Palma: Fenster zum Hafen

Nirgendwo ist der Einstieg in die mediterrane Kultur so einfach wie in Palma. Ihren Charme lässt sich die Stadt auch vom Massentourismus nicht nehmen.

Wahrzeichen. Die erhöhte Kathe-drale steht immer im Blickpunkt der Stadt.
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Wahrzeichen. Die erhöhte Kathe-drale steht immer im Blickpunkt der Stadt.
Wahrzeichen. Die erhöhte Kathe-drale steht immer im Blickpunkt der Stadt. – (c) Juan Iglesias

Die Stadt war unwirtlich: „In einer Gegend, die so nah bei den großen Zivilisationen Europas liegt, hätten wir kaum damit gerechnet, nicht eine einzige Herberge zu finden“, schrieb George Sand über ihre Ankunft in Palma im November 1838. Die zwei schäbigen kleinen Zimmer, in denen Sand, ihre beiden Kinder und ihr Lebensgefährte Frédéric Chopin schließlich unterkamen, befanden sich an einem „unheimlichen Ort“ in der feuchten Calle Mar. In ihrem Buch „Ein Winter auf Mallorca“ kam die Französin noch viele Jahre später zum Schluss: „Wir hätten stehenden Fußes nach Barcelona umkehren sollen.“ Denn die Hauptstadt Kataloniens, wo „strahlende Jugend“ auf den Ramblas flanierte und schöne Frauen „ausschließlich mit dem Faltenwurf ihrer Mantillen und dem Spiel ihrer Fächer beschäftigt waren“, hatte weitaus mehr ihrem Bild von Spanien entsprochen als Palma, wo man „weder die Welt der Mode noch das Bedürfnis nach Luxus oder den Annehmlichkeiten des Lebens kennt“.

Stimmung. Architektur der 50er,  innen zeitgemäß  gestaltet wie hier im Nakar Hotel.
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Stimmung. Architektur der 50er,  innen zeitgemäß  gestaltet wie hier im Nakar Hotel.
Stimmung. Architektur der 50er, innen zeitgemäß gestaltet wie hier im Nakar Hotel. – (c) Design Hotels/www.designhotels.com

Vergleiche mit der großen Schwester am Festland fallen heute ganz anders aus. „Palma ist das neue Barcelona“, titelte „Die Welt“ Anfang 2016. Ein Jahr zuvor war die Hauptstadt der Balearen von der „Sunday Times“ gar mit dem Titel „the best place to live“ als lebenswerteste Stadt geadelt worden. Palma habe eigentlich alles, was Barcelona auch habe, nur im Hosentaschenformat. Strand, Szene, Kultur, Küche – alles ist da, und immer in Gehweite: Das Meer liegt in der 430.000-Einwohner-Stadt immer noch ein Stück näher. Die gotische Kathedrale überragt den Paseo Marítimo, die Uferpromenade. Dieses auf den alten Stadtmauern, wo einst die maurische Mezquita stand, erbaute Wahrzeichen beeindruckt nicht nur mit seiner Lage, sondern auch mit der größten gotischen Fensterrose Europas, was den Eintritt von sechs Euro rechtfertigen soll. Der zentrale Markt Mercat de l’Olivar ist zwar kein Art-déco-Monument wie La Boquería in Barcelona, aber der renovierte 1950er-Jahre-Bau hat sich dem Zeitgeist entsprechend zum hippen Gastro-Treffpunkt gemausert.

Im Gegensatz zur Plaza Mayor: Am Hauptplatz der Altstadt mit den typischen Arkaden und herrschaftlichen Stadthäusern verschrecken Speisekarten in Plakatformat mit Fotos von Fastfood-Paella und Industrie-Tapas alle, die mit dem Begriff mediterrane Küche Dinge wie vom Bein gesäbelten Schinken und frische Meeresfrüchte verbinden. So gehört die Plaza Mayor vor allem Touristen, die sich nicht die Zeit nehmen, in den Winkeln der Altstadt nach erquicklicheren Raststätten zu suchen. Doch auch das steht durchaus in der Tradition so berühmter Plätze wie der Plaça Reial in Barcelona.

