Literarischer Befund: „Triest ist eine Frau“

Triest begegnet dem Besucher mit mürrischer Eleganz, befinden manche Experten. Maria Theresia hat die Stadt erst groß gemacht – schnell entwickelte sich das frühere Dorf zu einem 30.000-Einwohner-Schmelztiegel.

Kristallisiertes Kakanien: Sabas legendäre Buchhandlung.
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Kristallisiertes Kakanien: Sabas legendäre Buchhandlung.
Kristallisiertes Kakanien: Sabas legendäre Buchhandlung. – (c) Massimo Crivellari (POR FESR 2007-2013)

Der 300. Geburtstag von Maria Theresia wird auch in Triest weitaus länger gefeiert als einen Tag – den heutigen 13. Mai – lang. Schließlich hatte die Habsburgerin Triest von einem kleinen Dorf mit 5000 Einwohnern in eine Kaiserinnenstadt verwandelt. Das bedeutende urbanistische Projekt wurde im Lauf von nur vierzig Jahren umgesetzt. Triest verzeichnete 23 ethnische und religiöse Gemeinschaften. Die Stadt wurde ein Schmelztiegel, ein frühes New York. Während der Regierungszeit von Maria Theresia wuchs die Bevölkerung auf ein Sechsfaches an. 30.000 Einwohner formierten sich in den griechischen, illyrischen, hebräischen und armenischen Nationen. Die Wirtschaft blühte auf, und erste Zeitungen entstanden.

 

Literatur als Lebensgefühl

Vor allem in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts manifestiert sich der Mythos Triest, das besondere Lebensgefühl der von der Bora durchwehten Stadt. Mitten im Zentrum, fünfzig Meter von der Statue von Umberto Saba, befindet sich die Libreria Saba, jene Buchhandlung, die der Autor Umberto Saba in Triest betrieben hat. In der Via San Nicolò, einer Seitenstraße der belebten Via Dante, wirkt die Buchhandlung wie kristallisiertes Kakanien. Gerade drängen sich 35 Schüler in dem bis oben mit Regalen versehenen Raum. Die über hundertjährige Buchhandlung ist auch eine Art Museum der Literatur als Lebensgefühl.

„Trieste è una donna“, Triest ist eine Frau, stellte Saba in seinem berühmten der Stadt gewidmeten Gedicht fest. „Triest verströmt mürrische Eleganz“, erzählt der Hüter des literarischen Erbes der Stadt, Mario Cerne. Cerne hat ein Buch gestaltet, das ausschließlich dem Gedicht „Triest“ von Saba gewidmet ist. Kein Wunder, denn der stilvolle Mann ist der Erbe von Saba als Betreiber der Libreria Saba. Das Gedicht „Triest“ hat er in 17 Sprachen übersetzt aufgelegt, und auch ein Buch über Saba als Buchhändler geschrieben. „Dass Maria Theresia dieses Jahr gefeiert wird, mag kurios wirken“, sagt Cerne, „aber sie hat ja Triest groß gemacht.“

Cerne stellt seinen Freund Bruno Cavicchioli vor. Cavicchioli ist Sekretär jenes Vereins, der Maria Theresia in Triest gedenkt. „Wir schätzen Maria Theresias moderne Sicht auf das politische Leben, ihre Neuorganisation der Staatsfinanzen, ihre Unterstützung für die Frauen, sie hat ermöglicht, dass an der Triester Börse auch Frauen arbeiten durften.“ Jedes Jahr am 12. Mai um 18 Uhr feiern die Triester Maria-Theresia-Fans die Kaiserin mit einer Zeremonie. „Wir halten eine Ansprache, eine Kapelle spielt auf, und ein Kranz wird ins Wasser geworfen, um daran zu erinnern, dass dank der Kaiserin Triest aufblühen konnte“,erzählt Cavicchioli begeistert. Drei Konferenzen organisierte er gerade über das Leben der Herrscherin. „Der 200 Personen fassende Saal war immer übervoll.“ Jetzt soll der Canal Grande den Namen Maria Theresias bekommen. An die 5000Triester stimmten bei einer Umfrage der Zeitung „Il Piccolo“ dafür.

 

Eine Statue für Maria Theresia

Auch eine Statue soll der Kaiserin gesetzt werden. Der Präsident dieser Initiative ist der Habsburger Massimiliano Lacota, Vertreter des Hauses Habsburg in Italien. Für Oktober organisiert Bruno Cavicchioli eine große Konferenz über Maria Theresia. Auch vonseiten der öffentlichen Verwaltung werden die 300 Jahre der Kaiserin ausgiebig gewürdigt. Unter dem Titel „Maria Theresia von Österreich: Eine Kaiserin und eine Stadt“ spannen die Stadt Triest, die Region Friaul Julisch Venetien und die Universität einen Bogen von Ausstellungen, Konferenzen, Musik, Theater, Filmprojektionen und Führungen auf den Spuren der Monarchin das ganze kommende Jahr hindurch. Die Ausstellung „Hofgewänder in den Porträts des 18. Jahrhunderts“ findet im Museo Sartorio statt. Jeden Dienstag im August wird es im Orto Lapidario „Archäologie am Abend“ geben, die Reihe ist Johann Joachim Winckelmann gewidmet, dem Vater der Kunstgeschichte, der ein Zeitgenosse Maria Theresias war und in Triest ermordet wurde.

Giorgio Rossi, Kulturstadtrat von Triest, lobt das große Werk, das Maria Theresia während ihrer Regierung geschaffen hat, „würden wir Mitglieder der öffentlichen Verwaltung heute nur zehn Prozent von dem, was die Kaiserin gemacht hat, schaffen und über ihre Entscheidungskraft verfügen, dann würden auch wir in 300Jahren noch erinnert werden“, stellt Rossi fest und macht auf die große Ausstellung „Maria Theresia und Triest. Geschichte und Kultur der Stadt und ihres Hafens“ aufmerksam, die am 6. Oktober im Magazzino delle Idee am Corso Cavour eröffnet wird.

Sabrina Strolego, die österreichische Honorarkonsulin in Triest, ist eine moderne Unternehmerin, sie leitet Ergolines Lab, eine Firma, die Maschinen und elektronische Sensoren für die Stahlverarbeitung herstellt. Sabrina Strolego lobt Maria Theresia als „Vorbild für alle Frauen für ihre großartige Ausdauer und ihre Stärke im Umsetzen von Projekten“. Triest ist eine Frau– und dieses Jahr heißt sie Maria Theresia.

Info:  Libreria Antiquaria Umberto Saba, Via San Nicolò 30, 34121 Trieste, Italia www.libreriasaba.it

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2017)

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