Transatlantikpassage

Sechs Tage, sieben Nächte auf hoher See

Mit der Queen Mary 2, einem eleganten Ozeandampfer, auf der Fahrt von New York nach Southampton. Ein Eintauchen in die Welt von vorgestern, bei dem sich das Flair des 19. Jahrhunderts mit den Annehmlichkeiten von heute verbindet.

Das Promenadendeck lädt dazu ein, Seeluft zu schnuppern und sich bei einer 600-Meter-Runde die Füße zu vertreten.
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Das Promenadendeck lädt dazu ein, Seeluft zu schnuppern und sich bei einer 600-Meter-Runde die Füße zu vertreten.
Das Promenadendeck lädt dazu ein, Seeluft zu schnuppern und sich bei einer 600-Meter-Runde die Füße zu vertreten. – Cunard

Immer weiter rücken die flirrenden Lichter der Metropole in die Ferne. Wie tanzende Punkte erscheinen bald die Leuchtgirlanden der Brooklyn Bridge in der Blue Hour, der Abenddämmerung. Und die Wolkenkratzer Manhattans schrumpfen mit dem Maß der Entfernung, bis sie irgendwann am Horizont verschwinden, wo der East River und der Hudson River nahtlos in den Atlantik übergehen. Wie zum Abschied stößt die Schiffssirene der Queen Mary 2 einen heulenden Signalton aus.

Während der elegante Ozeandampfer mit den Maßen von 345 Metern Länge, 40 Metern Breite und 72 Metern Höhe, majestätisch durch die Wellen pflügt und einem eine frische Brise um die Ohren weht, ziehen die Freiheitsstatue, die Lady Liberty im mintgrünen Kleid, und die frühere Immigrationsbehörde auf Ellis Island vorbei, mithin Symbole des American Dream – für Millionen von Emigranten aus Europa einst die Verheißung von einem freien, selbstbestimmten Leben und einer besseren Zukunft. Die Schlote des Riesen ducken sich gerade noch so unter die Verrazano-Narrows-Bridge, die Verbindung zwischen den Stadtteilen Staten Island und Brooklyn und am ersten Sonntag im November traditionell Startpunkt des New-York-Marathons.

Komfort in der Luxussuite
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Komfort in der Luxussuite
Komfort in der Luxussuite – Cunard

Ein Hauch von Nostalgie

Die meisten Passagiere haben sich zu Beginn der klassischen Transatlantikpassage von New York nach Southampton, die sechs Tage und sieben Nächte währen wird, bei Musik und einem Glas Sekt an Deck versammelt, um Seeluft zu schnuppern und zugleich in eine Atmosphäre einzutauchen, in der sich das Flair des 19. Jahrhunderts mit den Annehmlichkeiten von heute mischt. Ein Hauch von Nostalgie schwingt mit, und ein paar Schotten haben eigens ihren Kilt angelegt für ihre Traumreise in eine glorreiche Vergangenheit, in der das Empire noch groß und mächtig war, und Britannia die viel besungene Herrscherin der Meere. Mehr als die Hälfte der rund 2700 Gäste an Bord sind Briten. Für nicht wenige von ihnen, angezogen von der Entschleunigung abseits des Trubels des Alltags und der kurzatmigen Aufgeregtheit des Internetzeitalters, ist dies keineswegs die Jungfernfahrt über den Atlantik.

Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21 Knoten, angetrieben von 157.000 PS, tastet sich der Koloss, 150.000 Tonnen schwer, an blinkenden Leuchttürmen und der Küste Long Islands entlang, durch die Dunkelheit aufs offene Meer hinaus. Als würde die Queen Mary die Wogen schlucken, hebt und senkt sie sich dank der Stabilisatoren im Rumpf selbst auf hoher See meist sanft und flach wie ein Brustkorb beim Atmen. Nur wer am Unterdeck durch Fenster und Bullaugen lugt, nimmt die spritzend-schäumende Gischt des Wellengangs wahr, und die Kraft, mit der der Schiffskiel durch den Ozean schneidet. Eisberge sind indes 170 Meilen südlich der Unglücksstelle der Titanic nicht zu befürchten. „Freie Fahrt voraus“ lautet die Devise. Nur ganz selten taucht einmal ein Containerschiff aus dem eisgrau-blauen Meer auf.

Im Bauch des „schwimmenden Hotels“, in der Großküche und in den Restaurants, etwa im Britannia Club, wuseln Heerscharen an Köchen und Kellnern, um das Dinner vorzubereiten und zu kredenzen. Das Timing muss stimmen. Der Aufwand und die Logistik sind beträchtlich, die Kapazitäten und Nahrungsmittelressourcen enorm. Fast 1300 Crewmitglieder – die Mehrheit von den Philippinen, aus Malaysia und Osteuropa – sind für das Service zuständig, für das Wohl, die Rundumbetreuung von früh bis spät und die Aktivitäten der Passagiere vom Fitnessstudio über Bridge-, Mal- und Tanzkurse bis zum kurzweiligen abendlichen Quiz im Golden Lion Pub und Karaokesingen mit Stammgästen wie Clive und Stephanie.

