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Cenone, Panettone und di Bondone

30.10.2009 | 17:41 |  von Christina Höfferer (Die Presse)

Florenz feiert den Jahreswechsel mit alten Bräuchen, viel Grandezza und geistesaristokratischem Amüsement. Und günstiger als im Winter ist Florenz auch nie.

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Silvester, das heißt in Italien Capodanno. Die Italiener feiern lieber „das Haupt des Jahres“ als den Todestag des am 31. Dezember 335 verblichenen Papsts Silvester I.. Benito Mussolini versuchte den 28. Oktober, Jahrestag des Marsches auf Rom und der faschistischen Machtübernahme, als brandneues Neujahrsfest zu etablieren, auch das gelang dem Duce nicht. Wer zum Jahreswechsel die Korken im Land der Zitronenblüte knallen lassen will, mache sich also auf nach Florenz.

„La Bella“ wird die Stadt liebevoll genannt. Zum Jahreswechsel 2009/10 verführt La Bella konsequent zur Kunstbetrachtung. Unter dem Titel „Inganni ad arte“ – „Verführungen zur Kunst“ – bittet der zentral gelegene Palazzo Strozzi zum Stelldichein mit dem trickreichen Phänomen des Trompe l'oeil.

Ein Neuropsychologe entwickelte die Architektur der Ausstellung, die anhand von Kunstwerken erforscht, wie die Augen das Gehirn an der Nase herumführen. „Das Trompe l'oeil ist ein Spiel der Künstler mit Illusion und Mehrdeutigkeit, das der Freude an der Verführung entspringt“, verrät die Ausstellungskuratorin.

„O mio babbino caro“: In diese Worte legen Sopranistinnen all ihren Schmelz, immer mit dem Ponte Vecchio und dem Arno vor ihrem inneren Auge. Die Arie „an den lieben Papa“ hat Giacomo Puccini herzzerreißend intoniert und zum Gassenhauer seiner Oper „Gianni Schicchi“ gemacht. Die Belcanto-Ballade ist inzwischen zur heimlichen Hymne von Florenz avanciert und klingt seit der E.-M.-Foster-Verfilmung von James Ivory bei jedem Florenz-Besuch im inneren Ohr.

In der anglikanischen Kirche St. Mark's wird zum Jahreswechsel ein Potpourri aus Puccini plus Fledermaus aufgeführt und danach mit Arno-Blick und Feuerwerk ins neue Jahr gerutscht. Im Teatro Puccini findet indessen eine Zeitreise in die 1930er-Jahre statt. Die „Sorelle Marinetti“, eine Damenband, werfen einen verjazzten Blick zurück. In den Winterwochen sind die Preise für die Ferienhäuser in der Toskana wohlfeil, da lohnt es sich auch, in der Arno-Stadt zu feiern. Günstig kommt man auf der Piazza della Repubblica, der Piazza del Duomo und besonders empfehlenswert auf der Piazza Santo Spirito weg. Auf diesen Plätzen wird mit Konzerten im Freien ins neue Jahr hineingerockt. Generell gibt sich Florenz zu Neujahr international, die guten Vorsätze vom Schluss mit Rauchen bis zum Diät- und Sportstartschuss gelten auch in der Medici-Metropole. Darüber hinaus heißt es aufpassen, dass nichts vom Himmel fällt, womöglich pflegt noch jemand den alten Brauch, nicht verwendete Gegenstände zu Neujahr beim Fenster hinauszuwerfen.

 

Pflichtfarben für die Lingerie

Am allerwichtigsten ist es aber, das Abendessen am 31. Dezember nicht ohne Linsen zu bestreiten. Linsen zum Capodanno bedeuten Reichtum für das ganze Jahr. Detto Weintrauben, die am 31. Dezember immer in ungerader Zahl gegessen werden, den Strunk der Trauben stecke man zur Liquiditätsförderung in die Brieftasche.

Mit Trauben und Linsen sind wir beim Essen angelangt, dem zentralen Phänomen der italienischen Kultur. Als Antipasto tischen die Florentiner kross geröstetes Brot auf, „Crostini“, das kulinarische Emblem der Toskana. Pürierte Leber adelt den Italo-Toast zum „Crostino di fegato“, der hervorragend mit Prosecco und verwandten Perlgetränken harmoniert. Brodo di Cappone, eine Brühe vom Kapaun, folgt typischerweise zum Jahreswechsel, dann vielleicht ein geröstetes Entlein und schließlich Cavallucci – Kekse mit kandierten Orangen, Zimt und Anis, die in Siena nachweislich seit dem 16. Jahrhundert fabriziert werden.

Ein Cenone, ein ausgiebiges Abendessen, ist denn auch das, was sich der Florentiner vom Jahreswechsel erwartet. Martin Schröer, in Florenz lebender Journalist, der immer dem jüngsten Trend in La Bella auf der Spur ist: „Die schönsten Cenoni gehen zu Silvester im Palazzo Gaddi und im Il Rifrullo über die Bühne.“

Der Palazzo Gaddi gehört zur feinen Kette der Boscolo Astoria Hotels und punktet mit einer durchkomponierten Feier mit Abendessen, Liveband, DJ, Tanz und Bar. Hirschcarpaccio in Sesamkruste, Cotecchino mit Linsen und Panettone sind lediglich ein magerer Auszug aus der raffinierten Speisenfolge im Palazzo Gaddi.

Der zweite heiße Cenone-Tipp: Il Rifrullo in der Via San Niccolò 55. Das Lokal ist berühmt für Sonntags-Lunch-Brunches und für kreative kulinarische Abende. Wenn die Entscheidung für einen schönen Cenone anlässlich des Jahreswechsels gefallen ist, dann bleibt nur mehr die Gretchenfrage nach dem Dresscode. Der da lautet: zu Capodanno unbedingt rote Unterwäsche!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2009)

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