Südwesten

Frühling in Sardinien: Allein auf weiter Flur

Raue Klippen, verlassene Bergwerke und karibisch anmutende Strände liegen unweit der Hauptstadt Cagliari: Die Region unweit der Hauptstadt gehört zu den reizvollsten und urtümlichsten der Ferieninsel.

Klassischer Anblick: Pinien am Golf von Cagliari.
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Klassischer Anblick: Pinien am Golf von Cagliari.
Klassischer Anblick: Pinien am Golf von Cagliari. – Imago

Spätestens im Mai hat die Urlaubssaison auf Sardinien begonnen. Doch während sich in den touristischen Hauptgebieten der Insel die Strände und Hotels bereits füllen, herrscht im abgelegenen Südwesten gemächliche Ruhe. Bei der Schlüsselübergabe erklärt Francesco in gebrochenem Englisch, dass um diese Jahreszeit nicht viel los sei. Der Landwirtschaftsbetrieb lebt neben der Vermietung von Apartments vorwiegend vom Restaurant. Man ist freundlich und zurückhaltend, der Haus- und Hofhund kommt täglich vorbei, um die ungewohnten Streicheleinheiten abzuholen. Die Erkundung der Gegend funktioniert unterdessen nur auf eigene Faust mit dem Auto. Die Abwesenheit üblicher Hochglanzbroschüren für Touristen fällt nicht weiter auf, notwendige Informationen finden sich schnell im Internet, im mitgebrachten Kartenmaterial oder Reiseführer. Der Rest ist eine Entdeckung.

Serpentinen und Kehren

Schon bei der Ankunft in der Region Carbonia-Iglesias wird deutlich: Touristisch geprägte Orte, die ab den 1950er-Jahren im Norden entstanden sind, gibt es hier nicht. Die Städte und Orte putzen sich nicht für Besucher heraus. Im Supermarkt, auf der Straße, im Restaurant – man wird nicht selten einfach so behandelt, als würde man dazugehören. Ob man nun die Sprache versteht oder nicht. Der Gebirgszug des Iglesiente bestimmt hier das Bild: Gewundene Bergstraßen führen zu teilweise schwer zugänglichen Orten hinauf. Die Täler sind landwirtschaftlich geprägt, somit wartet eine reichhaltige Küche auf den Besucher. Die Spezialitäten der Region sind von Gemüse und Fleisch geprägt, Meerestiere kommen hingegen nur an der Küste auf den Tisch. Dieser Vielfalt begegnet man in den meisten Restaurants oder in zu Hotel- und Gaststättenbetrieben umgebauten Bauernhöfen (Agriturismo). Die Kleinstadt Iglesias ist das Zentrum der Region und hat hübsche Altstadtgassen für kurze Spaziergänge. Ein Stück Pizza zum Mitnehmen ist dabei für kleines Geld zu haben. An Markttagen werden die lokalen Erzeugnisse der Region verkauft, die zentrale Piazza La Marmora verführt zu einem Getränk, einem Eis oder einem ausgiebigeren Essen. Der Ort und die Umgebung sind ein Juwel – vor allem durch ihre Ursprünglichkeit heben sie sich angenehm ab.

Von Iglesias aus ist es keine weite Fahrt bis zur Küste. Dort angekommen bietet sich ein spektakuläres Bild: Vorn breitet sich der weitläufige Sandstrand Spiagga di Fontanamare aus. Die Berge fallen hier steil zum Meer hin ab, die Ortschaften Nebida und Masua trotzen tapfer den Naturgewalten und klammern sich an den Hängen fest. Dazwischen finden sich kleinere und größere Strandabschnitte. Wobei der gesamte Küstenabschnitt von Wanderwegen durchzogen ist, auf denen man oft stundenlang allein dahinmarschiert. Für Anfänger ist das jedoch kein Terrain, die Schluchten, die schroffen Hänge und das zum Teil unwegsame Gelände sind nur für echte Outdoor-Fans geeignet. Kletterer werden hier ebenfalls glücklich, denn der Pan di Zucchero (Zuckerhut) – ein Felsmassiv, das fast senkrecht 133 Meter aus dem Meer ragt – bietet ihnen ein ungewöhnliches Stück Wand. Außerdem ist das Naturmonument ein großartiges Fotomotiv.