Neue Alteingesessene. Reisende mit Muße landen früher oder später in den Gassen von Santa Catalina. Die alten Wohnhäuser des ehemaligen Hafenviertels, mit dem weithin strahlenden weißen Turm des Hostal Cuba an seinem Eingang, wurden von Ausländern – Deutschen, Engländern, Skandinaviern – renoviert und wiederbelebt. Fast zu gut: Denn der neue Bohemecharme mit Cocktaillounges und Vintageshops mit großzügigen Öffnungszeiten gefällt nicht nur den neuen Alteingesessenen, sondern auch fast allen anderen, besonders nächtens.

Rhythmus. Mediterrane Architektur zitiert Retro-Stilvorrat. Hier das OD Port Portals.
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Rhythmus. Mediterrane Architektur zitiert Retro-Stilvorrat. Hier das OD Port Portals.
Rhythmus. Mediterrane Architektur zitiert Retro-Stilvorrat. Hier das OD Port Portals. – (c) Madeleine Napetschnig

Viele von den früheren Alteingesessenen sind schon lange weg. Margarita Martínez ist vor 24 Jahren auf das Festland gezogen, einmal im Jahr kehrt sie als Sommertouristin zurück. Die 51-jährige Mallorquinerin erinnert sich an die Insel ihrer Kindheit in den 1960er- und 1970er-Jahren, als das ärmliche Leben erst rund um die großen Kirchenfeiertage mit Osterprozessionen und Schutzpatronumzügen Farbe annahm. „Die alten feuchten Häuser in den engen Gassen schienen uns damals nicht erstrebenswert, dann haben Ausländer sie gekauft“, ezählt sie über den Dächern von Santa Catalina in der Bar des Hostal Cuba: „Jetzt sind sie hübscher, aber weniger unsere.“

Paralleles Leben. Nordländer, die in den Süden kommen, schwärmen gern vom Pittoresken, bevor sie beginnen, sauber zu machen. Als „Eldorado der Malerei“, so war George Sand die ganze Insel vorgekommen – malerisch, „von der Bauernhütte . . . bis zum in Windeln gewickelten Kleinkind, das in seiner grandiosen Unreinlichkeit triumphiert“, hatte die Pariserin überheblich hinzugefügt. Ein kleines Bisschen von dieser Kluft – hier die Mallorquiner, dort die Ausländer – ist bis heute zu spüren. Denn so international sich die Stadt gibt, so wenig vermischen sich ihre Bevölkerungsgruppen. Das hat auch den durchaus positiven Effekt, dass sich Palma viel kulturelle Eigenart bewahrt hat. „Auch weil es eine Insel ist“, meint Martínez, die das Mallorca ihrer Jugend heute noch zwischen Designerläden, Luxushotels und Fusionsrestaurants entdeckt. Etwa in der Bar Bosch, an deren lange Theke sie schon der Großvater Samstagnachmittag an der Hand geführt hat und die heute noch „coca de patata“, ein traditionelles süßes Kartoffelgebäck, herstellt – neuerdings liegen sie gleich neben den Brownies. Authentizität hat ihre Grenzen.

Wenn Ciro Krauthausen von Palmas Bevölkerung spricht, redet er „verallgemeinernd“ von „ausgeprägten Parallelgesellschaften, die ohne allzu große Konflikte nebeneinanderher leben“. Als Chefredakteur der „Mallorca-Zeitung“, einer der zwei großen deutschsprachigen Zeitungen der Insel, ist der 49-Jährige ein genauer Beobachter Palmas und seiner Entwicklung. Die Aussicht aus seinem Bürofenster ist weder malerisch noch schick. Das Redaktionsgebäude der „Mallorca-Zeitung“ steht in Nou Llevant, einem dahinkümmernden Viertel am Meer mit ein paar Hochhäusern samt kleineren sozialen Brennpunkten rundum, dazu etwas Brachland, ein unfertiger Kongresspalast und ein neues Zentrum der Rafael-Nadal-Stiftung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Positiv formuliert: ein Grätzl mit Potenzial.