Buffet in Marmorverkleidung
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Buffet in Marmorverkleidung
Buffet in Marmorverkleidung – Cunard

Im Smoking zum Dinner

Zum Abendessen haben sich der Ex-Feuerwehrmann in weißer Smokingjacke und die Krankenschwester in schwarzer Robe aus dem Süden Englands gemäß Dresscode fein gemacht. Sie sind Kreuzfahrtroutiniers, und darum haben sie den Empfang durch Kapitän Christopher Wells, der nicht nur handverlesene VIP-Gäste mit Handschlag und knappem Small Talk an Bord begrüßt, als selbstverständlich empfunden. Es ist nicht die einzige Pflicht, die der Kapitän übernimmt. Wenn er nicht auf der Brücke hoch oben die Aufsicht führt, leitet er sonntags mit protestantischer Beflissenheit den Gottesdienst im Royal Court Theatre.

Der Theatersaal bietet Entertainment aller Art. Vormittags enthüllt Mark Rosenker in einem anschaulichen Vortrag zur Zeitgeschichte Geheimnisse aus der Amtszeit George W. Bushs. Als Militärattaché erlebte er die Zäsur des 11. September 2001 als Augenzeuge hautnah mit, als der Präsident in einer Grundschule in Florida von den Terrorschlägen erfuhr und sich daraufhin – gegen seinen erklärten Willen – auf einem Flug mit der Air Force One in den Mittleren Westen erst einmal in Sicherheit begab.
Abends ist Showtime angesagt: Einmal sorgt ein Medley aus Broadway-Musicals für gute Laune, einmal sind es Neil-Diamond-Songs, einmal wirbelt die hauseigene Showtruppe über die Bühne oder lassen die Spinettes, toupiert und herausgeputzt in Petticoats, die Hits aus den Fifties und Sixties wieder aufleben. Anderntags stellen sich die Showgirls im Freizeitlook am Frühstücksbuffet an. Das Bonmot William Somerset Maughams, wonach wer in England gut essen will, dreimal ein Frühstück einnehmen muss, ist indessen überholt.

Einst unternahmen Stars wie Charlie Chaplin, Cary Grant, Marlene Dietrich oder Liz Taylor die klassische Transatlantikpassage. Was früher als mondän galt und mitunter der Eheanbahnung diente, ist heute für jedermann erschwinglich. Lothar und Heidi, ein Ehepaar, das 1968 aus Hamburg in die USA ausgewandert ist, erstand die Überfahrt zum Schnäppchen von 700 Dollar. Die Grenzen der Klassengesellschaft zwischen Ober- und Unterdeck, zwischen Außenkabine mit Balkon und Innenkabine sind weitgehend verwischt. Die Gäste mit Überhang an gut situierten Rentnern würden die Reise oft anlässlich eines Hochzeitsjubiläums antreten, erzählt die Schweizer Hostess Anita, die die deutschsprachigen Passagiere betreut. Sie rät ihnen anfangs gleich einmal, zur Ruhe zu kommen. „Es gibt kein besseres Altersheim“, sagt Helene aus Washington schmunzelnd, die während einer Kreuzfahrt auch ihren Mann, einen Schweden, kennengelernt hat. Die Schweizer Globetrotterin Liliane teilt derweil ihr Leben zwischen Miami und Argentinien auf.

Britische Rituale

Auf der Queen Mary 2 wird „Britishness“ großgeschrieben – sei es beim Small Talk, sei es bei Ritualen wie der nachmittäglichen Tea Time. Es ist kurz vor Weihnachten, passend dazu schmettern viele auf der Feststiege mit dem Bordchor in der Lobby englische Weihnachtslieder. Während im Nebel draußen die Küste Cornwalls auftaucht, holen beim Abschlussball die Passagiere Union-Jack-Wimpel heraus und tanzen ausgelassen zu „Rule Britannia“, „Pomp And Circumstance“, „Land of Hope And Glory“ wie bei der „Last Night of the Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall. Als am Ende „Auld Lang Syne“ ertönt, kommen tatsächlich ein wenig Rührung und Abschiedsschmerz auf.

KLASSISCHER WASSERWEG

Transatlantiküberfahrt: Die Cunard Line bietet die klassische Transatlantikpassage mit der Queen Mary 2 von New York nach Southampton und umgekehrt (und zum Teil auch von und bis Hamburg) in der billigsten, einfachen Standardkabine ab einem Preis von 429 Euro im Winter (und bis zu 4379 Euro in der Queens Grill Suite) an. Für die Dauer von knapp einer Woche sind Vollpension (mit Ausnahme alkoholischer Getränke und einer beschränkten Berechtigung für bestimmte Restaurants) und sämtliche Unterhaltungsprogramme und Freizeitaktivitäten (mit Ausnahme des Spa) inkludiert. Nicht inbegriffen sind die Flüge nach New York bzw. nach London (und die Anreise nach Southampton). www.cunardline.at

Das Unterhaltungs- und Sportangebot ist vielseitig. Es reicht von Fechtstunden über Tischtennis und Jacuzzis bis zum Fitnessstudio. Maßeinheit für die Fußgänger und Jogger, die ihre Runden über das Promenadendeck ziehen, ist der „Walkathlon“ – drei Runden mit einer Gesamtlänge von rund zwei Kilometern. Ganz oben auf Deck 13 werden zudem die Transatlantischen Spiele, ein Juxsportprogramm, abgehalten.

Reichhaltig ist auch das Vortragsprogramm. Daneben gibt es Bingo und ein Casino. Beliebt sind der Afternoon Tea bei Klavier- und Harfenklängen oder auch die Spuk- und Geistergeschichten spätabends in der Carinthia Lounge, vorgetragen von Schauspielschülern der Royal Academy of Dramatic Art.

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von Cunard unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 4.3.2017)

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