Da will man der geschichtsbeladenen Mythologie Zyperns entfliehen, weit weg vom Felsen Petra tou Romiou an der Südküste, wo einst die Göttin Aphrodite dem Schaum des Meeres entstiegen sein soll und Busladungen von Touristen wahre Fotoorgien veranstalten.
Und dann das: Am Rand des Naturpfades auf der rauen Akamas-Halbinsel im Nordwesten steht Christos. Sein linker Arm macht eine ausladende Geste hinüber zur wild zerklüfteten Steilküste, an der sich das Mittelmeer bricht und die Gischt in die Felsspalten züngelt. „In diesem zwanzig Jahre jungen Naturschutzgebiet gibt es nicht nur mehr als 500 Pflanzen- und rund 200 Vogelarten“, sagt der Biologe und lächelt geheimnisvoll. „Der Sage nach haben sich hier die Liebesgöttin Aphrodite und Adonis kennengelernt. Als Adonis in einem Wald jagte und an einer Quelle seinen Durst stillte, entdeckte er die nackt badende Aphrodite und verliebte sich sofort in sie.“
Oh je, da sind sie wieder, die Geschichten aus grauer Vorzeit, die überall auf der drittgrößten Mittelmeerinsel herumgeistern. Mythen, Sagen, Anekdoten aus den Tagebüchern der griechischen Götter – nichts Wirkliches, aber schön anzuhören. Sogar auf der fernen Akamas-Halbinsel nordwestlich der Stadt Paphos kann man ihnen nicht entkommen.
Göttliche Geschäfte
Verständlich, wenn die Tourismusbehörde – genau wie in Griechenland und der Türkei – mit dem historischen Pfund der Sagen wuchern will. Das ist gut fürs Geschäft. Aber zugleich überdeckt es das andere Zypern, das der vielfältigen Landschaften, der jahrtausendealten Kultur, zu der viele Völker beigetragen haben: die Ägypter, Griechen, Römer, die Byzantiner, nicht zuletzt die Templer, die Venezianer, Osmanen und Briten, wobei diese Aufzählung nicht einmal vollständig ist.
Und es verstellt auch den Blick auf die leidvolle Nachkriegsgeschichte der Teilung der Insel in den griechischen Süden und den türkischen Norden, der noch immer durch die „Grüne Linie“ in der Hauptstadt Nikosia symbolisiert wird. Die Republik Zypern ist EU-Mitglied und seit 2008 im Euro-Raum; Nordzypern wird nur von der Türkei als einzigem UNO-Mitglied anerkannt.
Auf der Akamas-Halbinsel heißen die Stars nicht Aphrodite und Adonis, sondern Grüne Meeresschildkröte und Unechte Karettschildkröte. Jedes Jahr zwischen Mai und September kommen sie zur Eiablage in die Bucht von Lara. Dorthin, wo sie Jahrzehnte zuvor geboren wurden.
Während die scheuen Tiere Dutzende von tennisballgroßen Eiern in selbst gegrabene Löcher legen, wird der Strand von Tierschützern streng abgeschirmt. Die Akamas-Halbinsel ist in den vergangenen Jahren zu einem Qualitätsziel für umweltbewusste Touristen ausgebaut worden – auch wenn die gelegentlichen Übungsflüge der britischen Royal Air Force so gar nicht dazupassen. Die Briten haben sich als ehemalige Kolonialmacht noch bis ins Jahr 2060 Militärbasen vertraglich zusichern lassen.
Zwar können die Besucherzahlen auf den Naturlehrpfaden bei Weitem nicht mit denen der Strände im Süden der Insel mithalten, aber vermutlich tut genau das der Natur gut: Der große Besucherstrom an den Stränden und bei den antiken Stätten lässt die Natur im Hinterland „durchatmen“.
Frischluftkur in den Bergen
Auch in weiten Teilen des Troodos-Gebirges erlebt man Ähnliches. Das Massiv mit seinem höchsten Gipfel, dem knapp 2000 Meter hohen Olympos, bedeckt mit seinen Ausläufern rund ein Drittel des griechischen Inselteils.
