Südafrika: Buchten mit Meerwert und Dresscode

Eine Fahrt zu Tollpatschen im Frack, ins Surferparadies und nach Men's End.

Brillenpinguine wanderten 1985 ein und blieben.
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Brillenpinguine wanderten 1985 ein und blieben.
Brillenpinguine wanderten 1985 ein und blieben. – (c) REUTERS

Aha, das hier soll also die Côte d'Azur Südafrikas sein? So jedenfalls schwärmen Reiseführer und Webseiten von Camps Bay, preisen Kapstadts Nobelvorort als Hotspot der Reichen und Schönen, seine Küstenstraße als Laufsteg und Vorführboulevard fauchender Breitreifenboliden. Nun ja, ein Porsche und ein Maserati – immerhin – protzen vorm Café Caprice, Camps Bays angeblich angesagtestem Szenetreff, der eher anmutet wie ein Eissalon der Caterina-Valente-Ära. Davor posieren drei sehr angestrengt cool dreinschauende, Slimzigaretten paffende Mädchen. „Ja, stimmt“, sagt Reggie Hennop etwas zerknirscht, „mit dem Versuch, Camps Bay in die Côte-d'Azur- und Miami-Beach-Liga zu hieven, haben wir uns wohl etwas verhoben – es war halt so ein Marketingversuch . . .“

Aber Hennop, Manager des am Ortsrand gelegenen Luxusapartmenthauses South Beach, pocht darauf, Camps Bay sei eine der schönsten Buchten des Landes und ein toller Ausgangspunkt zu weiteren entlang der südafrikanischen Küste.

Recht hat er! Surfer stürzen sich vor Camps Bay in heranrollende Wellen. Dahinter, am sichelförmigen Strand, tanzen Schüler, machen ihre Wandertagskleinbusse zu mobilen Discos. Eingerahmt wird die Szenerie von den Zwölf Aposteln, einer hoch aufragenden Bergkette, Nachbarin des Tafelbergmassivs. Auf den Terrassen der Bars und Restaurants von Camps Bay sitzen Gäste wie auf Tribünen und schauen hinunter auf das Geschehen an der Victoria Road.

 

114 Kurven über dem Abgrund

Der Weg zu weiteren südafrikanischen Buchten mit „Meerwert“ führt über eine der weltweit schönsten Küstenstraßen, den Chapmans Peak Drive: Dieses neun Kilometer und 114 Kurven lange, schmale Asphaltband schlängelt sich stets eng am Felsrand entlang, mehrere Hundert Meter über der tosenden Atlantikgischt und vom Abgrund nur durch ein oft kaum kniehohes Mäuerchen getrennt. Sightseeingfreundliche Tempolimits zwischen 20 und 40 Stundenkilometern ermöglichen Genießerblicke auf eine Farbenvielfalt wie im Farbkasten: schroffe, sandfarbene, braune Felsen, türkisfarbenes Meer, blauer Himmel, grüner, brokkoliartiger Steilküstenbewuchs. Über den felsigen, karg bewachsenen Rücken der Kaphalbinsel geht es zur Bucht Nummer zwei im kleinen Fischerort Simons Town, der mit seinen verschnörkelten Verandenhäusern anmutet wie ein viktorianisches Freilichtmuseum.

 

Verirrte Pinguinkolonie

Etwas underdressed erscheinen wir hier zum Meeting am Boulders Beach, dem Südstrand von Simons Town. Denn die untersetzten Gastgeber tragen sämtlich Frack, sind nur 60 Zentimeter groß, watscheln tollpatschig auf weißen Felsen umher und tröten dabei wie zerbeulte Hupen: afrikanische Brillenpinguine, die sich 1985 hierherverirrt haben und geblieben sind. Die Art ist vom Aussterben bedroht und wird deshalb auf Abstand von ihren menschlichen Fans gehalten – wir dürfen die Tiere nur von etwa hundert Meter entfernten Holzstegen beobachten. Aber mit Glück kommt ein besonders neugieriger Watschelvogel herüber und tapst zwischen den Menschen herum. Die einzige weitere Brillenpinguinkolonie Südafrikas liegt schräg gegenüber am anderen Ufer der Bucht bei Bettys Bay.

