Ötztal: Ganz hoch hinaus und tief hinunter

Tirol im Herbst: Mit einer spektakulären Hängebrücke erinnert das Ötztal an den Forscher Auguste Piccard, der auf dem Gurgler Ferner mit seinem Stratosphärenballon 1931 notgelandet war. Hier ist übrigens auch die Erderwärmung hörbar.

Blick vom Ramolhaus auf den Gurgler Ferner.
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Blick vom Ramolhaus auf den Gurgler Ferner.
Blick vom Ramolhaus auf den Gurgler Ferner. – (c) Stefan Schomann

Das höchste Haus von Hamburg steht weit hinten in Tirol. Schon 1921 übernahm die dortige Sektion des Deutschen Alpenvereins das Ramolhaus in den Ötztaler Alpen. Wie eine Trutzburg thront es in 3000 Metern Höhe auf einem Felsvorsprung. Von der Terrasse aus bietet sich ein grandioser Rundblick auf einen gleißenden Kranz von Gletschern und auf gut zwanzig Dreitausender. Eine unberührte und vermeintlich unwandelbare Naturkulisse. Und doch musste eine alte Hütte geschlossen und eine neue, abenteuerliche Hängebrücke gebaut werden – weil die alte „Brücke“– nämlich der Gletscher selbst – nicht mehr gangbar ist.

Der Ramolweg beginnt am Piccard-Denkmal in Obergurgl, einer riesigen Kugel, die auf einer schiefen Ebene balanciert. Wie ein verbeulter Globus sieht sie aus. Sie erinnert an den 27. Mai 1931, einen Tag, der Obergurgl weltberühmt machte. Der Schweizer Physiker Auguste Piccard und sein Ingenieur Paul Kipfer waren mit einem Gasballon in Augsburg aufgestiegen, um in die Stratosphäre vorzustoßen. Piccards Strahlungsmessungen sollten die Relativitätstheorie seines Lehrers und Freundes Albert Einstein untermauern.

Notlandung auf dem Eis

Tatsächlich stellten sie mit fast 16.000 Metern einen Höhenweltrekord auf, bevor sie just auf dem Gurgler Ferner notlanden mussten. In der kugelförmigen Aluminiumgondel überstanden sie die Landung unbeschadet, am nächsten Morgen kam ihnen ein Suchtrupp aus Bergführern zu Hilfe. Die Bilder des Pioniers gingen um die Welt, im Jänner darauf veranstalteten die Gurgler ihm zu Ehren ein Skirennen. Es geriet zur Initialzündung des Wintersports.

Längst ist aus dem Weiler im Tal ein Hoteldorf geworden, mit fast 700.000 Übernachtungen im Jahr. Da es auf fast 2000 Metern liegt, braucht man nur aus der Tür zu gehen, und ist schon in hochalpinen Gefilden. Der Weg zum Ramolhaus führt südwestlich aus dem Dorf heraus, überquert die schäumende Ache und steigt dann über die Almen an, hinein in die Arena der Dreitausender. Man kann ihn gut allein gehen, doch unterhaltsamer wird es, wenn ein Bergführer wie Jakob Giacomelli mit von der Partie ist. Er stammt aus einer jener Dynastien, die über Generationen hinweg Sommerfrischler durch die Berge eskortierten, seit 1881 die erste Hütte im Ötztal eröffnete, der Vorgängerbau des Ramolhauses.

Nach einem Drittel der Strecke machen wir Halt auf der Küppelealm, wo eine Schutzhütte dem Schäfer gelegentlich als Unterkunft dient. Sie ist aus flachen Steinen aufgeschichtet, wie die Gletscher sie hier überall deponiert haben. So spartanisch die Hütte, so luxuriös das Panorama über die volle Breite des Talkessels. Derzeit streunen hier nur ein paar Ötztaler Schafe herum, doch bis vor Kurzem noch trieben Südtiroler Schäfer alljährlich eine große Herde übers Timmelsjoch herüber.

Schafe futtern die Almen kahl.
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Schafe futtern die Almen kahl.
Schafe futtern die Almen kahl. – (c) Stefan Schomann

Seit dem Mittelalter verfügen sie hier über verbriefte Weiderechte, ja eigentlich schon seit undenklich langer Zeit. Jakob zeigt mit dem Wanderstock hinüber zur Langtalereckhütte auf der anderen Talseite: „Es ist erwiesen, dass dort schon vor mehr als 6000 Jahren Weidewirtschaft betrieben wurde, über die Jöcher von Südtirol herüber.“ Auch der prominenteste Besucher des Tals, Ötzi, nahm einst diesen Weg. Noch heute kann man unschwer hören, dass das obere Ötztal von Süden her besiedelt wurde: Jakob und die Gurgler sprechen einen ganz anderen Dialekt als etwa die Längenfelder weiter unten im Tal, in deren kehliger Mundart schon alemannische Einflüsse durchklingen.