Die Spur der Gesteine

In den Bergen des Iglesiente wurden früher Gesteine im großen Stil abgebaut und verschifft. Die Überbleibsel ehemaligen Bergbaus sind offensichtlich; zurück blieben ganze Geisterstädte mitsamt riesigen leeren Förderanlagen. Eine Fahrt von Arbus an den Strand von Piscinas folgt dieser Route der Steine von den Bergen bis zum ehemaligen Verschiffungsort. Dieser Weg entlang der Ruinen ist zwar mit dem Auto bewältigbar, für allzu zarte Gemüter empfiehlt sich die Schlaglochpiste aber nicht.

Von den üppig begrünten Höhenlagen der Fördergebiete und ehemaligen Bergbaustätten geht es immer weiter hinunter zum Meer – bis man schließlich in Piscina in einer ganz anderen Welt landet: Eine weite Sandlandschaft mit einem riesigen Dünengebiet erstreckt sich so weit, dass am Horizont die Berge auszumachen sind. Das Meer dahinter lässt sich erst nach einiger Gehzeit über die sandige Einöde erkennen. Verschiedene Wanderrouten führen durch das Dünengebiet und die Berge. Diese sind allerdings wegen der ständigen Verwehungen nur schwer zu erkennen. Letztlich ist das aber nicht wirklich wichtig, denn das Gehen hier ist anstrengend genug. Den Strand von Piscinas hat man zudem außerhalb der Saison nur allzu oft für sich allein.

Noch mehr ungewöhnliche Anblicke versprechen die Berge. Diese sind von Tropfsteinhöhlen durchzogen. Die Grotta di San Giovanni bei Domusnovas ist sogar so groß, dass man eine Straße hindurch gebaut hat. Sie ist zwar inzwischen für Autos gesperrt, aber ein Spazierweg führt immer noch hindurch. Der unterirdische Fluss neben der Straße verstärkt den gespenstischen und gigantischen Eindruck von Naturgewalten. Auch einige Kletterer und Wanderer sind rund um die Höhle unterwegs.

Spitzenwertung

Der Südwesten Sardiniens gehört ohne Frage zu den wildesten Flecken der Insel. Es ist ein weitläufiges, abwechslungsreiches Gebiet. So finden sich entlang der südlichen Küste bis nach Cagliari extreme Gegensätze zu der schroffen Gebirgsregion dahinter. Das zeigt sich ebenfalls auf dem Teller: Fisch, Krustentiere und Muscheln gehören hier auf den Speiseplan. Die kristallklaren Strände schätzen Einheimische und Urlauber zum Baden, Surfen, Kiten, Tauchen und Reiten. Auch wenn es hier touristischer zugeht als in den Bergen: Vom Massenandrang manch anderer Orte am Mittelmeer ist dieser Abschnitt ebenfalls weit entfernt. Insbesondere außerhalb der Saison kann man die Region in absoluter Ruhe genießen, sollte aber auch etwas Verpflegung mithaben, denn viele der ortsansässigen Restaurants oder Bars öffnen ihre Türen nur in der Hauptsaison. Wer Zerstreuung und Lokale sucht, sollte dann beispielsweise Pula oder Teulada aufsuchen. Die Strände rund um die beiden Ortschaften sind übrigens berühmt. Der eine oder der andere findet sich regelmäßig in der Auswahl der schönsten Strände der Welt oder zumindest Europas. Die Nähe zur Hauptstadt Cagliari und das meist flach abfallende Ufer sind außerdem ideal für Familien. Neben zahlreichen kleineren Stränden sind vor allem Porto Pino, Tuaredda und Chia einen Besuch wert. Sehr schön: In den Salzwasserbecken hinter den Stränden leben ganze Kolonien an Flamingos.

Im Hinterland der Strände baut sich ein weiterer Gebirgszug auf: Die Monti del Sulcis mit dem WWF-Naturschutzgebiet Monte Arcosu. Es liegt etwas versteckt, aber die Suche lohnt sich. Pfade führen durch flache Flüsse und über steile Felsplatten. Ständiger Wegbegleiter ist der Duft der umgebenden Flora – Zistrosen, Oleander, Rosmarin, Salbei. Und noch einen Stopp sollte man auf der Tour machen: bei der Grabungsstätte Nora am Capo di Pula, einer bedeutenden Sehenswürdigkeit der Region. Diese phönizische Stadt wurde von den Römern überbaut. Geblieben sind Ruinen mit Mosaiken, Straßen, Säulen und Grundmauern. Der Blick schweift von der einstmaligen Stadt auf das tiefblaue Meer und lässt die Wahl des Ortes verstehen – man wusste eben schon im Altertum, was besonders schön ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 4.3.2017)

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