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Südtirol: Ein Teppich durch die Dolomiten

08.01.2010 | 16:19 |  von Friedrich Bergmann (Die Presse)

Wo die Weltcupspitze mit 130 km/h über die Kamelbuckel düst, geht's der Normalskifahrer gemütlicher an. Eine Runde durch das Grödnertal.

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Rechts oder links hat im Winter im Südtiroler Grödnertal nichts mit Politik zu tun. Es ist vielmehr die Frage danach, in welche Richtung man in den Gherdëina-Skiring einsteigen und die einzigartige Umrundung von Gröden absolvieren soll. Dabei geht es mit scheinbar unzähligen Seilbahnen und Liften aufwärts, über teppichglatte Pisten wieder abwärts, rauf, runter, rauf, runter, bis der Ring geschlossen ist. Rundherum: prächtigstes Dolomiten-Panorama.

Die Antwort auf die Frage „Rechts oder links?“ gibt uns am Morgen Jolanda, die junge Skiführerin, die uns auf der Tour über den Gherdëina-Skiring begleiten will. „Ben uni t'Gherdëina“, willkommen in Gröden, begrüßt sie uns und meint: „Rechts herum, dann ist das Licht zum Fotografieren besser.“ Die Begrüßung auf Ladinisch, das Jolanda wie mehr als 90 Prozent der Grödner als Muttersprache spricht, macht uns deutlich, dass unsere Talumrundung nicht nur ein Skivergnügen verspricht, sondern auch die Begegnung mit einer eigenen alpinen Kultur: Das Ladinische hat sich aus dem Vulgärlateinischen entwickelt und ist noch in ein paar Teilen von Trentino-Südtirol erhalten – nicht nur im Grödnertal, sondern auch im Gadertal (Badia), im Fassatal oder in Cortina d'Ampezzo.

 

Ein roter Skianzug zur Orientierung

Wie sehr Jolanda Ladinerin mit Leib und Seele ist, erleben wir Stunden später. „Nie-pa chisc nia i piu monc di mond?“, entfährt es ihr unwillkürlich in ihrem heimischen Idiom, als wir bei der Bergstation auf Raschötz ins Freie treten und uns einem großartigen Bergpanorama gegenübersehen. „Sind das nicht die schönsten Berge der Welt?“, wiederholt sie ihre Frage, als sie unsere Verständnislosigkeit bemerkt. Aber die junge Frau lässt uns nicht allzu lange Zeit hier oben auf Raschötz, hoch über St. Ulrich, dem Hauptort des Tales, und genau vis-à-vis dem Langkofel, der wie ein ausgestreckter Zeigefinger in den Himmel sticht. „Es kommt noch schöner!“, ruft sie uns zu, und schon stürzt sie sich geradezu die nach St.Ulrich führende Strecke hinunter. In lang gezogenen Schwüngen rast sie Richtung Tal, sodass wir immer wieder Mühe haben, sie zwischen anderen Skifahrern auszumachen. Doch Jolanda ist unseretwegen im leuchtend roten Skianzug unterwegs – damit sie uns nicht verloren geht.

Zehn Minuten später stehen auch wir unten, lachen, schnaufen, klatschen uns begeistert auf die Schenkel, hingerissen von diesem Tanz auf einer Piste, die so weich, so gepflegt ist wie der Teppich daheim in der guten Stube.

 

Glattgebügeltes macht glücklich

Zur 2516 Meter hohen Seceda lassen wir uns hinaufschaukeln, schwingen über den Col Raiser ins gar nicht mehr idyllische, sondern wild wuchernde St. Christina hinab. Eine unterirdische Standseilbahn, der Val Gardena Ronda Express, bringt uns zur Dantercepiesbahn, einem Herzstück des Grödner Skizirkus, zur Seura hinauf und schließlich zum Col di Mesd. Und jedes Mal beschert uns die Fahrt über die weiten, glattgebügelten Abfahrten ein geradezu unerhörtes Glücksgefühl. Am Abend zurück in St. Ulrich mit Beinen, die immer noch hin- und herschwingen möchten, können wir Jolandas Frage nach den schönsten Bergen der Welt nichts entgegensetzen.

Auf 176 Kilometern hervorragend gepflegter Pisten können sich Grödens Besucher tummeln. Es sind Pisten aller Schwierigkeitsgrade, wobei allerdings die mittleren und leichten Abfahrten bei Weitem überwiegen. Außerdem gehört das Grödnertal zum größten Skipassverbund der Welt, dem Dolomiti Superski.

Die Tradition des zwischen Brixen und Bozen von der Brennerautobahn abzweigenden Tales als Wintersportgebiet ist noch kurz. Erst seit sich 1970 bei den alpinen Skiweltmeisterschaften die Crème de la Crème des internationalen Skisports ein Stelldichein gegeben hat, gehört das landschaftlich und kulturgeschichtlich herausragende Tal zu den ersten Adressen weltweit.

Sozusagen die Krönung der Landschaft hier in den Dolomiten ist die Seiser Alm, das größte Hochplateau der Alpen. Aber von wegen Hochebene. Diese riesige Alm ist vielmehr kupiertes Gelände, ein Winterparadies mit Höhen und Buckeln, zu denen hinauf die Lifte schnurren und von denen herab die Skifahrer turnen. Dazwischen ziehen Langläufer ihre Bahnen, bimmeln und bummeln Pferdeschlitten zwischen dick in Schnee eingehüllten Bäumen. Es sieht aus, als sei das alles aus dem riesigen Sortiment eines Modellbauers zusammengestellt: kitschig schön, aber echt.

 

Geschnitzte Engel, gegrillte Fische

Berühmt ist das Grödnertal oder Gröden, wie man auch sagt, seit Langem als Tal der Herrgottschnitzer. Seit fast 400 Jahren fallen in den Stuben und Werkstätten der Holzschnitzer zwischen St. Ulrich und Wolkenstein die Späne, wenn Engel und Heilige, Krippenfiguren und so mancherlei Getier unter geschickten Händen entstehen. Galerien wie die „Unika“, Verkaufsausstellungen oder auch das Ladinische Museum geben einen Überblick. Und manche Schnitzer wie Pepi Rifesser sind heute weltberühmt.

Am Abend holt Jolanda uns wieder ab. Einmal in der Woche, Stunden nach Feierabend, wird im Dunkeln die Seilbahn von Plan de Gralba wieder in Betrieb genommen. Wie zahlreiche andere erwartungsvolle Besucher bringt die Bahn auch uns hinauf zur Comici-Hütte. Hier oben, am Fuße des alles überragenden Langkofels, des Wahrzeichens von Gröden, gibt es eine Überraschung. Ein Fischmenü wird allwöchentlich an diesem Abend serviert. Feines Meeresgetier, wie es an der Küste unten bei Grado, von wo es heraufgebracht wird, nicht schmackhafter sein könnte.

Spät in der Nacht werden draußen vor der Comici-Hütte Pechfackeln verteilt. Gemeinsam starten die Gäste die Abfahrt hinunter nach Wolkenstein. Wer drinnen in der Hütte zu sehr dem Glühwein zugesprochen hat, muss nicht oben bleiben: Man kann sich auch mit der Schneekatze ins Tal bringen lassen, muss aber wohl den Spott seiner Freunde hinnehmen.

„A se udei te Gherdëina“, auf Wiedersehen in Gröden, sagt uns Jolanda nach Tagen zum Abschied. Wir sind sicher, dass wir Gröden wiedersehen wollen. Vor allem aber unsere Jolanda.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2010)

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