Von hier aus sind es knappe 45 Minuten zur Walker Bay, der Überraschungsbucht Nummer drei: Wieder so eine ausladende Sichel, aber anstelle von weißem Strand mit dunklem, felsigem Ufersaum und Klippen, überwuchert von Fynbos, dichtem, artenreichem Buschwerk, das es so nur in Südafrika gibt. Hindurch führt ein zwölf Kilometer langer, schmaler Wanderpfad, auf dem man landesweit die besten Chancen auf Whale Watching hat. Die Bucht beim Örtchen Hermanus darf sich zuverlässig hoher Walbeteiligung rühmen, bis zu 80 Südkaper-Kolosse (Eubalaena australis) kreuzen in der Bucht. Jährlich von Juni bis November sind die zwischen 15 und 20 Meter langen, in der Antarktis heimischen Moby Dicks zu Gast in der Walker Bay, um hier in wärmerem Wasser ihre Jungtiere zur Welt zu bringen.

 

Friedhof in den Felsen

Südafrikas vielleicht seltsamste Bucht liegt an der legendären, vielfarbig blühenden „Garden Route“ und heißt Victoria Bay. Ein Ort mit nur zwölf Häusern, Minisurfstrand und einem Restaurant, eingeklemmt zwischen Felsen. Glaubt man Victoria Bays Marketing, dann wohnt man in Südafrika nirgendwo dichter am Wasser. Und das übrigens über den Tod hinaus, denn der Friedhof des Ortes ist in einen Felsen eingelassen: seitlich vom Hotel Land's End, das genauso gut auch Men's End heißen könnte.

Von Wilderness mit seinem wirklich wilden, windumtosten, von Holzcottages gesäumten Strand über Brenton On Sea, einem herausgeputzten Hochsitzort bis ins touristische Knysna mit Shopping Mall, Seglerhafen und Lagunenresort – wo ist die letzte Überraschungsbucht? 200 Kilometer weiter ostwärts bei Jeffreys Bay. Hier sind Parkbänke in Surfbrettform gebaut und Bushaltestellenunterstände als Wellen, die sich scheinbar über den Wartenden brechen. Denn der 27.000-Einwohner-Ort ist Südafrikas Surfhauptstadt, ausgelöst durch den Kultfilm „Endless Summer“, hier gedreht Anfang der 1960er-Jahre. Die Handlung: Zwei US-Boys weltweit auf der Suche nach den besten Surf-Spots – auf Hawaii und Tahiti, in Australien und eben auch Südafrika.

 

Magnatubes und Supertubes

Grundlagenforschung sozusagen, in deren Verlauf die Film-Globetrotter Bruce Brown und Mike Hynson die wahrscheinlich weltweit längsten und besten Surfwellen entdeckt haben. So regelmäßig wie von einer Maschine erzeugt, rollen sie bis zu zwei Stockwerke hoch als Tubes (Wasserröhren) vor Jeffreys Bay entlang. Weshalb hier heute ganze Strandabschnitte Magnatubes und Supertubes heißen und der Ort jedes Jahr im Juli versucht, sich wieder etwas vom Flair aus der Goldgräberzeit des Surfens einzuhauchen: als hier nach Entdeckung der riesigen Endloswellen immer mehr klapprige VW-Bullis mit Langboards auf dem Dach und Langmähnen hinter dem Steuer eingetroffen sind, sich süßlicher Tabakgeruch und näselnder Bob-Dylan-Sound verbreitet hat. Heute alles noch zu besichtigen beim durchkommerzialisierten und gut besuchten Surf-Festival Mitte bis Ende Juli, bei dem die weltbesten Brett-Artisten in den Wasserröhren von Jeffreys Bay zeigen, was sie können.

Die übrige Zeit des Jahres aber ist Jeffreys Bay ein netter, so entspannter Küstenort, dass man insgeheim hofft, der chronisch klamme, südafrikanische Staat möge nie auf die Idee kommen, für den Besuch all seiner traumhaften Buchten irgendwann Meerwertsteuer zu verlangen. So wie an unseren Küsten. Kurtaxe heißt das dort.

