Hundert Jahre und der Traum vom Urlaub

1917 wurde in der Hauptstadt der k. u. k. Monarchie das „Oesterreichische Verkehrsbureau“ gegründet. Am 17. Mai 2017 feiert das Unternehmen mit einem Festakt sein hundertjähriges Bestehen. Ein Rückblick auf schwierige Anfänge.

Lang residierte das Verkehrsbüro beim Karlsplatz und richtete coole Filialen ein.
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Lang residierte das Verkehrsbüro beim Karlsplatz und richtete coole Filialen ein.
Lang residierte das Verkehrsbüro beim Karlsplatz und richtete coole Filialen ein. – (c) Verkehrsbüro Group

Die Chronikseiten der „Neuen Freien Presse“ sind auch im schwierigen Kriegsjahr 1917 voll von prallem Leben. Nehmen wir die Seite drei vom 20. November 1917: Da beklagt sich einer über das qualvolle Leben mit Bezugsscheinen und stundenlanges Anstellen, dann liest man, dass das Hotel Panhans am Semmering verkauft wird, dass die Zwirnnot im Lande ein Skandal sei, und dann, eingekeilt in der Mittelspalte, die Meldung, dass die Gründung eines „Oesterreichischen Verkehrsbureaus zur Hebung des Fremdenverkehrs“ im Gange sei. Der Leser staunt. Kaiser und Kaiserin sind gerade an der Südwestfront in Görz, und der österreichisch-ungarische Staat hat nichts anderes zu tun, als ein Fremdenverkehrsunternehmen zu gründen? Dachte man in dem Land, das von Hungerkrawallen und Streiks heimgesucht wurde, etwa an Urlaub? Man liest weiter: Alle Eisenbahnen- und Schifffahrtsgesellschaften sowie in- und ausländische Reisebüros als Stützpunkte für die „großzügige Werbetätigkeit“ sollen durch das Verkehrsbureau vereinigt werden, mit dem Ziel, den Fremdenverkehr nach dem Krieg wiederaufzubauen und zu beleben. Der ganze Tourismusbetrieb sei bislang viel zu zersplittert gewesen. Also nun ein Neuanfang! Mit viel Werbung im Ausland.

Am 29. Dezember 1917 war es soweit, das Unternehmen stand auf den Beinen. Hängt dieser Optimismus etwa mit dem Ausbruch der Revolution in Russland zusammen? Dort hatte Lenins Bolschewikenpartei versprochen, um jeden Preis Frieden zu machen. Da schöpfte man in der kriegsmüden Donaumonarchie auf einmal Hoffnung, glimpflich davonzukommen. Und man begann, an die Zukunft zu denken. Der Blick in die Jahre vor 1914 gab ja Hoffnung: Der Tourismus war in der Vorkriegszeit eine Erfolgsgeschichte geworden, das städtische Bürgertum strömte ab 1890 immer zahlreicher in die Sommerfrischen, wer es sich leisten konnte, fuhr ans Meer oder in die mondänen Kurorte, der Mittelstand in die Alpen. Die Seebäder an der oberen Adria waren am Durchstarten. Auch viele ausländische Gäste wurden angelockt, zuständig für den Fremdenverkehr war bis 1908 das Ministerium für Staatsbahnen, ab dann gab es einen eigenen „Fremdenverkehrsminister“. Der Branche schien eine glänzende Zukunft bevorzustehen, bis der Erste Weltkrieg ausbrach.

 

Verlust alter Räume

Das für den Fremdenverkehr so wichtige Bad Ischl wurde zum Ort, in dem der Kaiser sein Kriegsmanifest unterzeichnete. Betroffen vom Frontverlauf waren viele touristische Ziele der Belle-Époque-Gesellschaft. Ein bekanntes Foto, das Sigmund Freud 1913 mit seiner Tochter Anna im Urlaub in den Dolomiten zeigt, sie im Dirndl, er in Loden, illustriert, dass die Kriegsräume der Südwestfront einst Lieblingsdestinationen für das städtische Bildungsbürgertum gewesen waren. Sie waren verloren. Statt „Bergfexen“ kletterten nun Alpinsoldaten die steilen Hänge hinauf. 1917 prophezeite der Alpenverein, dass Männer aus allen Schichten durch den Kriegseinsatz zu Bergsteigern geworden seien und deshalb viel mehr Leute nach dem Krieg ihre Freizeit in den Bergen verbringen würden. Abwegig war das nicht: Viele Soldaten, die aus ihrem engeren Lebenskreis nie hinausgekommen waren, wurden durch den Krieg erzwungenermaßen zu „Reisenden“, lernten nach langen Zugsfahrten fremde Räume und Kulturen kennen.

