Bei Tunesien denkt man als Österreicher in erster Linie an Allinclusive- Bettenburgen rund um den Strand von Hammamet, wo Massen von Maturareisenden gemeinsam mit Schnäppchenurlaubern eine Woche in einer Art Arabisch- Jesolo verbringen. Für den Großteil der rund 75.000 Österreicher, die 2009 die zwei Stunden Flug nach Tunesien antraten, war es auch genau das. Doch Tunesien kann mehr. Viel mehr. Speziell die Hauptstadt Tunis.
Kopftuch und Minirock
„Tunesien“ bedeutet in der Sprache der Berber „Kreuzung“. Das Land war schon immer das Tor zu Afrika; nicht umsonst war das antike Karthago über Jahrhunderte heiß umkämpft. Das geografische Privileg des Landes – schon exotisch, aber nicht weit weg von Europa – äußert sich heute in einer sehenswerten kulturellen Vielfalt. Zum Beispiel in der Medina, dem alten Kern von Tunis: In den engen, praktisch autofreien Gassen pulsiert islamisch-arabisches und gleichzeitig aufgeklärtes europäisches Leben in einzigartiger Symbiose. Junge Frauen in weiten Gewändern und Kopftüchern sitzen neben ihren Freundinnen in Miniröcken, deren Saum am Nordrand der Sittlichkeit angesiedelt ist. Auf den Märkten, den Souks, bieten Händler von echtem Kunsthandwerk über nicht zwingend echte Markenkleidung alles an, was sich als Souvenir eignet. Ein Dinar ist rund 50 Cent wert, in Tunis wird aber auch der Euro fast überall akzeptiert. Touristen zahlen da vielleicht mehr als Einheimische, doch das allgemeine Preisniveau in Tunesien liegt in etwa bei einem Viertel des österreichischen, man kommt also immer noch sehr günstig durch. So kostet etwa der Kaffee oder Tee im Stadtzentrum von Tunis umgerechnet rund 70 Cent – und man genießt ihn selbst im Winter im Schanigarten: Dank des mediterranen Klimas herrschen in Tunis tagsüber bis zu 20 Grad. Für die Nächte empfiehlt sich eine warme Jacke, denn da kann das Quecksilber in die Nähe des Gefrierpunkts sinken.
Gut gesicherte Baustelle
Derzeit sind Teile der unter Unesco- Schutz stehenden Medina eine Baustelle. Das liegt am tunesischen Konzept der Ortsbildpflege: Anstatt eine Straße nach der anderen zu restaurieren, wird die halbe Altstadt auf einmal saniert. Folglich wandert man über aufgegrabene Böden zwischen Hunderten von Arbeitern. Aber das trübt das Vergnügen kaum: Nichts in dem historischen Altstadtensemble wirkt wirklich heruntergekommen. Auch in der Nacht erweckt das enge Straßenlabyrinth kein unbehagliches oder gar bedrohliches Gefühl. Das mag nicht zuletzt an der hohen Polizeipräsenz liegen. Mögliche Sicherheitsbedenken, die etwa durch die Entführung zweier Salzburger Abenteurer Anfang 2008 in der Sahara bestehen, sind unbegründet: Die Kriminalität im Norden Tunesiens ist niedriger als in Europa.
Mahl in der Medina
Das Nachtleben der Altstadt ist schnell beschrieben: Es gibt keines in der Form, wie man es als Mitteleuropäer gewohnt ist. Anders in der modernen Stadt und den noblen Vororten. Da gibt es ein paar Nachtlokale; noch viel lieber aber verbringen die Einheimischen ihre Abende in den Hotel-restaurants und -bars. Die wenigen Discos im Umland sind nur am Wochenende geöffnet. In der Medina gibt es zwei Restaurantadressen, die für ihre gehobene traditionelle tunesische Küche bekannt sind: das Dar el Jeld und das Dar bel Hadj. Beides sind Orte, an denen sich die heimische Oberschicht und eben auch Touristen einfinden; für ein köstliches Abendessen inklusive Wein muss man dort schon mit etwa 40 bis 70 Euro pro Person rechnen. Dafür sind die Portionen der vielen Gänge wohl darauf ausgelegt, die Gäste für mehrere Tage satt zu machen. Eine gute Nachricht für Nikotingenießer: In Tunesien sind die Restriktionen weitaus lockerer. Außer am Flughafen, in Krankenhäusern und in den Restaurants internationaler Hotels gibt es praktisch kein Rauchverbot, eine Packung inländischer Zigaretten kostet weniger als ein Euro.