BUSHMAN-KEBAB MIT SPRINGBOCK, STRAUSS UND KUDU

Allgemeine Infos: Deutschsprachig auf www.dein-suedafrika.de. Gute Infos in Reiseführern bietet „Kapstadt & Kap-Provinz“, DuMont-Verlag, aber auch der Baedeker „Südafrika“ aus der Reihe Stefan-Loose-Travel-Handbücher (24,99 Euro).

 

Anreise: Ab Wien mit Ethiopian über Addis Abeba (ab 490 Euro). South African Airways fliegt von Frankfurt und München nonstop über Nacht nach Johannesburg und weiter nach Kapstadt.

Wohnen in Camps Bay: Luxuriös im South Beach am Ortsrand des mondänen Beach-Stadtteils Kapstadts. Das Vier-Sterne-Apartmenthaus mit Tiefgarage und Pool hat sehr geräumige, weiß und beigefarben eingerichtete Wohnungen mit kleiner Terrasse, voll eingerichteter Küche und Frühstücksservice. blueviews.com

... in Simons Town: Schlafen dicht bei den Pinguinen im Boulders Beach Lodge and Restaurant. Elf schön eingerichtete Zimmer und zwei Apartments für Selbstversorger. Terrassenrestaurant mit Blick auf die Pinguinkolonie. 4, Boulders Place, bouldersbeachlodge.co.za

... in Hermanus: Das Marine Hermanus liegt sozusagen in der ersten Reihe direkt am Klippenweg und bietet Walbeobachtung vom Balkon aus. marine-hermanus.co.za.

... in Jeffreys Bay: Das On the Beach Guesthouse hat direkten Zugang zum Strand über eine Holztreppe von der Veranda vor dem geräumigen Apartment hinunter in den Sand. Das opulente Frühstück wird in einem Raum mit Panoramafenstern und Rundumblick serviert, der zugleich eine Selbstbedienungsbar enthält. Auf Vertrauensbasis muss jeder seine Drinks aufschreiben und bei Abreise bezahlen. onthebeach.co.za

 

Essen in Camps Bay: Butchers, ein kleines, neu eröffnetes Steakhouse in Camps Bay, bietet „Surf-Safari“: Kudu oder Strauß oder Springbock mit Scampi. Oder „Bushmans Kebab“ – Fleisch von allen dreien. Victoria Road, Shop 3, thebutcherrestaurant.co.za

Gute, schnelle und frische Snacks unterwegs gibt's im Yoffi Falafel2 direkt am Strand von Muizenberg im Balmoral Building.

... in Simons Town: The Meeting Place in der viktorianisch geprägten Hauptstraße ist ein verträumter Trödelladen mit Kaffee-und-Kuchen-Ecke sowie zwei Tischen draußen. 98, St Georges Street, Tel.: +27/(0)21/786 56 78

... in Hermanus: Vom Harbour Rock Restaurant, im Ort nur The Rock genannt, überblickt man den ganzen Hafen und kann wunderbare Fischgerichte genießen – vom Sushi bis zum Fang des Tages. Site 24a, New Harbour, harbourrock.co.za

... in Jeffreys Bay: The Taste Kitchen ist eine Kochschule, in die man freitagabends auch essen gehen kann. Sehr nette Atmosphäre, nur wenige Tische, unbedingt vorbestellen. 4, Schelde St., 3fatfish.co.za

... in The Wild Fig Farm: Etwas außerhalb, ebenfalls ein kleines, von Surfern geführtes Verandarestaurant mit tollen Salaten und Steaks. Doornkamp Road, thewildfigfarm.co.za

 

Erleben: Die Fahrt über den Chapmans Peak Drive kostet umgerechnet 2,40 Euro Maut pro Strecke. Wer freie Fahrt haben möchte, sollte frühmorgens aufbrechen, abends ist mit Stau zu rechnen, wegen des traumhaften Sonnenuntergangs.

Jeffreys Bay: Wie sehr der Ort von der Brettl-DNA geprägt ist, spürt man im Surf-Village, einem wachsenden Ortsteil gleich hinter dem Strand mit Outlets großer Marken wie Billabong oder Rip Curl. Angesichts der Schwäche des südafrikanischen Rands kann man hier sehr günstig Surfausrüstung, T-Shirts, Schuhe oder Kapuzenpullis kaufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)

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