Kolumbien: Kindheiten, Kaffee, Kokain und Konflikte

Wer im Medellín der 1980er-Jahre aufwuchs, der erlebte in dieser Zeit einen Albtraum. Deshalb holt man heute, im neuen, modernen, schicken, urbanen, innovativen Medellín seine glückliche Kindheit ganz einfach nach.

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Medellín von oben – Reuters

Kolumbien, kann man da überhaupt hinfahren? Diese Frage stellen sich viele. Obgleich die Zeit des intensiven Bürgerkriegs und der tagtäglichen Entführungen bereits gut zehn Jahre zurückliegt, bleiben Vorbehalte. Wenn Juliana von Real City Tours ihre Gäste durch Medellín führt, ist ihre Stadtführung deshalb immer auch ein Crashkurs in kolumbianischer Geschichte. Bereits 1948 zerrissen gewalttätige politische Konflikte das Land, anfangs vor allem der Streit zwischen Liberalen und Konservativen. Dieser führte ab dem Jahr 1948 zu einem zehnjährigen Bürgerkrieg. Später traten verschiedene, meist linksorientierte Guerillagruppen auf den Plan und paramilitärische Verbände vonseiten der Rechten. Ab den 1980er-Jahren wurden die politischen Konflikte überlagert durch die Auseinandersetzungen über die Kontrolle des Drogenhandels.

„Der Konflikt wurde zu einem Geschäft, der Kampf ideologischer Gegner mutierte zu eine Wettbewerb um den Markt“, erläutert Juliana. Zu dieser Zeit verlagerte sich der Krieg, der bislang vor allem auf dem Land ausgefochten wurde, in die Städte – und Medellíns dunkle Zeit begann. Mit dem Tod Pablo Escobars im Jahr 1993 sank die Bedeutung der Drogenkartelle, doch erst ab dem Jahr 2002, als der damalige Präsident Uribe, eine bis heute äußerst umstrittene Persönlichkeit, mit harter Hand gegen die Guerilla vorging, verbesserte sich die Sicherheitssituation im Land deutlich.

Warum Kolumbianer glücklich sind

Zwar gibt es, trotz weit fortgeschrittener Friedensverhandlungen, noch immer bewaffnete Konflikte zwischen der Farc-Guerilla und der Regierung, doch diese finden weitab der von Touristen besuchten Regionen statt. Für einige dieser Gebiete besteht seitens des österreichischen Außenministeriums noch immer eine Teilreisewarnung, diese bezieht sich jedoch nicht auf die touristischen Hauptziele Kolumbiens und auf die Stadt Medellín. „Die Transformation Kolumbiens ist zwar immer noch fragil, aber sie ist real“, fasst Juliana die Situation im Land zusammen – bevor sie die Gäste mitnimmt in die quirlige Altstadt Medellíns, in der fliegende Händler mit kleinen Karren sowie Marktschreier, Saft- und Kaffeeverkäufer das Straßenbild dominieren.

Freundliche und fröhliche Menschen prägen die Atmosphäre, und das ist kein Zufall. „Die Kolumbianer heute wollen das Leben in vollen Zügen genießen, deshalb verdrängen sie die Vergangenheit. Ihr Gedächtnis ist sehr selektiv – statt an Krieg und Gewalt erinnert man sich lieber daran, dass der Kolumbianer Freddy Ricon bei der Fußball-WM 1990 in der 92. Minute gegen Deutschland zum 1:1 Endstand ausgeglichen hat“, sagt Juliana. „Wenn die Kolumbianer nach all dem, was sie durchgemacht haben, glücklich sein können, warum dann nicht jeder?“, fragt sie und führt ihre Gäste von der La-Calendaria-Kirche zur Kathedrale auf dem Plaza Bolivar. Auf im Schatten stehenden Bänken ruhen sich Rentner aus, einige Meter weiter spielen Kinder Fußball.

