Mode und Deco in Harmonie

Zahlreiche neue Pariser Boutiquehotels, meist eher kleine Häuser, werden von Designerinnen ausgestattet, die sich von der Mode inspirieren lassen.

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Hotel Original – Hotel Original

Stanislasia Klein alias Stella Cadente hat ihre Federboa kurzfristig an den Nagel gehängt. „Ich kleide Hotelzimmer ein, wie Frauenkörper“, sagt sie. „Die Vorgangsweise ist identisch, bei der Wahl der Farben und Materialien, die Passform, die Schnitte, da muss einfach alles sitzen.“ Das Pariser Boutiquehotel Original an der Place de la Bastille trägt von Rezeption bis Dachboden ihre ziemlich feminine Handschrift. Achtung – diese Adresse ist nichts für Minimalisten: Jagdtrophäen gemixt mit schwerem Samt. Genauso gekonnt wie Lila und Dunkelblau, Mode oblige.

Stella Cadente, zu Deutsch Sternschnuppe, ist seit knapp 20 Jahren als Modedesignerin tätig. Ihr Markenzeichen: ultrafeminine Kleider inklusive Federboa. Diesen unverkennbaren Stil hat sie bei der Inneneinrichtung des Hotel Original beibehalten. Es darf also glitzern: Lampen mit Glasfaseroptik, Sternenhimmel im Badezimmer, dafür gedämpftes Greige im Frühstücksraum, wo Schmetterlinge in der Glasvitrine Feenwaldambiente in die Pariser Hektik bringen, Jagdtrophäen und türkise Wandpaneele an der Rezeption.

Ihr persönliches Lieblingszimmer? „Vielleicht Alice im Wunderland. Und die Suite de Cristal, benannt nach Andersens Schneekönigin.“ Dieser Traum ganz in Weiß (Zimmer 101) liegt im ersten Stock des Hotels, das insgesamt über 38 Zimmer verfügt. „Die Suite de Cristal wird von den Gästen sehr oft schon bei der Reservierung gewünscht. Paris ist schließlich ein Fest fürs Leben und eine beliebte Destination für Honeymooner.“

Ein bisschen weiter nördlich, mitten im neunten Arrondissement, nicht weit von Oper und großen Kaufhäusern entfernt, liegt das Hotel du Temps. Es wurde von der Pariser Modedesignerin Alix Thompson gestaltet, die sich bei den Pariser Bobos mit perfekt geschnittenen Herrenhemden im Liberty-Stil ihres gleichnamigen Modelabels mit Boutique im Marais-Viertel einen Namen gemacht hat. Auch hier sucht man vergeblich nach Stereotypen der klassischen Hotellerieszene. Weder Lobby noch Minibar, dafür ein wackeliger Schreibtisch, Vuitton-Cityguide und ein Laptop als „Empfang“. Eine maßgeschneiderte Bar – „wir haben ausschließlich Handwerker aus dem Viertel beauftragt, denn hier bin ich aufgewachsen“, sagt Yoan Marciano, der Besitzer des Hotel du Temps. Das Ambiente: Tendenz „arty“. Grüne Keramikfliesen (Thompsons Lieblingsfarbe) auf dem Fußboden und ein weißer Holzboden in La Suite, dem kuscheligen Hide-away unter dem Dach mit zwei Badezimmern und Ausblick auf die Dächerlandschaft von Paris. Die luftigen Pflanzenprints für die Vorhänge, Thompsons Markenzeichen, holen die Natur in die Stadt. Das Mobiliar ist ein Mix: ein paar Fundstücke vom Flohmarkt und den umliegenden Antiquitätenläden, gekonnt durchmischt mit Teilen aus dem privaten Fundus der Dekorateurin, Bakelitschaltern und Grünpflanzen im Vintagetopf.

Die Pariser Innenarchitektin Dorothée Meilichzon ist der neue Star am Pariser Deko-Himmel. Sämtliche kulinarischen Hotspots der Kapitale tragen zurzeit ihre Handschrift. Obwohl die Franzosen ihren Namen immer noch nicht aussprechen können. Das Hotel Grand Pigalle, eine Art Bed and Beverage mit arty Chic, ihre jüngste Kreation, öffnete Ende Februar seine Pforten. „Ein Partyhotel mit heimeliger Atmosphäre. Ein Hotel soll vor allem cosy sein“, sagt Meilichzon. Deshalb auch der Teppichboden mit Pantherprints, Kaminfeuer in der Bar, Telefone im Retrolook und Korktapeten in den Zimmern. Die Möbel- und Designmesse Maison & Objet wird sie übrigens im September 2015 zur Designerin des Jahres küren, das Nonplusultra einer soliden Karriere. Meilichzon kommt zwar nicht aus der Modebranche, trotzdem erinnert ihr Stil eher an die Arbeit einer Modestylistin: Die knapp Dreißigjährige mit der Allure eines Schulmädchens kombiniert gewagt Tapetenmuster, Zementfliesen und Vintagestoffe, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Ihre Mentoren sind Hubert de Givenchy, Coco Chanel und Yves Saint Laurent. „Modedesigner sind die besseren Dekorateure“, ist sie überzeugt und schließt nicht aus, irgendwann einmal selbst eine Modekollektion zu entwerfen.

Abseits der Pariser Boboszene, im Osten der französischen Hauptstadt im existenzialistisch-edlen Rive-Gauche-Viertel am linken Seineufer (13.Arrondissement), liegt das neue Hotel Henriette, das vor Kurzem eröffnet hat. Vanessa Scoffier, die Eigentümerin, hat sich das nötige Know-how in der Werbebranche und dann im gnadenlosen Pariser Modebusiness als Redakteurin für diverse Hochglanzmagazine geholt. Der Mode hat sie den Rücken gekehrt. „Ich suchte nach einer neuen Herausforderung, und Dekoration war immer schon meine Leidenschaft. Bei diesem Projekt konnte ich mich endlich so richtig austoben.“

Das Resultat: 32 Zimmer, ausgestattet mit Leinenkissen, Vintagestoffen, Wandspiegeln mit Rattanrahmen, grafischen Akzenten und hellem Holz, gemixt mit ein paar von Scoffiers Fundstücken vom Flohmarkt. Très chic– die Bohème liebt's. Das „petit plus“ im Hotel Henriette, das das Flair eines Privathauses hat: Jedes Zimmer sieht anders aus und trägt die persönliche Handschrift der Besitzerin: „Ich hab sie eingerichtet, als wär's bei mir zu Hause.“ Das begehrteste Zimmer? Ein sehr persönlich gestaltetes Refugium unter dem Dach namens Jungle – mit Palmen und Urwaldgeflecht an den schrägen Wänden. Klein, fein, Lichtjahre vom feudalen Bling-Bling der Pariser Palasthotels entfernt. Die Szene liebt es, die anderen dürfen weiterhin im Ritz absteigen.

(WEB-)ADRESSEN & PREISE

Hôtel Original: DZ ab 200 Euro, 8, Boulevard Beaumarchais, 75011 Paris, www.hoteloriginalparis.com

Hôtel du Temps: DZ ab 160 Euro, 11, rue de Montholon, 75009 Paris, www.hotel-du-temps.fr

Grand Pigalle Hôtel: DZ ab 200 Euro, 29, rue Victor Massé, 75009 Paris, www.grandpigalle.com,

Hôtel Henriette: DZ ab 89 Euro, 9, rue des Gobelins, 75013 Paris www.hotelhenriette.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2015)

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