Zu Surp Asdvadzadzin, Maria Himmelfahrt, blüht Vak?fl? wieder auf. Hunderte Armenier aus aller Welt kommen zu diesem Anlass in das letzte armenische Dorf der Türkei und nehmen am Kirchweihfest der Gemeinde teil. Die Messe dauert mehrere Stunden – die meisten Gläubigen sind währenddessen aber auf dem Kirchplatz davor ins Gespräch mit Verwandten und Freunden vertieft.
Nach der Messe folgt schließlich basierend auf einem vorchristlichen Brauch die Weihe der Weintrauben. Am anderen Ende des Kirchplatzes kocht etwas in riesigen Töpfen vor sich hin: Harisa, ein Eintopf aus Getreide und Fleisch. Auch dieser wird von den Priestern gesegnet und dann an die Anwesenden verteilt.
Rückzug auf die Berggipfel. Hier leben Nachkommen jener Armenier und Armenierinnen, deren Überlebenskampf Franz Werfel in seinem Werk die „Vierzig Tage des Musa Dagh“ geschildert hat. Die Bewohner der sechs armenischen Dörfer um den „Mosesberg“ flüchteten 1915 auf den Gipfel des Gebirgsmassivs und wehrten sich gegen ihre Deportation.
Hier harrten sie unter katastrophalen Bedingungen und hohen Verlusten gegen die Angreifer aus. Die verzweifelte Bevölkerung rechnete schon mit ihrer Vernichtung, als französische Kriegsschiffe die Hilferufe der Verzweifelten vernahmen und zumindest jene aufnahmen, die jung und gesund genug waren, um über die Steilhänge des Berges zum Meer zu kommen. 4000 Überlebende wurden zunächst nach Port Said in Ägypten in Sicherheit gebracht.
Erneute Flucht. Im Unterschied zu anderen Regionen der heutigen Türkei kehrten die Vertriebenen nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg und dem Sturz der für den Genozid an den Armeniern verantwortlichen „Jungtürken“ 1919 in ihre Heimat zurück. Die heutige Provinz Hatay mit ihrer arabischsprachigen Mehrheitsbevölkerung und ihrer Hauptstadt Antakya war mittlerweile Teil des französischen Mandatsgebiets Syrien geworden. Mit den lokalen Arabern, die großteils der schiitischen Sekte der Nusairier angehörten, hatten die Armenier nie Probleme gehabt. Und so entschloss sich der Großteil der Überlebenden zur Rückkehr.
Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges gab jedoch Frankreich dem Druck der Türkei nach und trat die Region 1938/39 an die Türkei ab. Die meisten Armenier flohen erneut nach Syrien und in den Libanon. Nur die Bevölkerung von Vak?fl? entschied sich zu bleiben. Im Winter leben hier 120 Menschen, im Sommer wächst die Bevölkerung auf 400 Menschen an.
Das Massaker überlebt. Die Geschichte des Dorfes und die Ereignisse von 1915 sind hier immer noch sehr präsent. Avedis Demirci, der 95 Jahre alte Dorfälteste, hat das Drama auf dem Musa Dagh noch persönlich als Kleinkind erlebt. Sein Name bedeutet „Frohe Botschaft“ und steht symbolisch für das Überleben der Armenier am Musa Dagh. Einer seiner Enkel erzählt, dass auf dem Gipfel des Berges, auf dem sich die Armenier vor 94 Jahren verschanzt hatten, einst ein Denkmal in Form des rettenden Schiffes errichtet wurde. Die Überlebenden erbauten es nach ihrer Rückkehr, die türkische Armee zerstörte es 1980 nach ihrem Militärputsch.
Kein Konflikt mit Muslimen. Das Verhältnis zum Staat und zur türkischen Bevölkerung der Region bleibt schwierig. Die Dorfbewohner bedauern, dass die Kinder in der Schule keine Möglichkeit haben, Armenisch zu lernen. Einige berichten von Provokationen türkischer Siedler in der Region. Dafür ist das Verhältnis zu den lokalen Arabern umso herzlicher.
Wenn Avedis Demirci mit seinen arabischen Freunden aus einem der Nachbardörfer auf der Terrasse vor seinem Haus sitzt, wird deutlich, dass es sich hier um keinen Konflikt zwischen Christen und Muslimen handelt. Nicht die lokalen Muslime, sondern der Nationalismus der Jahrhundertwende zerstörte das Zusammenleben.
Die jüngste Annäherung zwischen der Türkei und Armenien befürworten hier alle.
Die in einer biologisch wirtschaftenden Kooperative zusammengeschlossenen Bauern des Dorfes ganz besonders. Bürgermeister Berc Kartun hofft durch den Export von Orangen, Mandarinen und Zitronen nach Armenien, die krisenbedingten Exportrückgänge nach Europa wettmachen zu können. Wenn tatsächlich in den nächsten Wochen die Grenzbalken zwischen Armenien und der Türkei hochgehen sollten, würde die armenische Minderheit in der Türkei sicher zu den großen Gewinnern zählen.
Für eine wirkliche Aussöhnung zwischen Türken und Armeniern und eine Aufarbeitung der Geschichte wäre dies jedoch erst der Beginn.
Der Musa Dagh wird auch in Zukunft ein wichtiger Ort des Gedenkens bleiben. Mit dem Buch des österreichischen Juden Franz Werfel, der im Genozid an den Armeniern Parallelen zum nationalsozialistischen Antisemitismus erkannte, wurde dem Widerstand am Musa Dagh ein universelles Denkmal gesetzt.
„Die Armenier wehrten sich.“ Ani De?irmencio?lu, eine in Wien lebende Armenierin aus Istanbul, die im heurigen August ebenfalls das Fest von Asdvadzadzin in Vak?fl? besuchte, fasst die Bedeutung dieses Widerstands in einem Vergleich zusammen: „Der Musa Dagh hat eine ähnliche Bedeutung wie das Warschauer Ghetto, in dem sich die Juden gegen ihre Vernichtung wehrten. Auch die Armenier ließen sich nicht wehrlos abschlachten. Dass es dieses Dorf heute noch gibt, ist ein Resultat dieses Widerstands.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2009)

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