Tief unten rauscht das Schmelzwasser durch eine Schlucht. Bis vor ein paar Jahren, berichtet Jakob, konnte der Schäfer sie noch auf der „Windlena“ überqueren, einer Lawinenmoräne im Schatten der Klamm, auf welcher der Schnee auch im Hochsommer nie ganz schmolz. Doch heuer war diese Schneebrücke schon Ende Juni verschwunden. „Es geht dahin mit die Gletscher“, seufzt er. Dieser melancholische Befund wird sich wie ein Leitmotiv durch den Tag ziehen.

Wenig später kommt das Ramolhaus in Sicht, ein beruhigend stabil und solide wirkender Kasten, der malerisch auf einem Felskopf prangt. Doch so sehr man auch drauf zugeht – es bleibt so unnahbar wie Kafkas Schloss. Denn der Weg führt in weitem Bogen darunter vorbei und erst viel später seitlich hinauf. Insgesamt steigt man von Obergurgl aus vier Stunden. Doch jede davon ist die Anstrengung wert, denn wer oben ankommt, wird mit einem der herrlichsten Rundblicke Tirols belohnt. Vis-à-vis glänzt der Gurgler Ferner in der Sonne, noch immer einer der mächtigsten Gletscher Österreichs. Wie ein träges, launisches Fabeltier liegt er über dem Kamm, eisgrau, ungeheuerlich. Von den einzelnen Jöchern her laufen breite Eisbahnen herunter, um sich im Talkessel zu sammeln wie Zuckerguss in einer Schüssel.

Hochalpines Amphitheater

Die Präsenz der Gletscher ist der Landschaft eingeschrieben, auch dort, wo der Eispanzer die Hänge nicht mehr bedeckt, auch dort, wo die lange Zunge sich bereits zurückgezogen hat. Man sieht, wie ungleich größer und mächtiger der Ferner gewesen sein muss, und wie gläsern und fadenscheinig er geworden ist.

Die Terrasse bietet einen Logenplatz inmitten dieses alpinen Amphitheaters. Sie ist schon am Vormittag von Wanderern bevölkert; da der Weg in der Sonne liegt, steigen die meisten früh auf. Andere sind übers Ramoljoch aus dem Venter Tal gekommen, dem zweiten Quelltal des Ötztals. Frisch renoviert, wirkt die Hütte so einladend, dass man gar nicht wieder weg möchte. Innen hat man die Wahl zwischen der alten, in dunklem Holz getäfelten Stube, die mit nostalgischen Fotografien auch als Traditionskabinett fungiert, und dem hellen, neueren, aber nicht weniger gemütlichen Gastraum.

Auch in der tirolerisch geprägten Küche führen die Hüttenwirte, Sonja Prepstel und Florian Mader, vor, dass sich Traditionsbewusstsein und ein junger, flotter Stil gut vertragen. Neben Knödeln in vielerlei Variationen gilt der Kirsch-Mohn-Strudel als Delikatesse; es soll Gäste geben, die allein seinetwegen heraufsteigen. Die Saison währt nur drei Monate, doch dafür hat ihr Arbeitstag bis zu achtzehn Stunden, und das durchgehend.

Nach längerer Rast schultern wir unsere Rucksäcke, wir müssen weiter. Denn retour nehmen wir nicht den Normalweg, sondern die um eine Stunde längere und auch um einige Grade strapaziösere Route über die Langtalereckhütte. Dafür ist sie spannender und spektakulärer, allein schon wegen der neuen Hängebrücke, die sich über den Canyon der Ache spannt. Passagenweise mit Seilen gesichert und mit zusätzlichen Tritten aus Metallbügeln versehen, beschert der Abstieg zum Brückenkopf etwas Nervenkitzel, doch wird es nie so steil, dass man schwindelfrei sein müsste.

