

www.hatjecantz.de

Grünphase

Mit ihrem "Eat Surf Live" haben Vera Bachernegg und Katharina Maria Zimmermann nicht nur Cornwall auf originelle Weise erschlossen, sondern auch eine erfrischende Art von Guidebook kreiert: ein handliches Buch ohne touristische Anbiederungen und Gemeinplätze, dafür aber mit feinem Grafikdesign, persönlichen Fotos, substanziellen Informationen. Und vor allem mit Herzblut. So ist es naheliegend, dass die beiden Kreativen nun auch ihre Heimat durchmessen haben: "Eat Hike Live" führt durch die Steiermark und zu Orten, die nicht in jedem Reiseführer stehen.

Hier findet man etwa Adressen an der südsteirischen Weinstraße, die von den üblichen Verdächtigen abweichen. Oder macht Begegnungen mit überzeugten Köchinnen und Schneiderinnen, Weinbauern und Schnapsbrennern. Und man bekommt viele Rezepte und andere Anregungen mit auf den (Wander-)Weg. Dem Anspruch, die Steiermark als höchst abwechslungsreiches Revier zu zeigen, wird das Buch, das die beiden im Selbstverlag herausgeben, mehr als gerecht. Außerdem passt "Eat Hike Live" in jeden Rucksack.

Vera Bachernegg, Katharina Maria Zimmermann: "Eat Hike Live", www.eatwritelive.com

Zimmermann u. Bachernegg

Prachtbotanik

Wahre Kunstwerke der Natur füllen dieses kiloschwere Buch von Micha Pawlitzki: Unzählige Orchideen hat der Fotograf groß und eindrucksvoll ins Bild beziehungsweise in den Weißraum gesetzt. Pawlitzki ist auch sehr weit in der Weltgeschichte herumgefahren, um die seltensten Exemplare aufzutreiben.

Als Reiseführer eignet sich der prächtige Band für Orchideen-Fans insofern, als er die Pflanzen kontinenteweit clustert und so auf die Idee bringt, sich auf deren Spur zu machen. Das Buch wurde mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2015 in Silber ausgezeichnet. Zum näheren Blumenverständnis gibt es ein längeres Glossar und Essays.

Micha Pawlitzki: "Orchideen", Edition Panorama, 78 Euro, www.editionpanorama.de

www.editionpanorama.de

Wiege der Menschheit

Lang lag das Tal des Omo isoliert in der südwestlichen Ecke Äthiopiens. Als der Fotograf Ken Hermann 2011 das erste Mal in diese landschaftlich beeindruckende Region kam, fand er ein völlig ungestörtes Zusammenleben vor, die Stämme der Karo, der Mursi (die zum Teil Lippenteller tragen) und der Hamar betrieben Landwirtschaft in archaischer Form. Und sie ließen sich von einem dänischen Fotografen nicht aus der Ruhe bringen.

Hermann musste sie schon überreden, sich porträtieren zu lassen - eine Haltung, die man den kunstvollen Bildern auch ansieht. Das Tal des Omo an der Wiege der Menschheit ist Unesco-Weltkulturerbe, mittlerweile kommen Touristen dorthin, unweit wird ein großer Staudamm errichtet, immer mehr Plantagen entstehen. Wie lang dieser fantastische Ort intakt bleibt, ist fraglich.

Ken Hermann: "Im Tal des Omo", Edition Panorama, 45 Euro.

Edition Panorama
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