Tiefe Täler durchziehen die hintereinandergestaffelten Bergketten. Nach Westen, zur Akamas-Halbinsel, gehen die schroffen Berge in sanft abfallende Hügellandschaften über, in denen Obst und Wein angebaut wird.
Die abgelegenen Bergdörfer, in denen Katzen unter der Sitzbank träge dösen, alte Männer beim Kartenspiel vor der Taverne sitzen und Maulesel immer noch als gängiges Transportmittel eingesetzt werden, erwachen meist nur im August aus ihrem Dornröschenschlaf. Dann haben die Zyprioten Ferien, besuchen Verwandte und Freunde, um ein bisschen Abkühlung in der Höhenluft zu bekommen, und es wird rammelvoll. Jede Kammer ist belegt. Für wenige Wochen gleicht diese Völkerwanderung einer Frischzellenkur, denn in den Dörfern sind in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend die Alten zurückgeblieben, während die Jungen in die Städte an der Küste abgewandert sind. Den teilweisen Verfall der alten Bausubstanz in den pittoresken Orten wie Omodhos und Prodhromos versucht man seit einigen Jahren verstärkt durch touristische Renovierungsprojekte wettzumachen.
Keine Kinder: Ins Kloster pilgern!
Alte Dorfhäuser werden zu kleinen Pensionen oder Ferienhäusern umgebaut, die der zahlungskräftige Besucher aus dem Ausland mieten kann. Hingegen gibt es nicht weit entfernt auch die bekannten zypriotischen Luftkurorte Troodos und Pano Platres, in denen reiche Zyprioten Ferienwohnungen besitzen und die Infrastruktur gut ausgebaut ist.
Das Troodos-Gebirge eignet sich nicht nur für Wanderungen über ausgewiesene Lehrpfade, sondern auch zum Besuch mittelalterlicher Klöster, in denen es in den heißen Sommermonaten angenehm kühl ist. Hier ist die Religiosität der Menschen in der orthodoxen Kirche und auch deren enormen Einfluss spürbar. Die zypriotische Kirche gehört zu den ältesten christlichen Gemeinden der Welt – der Apostel Paulus verkündete bereits 46 nach Christus Gottes Wort auf der Insel.
In den Troodos-Bergen stehen beeindruckende Klöster wie Troodhitissa, einige Kilometer nördlich von Pano Platres. Dieser bekannte Wallfahrtsort ist besonders bei Paaren mit bislang vergeblichem Kinderwunsch beliebt. Die Wände des Klosterladens sind volltapeziert mit Bildern glücklicher Eltern aus aller Welt, deren Kinderwunsch nach der Pilgerfahrt ins Kloster in Erfüllung ging.
Roter Mavron, weißer Xynisteri
Neben zahlreichen Kunst- und Kulturgütern – etwa wertvolle Ikonen – verfügen viele Klöster noch über flüssige Schätze: Zypern ist eines der ältesten Weinanbaugebiete. Vor allem auf den Südhängen des Troodos-Gebirges und in den Küstenregionen stehen die überwiegend autochthonen Rebsorten. In den tiefen Kellern lagern sie also, tausende Flaschen des guten roten Mavron und des weißen Xynisteri, der sich mit seiner frischen Zitrusnote und wenig Alkohol gut für warme mediterrane Sommerabende eignet.
Bei einem Zypernaufenthalt darf ein Besuch im kulturellen Herzen der Insel nicht fehlen. In Paphos, ganz im Westen, begegnet einem die jahrtausendealte Geschichte bei jedem Schritt. So sind neben den archäologischen Museen die Ausgrabungen römischer Häuser mit all ihren wertvollen Mosaiken in der Nähe des Hafens ein Muss auf dem Besuchsprogramm.
Besonders das Haus des Dionysos aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus sollte man keinesfalls auslassen. Viele Zimmer der 2000 Quadratmeter Wohnfläche sind mit Mosaikfußböden verziert und erzählen in den Darstellungen ihre ganz eigenen Geschichten. Und ehe man es bemerkt, ist man doch wieder mittendrin, in den Mythen dieser schönen Insel.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2009)

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