Hinter der unvermeidlichen Bolivar-Statue ragen die Türme der Backsteinkathedrale empor. „In das Viertel hinter der Kirche geht ihr besser nicht, dort befindet sich ein Hehlermarkt, auf dem Fremde nicht gern gesehen sind“, rät Juliana. Medellín sei schon im 19. Jahrhundert eine bedeutsame Stadt gewesen. Besiedelt von fleißigen Emigranten aus dem Baskenland, war die Stadt damals keine Kokain-, sondern eine Kaffeehochburg. Mit dem Kaffeeboom kam die Eisenbahn, und mit ihr verbunden die Modernität. „Medellín wuchs rasant und war damals in vielem moderner als Bogotá“, sagt Juliana. Ein Modernitätsvorsprung, den Medellín wiedergewonnen zu haben scheint – denn während man in Medellín günstig und schnell mit der Metro unterwegs ist, verkehrt in der Hauptstadt Bogotá nur der Transmillenio, ein Bus, für den Spezialspuren eingerichtet sind.

Die Bibliotheken, die Seilbahnverbindungen und die Rolltreppen haben Medellín zu einem Sprung nach vorn verholfen. In der Stadt herrscht Aufbruchstimmung – und auch die Urlauber, die ich treffe, sind begeistert. „Eine tolle Stadt, wir haben uns keinen Moment unsicher gefühlt“, berichtet ein junges Pärchen aus Süddeutschland, das in einem Hostal im Stadtteil Poblado untergekommen ist. In diesem Viertel findet sich die Zona Rosa, eine der Hauptausgehzonen der Stadt mit Diskotheken, Open-Air-Bars, Clubs, Restaurants und Mikrobrauereien. Im Parque Lleras treffen sich Flaneure und Artisten, Jugendliche und Junggebliebene, die sich an Kiosken mit günstigen Getränken versorgen, insbesondere mit Aguilla- und Club-Colombia-Bier, aber auch mit Aguardiente – Anis- und Zuckerrohrschnaps.

Lichtergirlanden an den Bäumen

An Bäumen in den Seitenstraßen funkeln rote, grüne und gelbe Lichterketten, die girlandenförmig um die Bäume gewickelt sind, sich zum Teil aber auch schnurgerade wie ein Band an den Stämmen hochziehen. In der Zona Rosa gibt es hippe und moderne Läden ebenso wie Lokale, die eher rustikal wirken. Vor der Bar La 39 del Lleras hängt ein Schild, das aus fünf dunklen Holzbrettern besteht. Darauf steht in weißen Buchstaben: „Some people look for a beautiful place. Others make a place beautiful.“ Genau das ist in Medellín in den vergangenen zwölf Jahren passiert! Und es ist keineswegs nur eine fixe Idee des Bürgermeisters, sondern wird von den Menschen gelebt. „Wir sind stolz auf das, was unsere Stadt erreicht hat, das beginnt schon mit unserer Metro, die bereits kurz nach dem Tod Pablo Escobars gebaut wurde. Schau sie dir an, du wirst nirgends Vandalismus oder Gekritzel finden“, sagt Stadtführerin Juliana stolz.

Neben der Zona Rosa rund um den Parque Lleras gibt es noch weitere Ausgehviertel, die sich vor allem am Wochenende lohnen, die Calle 33 und die Carrera 70 sind die bekanntesten davon. Mir hat man im Hotel eine Musikbar empfohlen, die den Namen Dulce Jesús Mío trägt. Die beeindruckend große Mischung aus Bar und Diskothek, deren Decken und Wände mit Spielzeugautos, Dreirädern, Puppen und vielerlei anderen Spielwaren dekoriert sind, ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Bedient werden die Besucher, die meisten davon bereits über vierzig, von Clowns und Superhelden.

Apropos Outfit: Medellín ist von der Hauptstadt der Drogen zu einer Hauptstadt der Mode mutiert. Zur Colombiamoda, die jedes Jahr im Juli stattfindet, strömen rund 1800 Einkäufer aus mehr als 35 Ländern. Die Modemesse ist die bedeutendste ihrer Art in Kolumbien – und bekannt dafür, dass dort oft sehr freizügige Kreationen präsentiert werden. Keine Frage: Medellín ist sexy – spätestens, seit das „Wall Street Journal“ und das Urban Land Institute die zweitgrößte Stadt Kolumbiens im Jahr 2013 zur innovativsten Stadt der Welt gekürt haben.

 

Compliance-Hinweis: Procolombia unterstützte Autor Rainer Heubeck.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2015)

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