Wollgras wiegt sich im Wind

Ein Adler zieht in der Thermik seine Schleifen. Auf halber Höhe funkelt eine ganze Platte tiefblauer Tümpel, in denen sich die Wolken spiegeln. Wollgras wiegt sich im Wind. Die Berge wirken wie mit Zöpfen behangen, überall rauschen Sturzbäche herab. Es geht dahin mit den Gletschern. Jakob weist auf die Stelle, wo bis vor zehn Jahren noch der Einstieg auf den Gurgler Ferner erfolgte. Heute ist dort nur noch Geröll zu sehen, das Eis hat sich bis hinter die Talbiegung zurückgezogen, etwa fünfhundert Meter in einem Jahrzehnt. Als hätte jemand auf Zeitraffer geschaltet. Der Gletscherschwund hat auch für die Wanderer gravierende Folgen. Denn die vom Eis entblößten Geröllfelder sind kaum gangbar und instabil. Den Gletscher weiter oben zu queren, wäre deutlich kritischer als die bisherige Passage. Hinzu kommt, dass die zentrale Etappe dieses Gebiets, das Hochwildehaus, das seit über hundert Jahren bestehende Pendant zum Ramolhaus, aus statischen Gründen geschlossen werden musste. Vom Gewicht des Eises befreit, geraten die Hänge in Bewegung. Der Dauerfrostboden taut auf, statt Gletscherspalten klaffen nun Risse im Fels, Muren gehen ab. All das machte eine neue Routenführung erforderlich.

Eine Nacht auf dem Zauberberg

In nur acht Wochen entstand im Frühjahr ein stählerner Steg hundert Meter über der Schlucht. Noch beängstigender als die Höhe ist jedoch das heraufdröhnende Tosen der Ache. Hier wird die Erderwärmung auch hörbar: Mitten im August rauschen Wassermassen zu Tal wie sonst nur auf dem Höhepunkt der Schneeschmelze.

Vom Adlerhorst des Ramolhauses bis hinunter in die schwarze Kluft – ein klein wenig wie seinerzeit Piccard. Nach dem Höhenrekord im Ballon stellte er mit seinem „Bathyskaph“ auch noch einen Tieftauchrekord auf. Nach ihm ist die neue Brücke denn auch benannt. Die damalige Landestelle lag etwas oberhalb, in etwa dort, wo bis vor Kurzem noch der Einstieg auf den Gletscher stattfand.

Wobei die zum Vorschein kommende Geologie durchaus ihre Reize hat. Jenseits der Brücke durchsteigen wir einen regelrechten Felsengarten, der wegen seines Eisengehalts so rot leuchtet, dass man ihn eher im fernen Arizona verorten würde als im biederen Tirol. Nach einem kräftezehrenden An- und Abstieg, gefolgt von einem letzten Gegenanstieg, schwenken wir an der Langtalereckhütte wieder auf den regulären Talweg ein.

Nun geht es sachte bergab bis Obergurgl. Ungläubig schweift der Blick zurück aufs Ramolhaus, klein und fern und unsagbar entrückt. Ein leises Bedauern stellt sich ein, nicht auch die Nacht noch auf diesem Zauberberg verbracht zu haben. Zumindest aber hätten wir einen Kirsch-Mohn-Strudel mitnehmen sollen.

HÜTTEN IN DER HÖH', HOTELKLÖTZE IM TAL

Anreise: Mit dem Auto über Innsbruck oder den Arlberg auf die A 12, dort Abfahrt Ötztal. Mit der Bahn bis Ötztal Bahnhof, von dort Shuttle-Bus oder Taxi bis hinauf nach Obergurgl.

Ramolhaus: 3006 m, geöffnet von Juni bis Mitte September je nach Witterung. Zimmerlager für 22 Personen, Matratzenlager für 32 P. Übernachtung 12 − 28 Euro. Pächter: Lukas Scheiber, Tel. 05256/6223. Gehzeit von Obergurgl: vier Stunden. Info und Reservierung auch über das Hotel Edelweiß Gurgl, Ramolweg 5, 6456 Obergurgl, mondäner Hotelkasten mit allem Drum und Dran, z. B. beheizter Außenpool, 3,4 km vom Skigebiet Obergurgl-Hochgurgl entfernt. Tel. 05256 6223, edelweiss-gurgl.com.
Karlsruher Hütte am Langtalereck: 2450 Meter Seehöhe, Gehzeit von Obergurgl zweieinhalb Stunden, Zimmerlager für 40 Personen, Matratzenlager für 30 Personen. Pächter: Familie Gufler. Tel. 0664/52 68 655.

Similaunhütte: 3006 m, Gehzeit von Vent 4,5 Stunden, ZL für 40 P., ML für 50 P., Tel. 0720/920439, 0676/5074502, M. Pirpamer.

Bergführer: Berg- und Skiführer vermittelt u. a. das Alpincenter Obergurgl, Tel. 05256 6305. Siehe auch obergurgl.com.

Informationen: www.obergurgl.com, www.oetztal.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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