Wechselwirkung. Historische Substanz begegnet moderner Kunst hier auf Augenhöhe.
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Wechselwirkung. Historische Substanz begegnet moderner Kunst hier auf Augenhöhe.
Wechselwirkung. Historische Substanz begegnet moderner Kunst hier auf Augenhöhe. – (c) Madeleine Napetschnig

Genau solches möge künftig erkannt werden, Palma solle ab jetzt nach innen wachsen, formuliert die Stadtverwaltung ihre Ziele. „Wir haben derzeit so viele freie Grundstücke innerhalb des Stadtgebiets, diese einmalige Gelegenheit sollten wir nutzen“, sagte Biel Horrach, Generaldirektor in Palmas Baudezernat der „Mallorca-Zeitung“ in einem Interview. Die Notwendigkeit dazu bestätigt Krauthausen. Der Journalist mit deutschen und südamerikanischen Wurzeln spürt „in jüngster Zeit ein Unwohlsein in der Bevölkerung – die Befürchtung, dass die Insel an ihre Grenzen stößt“. Auch wenn die offizielle Tourismus­statistik in den vergangenen Jahren keine bedeutenden Veränderungen verzeichnete: So landeten 2014 rund 11,5 Millionen Passagiere am Flughafen von Palma, dem einzigen der Insel. Davon kamen 4,1 Millionen aus Deutschland, 2,3 Millionen aus Großbritannien, 222.000 reisten aus Österreich an. 2008 waren es 11,4 Millionen (wobei jeder gerechnet wird, der in Palma ankommt).

Gefühl der Sättigung. Dennoch schwebe das „Schreck­gespenst Venedig“ über der Stadt, die Angst, dass sie als historischer Themenpark und Zweitwohnsitz enden werde, beschreibt Krauthausen die Stimmungslage. Es wird über Höchstgrenzen für Besucher diskutiert und darüber, wie der Ansturm besser auf das Jahr verteilt werden könnte. Denn Klima und Infrastruktur machen die Stadt zur Ganzjahresdestination. Fast schade für die, die es schon wissen: Dann ist es vorbei mit den sonnigen Novembertagen, an denen die Gefahr, von einer Segway-Gruppe überrollt zu werden, gleich null ist. Dass das Gefühl der Sättigung steigt, hat verschiedene Gründe: Zum einen ist das Bewusstsein für Umweltschutz und Nachhaltigkeit mit der links-grünen Regierungskoalition gewachsen. Zum anderen hat sich der Tourismus verändert. Der Boom zu Boutiquehotels in Stadtpalais und zu zentralen Privatwohnungen als Ferienquartier führt zu Wohnraumknappheit. „Das verzerrt den Wohnungsmarkt, besonders für Saisonkräfte.“ Mallorca ist zudem von Wirtschaftskrise und Tourismusrückgang wie im Rest Spaniens verschont geblieben. Die Spitzenpreise haben in den schlechten Jahren zwar etwas nachgegeben, sind aber nicht eingebrochen. „Palma ist ein sicherer Hafen“, nennt es Krauthausen, Investment habe sich hier immer gelohnt.

Wandel. Viele Bauten wurden zu Hotels mit Dachpool und -bar (Po-sada Terra Santa).
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Wandel. Viele Bauten wurden zu Hotels mit Dachpool und -bar (Po-sada Terra Santa).
Wandel. Viele Bauten wurden zu Hotels mit Dachpool und -bar (Po-sada Terra Santa). – (c) Posada Terra Santa

Wozu also ferner schweifen? Direktflüge, mildes Klima, mediterrane Kultur in deutschsprachiger Umgebung – einfacher geht’s nicht. Wer es gediegen schätzt, sucht sich das Boutiquehotel bei der Einkaufsstraße Borne, Möchtegern-Einheimische die Ferienwohnung in den ehemaligen Fischervierteln Santa Catalina, Portixol oder Molinar. Vormittags Burg und Kathedrale, Shoppen oder Strand, mittags Tapas und Tataki im Casco Antiguo. Fans traditioneller Küche treibt es in den Vorort Genova, bekannt für seine mallorquinischen Spezialitäten: deftiger Arroz brut, die eintopfartigen Sopas mallorquinas, ein paar Schnecken, dazu Pa amb oli – Brot mit Aioli. Danach ein Gin Tonic auf der Mole mit Blick auf die Yachten. Und nur für die, die ihn wirklich suchen, gibt es noch den Ballermann. Regional begrenztes Kampftrinken, weit genug entfernt, so dass die einen die anderen nicht stören.