Im Hinterland bekamen im Kriegsverlauf zahlreiche Beherbergungsbetriebe neue Funktionen: Sie hatten Betten, Großküchen, Telefon, Gas- und Stromanschlüsse, so konnten sie leicht zu Kriegsspitälern oder militärischen Kommandozentralen umgewidmet werden. Schwer verschuldet, wie sie wegen des Ausbleibens der Gäste waren, hatten sie keine andere Wahl, als die Einquartierungen zuzulassen, auch wenn sie um ihre Reputation besorgt waren. Ärger rief hervor, dass kriegsgefangene Offiziere wie „Kurgäste“ etwa in Nobelpensionen in Bad Gastein einquartiert wurden. Als sich im Sommer 1914 die Hotels in den Alpengebieten abrupt entvölkerten, packte eine Kundschaft ihre Koffer, die sich oft nach der Demokratisierung nicht wieder einstellen sollte. Diese verheerenden Auswirkungen hielten dann über die Dauer des Kriegs hinaus an. Die Schlussbilanz des Kurortes Meran in der ersten Kursaison nach Ende des Krieges war ernüchternd: Nur 382 Gäste hatten sich nach Meran verirrt. Innerhalb von vier Kriegsjahren war die Kurstadt weit ins 19. Jahrhundert zurückgeworfen.

Durch die Auflösung der Monarchie verlor Österreich wichtige Tourismusgegenden wie Südtirol, die böhmischen Bäder, Dalmatien, Istrien und die obere Adria mit Grado. Die Umwälzungen in der Gesellschaft Mitteleuropas waren so gravierend, dass auch die Beziehungen zur traditionellen Kundschaft in den Fremdenverkehrsregionen völlig neu aufgebaut werden mussten. Adel, Hochbürokratie und Offizierskorps verloren ihre gesellschaftliche Macht. Vor allem musste die emotionale Stimmung der potenziellen Urlauber bedacht werden, die die Stätten, an denen Krieg geführt worden war, besuchen sollten. Mancher Auslandsgast wurde auch nach dem Krieg noch als „Feind“ betrachtet.

 

Unterwegs zu neuen Zielen

Hundert Jahre danach sind die schmerzlichen Wunden auf politischer und kultureller Ebene geheilt. Es zeigte sich rasch: Die Gründung des Österreichischen Verkehrsbüros, das den Übergang von der Monarchie zur Republik überlebte, stellte sich als segensreich für die Fremdenverkehrsentwicklung heraus. Drei Jahre nach Kriegsende verkaufte es bereits 3,7 Millionen Fahrkarten und entwickelte erste Reisegepäcksversicherungen, Geldwechselmöglichkeiten und Reiseschecks. Ab 1922 begann die Vermittlung von Hotelzimmern, sie fand um 1928 einen Höhepunkt. Die ersten Jahrzehnte des neuen Staates waren zwar vergiftet durch politische Auseinandersetzungen, dazu kam eine zunächst aussichtslos erscheinende wirtschaftliche Lage. Doch Österreichs Tourismus, anfangs beim Komfort und der Infrastruktur noch weit hinter dem Ausland zurück, florierte.

1927 hatte das Verkehrsbüro schon elf Zweigstellen und 555 internationale Vertretungen, verkaufte bereits Flugtickets und erste organisierte Gesellschaftsreisen. Allmählich kam der Kongresstourismus dazu, auch eine „Österreichische Reisezeitung“, Hotels wurden erworben. Die Firmenzentrale lag in der Friedrichstraße gegenüber der Secession. Das Unternehmen hatte im Verlauf seiner Geschichte eine Parallele zu der Zeitung, die als einzige 1917 die Gründung der „Verkehrsbureau Gesellschaft“ angekündigt hatte: So wie die „Presse“ wurde es nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten liquidiert und erfuhr zu Beginn der Zweiten Republik eine Neugründung und kontinuierliche Entwicklung. Das Verkehrsbüro spielte also bei zwei Republiksgründungen eine Rolle.

Zunächst war eine Durststrecke zu überwinden, das Unternehmen bestritt noch 70 Prozent seines Umsatzes mit dem Verkauf von Eisenbahntickets. Dann kam der Einstieg ins Fluggeschäft, die Österreichische Luftverkehrs-AG wurde initiiert – die erste heimische Linienfluggesellschaft. Erst ab den 1950er- und 1960er-Jahren kam der Tourismus wieder in Fahrt, freilich waren viele Urlaubsziele für den Normalverdiener noch in weiter Ferne, da war das BIB-Programm des Verkehrsbüros (BIB steht für „billig, ideal, bequem“) willkommen. Arrangierte Pauschalreisen machten das Reisen nun breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich. So konnten Ende der 1960er-Jahre viele Österreicher Adriano Celentanos „Azzurro“ in dem Land hören, in dem der populäre Song entstanden war.

VERANSTALTER, REISEBÜRO, HOTELLERIE

Heute hat die Verkehrsbüro Group 2800 Mitarbeiter mit zuletzt rund 890 Mio. Euro Umsatz und 9,6 Mio. Euro Konzernergebnis vor Steuern. Aus dem einstigen Staatsbetrieb ist ein Mischkonzern von Hotellerie, Leisure- und Business-Touristik geworden. Unter dem Konzerndach wird u. a. die Veranstaltertätigkeit immer weiter ausgebaut: Ruefa und Eurotours produzieren mehr Eigenprodukte für stationären und Onlinevertrieb. Zur Holding gehören auch die Austria Trend Hotels. 100 Jubiläumsangebote: auf 100jahre.verkehrsbuero.com und in Ruefa-Reisebüros.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2017)

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