Nobel rundum
Es geht aber auch deutlich teurer. Wenige Taximinuten von Tunis entfernt liegen die Nobelsiedlungen von Karthago oder Sidi Bou Said. Die prachtvollen Villen erinnern viel eher an Beverly Hills in Los Angeles oder Wien-Döbling denn an eine maghrebinische Millionenstadt: moderne oder palastähnliche Architektur, hohe Mauern, parkähnliche Gärten. Im Respektabstand zur Stadt befinden sich dann so noble Unterkünfte wie die designlastige „Villa Didon“ oder das klassische „The Residence“. Letzteres zählt zu den „Leading Hotels of the World“ (eine Ehre, die in Österreich nur ganz wenigen Häusern zuteil wurde), bietet Fünfsterneluxus und – für Tunesien charakteristisch – ein großes hauseigenes Thalassozentrum. Der einstige Künstlerort Sidi Bou Said ein paar Kilometer weiter wirkt historisch: streng weißes Mauerwerk, Türen und Fenster in leuchtendem Blau, das ein wenig an die griechischen Küsten erinnert. Maler wie August Macke setzten der Architektur ein Denkmal – in großartigen, leuchtenden Aquarellen. Während in dem Ort die Hotels im Sommer oft ausgebucht sind, findet man etwa ab November sowohl Unterkunft als auch in den malerisch im Fels eingebetteten Lokalen selbst als größere Gruppe genug Platz.
Verkehrt kolonial
Von der Kolonialzeit blieb nicht nur die französische Amtssprache, vor allem in Tunis stehen prachtvolle Bauwerke aus dieser Zeit. Im Gegensatz etwa zu Marokko, wo viele Zeugnisse französischer Herrschaft entfernt wurden, hat Tunesien einen sehr pragmatischen Ansatz: Was schön ist, soll erhalten bleiben. Die alten Gebäude werden einerseits für öffentliche Einrichtungen genutzt, andererseits sollen sie kulturinteressierte Touristen anlocken. Für Kultur- und Studienreisende empfiehlt sich speziell ein Ausflug nach Dougga, 100 Kilometer von Tunis entfernt im Landesinneren. In der einst numidisch-römischen Siedlung Thugga bietet eine der größten Ausgrabungsstätten der Welt einen plastischen Blick auf 1500 Jahre Baukunst. Die freigelegte römische Straße wird gesäumt von den Überresten antiker Prachtbauten – einem Theater, einem Saturntempel, einem Kapitol. Reichtum von vor Jahrhunderten. Und heute? Landwirtschaftliche Exportartikel sind Datteln und Oliven, Letztere vor allem in Form von Olivenöl. Dass man dennoch kein tunesisches Olivenöl im europäischen Handel findet, liegt an der Exportvereinbarung: Italien und Spanien sind die Abnehmer von tunesischem Öl – oft um es mit eigenen Erzeugnissen zu mischen. Wichtigstes Exportgut ist längst der Tourismus. An die sieben Millionen Gäste besuchen das Land jährlich, darunter auch Alkoholtouristen aus – Libyen. Von den europäischen Gästen stammen die meisten aus Frankreich. Grundsätzlich sprechen alle Tunesier Arabisch und Französisch, die meisten auch ein recht passables Englisch. An den touristisch spannenden Orten kommt man auch mit Deutsch, zumindest aber einem deutsch-englischen Kauderwelsch gut durch. Somit stellt auch die Sprache kein Hindernis für den winterlichen Kurztrip nach Tunesien dar. Preislich spricht das Ziel ohnehin für sich: Für ein verlängertes Wochenende von Donnerstag bis Sonntag in der Hauptstadt inklusive Flug kann man mit etwa 350 bis 500 Euro budgetieren. Es muss ja nicht immer Paris, London oder Istanbul sein . . .