Seit George Sand hat Palma wohl etwas richtig gemacht. Ihr „unheimlicher Ort“ in der Calle Mar liegt mitten im Szeneviertel La Lonja. Eine Gedenktafel erinnert an die prominenten Besucher. Zum Fürchten sind hier nur noch die Menschenmassen in den Gassen mit Tapas-Bars, Restaurants und Nachtlokalen in der Hochsaison. Den Namen La Lonja hat das Barrio von der einstigen Handelsbörse, einem erhabenen gotischen Bau. Nach der Renovierung hat er wieder geöffnet. Nur wenige verirren sich zum Sonnenuntergang ins hohe Kreuzgewölbe, wo sich durch das große Fenster zum Hafen ein Inbild des Mediterranen bietet. Malerisch, hätte George Sand gesagt. Ohne jede Boshaftigkeit.

Tipp

Fürs Frühstück: Ensaïmada, das typisch mallorquinische Germgebäck mit Schmalz.
Zwecks Erleuchtung: „Pedrera“ des katalanischen Architekten Barba Corsini.
Zur Einstimmung: Georges Sand: „Ein Winter
auf Mallorca“. Bei dtv.

Schlafen
Bo Hotel: neues Boutiquehotel in einem dreieckigen Gebäude in La Lonja. Mediterrane Küche im Ritzi. http://bohotel.com
Nakar Hotel: 50er-Gebäude, modern mallorquinisch ausgestattet. Mitglied bei Designhotels. designhotels.com
Art Hotel: Früheres Antiquitätengeschäft, liebevoll und detailreich zum Hotel umgestaltet.
artpalmahotel.com
Posada Terra Santa: Boutiquehotel in einem Haus vom 15. Jh., Dachpool. posadaterrasanta.com
Puro Hotel: Boutiquehotel in La Lonja mit Rooftop-Pool. Restaurant Opio mit mediterran-asiatischer Fusionsküche. DJ-Events. www.purohotel.com
Hotel Tres: Pures Design in einem Bau aus dem 16. Jh. in La Lonja, Bar im Patio, Pool am Dach. www.hoteltres.com
Hotel Can Alomar: Elegantes Boutiquehotel, Herrenhaus aus dem 15. Jh., Pool, Restaurant und Bar De Tokio a Lima mit Cocktails, kreativer Küche, Logenplatz auf die Borne.
boutiquehotelcanalomar.com
Hostal Cuba: Modernistisch mit Turm am Eingang zu Santa Catalina. Bar auf dem Dach. hotelhostalcuba.com
Hotel Sant Francesc: Renoviertes Luxushaus am Platz des einstigen Franziskanerkonvents. Dachterrasse, Bar, Pool.
hotelsantfrancesc.com
Hotel Pure Salt Garonda: In erster Strandlinie, renoviertes Luxushotel mit Spa. Adults only. www.puresaltgaronda.com/habitaciones-playa-palma
OD Port Portals: Cooles Hotel am noblen Yachtstandort Port Portals, etwas außerhalb.
od-hotels.com

Essen
La Paloma: spanische Küche, zeitgemäß interpretiert. www.lapaloma.es
Tirso: Szenelokal. Kreativ-
Mediterranes von Fleisch und Fisch. T +34 971 761 284.
La Cueva: Traditionell, mit mallorquinisch-spanischer Hausmannskost, fusionsfrei. In La Lonja. T + 34 971 724 422.
Varadero: Tapas-Bar und Restaurant an der Mole.
http://varaderomallorca.com
Bosch: 80 Jahre altes Kaffeehaus & Bar mit traditionellem mallorquinischem Gebäck, typischen Tapas und altem Gästebuch (Joan Miró!) http://barbosch.es

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