Südtirol: Zu Besuch beim „Mann aus dem Eis“

Man muss kein Archäologiefreak sein, um sich noch einmal für den Ötzi zu begeistern. Mit „Der Mann aus dem Eis“ kommt demnächst ein neuer imposanter Ötzi-Film ins Kino. Ein Besuch am Dreh- und Fundort im Schnalstal.

Schauspieler Jürgen Vogel als der Mann aus dem Eis.
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Schauspieler Jürgen Vogel als der Mann aus dem Eis.
Schauspieler Jürgen Vogel als der Mann aus dem Eis. – (c) Port au Prince Pictures/Martin Rattini

Die verschrumpelte alte Leiche aus dem Eis. Der Ötzi, die Mumie, die Weltsensation, die Geschichten von dem, was danach kam: den Forschern, die nach und nach rekonstruieren, wie der Mann lebte, der Mythos vom Fluch des Ötzi – oder von seinem Mord. Man möchte meinen, das hat man alles schon gehört.

Und doch braucht man kein Archäologiefreak zu sein, um sich noch einmal für die Geschichte des Mannes, der Tausende Jahre im Eis eingeschlossen war, zu begeistern. Spätestens, wenn Jürgen Vogel auf der Leinwand durch ein unwirtliches Schnalstal hetzt. Denn die Geschichte des Ötzi kommt in „Der Mann aus dem Eis“ ins Kino (Filmstart 30. November). Ein Survival-Drama in einer rauen Welt, eine Geschichte von Familie, Riten, Liebe, Rache und dem vielleicht ältesten bekannten Mord der Geschichte. Vor allem ist es eine fantastisch umgesetzte, aufwendig mit Forschern erarbeitete Rekonstruktion dessen, was gewesen sein könnte.

Der Film zeigt die Schauplätze des Lebens des Mannes, der vor mehr als 5000 Jahren hier lebte. Vorigen Sommer, 25 Jahre, nachdem die teilweise ausgeaperte Mumie aus dem Eis geholt worden war, drehte das Team um Regisseur Felix Randau im Südtiroler Schnalstal. Mit großen Gesten, in schweren Fellen und mit wenigen Worten: Wenn gesprochen wird, dann in unverständlichen Sprachfetzen einer Kunstversion des frühen Rätischen. Kelab alias Ötzi hetzt und klettert durch die Bergwelt, bis er ermordet und eingeschneit wird.

Schon im Kinosessel kriecht einem die Kälte fast in die Knochen. Und wenn man dann, anderntags und bequem in der Gondel, die Strecke des Ötzi auf die Grawand in wenigen Minuten hinter sich bringt, dann tut sie das tatsächlich. Ein eiskalter Schneesturm schlägt einem entgegen. In dieser unwirtlichen Höhe wurde gedreht, mit spektakulären Kamerafahrten, teilweise aus der Gondel gefilmt. Auf der Grawand (3212 Meter) steht das höchste Hotel der Alpen, daneben ist eine Ötzi-Show-Galerie in den Gletscher gebaut. Hier startet auch die Tour zur Fundstelle.

 

Hollywood in Schnalsywood

Die geführte Ötzi-Glacier-Tour (Info: www.schnalstal.com) mit imposantem Blick auf die Nordflanke des Similaun führt im Sommer als Wanderung, von Oktober bis April als Skitour, in sieben bis acht Stunden über den Hochjochferner, die Schwarze Wand, zum Hauslabjoch und weiter zum Tisenjoch: an jene Stelle, an der deutsche Wanderer die Mumie gefunden haben. Heute erinnert daran eine Steinpyramide.

Das archaische Hochgebirge des Schnalstals ist nicht nur Kulisse des Ötzi-Films, sondern das Schnalstal hat sich mit Produktionen dieser Größe bereits einen Namen gemacht. „Hollywood, Bollywood, jetzt gibt es Schnalsywood“, sagt Manfred Waldner vom örtlichen Tourismusverein. Seit der Ötzi-Fund Kamerateams aus aller Welt in das stille Tal gebracht hat, ist eine kleine Filmindustrie entstanden. Die Hollywood-Produktion „Everest“, „Das finstere Tal“ mit Sam Riley und Tobias Moretti oder große Werbespots wurden hier gedreht, jüngst wurde das Tal als einer der besten Drehorte Europas ins Rennen um den Location Award des European Film Commissions Network geschickt.

Der Gletscher im Talschluss, die mächtigen Berge, die ursprüngliche Landschaft, uralte, entlegene Bergbauernhöfe, die Weinberge im milden Klima am Taleingang oder die Nähe zu Bozen, sie locken internationale Teams. Und die Ruhe. Von den Stars nimmt man kaum Notiz. Bergbauer Hias Ganter, zum Beispiel, bei dem „Das finstere Tal“ gedreht wurde, zeigt gern Gästen seine Stube, erzählt von den Filmleuten, dem ganzen Theater – Fernseher sagt er, habe er aber keinen. Das interessiere ihn wirklich nicht.

Einzeln kommen Filmtouristen, und vereinzelt hört man dann Geschichten. Von George Clooney, der privat da gewesen sei. Von Schauspielern aus dem „Everest“-Team, Jake Gyllenhaal etwa, die unerkannt bei örtlichen Wirten fleißig Schnaps gekostet hätten, später zum Familienurlaub gekommen seien. Hier lasse man sie in Ruhe, es ist ein ruhiges, diskretes Tal. Außer Tourismus, Bauern und kleinen Handwerkern gibt es nicht viel.

Kurz, 1991, war Schnalstal im Fokus der Welt: Wie das dort genau war, Videos aus der Zeit des Sensationsfundes, eine Konstruktion der Auffindesituation oder Nachbauten von Dörfern aus Ötzis Zeit, das lässt sich im Freiluftmuseum Archeoparc (archeoparc.it) erkunden. Die Originale liegen im Archäologiemuseum in Bozen. Die Felle, Ötzis Schuhe, seine Ausrüstung – und natürlich die Mumie selbst. Wenn man dann vor diesem weltbekannten Körper steht, der Jahrtausende überdauerte, ist der Ötzi keine alte Geschichte mehr – spätestens dann hat einen die Faszination des Mannes aus dem Eis wieder gefangen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)

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